Jesus Christus ist die Zentralfigur des Neuen Testaments (NT) der Bibel. Dessen Schriften wurden von Urchristen geschrieben, die Jesus von Nazaret als von Gott gesandten Erlöser aller Menschen verkünden. Wahrscheinlich kannte keiner der Autoren den historischen Jesus. Sie verarbeiten aber ältere zunächst mündlich, dann schriftlich überlieferte Stoffe, die zum Teil aus dem Kreis der ersten Nachfolger Jesu stammen. Sie interpretieren Jesu Geschichte, sein Verhältnis zu Gott und seine Bedeutung auf verschiedene, aber im Kern übereinstimmende Weise als „Evangelium" (Frohbotschaft) für die ganze Welt. Dieser Glaube wurde zur Grundlage für das Christentum.
Das älteste Evangelium berichtete anfangs wohl noch nicht von Jesu nachösterlichem Erscheinen. Auch die NT-Briefe führen dieses nicht aus. Nur die übrigen Evangelien und Apostelgeschichte 1/9/22 berichteten davon.
Paulus zitiert hier den Glauben aller Urchristen und stellte dazu fest, dass viele Augenzeugen noch leben und befragt werden können. Dann fügte er seine eigene Jesusvision hinzu:
Er ist wahrhaftig auferstanden! (Lk 24,34) bezog sich auf das aktive Erscheinen des Auferweckten vor seinen Jüngern. Beide Ausdrücke bezeichnen im NT wie in der jüdischen Apokalyptik exklusiv Gottes Handeln. Das „Sehen" meint dort das Vorhersehen der Zukunft in einer von Gott geoffenbarten „Vision" (Dan 7,1). Es war demnach kein gewöhnliches Wahrnehmen, sondern ein Erkennen, von dem die Beteiligten nur sagen konnten, dass Gott (AT) bzw. Jesus (NT) es selbst bewirkt habe.
Das verweist auf die frühe Zeugenliste. Ihr „Sehen" war demnach die Erkenntnis: Gott hat diesen zuvor getöteten Galiläer auferweckt. Darum war sein Grab leer. Alle, die ihn nicht sahen, wurden auf einen Weg gesandt, auf dem er sich zu erkennen gab: Das rief sie erneut in die Nachfolge.
Der betonte Hinweis auf „den Gekreuzigten" stellt Gottes endgültiges Lebenschaffen gegen das unrechtmäßige Töten der Menschen und verweist auf die urchristliche Predigt in Jerusalem (Apg 4,10): Ihr habt ihn gekreuzigt, Gott aber hat ihn auferweckt!
Nur bei Markus endet der Bericht mit der Flucht der Frauen, die entgegen ihrem Auftrag nichts weitersagten (Mk 16,8). Das erinnert an die Flucht der Männer bei Jesu Festnahme (Mk 14,50) und macht klar, dass die Frauen diese zunächst gar nicht antreffen konnten. Es spielt auch versteckt auf Jes 52,15 an: Denen nichts davon verkündet wurde, die werden es sehen, und die nichts davon hörten, werden es erfahren! (von der Erhöhung des verachteten, „für uns" getöteten Gottesknechts: Jes 53,4-5).
So verkündet der Text: Nur Jesu eigenes Erscheinen konnte Entsetzen, Angst und Trauer überwinden, in Freude verwandeln (Mt. 28, 8) und Glauben an ihn schaffen (Jh. 20, 20). Das legt nahe, dass die Jesusvisionen schon bekannt waren und in oder unterwegs nach Galiläa (Emmaus, Lk. 24, 13) erfolgten: also einige wenige Tage nach der Jüngerflucht und Jesu Tod.
Der historische Gehalt der Grabüberlieferung ist sehr umstritten. Einige NT-Forscher (z.B. Rudolf Bultmann, Hans Graß, Willi Marxsen, Gerd Lüdemann) halten den Text für eine späte apologetische Legende, die Jesu Auferstehung nachträglich „beweisen" sollte. Andere (Hans von Campenhausen, Ulrich Wilckens, Wolfhart Pannenberg) gehen davon aus, dass die Grabentdeckung „am 3. Tag" historisch war und erst Markus den Bericht davon mit der Engelsbotschaft und Jesu Erscheinungen verband.
