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Johann Christian Reil (* 20. Februar 1759 in Rhaude (Ostfriesland); † 22. November 1813 in Halle) war Arzt (Stadtphysikus) und Professor in Halle und Berlin und erfand 1808 den Begriff "Psychiaterie"*, aus dem dann sehr schnell die "Psychiatrie" wurde.

I. Reil als Begründer allgemeiner und integrativer Psychotherapie


Stationen seines Lebens


Im ostfriesischen Rhaude als Sohn eines Pfarrers geboren und aufgewachsen. Zur Schulentlassung 1779 trägt er ein Gedicht "Lob der Medicin in Versen vorgestellet" vor. Reil studierte zunächst in Göttingen - wo Albrecht von Haller (1708-1777) bis 1753 lehrte - bis ihn das Heimweh packte, dann ab Herbst 1780 in Halle. Dort schließt er sich seinem Mentor Goldhagen an und wird Mitglied der Loge "Zu den drei Degen", bei der Goldhagen den Vorsitz hat. 1782 Promotion. Danach der ob­ligatorische Cursus in Berlin mit einer Empfehlung an Marcus Herz (1747-1803), wo er am geistigen Leben im Umfeld der jüdischen Familie Herz teilnimmt. Danach Praxis in seiner ostfriesischen Gymnasialstadt Norden. 1785 erste Veröffentlichung "Diaetetischer Hausarzt für meine Landsleute", aus dem bereits Reils soziales und kommunikationsmedizinisches Anliegen hervorgehen soll. Ab 1787 ist Reil wieder in Halle - es wird vermutet auf Anregung Goldhagens - und wird Privatdozent. Reil wirkt bei der von Goldhagen ab 1786 aufgebauten staatlichen schola clinica mit. Hier steht folgendes auf dem Vorlesungsprogramm: Klinische Übungen, Pharmakotherapie (speziell bei fieberhaften und chronischen Erkrankungen), Krankheitslehre, Pathologie, Volksarzneikunde und Ophthalmologie. Nach dem Tod Goldhagens Übernahme der Scholaclinica Halensis - die unter ihm zu einem Erfolgsunternehmen wird - und Professur 1788. Aus dem Status der Schola geht eine Art moderner poliklinisch- internistischer Unterricht hervor wie er auch „heute kaum anders in der Ambulanz einer Universitätsklinik praktiziert wird ...” (Kaiser & Mocek 1979, S. 29). 1789 Übernahme des Stadtphysikats in Halle. 1795 hat er das „Archiv für Physiologie” gegründet und darin Von der Lebenskraft veröffentlicht (s.u.). Goethe vermerkt 1795 in seinem Tagebuch am 1. Juli 1795: ”Jacobs empirische Psychologie. Reil”. 1802 Ablehnung einer Berufung nach Göttingen; erste persönliche Begegnung mit Goethe, ab 1803 einer der Leibärzte Goethes, der auch am 15. August 1803 im Tagebuch zu R.s. psychopathologisch-psychotherapeutischem Hauptwerk Rhapsodieen ... notiert: „Bergrat Reil Danck für sein Werck.” Eine Rezension von Goethe sandte dieser am 25. November 1804 an Reil. Aus psychologischer Sicht beeindruckt seine scharfsinnige, kühne, weitsichtige, der Humanität und Menschlichkeit verpflichtete grundlegende 1803 erschienene Arbeit Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode. Sie enthält bereits den Heilmittel-Hauptsatz, in dem die quantitative Relativität, die Paracelsus schon formulierte - die Dosis macht das Gift - qualitativ verallgemeinert wurde.

Er gründete mehrere psychologische Magazine, 1805 zusammen mit dem Philosophen Kayssler das „Magazin für die psychische Heilkunde”. In diesem Magazin entwickelt er bereits 1805 die grundlegende Jung'sche Selbstentfaltungs- und die moderne humanistische Selbstverwirklichungsidee. 1808 und 1812 gab er zusammen mit dem an Heilkunde interessierten Philosophen Hoffbauer die zwei Bände „Beyträge zur Beförderung einer Kurmethode” heraus. Und im ersten Band 1808 - dem Jahr in dem er den Ehrendoktor für Philosophie erhält - erfindet Reil den Begriff der Psychiaterie, der sich sehr schnell durchsetzt und in kurzer Zeit zur Psychiatrie wird. Ebenso oft vitalistisch missverstanden wie sein Buch von der Lebenskraft wurden seine kühnen und fantastisch anmutenden Ideen einer theatralischen und quasi hollywood-perfekten Illusionstherapie in ganz spezifischen psychopathologischen Ausnahmesituationen. Quelle all dieser kühnen Ideen waren immer Empirie, Beobachtung und Kasuistik. 1809 Eröffnung der Reil'schen Badeanstalt in Halle. 1810 Berufung zum ord. Professor nach Berlin. 1813 Übertragung der Aufsicht über die Lazarette links der Elbe. In eben dieser infizierte er sich bei seiner Tätigkeit auf dem Schlachtfeld bei Leipzig am Flecktyphus und er starb am 22. November 1813 in Halle, zuletzt Professor der Medizinischen Klinik in Berlin.

