Johann Gottfried (später: von) Herder (* 25. August 1744 in Mohrungen, heute: Morag; † 18. Dezember 1803 in Weimar) war ein deutscher Dichter, Übersetzer, Theologe und Geschichts- und Kultur-Philosoph der Weimarer Klassik.
Er war einer der einflussreichsten Schriftsteller und Denker Deutschlands und zählt mit Christoph Martin Wieland, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller zum klassischen „Viergestirn“ von Weimar.
Die Verhältnisse seiner Eltern waren bescheiden, aber nicht so dürftig, als dass auf eine gute Erziehung der Kinder hätte verzichtet werden müssen. Herder besuchte in seiner Heimatstadt Mohrungen, einer Stadt mit damals kaum 2000 Einwohnern in der damalig preußischen Provinz Ostpreußen, die Stadtschule. Besonders beeinflusste ihn der Diakon S. F. Trescho, gleichfalls Pietist. Der „benutzte“ ihn als Faktotum, immerhin konnte Herder dessen Bibliothek frei benutzen. Auf Initiative des russischen Regimentschirurgen J. C. Schwarz-Erla ging Herder dann nach Königsberg, um Chirurg zu werden. Im Sommer 1762 verließ er Mohrungen und sollte die Stadt sowie seine Eltern nie mehr wiedersehen.
Einflussreich war von den Universitätslehrern nur Immanuel Kant, außerhalb der Universitätskreise aber besonders Johann Georg Hamann und die Schriften Jean-Jacques Rousseaus. Herder schloss sich einem gelehrten Kreis an, zu dem Theodor Gottlieb von Hippel, Hamann, Johann George Scheffner, und Kant zählten. Herder, der 1762–64 bei Kant Vorlesungen über Astronomie, Logik, Metaphysik, Moralphilosophie, Mathematik und Physiogeographie hörte, schrieb später darüber: „Mit dankbarer Freude erinnere ich mich aus meinen Jugendjahren der Bekanntschaft und des Unterrichts eines Philosophen, der mir ein wahrer Lehrer der Humanität war (…) Seine Philosophie weckte das eigne Denken auf, und ich kann mir beinahe nichts Erleseneres und Wirksameres hierzu vorstellen, als sein Vortrag war.“ Bedeutung erlangte die Kritik Hamanns und Herders an Kant, die rügten, Kant habe die Sprache als originäre Erkenntnisquelle vernachlässigt. Herder wies zudem darauf hin, dass der Mensch bereits im Zuge der Wahrnehmung „metaschematisiert“, womit er bereits Einsichten der Gestaltpsychologie vorwegnahm.
Dass Herder im Herbst 1764 als Aushilfslehrer an die Domschule nach Riga berufen wurde, kam ihm wegen des drohenden Militärdienstes gelegen. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich in Königsberg ein verheerender Brand, der Herder zu dem Gedicht „Ueber die Asche Königsberg. Ein Trauergesang“ inspirierte. In Riga war er von Ende 1764 bis Mai 1769 Aushilfslehrer; später wurde er auch als Pfarradjunkt an zwei vorstädtischen Kirchen (Jesus- und Gertrudenkirche) angestellt, so dass er in der alten Hauptstadt Livlands (die sich damals noch fast republikanischer Selbständigkeit erfreute) einen wichtigen Wirkungskreis fand und bei der Verwaltung und der 'Ritterschaft' angesehen war. Die Kreise des städtischen Patriziats erschlossen sich Herder, der sich eines bis dahin ungekannten Lebensgenusses erfreute. Vor allem durch das Haus des Ratsherrn Johann Christoph Berens und dessen Brüder Gustav, Karl und Georg, an das er durch Hamann empfohlen war, hatte er gute Freunde in den bürgerlichen Kaufmannskreisen erworben. Im 'Rigaer Blatt' erschien 1764 seine erste umfangreichere Studie „Ueber den Fleiß in mehrerern gelehrten Sprachen“, die bereits die für ihn typischen Vokabeln „Nationalcharakter“ und „Genie“ enthielten.
In Riga wurde er im Juni 1766 in der Loge „Zum Schwert“ in den Freimaurerbund aufgenommen. Nicht nur Herders „Älteste Urkunde des Menschengeschlechts“ zeigt Nachwirkungen hierauf. In seinem Logenbruder, dem Schriftsteller Rektor Johann Gotthelf Lindner fand er für seinen zukünftigen Lebensweg eine Schlüsselfigur.