Dafür spricht, dass die Zeugenliste keine Frauen, die Grabgeschichte keine Männer und nur Frauen nennt, die Zeugen der Grablegung Jesu waren. Diese hatten im patriarchalischen Judentum damals kein Zeugenrecht, so dass ihr anfängliches Schweigen plausibel wirkt. Nach Lk 24,11 hielten die Männer ihre Nachricht vom leeren Grab für ein „Gerücht" (Martin Luther übersetzte: „Märchen“) und glaubten ihnen nicht, bis Jesus selbst sie überzeugte. Das legt nahe, dass die Erscheinungen Jesu unabhängig von, aber zeitnah zur Entdeckung des leeren Grabes erfolgten. - Dass dieses in Jerusalem bekannt gewesen sein muss, zeigt Mt 28,13: Seine Jünger kamen nachts und stahlen ihn! Diese Polemik gegen die Urchristen überliefert auch die Mischnah.
Damals wurden jüdische Märtyrer durch den Ausbau ihrer Gräber geehrt, um ihr Anrecht auf künftige Auferstehung zu betonen (Eduard Schweizer). Das war den Urchristen verwehrt: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5). Darum fehlte Jesu Grab in den ersten Petruspredigten und in den Paulusbriefen. Doch wenn es nicht nachprüfbar leer war, dann hätte sich die Botschaft von seiner Auferweckung in Jerusalem (Apg 2,32) kaum halten können (u.a. Paul Althaus, Karl Barth, Klaus Berger, Martin Karrer).
Der Text repräsentiert lukanische Theologie: Der Evangelist wollte zeigen, wie man auch ohne eigene Vision Christ werden kann. Bibelauslegung, Abendmahl, Austausch der Erfahrungen mit Jesus und gemeinsames Glaubensbekenntnis spiegeln wohl den Ablauf eines urchristlichen Gottesdienstes. Der Name „Kleophas" (v. 18) für einen der Jünger - der zweite bleibt ungenannt - wurde sichtlich später eingefügt. Wäre der Zeuge historisch, hätte die Urgemeinde seinen Namen in ihre Liste aufgenommen.
Der Credosatz, auf den der Text zielt, war diesem aber vorgegeben und wirkt sehr alt. Es erinnert daran, dass Petrus den Auferweckten als Erster sah und dies dann Anderen mitteilte. Auch Mk 16,7 nennt ihn neben den übrigen Jüngern. Das bestätigt den Anfang der Jerusalemer Zeugenliste.
Alle Evangelien betonen die Identität der auferweckten mit der gekreuzigten Person, des neuen mit dem alten Leib: Damit wehren sie wohl die gnostische These vom „Scheintod" des Erlösers ab. Dass der Auferstandene sich ernährte, hieße aber, dass er nur wiederbelebt, nicht unsterblich war. Doch die Texte verkünden auch, dass er den Naturgesetzen nicht mehr unterworfen war, sondern durch Wände ging (Jh 20,19) und an verschiedenen Orten zugleich erschien (Lk 24,33-36). - Nach 1 Kor 15,50f kann der alte den neuen Leib nicht „erben", sondern der himmlische Leib verwandelt den irdischen völlig. Insofern bestätigte Paulus, der nichts vom leeren Grab Jesu zu wissen schien, die Evangelienberichte indirekt.
Ob und wo Jesus sich den elf Jüngern zeigte - in Galiläa (Mk/Mt) oder in Jerusalem 2 Tage nach Jesu Tod (Lk/Jh)? - ist nicht mehr zu ermitteln. Beides war bei einer Jüngerflucht 3 Tage zuvor unmöglich. Darum erklärt jeder Evangelist das Jüngertreffen anders: Bei Matthäus erschien Jesus den Frauen am Grab zusätzlich zu den Engeln. Bei Lukas veranlasst das Emmauserlebnis die sofortige Rückkehr der Elf. Bei Johannes blieb Petrus in Jerusalem und betrat Jesu Grab, während Maria ihn zuerst sah. So verknüpften die Evangelisten die Grabgeschichte auf widersprüchliche Weise mit den Erscheinungen, um das Jüngertreffen zu erklären.
