Die Jenischen sind eine wandernde ethnisch-soziale Gruppe ungeklärter Herkunft. Gewisse Teile der jenischen Sprache weisen auf eine sehr lange eigene, in Europa verwurzelte Geschichte hin. Manchmal werden sie auch als „weiße Zigeuner“ bezeichnet, da sie im Vergleich zu den Roma eine hellere Hautfarbe haben, was auch zu der Vermutung eines keltischen Hintergrunds führte. Dass es überhaupt zu Vergleichen und Verwechslungen mit Roma kam, lag daran, dass Jenische (früher durchwegs, heute nur noch teilweise) ein nomadisierendes Leben führen und als Randgruppe der Gesellschaft oftmals in ähnlichen Berufen (wie Scherenschleifer, Korbflechter und Gaukler) tätig waren. Jenische 1928px400.jpg
Wegweisungmesserligrubebeibern1977rgnant32kb.jpg In Deutschland leben 200.000 Jenische, davon 120.000 in Bayern, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Die meisten Jenischen in Deutschland sind halbsesshaft oder sesshaft; 29.000 leben auf der „Reise“, d.h. sie wohnen ganzjährig in Wohnwagen. In der Schweiz gibt es 50.000 Jenische, von denen noch 3.500 ganzjährig auf die „Reise“ fahren und nicht sesshaft sind. In Österreich leben 35.000 Jenische vorwiegend in Tirol, im Mühlviertel, Waldviertel und im Burgenland sowie 3.500 als ganzjährig Fahrende. In Ungarn leben 60.000 Jenische, wobei sich wie in Weißrussland (11.000) nicht feststellen lässt, wie viele noch Fahrende sind. In Belgien zählte man in den 1990er Jahren rund 7.000 „auf Reise“ lebende Jenische, die Zahl „sesshafter“ Jenischer ist unbekannt. Für andere Länder wie Frankreich, Niederlande und Luxemburg liegen keine Angaben zum Bevölkerungsanteil der Jenischen vor. Alain Reyniers schrieb 1991 in einem Artikel der Zeitschrift Etudes Tsiganes (N°2/91): ils constituent, aujourd'hui en France, sans doute le groupe le plus volumineux. Ins Deutsche übersetzt: Sie bilden heute in Frankreich ohne Zweifel die größte Gruppe (der Zigeuner). Weite Wanderungen führten sie bis nach Serbien, Ungarn und Estland. Nur in der Schweiz sind sie als nationale Minderheit anerkannt.
Die Herkunft der Jenischen ist ungeklärt.
Jenische Leute selbst bezeichnen sich oft als Nachfahren der Kelten. Ihre diesbezüglichen Argumente sind jedoch wissenschaftlich ebenso umstritten wie die verschiedenen anderen Thesen und Mythen über die Entstehung des jenischen Volkes.
Die These, die Jenischen seien aus der Gruppe der jüdischen Wanderhändler (Chochemer) entstanden, stützt sich auf die Hebraismen in der jenischen Sprache und den nicht unbedeutenden Anteil an in beiden Gruppen vorkommenden Familiennamen. Diese These ignoriert jedoch die frühen Belege des Wortes jenisch und die älteren Sprachteile der jenischen Sprache. Wären die Jenischen erst aus den jüdischen Wanderhändlern entstanden, so bliebe unerklärlich, wieso diese wesentliche Teile ihrer existierenden jiddischen Sprache durch alte Teile fremder Sprachen ersetzen sollten. Wahrscheinlicher ist, dass der als Einzelperson reisende jüdische Hausierer manchmal die Gastfreundschaft auf jenischen Lagerplätzen genießen durfte und so auch bikulturelle Ehen zustande kamen, die jüdische Familiennamen in die jenische Welt einbrachten.
Andere Thesen zur Herkunft besagen, dass die Jenischen ein aus den Wirren des dreißigjährigen Krieges entstandenes Gemisch aus Deserteuren, verarmten Soldaten und der Unterschicht oder eine im Zuge der Bauernkriege (1520 bis 1525) aus der Schweiz ausgewanderte Volksgruppe seien. Hiergegen spricht jedoch, dass die Jenischen fast ausnahmslos katholisch sind und als Gruppe somit vor der Spaltung der Kirche entstanden sein müssen, und dass nur protestantische Gruppen in jener Zeit aus der Schweiz ausgewandert sind. Außerdem tolerierte die katholische Kirche, wie auch beim Brauchtum der Mehrheitsgesellschaft, Bräuche und Traditionen heidnischen Ursprungs, was den Jenischen deren Weiterführung ermöglichte.