Herder schrieb nun erste größere Veröffentlichungen, die sein Freund Johann Friedrich Hartknoch verlegte: es entstanden die „Fragmente über die neuere deutsche Literatur“ (1766-67), „Über Thomas Abbts Schriften“ (1768) und „Kritische Wälder, oder Betrachtungen die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend“ (1769, anonym). Er wandte sich hier der Sprachphilosophie zu. Herder postulierte, dass die literarischen Erzeugnisse aller Nationen durch den besonderen Genius der Volksart und Sprache bedingt seien. Er baute seine gesamte Sprachphilosophie auf dem Satz Hamanns auf, wonach „die Poesie die Muttersprache des menschlichen Geschlechts“ sei. Er stand in dieser Zeit z. B. im Briefkontakt zu Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Friedrich Nicolai. Auf Nicolais Aufforderung hin wurde er Mitarbeiter an der „Allgemeinen Deutschen Bibliothek (ADB)“, für die er bis 1773 etwa 40 Rezensionen schrieb. Literarisch schließlich geriet Herder in Nicolais Kritik, der später dann die Literatur des Sturm und Dranges, die Klassik und die aufkommende Romantik attackierte. Herder kritisierte leidenschaftlich einerseits die orthodoxe Einstellung der damaligen Theologie und andererseits die abwehrende Haltung gegen seine reformerischen Schulpläne. Er polemisierte unter anderem gegen das andauernde Übergewicht der Lateiner im deutschsprachigen Raum. Von Christian Adolph Klotz, einem Professor in Halle, und dessen Anhängern wurde er angefeindet, was ihm die Zeit in Riga verleidete. Einem Ruf an eine Petersburger Schule im Jahre 1767 folgte er nicht. Die folgenden Proteste veranlassten Herder dazu, im Frühling 1769 seine Entlassung aus den Ämtern in Riga zu erbitten, um in Mitteleuropa zu wirken.
Da er keine mehrjährigen Reisen auf Kosten der Freunde durchführen wollte, kam der Antrag des fürstbischöflich lübischen Hofs zu Eutin, den Erbprinzen von Holstein-Gottorp Peter Friedrich Wilhelm als Reiseprediger zu begleiten, sehr willkommen. Im Dezember 1769 reiste er über Brüssel, Antwerpen, Amsterdam und Hamburg nach Eutin, wo er Anfang 1770 eintraf. In Hamburg hatte er Lessing, Johann Joachim Christoph Bode, Johann Bernhard Basedow, Hauptpastor Johann Melchior Goeze und Mathias Claudius kennen gelernt. Im Juli reiste er von Eutin im Gefolge des Prinzen ab. Erste Stationen waren Hannover und Kassel; in Göttingen schloss er Bekanntschaft mit Heinrich Christian Boie.
Noch vor der Abreise hatte ihn ein Ruf von Wilhelm Graf zu Schaumburg-Lippe aus Bückeburg erreicht. Bei einem Reiseaufenthalt in Darmstadt lernte Herder den Kriegsrat Johann Heinrich Merck kennen und über ihn auch Maria Karoline Flachsland, in welche er sich unversehens verliebte (sie heirateten schließlich im Jahr 1773). Die rasch gefasste und erwiderte Neigung nährte in Herder den Wunsch nach festen Lebensverhältnissen. Er folgte dem Prinzen nur über Mannheim bis Straßburg, wo es zu dem für die deutsche Literatur äußerst folgenreichen Treffen mit dem jungen Johann Wolfgang Goethe kam. Herder erbat vom Eutinischen Hof seine (im Oktober gewährte) Entlassung, nahm die vom Grafen zu Schaumburg-Lippe angetragene Stellung als Hauptprediger der kleinen Residenz Bückeburg und als Konsistorialrat an, blieb aber dann einer (missglückten) Augenoperation wegen den Winter über in Straßburg. Das Augenleiden, eine Fistel, sollte sein Leben lang nicht auskurieren. Hier machte Herder den fünf Jahre jüngeren Goethe auf Homer, Pindar, Ossian, Shakespeare, Hamann, die Volksdichtung und auf das frühgotische Münster aufmerksam. Herder war die erste überlegene Persönlichkeit, die Goethe kennenlernte; seine Führung war unbarmherzig. Gemeinsam beschäftigten sie sich mit L. Sterne, O. Goldsmith, J. J. Winckelmann, F. G. Klopstock, Shaftesbury, Rousseau, Voltaire und P. H. T. d'Holbach. Als Herder das Stück Goethes Gottfried von Berlichingen mit der Eisernen Hand (das noch gar nicht für die Bühne gedacht war) kritisierte, wurde es bald umgearbeitet.