Die Rückkehr der Jünger nach Jerusalem erfolgte also wahrscheinlich unabhängig von der Grabentdeckung der Frauen. Sie kehrten dann nicht unbedingt gleichzeitig, sondern aufgrund je eigener Erfahrungen und Nachrichten vom auferstandenen Jesus dorthin um. Deshalb nehmen eine Reihe von NT-Exegeten (H. v. Campenhausen, W. Pannenberg, M. Karrer) an, dass die ältesten Notizen von Jüngern, denen Jesus unterwegs nach Galiläa „erschien", echte Erlebnisse widerspiegeln, da anders die Gemeindegründung in Jerusalem nach der Jüngerflucht kaum zu erklären sei. Andere NT-Forscher wie G. Lüdemann dagegen halten die Auferstehungsberichte für rein subjektive Projektion ohne äußeren Anlass.
Wer von den Jüngern eine solche Vision des auferweckten Jesus hatte, wann und wo, bleibt im NT mehrdeutig. Die Evangelien bestätigen nur die Erstvision des Petrus und einiger anderer unbekannter Jünger, ohne diese näher zu beschreiben. Von einer Erscheinung Jesu vor „500 Brüdern" und „allen Aposteln", wie sie die älteste Zeugenliste aufführt, wissen sie nichts. Die „Himmelfahrt" (Apg 1) galt nur dem Elferkreis; die Massenvision meint eventuell eine Massentaufe wie die nach der Pfingstpredigt (Apg 2,41).
Das betont den besonderen Charakter des Verkündeten als ein reales Ereignis, das aber außerhalb aller sonst bekannten Wirkungszusammenhänge steht („Wunder“). Es ist nicht „von außen“ einsehbar, sondern wurde nur einem kleinen Kreis von Zeugen offenbart. Wer dem NT glauben möchte, kann nur dem Glauben dieser ersten Zeugen glauben und ihrem Zeugnis trauen - oder aber nicht.
Hier liegt der Grund für die Bandbreite der Deutungen: Während rationalistische Theologen und Religionskritiker von „Betrug" (Hermann Samuel Reimarus), „Fiktion“ und „subjektiven Visionen“ (David Friedrich Strauß), „Projektion“ (Ludwig Feuerbach, Sigmund Freud), „mythologischem Selbstverständnis“ (R. Bultmann), „apologetischen Legenden“ (H. Graß) u.a. sprechen und diese aus einer „Verarbeitung von Schuldgefühlen“ erklären (G. Lüdemann), versuchen evangelikale, konservative und fundamentalkatholische Theologen (z.B. Walter Künneth, W. Pannenberg), Jesu Auferstehung als „historisches Ereignis“ auszuweisen. Eine Mittelposition vertrat K. Barth: Er betont das objektive Geschehen hinter den Glaubenszeugnissen, das aber prinzipiell nicht historisch verifizierbar sei.
Die Texte zeigen nach der verzweifelten Jüngerflucht unübersehbar ihre Freude über die überraschende Wende. Jesu Erscheinen war für sie völlig unerwartet und rief zuerst Furcht hervor: Denn damit kam der Richter, um sein Endgericht vorwegzunehmen und in Kraft zu setzen. Besonders Paulus, der Verfolger der Urgemeinde, erfuhr das: Ihm gegenüber zeigte sich der inthronisierte „Menschensohn“ im Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes (Apg 9,3; 2 Kor 3, 18). Darauf konnte nur Verstummen, Erblinden und Kniefall folgen. In seiner Berufungsvision fehlen daher das Mahlmotiv, das Sendungsmotiv und der Schriftbeweis: Diesen führte Stefanus bereits, von dessen Missionspredigt (Apg 7) Paulus wohl gehört hatte. Erst nach seiner Taufe empfing er laut Apg 22,16ff den Auftrag zur Völkermission.