Ernest Harms würdigt 1960 im American Psychiatric Association Journal Reils Konzeption von den Geisteskrankheiten als "die großartigste psychologisch-biologische Philosophie" die ihm jemals begegnet ist. (nach: Ellenberger, H. 1973, Bd. I, S. 300 - s.u.).

Wichtige theoretische Beiträge und Orientierungen


Hauptleistung: Allgemeine, integrative und in­terdisziplinäre Grundlegung der Psychotherapie. Im Zusammenhang mit Pawlow und der Verhaltenstherapie mag es interessieren, dass Reil bereits 1795 in seiner gelegentlich als romantisch oder vitalistisch missverstandenen Arbeit über die „Lebenskraft” in § 21 (S. 141 ff) die Idee des bedingten Reflexes als Prinzip der assoziativen Verkettung nach Zeit und Häufigkeit formuliert. Seine Arbeit über die Lebenskraft beginnt ganz unromantisch wie folgt: „§ 1 Die Erscheinungen belebter Körper haben vorzüglich in der Materie ihren Grund”. Lebenskraft nach Reil ist nur eine Bezeichnung für die Naturgesetze und Regeln, die aus toter Materie Leben hervorbringen. Das Prinzip der Konditionierung und assoziativen Verkettung formuliert Reil 1795 in „§ 21 Drittes Gesetz: Wenn mehrere tierische Organe, die miteinander in Gemeinschaft stehen, in einer gewissen Ordnung, nämlich zu gleicher Zeit, oder in einer unmittelbaren Folge zusammenwirken; und diese vereinigten Wirkungen in derselben Ordnung oft wiederholt werden: so werden dadurch die Organe so miteinander verbunden, dass, wenn eins aus der verbundenen Menge durch eine zufällige Ursache in Tätigkeit gesetzt wird, die anderen eine Neigung haben wieder mitzuwirken. Ihre Tätigkeit begleitet oder folgt gerne auf die Tätigkeit des gereizten Organs. Übrigens ist es einerlei, ob die Tätigkeiten durch Vorstellungen oder durch Bewegungen sichtbar werden, nur müssen die Organe, deren Tätigkeiten sich gegenseitig erregen sollen, eine gewisse Gemeinschaft miteinander haben.”

In § 17 der Rhapsodieen (S.218-19) formuliert Reil ein Empirisch-Kreatives Konzept zur Erforschung der psychischen Curmethode: „Daher sollte man vorerst gute Köpfe, die Genie, Scharfsinn, Erfindungsgeist und Philosophie haben, durch Übung zu einer geläuterten Empirie ausbilden. Diese würden mit Behutsamkeit das Bekannte auf die vorkommenden Fälle anwenden, ihren Irrthum bald einsehen, dadurch zu entgegengesetzten Methoden geleitet werden und nach und nach von ihren gemachten Erfahrungen allgemeine Ideen absondern, die als künftiges Regulativ in der Behandlungsart der Irrenden dienen könnten.” Moderne psychosomatische Auffassung der psychischen Kur bei Reil: „Psychische Curmethoden sind also methodische Anwendungen solcher Mittel auf den Menschen, welche zunächst auf die Seele desselben und auf diese in der Absicht wirken, damit dadurch die Heilung einer Krankheit zustande kommen möge. Es ist daher in Rücksicht ihres Begriffes gleichgültig, ob sie eine Krankheit der Seele oder des Körpers heilen;” ('4, S. 27/ 28).

Begriff des Unbewussten schon bei Reil


Auch der Begriff des Unbewussten Nennung: Goethe in seinem Gedicht 1777 An den Mond war Reil bereits bekannt (Rhapsodieen 1803, S. 127): „Einige Wahnsinnige, bemerkt Helmont idea; Opera p. 174, waren sich, nach dem Anfall, der Symptome bewusst, die sie während desselben erlitten hatten. Ihre Seele, sagten sie von sich aus, sey im Alltag desselben bey einem Begriff stehen geblieben, von dem es ihnen vorgekommen sey, als wenn sie ihn im Spiegel vor sich gesehen hätten. Doch sey es ihnen nicht klar gewesen, dass sie denselben gedacht hätten. Auch würden sie mehrere Tage lang gestanden seyn, ohne es zu wissen, wenn der Anfall sie im Stehen überfallen hätte.”