Die Zeit des Bückeburger Aufenthalts war Herders eigentliche Sturm- und Drang-Periode. Die von der Berliner Akademie preisgekrönte Abhandlung „Über den Ursprung der Sprache“ (1772), die er noch in Straßburg begonnen hatte, eröffnete eine Reihe von Schriften, mit denen er bahnbrechend für die junge deutsche Literatur werden sollte. Gemeinsam mit Goethe und Merck editierte er 1772 die „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“, ein kritisches und programmatisches Organ deutscher bürgerlich-oppositioneller Intelligenz, zu dem er viele Rezensionen zu Geschichtsschreibung, Philosophie und Religion beisteuerte. 1773 zerbrach seine Freundschaft zu Merck.
Die Aufsätze „Ossian und die Lieder alter Völker“, „Shakespeare“ in den fliegenden Blättern „Von deutscher Art und Kunst“ (Hamburg 1773) und der Schrift „Ursache des gesunkenen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblüht“ (1775 von der Berliner Akademie preisgekrönt) stellten Herder in den Mittelpunkt der Bewegung, die eine aus dem Leben stammende und auf das Leben wirkende Dichtung wiedergewinnen wollte. Die Poesie stand ihm umso höher, je näher sie der Natur steht; daher seien die herrlichsten Poesien von den ältesten Völkern geschaffen worden, von wilden Natursöhnen, denn die Kultur ist der Poesie im Herderschen Sinne schädlich. Ausgehend von Homers und Shakespeares Dichtungen stellte er heraus, dass Poesie auch bei „unzivilisierten“ Völkern den Kristallisationspunkt für humane Gesellschaftsformen bildet. Diese Eigenschaft sah er nicht nur bei Homer, sondern auch im Alten Testament und in der Edda. Daraus folgten seine bahnbrechenden Anstrengungen, nicht nur deutsches Liedgut zu sammeln, sondern auch altnordische Mythen und die Dichtungen der Minnesinger. Mathias Claudius gab den „Wandsbecker Boten“ bis 1775 heraus, bei dem Goethe, Herder und Gottfried August Bürger von mitwirkten. Mit der Schrift „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ protestierte er 1774 gegen die öde und lebensferne Aufklärungsbildung der Zeit. Gleichzeitig eröffnete er einer neuen, nichtrationalistischen Geschichtsphilosophie den Weg.
Er entwarf „Brutus. Ein Drama zur Musik"; es wurde von Johann Christoph Friedrich Bach vertont, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Aus ihrem gemeinsamen Schaffen stammen die Oratorien „Die Kindheit Jesu" und „Die Auferweckung des Lazarus" (1773) sowie einige Kantaten und zwei dramatische Werke (Brutus und Philoktetes, beide 1774), wobei der kritische Herder offenbar in der engen Zusammenarbeit mit Bach seine musikästhetischen Ansichten in die Praxis umgesetzt sah. Diese Phase, die für Bach wohl die geistig anregendste Zeit in Bückeburg war, endete vorläufig 1776.
Hatte schon die Schrift „Auch eine Philosophie...“ entschiedenen Widerspruch hervorgerufen, so war dies noch mehr der Fall bei seinen (halb-)theologischen Schriften, der „Ältesten Urkunde des Menschengeschlechts" (1774-76), den „Briefen zweener Brüder Jesu in unserm Kanon" (1775), den „Erläuterungen zum Neuen Testament, aus einer neueröffneten morgenländischen Quelle" (1775) und den 15 Provinzialblättern „An Prediger" (1774). Die Angriffe veranlassten ihn, seine schon zum Druck vorbereitete Sammlung der "Volkslieder" zurückzuhalten. Sie steigerten seine Reizbarkeit und ein Misstrauen, die in ihm früh erwacht waren.
Johann Kaspar Lavaters „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ mit kleineren Beiträgen Herders erschienen 1775–1778. Ab 1780 jedoch distanzierte sich Herder von Lavaters religiösem Mystizismus, aus vergleichbaren Gründen lehnte er auch die Studien des Emanuel Swedenborg ab.
