Johann Heinrich Jung (genannt Jung-Stilling) (* 12. September 1740 in Hilchenbach-Grund im Siegerland; † 2. April 1817 in Karlsruhe) war ein deutscher Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler (Kameralist) und Schriftsteller.
Sein Vater war ein Schneider mit Vornamen Johann Helmann, der in der Lebensgeschichte "Wilhelm" genannt wird (er lebte von 1716-1802), seine Mutter Johanna Dorothea geb. Fischer ("Dortchen", evtl. auch Dorte genannt; geb. 1717) verstarb 1742, als Jung 18 Monate alt war. Er ging nach dem Besuch der Dorfschule auf eine sogenannte "Lateinschule" (Vorbereitung auf Gymnasium und Studium), wo er mit 14 Jahren den Abschluss machte, also aufhörte und nach der Konfirmation die erste Schulmeisterstelle erhielt, was damals durchaus üblich war. Während er donnerstags bis samstags auf insgesamt neun Stellen bis zu seinem 22. Lebensjahr als Lehrer arbeitete, lernte er in den restlichen Wochentagen das Schneiderhandwerk seines Vaters.
Nach der Wiederverheiratung des Vaters verließ er seine Heimat, und war für sieben Jahre die rechte Hand des bedeutenden Fabrikanten und Fernhandelskaufmanns Peter Johannes Flender in Kräwinklerbrücke im Bergischen Land. Für die Kinder des Fabrikanten arbeitete er auch als Hauslehrer. Jung wirkte im Rahmen seiner Arbeit bei Flender auf zahlreichen unterschiedlichen Gebieten, so arbeitete er unter anderem als Kaufmannsgehilfe und Nationalökonom Lehrer, lernte auch selbst Sprachen. Nach einem kurzem Medizinstudium in Straßburg, wo er Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Herder begegnete, praktizierte er auch als Laienaugenmediziner, denn er war Arzt für Allgemeinmedizin in Straßburg geworden (Augenarzt). Als solcher führte er in seinem Leben etwa 3000 Staroperationen durch. Nach dem Studium der Medizin in Straßburg arbeitete er zuerst sieben Jahre als praktischer Arzt in Wuppertal-Elberfeld.
Aufgrund einer noch in der Straßburger Zeit angefertigten Schrift "Über die forstwirtschaftliche Benutzung der Gemeindewaldungen im Fürstentum Nassau-Siegen" (hier dürfte es sich um die Schrift "Beschreibung der Nassau=Siegenschen Methode Kohlen zu brennen" handeln, denn eine Schrift unter dem genannten Titel existiert nicht, sie wird nur von Freybe im Jahr 1907 und - wohl nach ihm - in dem Buch „Der Morgen“, 1923, genannt) und einiger Abhandlungen über die Holzwirtschaft des Siegerlandes erhielt Jung einen Ruf als Professor an die Hohe Kameralschule in Lautern (Kaiserslautern). Er gab seine entbehrungsreiche Tätigkeit als Arzt auf und lehrte ab 1778 in Lautern als Professor der Landwirtschaft, Technologie, Fabriks- und Handelskunde sowie Vieharzneikunde. Als die Kameralschule 1784 mit der Universität Heidelberg vereinigt wurde, zog er erneut um. Nach einigen Jahren in Heidelberg lehrte er von 1787 bis 1803 als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg und wurde schließlich nicht (!) wie immer behauptet wird 1803 Professor der Staatswissenschaften und Geheimer Hofrat in Heidelberg. Karl Friedrich von Baden berief ihn nämlich - später mit dem Rang eines Geheimen Hofrats in Geistlichen Dingen - zum Berater ohne ein öffentliches Amt.
Von 1806 bis zu seinem Tod lebte er als Großherzoglich Badischer Geheimer Hofrat Professor Dr. med. Dr. phil. h. c. Johann Heinrich Jung genannt Jung-Stilling in Karlsruhe von einer Pension des Kurfürsten.
Einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte Jung durch seinen Freund und Weggenossen Johann Wolfgang von Goethe, der ohne Jungs Wissen den ersten Band seiner Lebenserinnerungen veröffentlichen ließ; Heinrich Stillings Jugend. Eine wahrhafte Geschichte, eine zeitüblich verschlüsselte Autobiographie und wichtiger Vorläuferin des Entwicklungsromans (vgl. dazu Arno Schmidt: Zur deutschen Literatur, Bd. 3, 1988, S. 183.- Zur Bekanntschaft mit Goethe vgl. Dichtung und Wahrheit Teil IV.).
Die Romane - Geschichte des Herrn von Morgenthau (1779), Geschichte Florentins von Fahlendorn (1781) und Leben der Theodore von der Linden (1783) - zeigen ihn als Vertreter des "empfindsamen" Erziehungsromans. Insbesondere durch die Periodika Der graue Mann (1795-1816) und Des christlichen Menschenfreunds biblische Erzählungen (1808-1816) wurde Jung-Stilling zum führenden Erbauungsschriftsteller der Erweckungsbewegung und zu einem der meist gelesenen religiösen Schriftsteller überhaupt.
Ein umfangreiches Itinerar der sog. Jung-Stilling-Orte mit detaillierten Informationen findet sich unter http://www.Jung-Stilling-Forschung.de; dazu gehört u. a. eine Führung durch Jung-Stillings Heimat. - Ebenda findet sich auch eine Stadtführung "Auf den Spuren von Goethe und Jung-Stilling in Straßburg" mit vielen bisher kaum bekannten Informationen.
In Hückeswagen steht in der Ortschaft Hartkopsbever das so genannte Jung-Stilling-Haus.
In seinem Siegerländer Geburtsort Hilchenbach steht sein Denkmal, im dortigen Museum eine Jung-Stilling-Stube, wie sie sich auch noch im Museum im Oberen Schloss in Siegen befindet. Das Hilchenbacher Jung-Stilling-Gymnasium hat sich insbesondere in der Heranbildung medizinischen Nachwuchses einen Namen gemacht. Von kurzen bis zu umfassenden Informationen findet sich alles Wichtige auf der oben genannten Website.
In Siegen gibt es das Jung-Stilling-Krankenhaus. Die auf dem Rosterberg liegende Einrichtung ist ein Akademisches Lehrkrankenhaus der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität aus Bonn.
Mann | Deutscher | Hochschullehrer | Literatur (Deutsch) | Literatur (18. Jh.) | Literatur (19. Jh.) | Religiöse Literatur | Roman, Epik | Sachliteratur | Reformierter | Augenarzt | Ökonom (18. Jh.) | Landwirtschaft | Forstleute | Siegerland | Geboren 1740 | Gestorben 1817
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Johann Heinrich Jung".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world