Grundaxiome der Heilbarkeit


„Es giebt nur zwey Wege, Krankheiten zu heilen, entweder wir tilgen sie direkt, oder entfernen die Ursachen, durch welche sie entstehn. Wir vernichten das Produkt, oder die Kräfte, durch welche es ursprünglich erzeugt und in der Folge unterhalten wird, und die Vegetation zerstört alsdenn das Produkt. Ein krummer Baum wird gerade, wenn er an eine Stange gebunden, oder dem Windstoß, der ihn krümmt, der Zugang vermauert wird. Alle andere Curregeln sind, unter diese begriffen.” Und das Primat des Psychischen Heilprinzips „Die direkte Cur des Wahnsinns, oder das ärztliche Einwirken unmittelbar auf den Theil des Organismus, in welchem die Phänomene der Verrücktheit zunächst und zureichend gegründet sind, muß höchst wahrscheinlich bloß durch die psychische Curmethode geschehen.” (§. 7., S. 45). Einheit von Theorie und Praxis. „Von der Differenz der Ärzte in wissenschaftliche, in denen Wissen und Handeln eins ist, und in empirische, die als psychologische Automaten zwar nach Regeln handeln, aber der Begründung derselben sich nicht bewußt sind, habe ich an einem anderen Ort1 geredet.” (1808, S. 173). Das Relativitätsprinzip der Heilmittel: „Heilmittel sind Dinge, durch deren An­wendung auf thierische Körper wir die Krankheiten derselben zu entfernen suchen. Es ist gleich viel, ob diese Dinge körperlicher oder unkörperlicher Natur, Substanzen der Erde, oder ätherische Stoffe sind, die dem ganzen Weltall angehören, ob sie durch mechanische, chemische oder andere Kräfte wirken. Ihre Realität gründet sich also auf ein Verhältnis, das zwischen ihnen und dem Zweck statt findet, den sie erreichen sollen. Es giebt daher in der Welt, die als ein Mannichfaltiges nach den Gesetzen der Causalität existirt, keine Dinge, die ausschließlich zu dem vorhanden wären, Krankheiten zu heilen. Ihre Zweckmäßigkeit ist bedingt, und so mannichfaltig als die Gegenstände, auf welche sie angewandt werden. Das nemliche Ding, welches der Arzt zur Heilung der Krankheiten gebraucht, kann auch anderen Zwecken, z. B. zur Zerstörung der Organisation angewendet werden, und ist alsdenn, in dieser anderen Beziehung, ein Gift. Die Heilmittellehre hat also in der Reihe der Naturdinge kein bestimmtes Gebiet (dominium), das sie als Eigenthum beherrscht, sondern wählt aus dem Inbegriff aller solche aus, die Behufs des Zwecks der Heilung auf den menschlichen Körper tauglich sind. Ihr ist in dem Gebiete derselben bloß ein Aufenthaltsort (domicilium) zugestanden, dessen Umfang nicht absolut begrenzt ist, sondern nach den Fortschritten der Kunst sich verändert, verengert, erweitert. Das nemliche Ding ist ein Nahrungsmittel, wenn es den Verlust an Substanz in einem gesunden Körper ersetzt; eine Arzney, wenn es die verlohrne Gesundheit wieder herstellt; und ein Gift, wenn es dieselbe zerstört. Dabey bleibt es an sich, immer das nemliche Ding. Daher muß jeder Versuch verunglücken, durch die Diätetik, Arzneimit­tellehre, Toxikologie u.s.w. bestimmte Scheidungslinien in dem Naturreich zu ziehen, und es gleichsam in besondere Provinzen abzutheilen.” (Rhapsodieen § 3, S. 23f). Reil erkannte zahlreiche psychische Heilmittel(-klassen). Zur Organisation einer Heilanstalt: „Der Arzt und Psychologe sind die nächsten Kräfte, durch welche die Kur der Irrenden bewerkstelligt werden muss. Sie sind beide Heilkünstler, bloß verschieden durch die Mittel, welche sie anwenden, sofern jener durch pharmaceutische, dieser durch psychische Mittel wirkt.” (Rhapsodieen S. 476).