Obwohl er rühmte: „Ich bin hier allgemein beliebt, bei Hofe, Volk und Großen, der Beifall geht ins Überspannte. Ich lebe im Strudel meiner Geschäfte einsam und zurückgezogener, als ich in Bückeburg nur je gelebt habe“, fühlte er sich oft von der Enge der Verhältnisse in Weimar bedrückt. Dennoch wirkte die veränderte Lage günstig auf ihn, seine literarische Produktivität stieg. Der Prozess, mit dem sich die hervorragendsten Repräsentanten des Sturm und Dranges in die Protagonisten der deutschen klassischen Literatur verwandelten, begann bei Herder Ende der 1770er Jahre. Die Abhandlungen „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. Bemerkungen und Träume“, „Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traum“ und die Herausgabe der „Lieder der Liebe“, mit Übersetzung des Hohenliedes Salomos sowie der längst vorbereiteten „Volkslieder“ (erst 1807 von seinem Freund Johannes von Müller „Stimmen der Völker in Liedern“ betitelt) waren seine ersten Veröffentlichungen in Weimar (alle 1778). Die Abhandlung „Über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten“ galt erneut dem Nachweis, dass echte Poesie die Sprache der Sinne sei. Dies sollten auch die mit sorgfältig ausgewählten und hervorragend übersetzten „Volkslieder“ weiten Kreisen zum Bewusstsein bringen.
In dieser Zeit fand er auch einen bleibenden Freund in dem ursprünglich katholischen Carl Leonhard Reinhold. Bezogen sich die „Briefe, das Studium der Theologie betreffend“ (1780-81) und eine Reihe von Predigten auf Herders Amt, so leitete das große, leider unvollendet gebliebene Werk „Vom Geiste der Ebräischen Poesie“ (1782-83) von der Theologie zur Poesie über. Aus tiefer Mit-Empfindung für die Naturgewalt, die Frömmigkeit und eigenartige Schönheit der hebräischen Dichtung entstand ein Werk, von welchem Herders Biograph Rudolf Haym rühmte, dass es „für Kunde und Verständnis des Orients Ähnliches geleistet wie Winckelmanns Schriften für das Kunststudium und die Archäologie“.
1783 reiste Herder nach Hamburg und lernte Klopstock persönlich kennen, besuchte Mathias Claudius, Karl Wilhelm Jerusalem in Braunschweig und Johann Wilhelm Ludwig Gleim in Halberstadt; zu Friedrich Heinrich Jacobi entwickelte sich eine Freundschaft. Goethes Gedanken über eine organische Entwicklung in der Naturgeschichte kamen seinen - früheren - Vorstellungen einer Morphologie der kulturellen Entwicklung sehr nahe. Die alte Freundschaft lebte wieder auf, diesmal allerdings auf gleicher Ebene – Goethe musste nun von Herder als ebenbürtig anerkannt werden. 1785 begann Herder die Herausgabe seines großen Hauptwerkes, der „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784-91), die endliche gelungene Ausführung eines Lieblingsplans, die breitere Ausführung von Gedanken, die er bereits in kleineren Schriften veröffentlicht hatte. Es war auch die energische Zusammenfassung alles dessen, was er über Natur und Menschenleben, über die kosmische Bedeutung der Erde, über die Aufgabe des sie bewohnenden Menschen, „dessen einziger Daseinszweck auf Bildung der Humanität gerichtet ist, der alle niedrigen Bedürfnisse der Erde nur dienen und selbst zu ihr führen sollen“ erarbeitet hatte. Hinzu kam, was er über Sprachen und Sitten, über Religion und Poesie, über Wesen und Entwicklung der Künste und Wissenschaften, über Völkerbildungen und historische Vorgänge gedacht und (wie seine Gegner meinten) geträumt hatte. Herders Vorstellung von Erziehung findet sich auch bei Johann Heinrich Pestalozzi (Abendstunde eines Einsiedlers), Schiller, Goethe (Wilhelm Meister) und Kant (Über Pädagogik). Von 1785 bis 1797 veröffentlichte er die „Zerstreuten Blätter“, in denen eine Reihe Abhandlungen und poetische Übersetzungen seine Geistesfülle erkennen ließ. 1787 wurde er Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, es erschien seine Schrift „Gott. Einige Gespräche“, eine Auslegung und Verteidigung Spinozas. Des weiteren verfasste er ein „Buchstaben- und Lesebuch“. Als Goethe die weimarer Gesellschaft durch die Sinnlichkeit der Römischen Elegien schockiert hatte, fand er Verständnis bei dem sonst so strengen Herder.