Daher spielte das leere Grab in der urchristlichen Verkündigung keine primäre Rolle. Es war nur eine sekundäre Bestätigung für die eigentliche Osterbotschaft. Es betonte die Realität des neuen Lebens Jesu und wies die Angeredeten vom Vergangenen weg zur Zukunft: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? (Lk 24,5)
Diese Aspekte oder Dimensionen der Auferstehung Jesu sind im NT untrennbar, treten aber nicht überall zugleich auf. Die weitere Christologie und Soteriologie entfaltete sie dann je nach Situation der angeredeten Gemeinden.
So verknüpfen Leidens-, Todes- und Auferstehungsankündigungen, die Jesus gesagt haben soll, die Erzählungen von seinem Wirken in Galiläa mit seiner Passion in Jerusalem (Mk 8,31; 9,31; 10,33). Sie entsprechen der Deutung, die Jesus selbst nach dem vormarkinischen Passionsbericht seinem Tod gab.
Der Text verkündet also: Das Endgericht über Israel und die Völkerwelt fand schon statt. Gott selbst habe seinen Sohn „dahingegeben", um Israel und alle Menschen aus diesem Gericht zu erretten.
Jesu Gottverlassenheit hat eine exklusive und eine inklusive Seite. Als der für uns Gerichtete erleidet er das Gericht stellvertretend für uns: Nur er kann das, nur er tut das. Niemand anderes kann und soll das noch tun. Als der mit und für uns ungerecht Leidende schreit er nach Gottes Gerechtigkeit. So tun es heute noch viele wie er und mit ihm, und er mit ihnen.
Beide Seiten sind nicht von der Geschichte des jüdischen Volkes zu trennen. Denn der Beter von Psalm 22 appelliert an den Gott des Exodus und stellt sein Leiden in Israels Gesamtgeschichte hinein. Er betet und leidet mit seinem und für sein Volk (Claus Westermann).
So sagt der Passionsbericht: Gerade im Sterben Jesu liegt Hoffnung für uns. Gott selbst ist in diesem Sterben präsent, leidet und stirbt mit seinem Sohn. Gottes Reich wird kommen und alle Gewaltherrschaft überwinden. Jesus selber hat diese Zusage Gottes ultimativ bekräftigt. Indem er sein Leben am Fest der Befreiung Israels für alle Völker hingab, gab er mit Israel allen hoffnungslos Versklavten und Gefolterten Anteil an Gottes Zusage.
Nimmt man den ältesten Passionsbericht genau beim Wort, dann ist gerade die Verkündigung des Todes Jesu, die in der europäischen Geschichte immer wieder zu Judenpogromen führte und dazu missbraucht wurde, der durchschlagende Grund für eine unkündbare Solidarität aller Christen mit allen Juden und allen zu Unrecht Verfolgten. Zugleich lassen sich von da aus judenfeindliche Aussagen in den Evangelien als situationsbedingt relativieren und sachlich entkräften.
David erhielt die Zusage ewiger Thronfolge (2 Sam 7,13f), nachdem er die Bundeslade des alten 12-Stämmebundes nach Jerusalem überführt hatte. Daran knüpfte die Messiaserwartung der Exilsprophetie nach dem Untergang des Königtums an: Der Messias wurde als später „Spross" der Davidsippe erhofft (Jes 11,1).
Dieses Messiasbild war im Volk auch mit der gerechten Rechtsprechung für die Armen und Heilung der Kranken verbunden. Wo Jesus so genannt wird, stehen derartige Erwartungen im Vordergrund. Dem hat Jesus nicht widersprochen (Mk 10,46–52).
Aber der neue David sollte Israel auch gewaltsam aus der Hand seiner Feinde befreien: Dem hat Jesus zeichenhaft widersprochen und stattdessen an den machtlosen Messias Sacharjas erinnert (Mk 11,1–10).