Wesentliche Publikationen von Reil (psychopathologisch, psychologisch und psychotherapeutisch)


  • 1794: Ueber die Krisen, die den wahren Nervenkrankheiten eigen sind. Journal
  • 1795: Von der Lebenskraft. Archiv für die Physiologie, 8-162. Neu aufgelegt in der Reihe Klassiker der Medizin, hsrg. Von Karl Sudhoff. Barth, Leipzig 1910. Unveränderter Nachdruck Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1968.
  • 1799-1815: Über die Erkenntnis und Kur der Fieber. 5 Bde. Curt'sche Buchhandlung, Halle
  • 1803: Rapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Curt'sche Buchhandlungm Halle; Nachdruck Bonset Amsterdam.*
1808-1812: Beiträge zur Beförderung der psychischen Curmethode. Zeitschrift, hrsg. zusammen mit dem Kantianer J. C. Hoffbauer

1805-1806: Magazin für psychische Heilkunde, Zeitschrift, hrsg. zusammen mit dem Naturphilosophen Kayssler.

  • Medicin und Pädagogik. Magazin für psychischen Heildkunde 1805/1806, S. 411-446.
  • Über den Begriff der Medicin und ihre Verzweigungen besonders in Beziehung auf die Berichtigung der Topik der Psychiaterie. Beiträge zur Beförderung der psychischen Curmethode 1808, S. 161-279
  • Die Bestimmung des vegetativen Pols des Lebensprocesses durch den animalisch-sensoriellen, oder die Rückwirkung der Seele auf den Körper, durch ein Paar Beyspiele erläutert. Beiträge zur Beförderung der psychischen Curmethode 1812, S. 60-69.
  • Über das Unvermögen der Seele, die Richtung zu erhalten, durch ein Paar Beyspiele erläutert. Beiträge zur Beförderung der psychischen Curmethode 1812, S. 70-77.
  • Über die gegenseitige Abhängigkeit der Gesamt- und Eigengefühle voneinander, und den darin sichtbaren gegenseitigen Einfluß des gesamten Nervensystems auf seine Theile, und dieser auf jenes. Beiträge zur Beförderung der psychischen Curmethode 1812, S. 94-112.

Literatur zu Reils historischer Rolle für die Psychotherapie


Literatur zur Biografie


Boruck, Hans-Joachim (1960). Genealogische Tabellen (Ahnentafel La Veaux, Ahnentafel Johann Christian Reil, Stammtafel Johann Christian Reil). In: Mothes, Kurt (1960, Hrsg.), S. 153-159
Eulner, Hans-Heinz (1960). (1960). Johann Christian Reil, Leben und Werk. In: Mothes, Kurt (1960, Hrsg.), S. 7-50
Gregor, Adalbert (1921). Johann Christian Reil. In: Kirchhoff, Theodor (1921, Hrsg.). Deutsche Irrenärzte. Einzelbilder ihres Lebens und Wirkens, S. 28-42. Berlin: Springer.
Kaiser, Wolfram & Mocek, Reinhardt (1979). Johann Christian Reil. Leipzig: Teubner.
Kaiser, Wolfram & Völker, Anna (1989). Johann Christian Reil und seine Zeit. Hallesches Symposion. Halle: Martin Luther Universität Halle-Wittenberg. Wissenschaftliche Beiträge 1989/43 (T 73).
Mothes, Kurt (1960, Hrsg.). Johann Christian Reil 1759-1813. Nova Acta Leopoldiana, Neue Folge 114, Bd. 22. Leipzig: Barth. zahlreichen Abbildungen und Faksimiles
Piechocki, Werner (1960). Johann Christian Reil als Stadtphysikus in Halle. In: Mothes, Kurt (1960, Hrsg.), S. 103-124.
Pönitz, Karl (1960). Johann Christian Reil und die Psychiatrie. In: Mothes, Kurt (1960, Hrsg.), S. 99-102.

Bildnisquellen


In Mothes (1960); Kaiser, Wolfram & Mocek, Reinhardt (1979). Porträts: Schattenriss von unbekannt von 1791. Kupferstich von Hans Veit Friedrich Schnor von Carolsfeld 1799. Gemälde von Johann Friedrich August Tischbein (nach 1802). Gemälde - Reil als Ritter des Roten Adlerordens - von Heinrich Anton Dähling 1812. Lithographie Leon Noël 1812. Reil Büste von Ernst Rietschel 1852. Porträt Reils auf Gedenkmedaille von J.L. Jachtmann 1813. Weitere Abbildungen und Faksimiles zu Reils Leben, Werk und Umgebung in Mothes (1960, Hrsg.).

Weblinks


II. Reil als Mediziner im engeren Sinne


(erfordert eine Bearbeitung durch eine medizinhistorisch Kundige)

Mann | Mediziner (18. Jh.) | Mediziner (19. Jh.) | Ostfriese | Geboren 1759 | Gestorben 1813

Johann Christian Reil

 

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