Goethe wirkte für Herders Bleiben in Weimar und konnte im Einverständnis mit dem Herzog manche Zusagen für die Zukunft machen. Herder ließ sich widerwillig zum Bleiben bestimmen, beide sollten dieser Entscheidung nur kurz froh werden. Krankheiten brachen seine Lebenslust und Schaffenskraft, die materiellen Sorgen im Herderschen Haus milderten sich nur vorübergehend, und die Ansprüche, die die Herders auf Grund der Abmachungen erhoben, führten zum endgültigen Bruch mit Goethe (wozu allerdings auch die sehr unterschiedlichen Ansichten zu den gesellschaftlichen Umwälzungen der Epoche beitrugen). Herder hatte schon zuvor mit Eifersucht die wachsende Intimität zwischen Goethe und Schiller betrachtet. So trat allmählich ein Zustand der Isolierung und kränklich verbitterten Beurteilung alles ihn umgebenden Lebens ein.
1792 erschien Herders Aufsatz „Über ein morgenländisches Drama“, eine begeisterte Reaktion auf Johann Georg Adam Forsters „Sakontala“. Der fünfte Teil der „Ideen...“ blieb ungeschrieben, und bereits die „Briefe zur Beförderung der Humanität“ (1793-97) trugen die Farbe eines verdüsterten Geistes. Die geistigen Gegensätze, in denen er sich zur Philosophie Kants, zum Klassizismus Schillers und Goethes fand, verschärfte Herder nun gewaltsam und ließ sie in seinen literarischen Arbeiten mehr und mehr hervortreten. Er lernte den jungen Novalis kennen, der sich später für die Idee der Gründung eines kosmopolitischen, republikanischen Ordens begeisterte. Zu Beginn der Französischen Revolution hatte Herder noch offen seine Sympathien bekundet, änderte jedoch - ähnlich wie Schiller - spätestens mit den Septembermorden 1792 seine Ansicht. Er hatte mehrmals in einer Art von Selbstzensur und wegen offenbaren Drucks von oben seine „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ umgearbeitet, und war auch deshalb kein Fürstenfreund.
In den Sommern 1802 und 1803 suchte er Heilung in den Bädern von Aachen und Eger, im Herbst 1803 erfolgte ein weiterer heftiger Anfall, dem er am 18. Dezember erlag. Letzte Kräfte waren in die „Legenden“, in die hervorragende Übertragung der Romanzen „Der Cid“ und die dramatischen Gedichte „Der gefesselte Prometheus“ und „Admetus' Haus“ geflossen. Die Annahme eines ihm vom Kurfürsten von Bayern 1802 verliehenen Adelsdiploms (wodurch seinem Sohn Adelbert der Grundbesitz erhalten blieb), und die Ernennung zum Präsidenten des Oberkonsistoriums kamen zu spät, um ihm frischen Lebensmut zurückzugeben.
Bei allen seinen Gaben schwankte seine künstlerische Gestaltungskraft, so dass er als Dichter nur in einzelnen Momenten und auf dem Gebiet der didaktischen Poesie zu wirken vermochte. Die Verbindung seines eigenen ethischen Pathos mit Stimmungen und Gefühlen, welche ihm aus der Dichtung der verschiedensten Zeiten und Völker aufgingen, war nie ohne Reiz; sein Verdienst als poetischer Übersetzer, als Aneigner und Erläuterer fremden poetischen Geistes kann kaum zu hoch veranschlagt werden.
Herders poetische Übertragungen, ihre Auswahl und die Resultate, die Herder aus ihnen zog, haben einer allgemeinen, über die „Gelehrtengeschichte“ der vorausgegangenen Perioden hinauswachsenden Literaturgeschichte den Boden bereitet. Neben den „Stimmen der Völker in Liedern“, dem „Cid“, den Epigrammen aus der griechischem Anthologie, den Lehrsprüchen aus Sadis „Rosengarten“ und der ganzen Reihe anderer Dichtungen und poetischer Vorstellungen, welche Herder für die deutsche Literatur gewann, stehen jene orientalischen Erzählungen, Mythen und Fabeln, die Herder im Wiedererzählen benutzte, um Momente seiner eigenen Anschauung, seiner Humanitätslehre beizufügen, und die hierdurch wieder durch ihre Vortragsweise zu seinem geistigen Eigentum wurden.