Er soll auch betont haben, dass der Messias kein Nachfahre, sondern Vorfahre Davids und diesem übergeordnet sei (Mk. 12, 35f): Das spielte offenbar auf den präexistenten "Menschensohn" an, der aus Gottes Bereich stammt (Dan 7,13f).
Der Christustitel ist jedoch offen für verschiedene Auslegungen. Er kann als Aussage über Eigenschaften des Menschen Jesus aufgefasst werden und bedeutet dann: „der, der befreit, rettet, hilft, zur Liebe befähigt" usw.
Ob Jesus selbst sich „Maschiach“ nennen ließ, ist umstritten. Das älteste Evangelium bietet dafür nur wenige Belege. Es betont, dass die Messiaserwartung von außen an Jesus herangetragen wurde und er sie zurückgewiesen oder mit Hinweis auf sein notwendiges Erlösungsleiden beantwortet habe.
Die Paulusbriefe (z.B. Röm 1,3) und das Markusevangelium (z.B. Mk 15,39) verwenden vorzugsweise den Sohn Gottes-Titel, um die Besonderheit dieses Messias gegenüber dem Judentum hervorzuheben.
Jesus selbst nannte sich nie so, sondern nannte Gott zum einen „Abba" (lieber Vater, Papa), seine Jünger und Mitjuden zum anderen „Kinder Gottes": Er brachte ihnen Gottes liebevolle Fürsorge nahe (Mt 6,25-33).
Das knüpfte an die älteren prophetischen Messiasweissagungen vom Völkerfrieden an, die bisher unerfüllt geblieben waren. Es grenzte sich aber auch gegen sie ab: Denn nun wurde die Erlösung nur noch vom Endgericht Gottes, also zugleich mit dem Ende der Welt erhofft. Vom Tempel und vom Messias war in der Vision keine Rede mehr. Die endzeitliche Wende wurde offenbar nun keinem Menschen, auch keinem Davidsspross mehr zugetraut. Erst nach dem Gericht über alle Gewaltherrschaft sollte „das Allerheiligste gesalbt", also der jüdische Tempel neu eingeweiht werden (Dan 9,24.) So widersprach Daniels Apokalyptik denen, die sich mit der Vertreibung der Fremdherrscher, die den Tempel entweiht hatten, zufrieden gaben, und den Tempelkult nur wiederherstellen und gegen Ausländer verteidigen wollten.
Die jüdischen Spätschriften Äthiopisches Henochbuch und das Buch 4. Esra versuchten dann, die Heilserwartungen des Messias und des Menschensohns zu verbinden und auszugleichen. Dabei erhielt der Menschensohn Attribute des Weltrichters: Er würde also nicht nach, sondern zu dem Endgericht erscheinen und Gott darin vertreten.
Diese besondere jüdische Apokalyptik hat die Zeit „zwischen" den Testamenten und die Endzeiterwartung um die Jahrtausendwende mitgeprägt. Sie wurde von den meisten Pharisäern geteilt. Für die Sadduzäer dagegen war Daniels Apokalyptik eine Irrlehre, weil in der Tora (den 5 Büchern Mose) nichts vom Menschensohn stand. Diese war für sie allein maßgeblich.
Welche Menschensohn-Vorstellung in einem Jesuswort gemeint ist, lässt sich wohl nur von Fall zu Fall entscheiden. Bei Markus nimmt Jesus schon in Galiläa die Vollmacht des Menschensohns in Anspruch, um Sünden zu vergeben (Mk 2,10) und am Sabbat zu heilen (Mk 2,28). Diese Vollmacht wird dem Menschensohn Daniels erst nach dem Endgericht übertragen.
Später kündigt Jesus die Auslieferung des Menschensohns an seine Feinde an (Mk 8,31). Das war in Daniels Vision nicht vorgesehen, weil der Menschensohn dort erst erscheint, nachdem Gott Israels Feinde besiegt hat.