Höher als der Dichter steht wohl der Prosaiker Herder, der Kulturhistoriker, Religionsphilosoph, philosophische Anthropologe und der feinsinnige Ästhetiker (Vgl.: Herders Ästhetik), der im Sinn Lessings und doch in ganz anderer Weise produktive Kritiker, der glänzende Essayist, der gehaltreiche und in der Form anmutvolle Prediger und Redner. Es war Herders eigenstes Missgeschick gewesen, dass die Resultate seines Erkennens und Strebens so rasch zum Gemeingut der Bildung, seine Anschauungen zu Allgemeinanschauungen wurden, dass erst die historisch-kritische Zurückweisung auf sein Genie nötig war, das größere Publikum auf seine Leistungen wieder aufmerksam zu machen.
Als Theologe erwarb er sich als einer der Ersten Verdienste um eine vom Buchstaben des Dogmas befreite Auffassung des Christentums; mit der Heiligen Schrift beschäftigen sich seine literaturhistorischen Studien, die sie erstmals aus ihrer Zeit und ihrem Volke heraus verstehen lehrten.
Eine der bleibenden Leistungen Herders war die zuerst in seiner Schrift Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit formulierte Erkenntnis, dass die Mächte der Geschichte wie Nationen, Epochen u. a. jeweils ihren eigenen Wert in sich tragen und unabhängig vom Betrachter zu beurteilen sind. Die im Zeitalter der Aufklärung bedeutende Idee der Toleranz wurde damit von Herder auf andere Völker und Geschichtsepochen angewandt. In der Literaturgeschichte führte ihn seine Erkenntnis zu dem viel zitierten Ausspruch über Shakespeare, in Griechenland sei ein Drama entstanden, wie es im Norden nicht hätte entstehen können. Herder legte damit den Grundstein zum Historismus. Die ersten, die eine Geschichtsphilosophie entwickelten, waren Herder und Schelling.
Im Zuge der Romantik war es Herder, der eine intensive Auseinandersetzung mit der Folkloristik empfahl. So beschäftigten sich unter anderem Achim von Arnim sowie Clemens Brentano mit Volksliedern und die Brüder Grimm, wesentlich von ihm beeinflusst, mit Märchen und Sagen. Ganz im Sinne Herders beschränkten die letzteren sich dabei nicht auf deutschsprachige Urkunden. Englische, schottische und irische Quellen waren bereits in Mode; sie dehnten ihren Arbeitsbereich auf Skandinavien, Finnland, die Niederlande, Spanien und Serbien aus. Herder schrieb sehr kunstvoll im grammatisch-rhetorischen Stil, die viele Anakoluthe, Aposiopesen, Brachylogien, Chiasmen, Hendiadyoine, Oxymora und Hystera-Protera enthielt. Er war ein Meister der „Neologismen“ – viele seiner Wortschöpfungen sind „anonym“ geworden, denn kaum jemand weiß mehr, dass sie von Herder stammen. Er prägte Worte wie: „Volkslied“ (worauf Ulrich Grober hinweist) - der deutsche Begriff „Volkslied“, als Übersetzung der englischen Bezeichnung „popular song“, stammt aus seiner 1773 erschienenen Rezension über eine 1765 in England erschienene Sammlung von englischen und schottischen Balladen – „Zeitgeist“ (so Michael Zaremba bei seinem Festvortrag am 31. Oktober 2003 in der Weimarer Herderkirche) oder „Weltmarkt“ (s.: Manfred Koch, Weltliteratur. Eine Übersetzernation erhebt den Anspruch auf Universalität. Vortrag auf dem Themenkongress der Evangelischen Akademie Thüringen zum 200. Todestag von Johann Gottfried Herder in Kooperation mit der kulturstadt weimar GmbH vom 13. – 16. November 2003 (*). Der Begriff „Elbflorenz“ ist ebenfalls eng mit ihm verknüpft, und über die „Einbildungskraft“ (vgl.: Vorstellungskraft) führte er bahnbrechende Dispute mit Kant, zudem postulierte er eine „genetische Kraft“, welche unabhängig von der Rasse der Menschen und der Zeit existieren sollte; als moderner Denker war er „gegen Erbregierungen“, und damit ist er „für die Produktivkräfte würde man, sozusagen, altdeutsch, marxistisch sagen“ (Zitat: siehe den Kultur- und Literaturkritiker Professor Georg Bollenbeck zum 200. Todestag von Herder im Deutschlandfunk (DLF) (Kultur Heute) am 18. Dezember 2003, Die Geburt der Kulturkritik aus dem Geiste Herders:). (vergl. auch Arnold Gehlen: der Mensch als (genetisches) Mängelwesen, dass diese Mängel nur mit Hilfe der Kultur ausgleichen kann)
Lange vor Wilhelm Dilthey entsteht schon so etwas wie der Gedanke vom „geschichtlichen Wesen“; „die neuere Ethnologie, die neuere Kulturanthropologie, die neuere Kulturwissenschaft, das, was man Cultural turn] nennt, ohne Herder überhaupt nicht denkbar Klima, Milieu, Volk und zum Zweiten, und das ist wichtig, dass Herder die Völker alle gleich gelten lässt, das ist entscheidend. Heine sagt, für Herder sind die Völker wie eine Harfe, wie die Saiten an einer Harfe und die Harfe spielt Gott“ (Quelle: DLF, G. Bollenbeck). Wolfgang Thierse sagte: „Die deutsche Kulturnation - das war einmal ein schönes großes Wort, das die Herzen höher schlagen ließ. Und da ich die Einwände schon ahne, möchte ich hinzufügen: es war auch ein unschuldiges Wort. Was man später die "deutsche Kulturnation" genannt hat, das ist mit Friedrich Schiller verbunden, wenn auch ohne sein aktives Zutun, und viel mehr noch mit seinem Zeitgenossen und Weimarer Mitbürger Johann Gottfried Herder“ (Deutschlandradio (DLR), Kultur, Signale am 3. April 2005 in: Die Kulturnation „Von Schiller lernen?“ ([http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/signale/362015/" target="_blank" >*).
Nicht unterschlagen werden soll der Vorwurf, dass - ausgehend von der generellen Annahme, dass die menschlichen Rassen feststehende und unveränderbare Merkmale aufwiesen (wie dies etwa auch von Kant und Hegel behauptet wurde) - sich der moderne Rassismus entwickelt habe. Diese Annahme vertrat er allerdings nur in seinen früheren Schriften. Herder erklärte z. B. die Kunst als Welt- und Völkergabe und nicht als Privileg einzelner „bevorzugter Geister“. Ebenso haltlos ist der Vorwurf, Herder sei ein Vordenker des Nationalismus gewesen. In Deutschland war seinerzeit der spätere Begriff von Nationalismus weitgehend unbekannt. Herder etwa gab auf die Frage „Was ist eine Nation?“ die recht unpatriotische Antwort „Ein großer ungejäteter Garten voll Unkraut, ein Sammelplatz von Torheiten und Fehlern wie von Vortrefflichkeit und Tugend“. Den Machiavellismus bezeichnete er im 58. Humanitätsbrief als skrupellose Machtpolitik (z. B. Machiavellismus Jesuiticus...).
Die evangelische Kirche ehrte ihn, indem sie 1882 in ihr Gesangbuch einen Epiphanias-Choral nach seinem Poem „Du aller Sterne Schöpfer Licht“ aufnahm, der sich leicht verändert in der Stammausgabe des 'Evangelischen Gesangbuches' von 1994 unter der Nummer 74 finden lässt.
In seiner Geburtsstadt Mohrungen (heute polnisch Morąg) befindet sich im Schloss der Stadt eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk mit Erläuterungen in polnischer und deutscher Sprache.
Der älteste Sohn, Wilhelm Gottfried von Herder, * 28. August 1774 in Bückeburg, studierte in Jena Medizin, wurde 1800 Provinzialakkoucheur und 1805 Hofmedikus in Weimar, wo er am 11. Mai 1806 an den Folgen einer Typhusinfektion starb. Er schrieb: „Zur Erweiterung der Geburtshilfe“ (Leipzig 1803) und nahm teil an der Herausgabe der Werke seines Vaters. Der zweite 1776 noch in Bückeburg geborene Sohn Sigismund August Wolfgang von Herder wurde sächsischer Oberberghauptmann und war ein bedeutender Geologe. Freund des Dichters und Philosophen Novalis, welcher ein Studium der Bergwissenschaften in Freiberg führte und Salinenassessor in Weißenfels war.