Einzigartig ist ein Jesuswort, das den Menschensohntitel auf die Erwartung des stellvertretend für das Volk leidenden „Gottesknechts" bezieht und betont, er sei zum Dienen, nicht zum Herrschen gekommen (Mk 10,35-45): Damit wird die apokalyptische Umkehr der Machtverhältnisse in der Zeit nach dem Endgericht in die Gegenwart vor diesem Endgericht hineingezogen. Darum konnten die Urchristen Jesu Sterben später als der Menschheit dienenden Machtverzicht des Sohnes Gottes (Phil 2,7) und stellvertretende Übernahme des Endgerichts (Mk 15,34) deuten.
In den Reden über das Endgericht (Mk 13, Mt 25, Lk 21, Jh 3; 5,19-30) erscheint der Menschensohn als Weltrichter. Er vertritt also Gott selbst in dieser Funktion.
Nach Ostern ersetzte die Jerusalemer Urgemeinde den Menschensohntitel durch den Kyrios-Titel, um Jesu Erhöhung an Gottes Seite auszudrücken. Nur Stefanus bekannte sich zum erhöhten Menschensohn (Apg 7,56) und wurde dafür vom Sanhedrin zur Steinigung verurteilt.
Dieser Titel ist die griechische Übersetzung des hebräischen Gottesnamens "JHWH". Er bezeichnet dessen Heiligkeit, Machtfülle und Weltherrschaft.
"Jesus Christus ist der Kyrios!" (Phil. 2, 11) ist einer der ältesten christlichen Glaubenssätze überhaupt (vgl. "Maranatha": "Unser Herr, komm!").
Der Messias ist in der Bibel ein von Gott erwählter, aber sterblicher Mensch. Dass er hier - von Juden! - mit Gott selbst identifiziert werden konnte, ist ein starkes Indiz dafür, dass Jesus sich tatsächlich selbst als der kommende gottgleiche "Menschensohn" von Daniel 7 vorgestellt hat.
Dann hätte der Kyriostitel den Menschensohntitel nach Ostern verdrängt und ersetzt, weil man respektierte, dass Jesus selbst sich vor Ostern so nannte und nun zu Gott erhöht worden war.
Vorösterliche Titel sind z.B. wiedergekommener Johannes, neuer Elijas, Prophet, des Gesetzes Ende, letzter Rufer, endgültiger Bote, Messias, Sohn Gottes (allerdings nur im jüdischen Sinn als Engel bzw. Überlieferer der Worte Gottes), Menschensohn, Sohn Davids, etc.
Nachösterliche Titel sind z.B. der Gekreuzigte, der Auferstandene, Christus, Sohn Gottes, etc.
Dieser Titel ist typisch für die Sühnopfer-Deutung des Todes Jesu im Rahmen eines Passahfestes (Jh. 1, 29), die an die Weissagung vom "Gottesknecht" (Jes. 53, 7) anknüpft.
Die Vielfalt der Titel im NT zeigt bereits die Vielfalt der Möglichkeiten, das "für uns gestorben" in den ältesten Credoformeln auszulegen.
Die Autoren des NT beziehen viele Passagen des AT auf Jesus. Es wird so auf vielfältige Weise zu einer Vorhersage dieses Messias, z.B. in:
Die "Schrift" war für die Jünger Jesu der Schlüssel, seinen Tod und seine Auferweckung als vorherbestimmten Willen Gottes zu verstehen. Das konnten sie aber nur, weil Jesus selbst es ihnen nahe gelegt hatte.
Paulus war der erste christliche "Theologe". Er wurde als Christenverfolger durch eine eigene Jesusvision (Apg. 9, Jesus erscheint Saulus vor Damaskus) bekehrt und zum Völkerapostel berufen. Er gründete auf Missionsreisen im Mittelmeerraum eine Reihe von Christengemeinden, denen er in Briefen beistand. Er vertrat die Völkermission ohne Beschneidung; d.h. er legte für getaufte Christen die Tora Israels anders aus als diese in der damaligen Zeit durch Schriftgelehrte ausgelegt worden war. Er bekräftigte aber zugleich die unkündbare Abhängigkeit aller Christen von Israels Erwählung (Römerbrief 9-11).
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