Der dritte Sohn, Wilhelm Ludwig Ernst von Herder wurde am 12. Februar 1778 in Weimar geboren, wurde Kaufmann und ließ sich für viele Jahre in Sankt Petersburg nieder. Er starb 1842 in Heidelberg.
Am 25. August 1779 (Johann Gottfried Herders Geburtstag) wurde Karl Emil Adelbert geboren. Er kaufte später das Gut Stachesried in Bayern. Allerdings war der Besitz dieses Gutes bald gefährdet. In Bayern hatte in dieser Zeit jeder Adelige das Recht, einem bürgerlichen Käufer, der ein Gut erwarb, dies im ersten Jahr nach dem Kauf zum Einstandspreis wieder abzunehmen. Freiherr von Voelderndorff drohte von diesem Recht Gebrauch zu machen. Um diese Gefahr abzuwenden, ersuchte sein Vater beim bayrischen Kurfürsten um die Nobilitierung nach, die dann auch erfolgte.
Am 23. April 1781 wurde Luise Theodore Emilie geboren. Sie heiratete Constantin Stichling nachdem dessen erste Frau Juliane, eine Tochter Wielands, gestorben war. Ein Sohn Luises und damit Enkel Herders war der ehemalige weimarsche Staatsminister Stichling. Der am 1. Juni 1783 in Weimar geborene Emil Ernst Gottfried von Herder war bis 1839 bei der Regierung für Schwaben und Neuburg tätig und starb als bayerischer Oberforst- und Regierungsrat am 27. Februar 1855 in Erlangen. Er gab in „Herders Lebensbild“ (Erlangen 1846-47, 24 Bände) eine liebevolle Darstellung des Lebens und Wirkens seines Vaters. Am 21. August 1790 wurde schließlich mit Rinaldo Herders jüngstes Kind geboren.
Die Entfremdung des Publikums veranlasste die "Ausgewählten Werke" in einem Band (Stuttgart 1844), "Geist aus Herders Werken" (Berlin 1826, 6 Bände), "Ausgewählte Werke" (hrsg. von H. Kurz, Hildbnrgh. 1871, 4 Bände), "Ausgewählte Werke" (hrsg. von Ad. Stern, Leipzig 1881, 3 Bände).
Nach Vollständigkeit strebten erneut die Ausgabe in der Hempelschen "Nationalbibliothek" (Berlin 1869-79, 24 Teile, mit Biographie von Düntzer) und die große kritische, von Suphan geleitete Ausgabe von "Herders Werken" (das. 1877 bis 1887, 32 Bände), eine Musterarbeit ersten Ranges, ein Zeugnis höchster Pietät, Gewissenhaftigkeit und kritischer Sorgfalt. Auf Grund der letztern Ausgabe gaben Suphan und Redlich "Herders ausgewählte Werke" (Berlin 1884 ff.) in 9 Bänden heraus.
Eine gekrönte Preisschrift Herders: "Denkmal Johann Winckelmanns", von 1778 gab Alb. Duncker (Kassel 1882) heraus.
Sammlungen von Briefen Herders veröffentlichen Düntzer und F. G. v. Herder in den Werken: "Aus Herders Nachlaß" (Frankfurt 1856-57 3 Bände), "Herders Briefwechsel mit seiner Braut" (das. 1858), "Herders Reise nach Italien" (Gießen 1859) und "Von und an Herder" (Leipzig 1861-62, 3 Bände) Vgl. auch Suphan, Goethe und Herder ("Preußische Jahrbücher" 1878).
Ein sehr reichhaltiger literarischer Nachlass Herders kaufte die königliche Bibliothek in Berlin an, die von Suphan und seinem Mitarbeitern bei der kritischen Ausgabe wahrscheinlich genutzt wurde.
Von biographisch-kritischen Schriften über Herder ist außer dem von seiner Gattin gesammelten "Erinnerungen" (siehe unten) und dem von seinem Sohn Emil Gottsried von Herder verfassten "Lebensbild" (Erlangen 1846-47, 3 Bände.) das biographische Hauptwerk zu erwähnen, das alle frühern Versuche weit hinter sich lässt: R. Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken (Berl. 1880 bis 1885, 2 Bde.), eine Meisterleistung streng fachlicher und zugleich liebevoller Lebensdarstellung und Beurteilung. Vgl. außerdem Werner, Herder als Theologe (Berl. 1871)
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