Die Jenischen wurden über die Jahrhunderte stets im Kontext des Zeitgeistes der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen. Was sie aber durch all diese Zeitzeugnisse wie ein roter Faden identifiziert, sind drei immer gemeinsam auftretende Phänomene:
So galten sie den Gelehrten und Geistlichen des Mittelalters als falsche Bettler und Pilger. Diese Sicht spiegelt sich z. B. in den Illustrationen Albrecht Dürers in Sebastian Brants Buch „das Narrenschiff“ von 1494, in Martin Schongauers Kupferstich „Leben auf der Landstraße„ von 1470, sowie Martin Luthers „LiberVagatorum.jpg“ (Untertitel: „von der falschen Bettler Büberei“), erschienen im Jahre 1510, wider.
Jenische ca1890 Muotathal CH.jpg Beim aufkommenden Zunftwesen konnten die traditionellen Handelsnomaden und Wanderarbeiter ihre Gewerbe nicht mehr legal betreiben und mussten vor den Städten ihre Zelte aufschlagen. Auch wurde es ihnen nur noch erlaubt, in Nischentätigkeiten ihrer vorherigen Berufe zu arbeiten. So wurden aus Kupferschmieden Kesselflicker, aus Zinngießern Verzinner und aus Messerschmieden Scherenschleifer. In der Schweizer Stadt Chur sind noch zwei Straßen nach ihren Lagerplätzen und Tätigkeiten benannt. Seit dem 16. Jahrhundert trafen sich die Jenischen in der Kleinstrepublik Gersau am Vierwaldstättersee zur alljährlichen „Fekker-Chilbi“, die ihnen temporäre Gewerbefreiheit gewährte und die, abgesehen von den durch den Anschluss Gersaus an die Schweiz erzwungenen Unterbrechungen im 19. und 20. Jahrhundert, bis heute stattfindet. Diese durch Jenische und Sesshafte geschaffene Handelssymbiose hat beispielhaft in der 1973 gegründeten „Fete de la Brocante“ in le Landeron ein modernes Pendant. Auch als Nachrichtenübermittler waren die Fahrenden vor dem Aufkommen moderner Kommunikationsmittel unentbehrlich, was ihnen aber zu Kriegszeiten den Ruf eintrug, Spione zu sein. Ihre unter anderem aus solchen missgünstigen Schlussfolgerungen resultierende öffentliche Zurückhaltung bei politischen Fragen wurde ihnen dann wiederum negativ ausgelegt als eine werthaltungsfreie und meinungslose Lebensführung. Dieser „Circulus diaboli“ ist einer der Mechanismen des Antiziganismus.
Nach dem dreißigjährigen Krieg, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, wurden viele Jenische in Dörfern angesiedelt. Diese Praxis wiederholte sich in den 1850er-Jahren in der Schweiz als Zwangseinbürgerungen. Basierend auf dem Gesetz betreffend die Heimatlosigkeit wurden in dieser Zeit die Jenischen in der Schweiz einem Verhör unterzogen und je nach daraus gefundenen verwandtschaftlichen Beziehungen einer Gemeinde zwangsweise als Bürger zugeteilt. Der Zwang bezog sich aber nicht auf die jenischen Familien, sondern auf die Gemeinden, welche sich oftmals mit juristischen Mitteln gegen die Zwangseinbürgerungen zu wehren versuchten. Viele Jenische waren damals froh, endlich ein Heimatrecht zu besitzen, da sie so endlich in den Besitz der für ihre Lebensweise wichtigen Heimatscheine kamen. Da reichere Gemeinden und Städte sich bei den Bundesbehörden mit Rekursen besser gegen diese Zuteilungen wehren konnten, erfolgten die Zuteilungen weitgehend in armen und entlegenen Gebieten, so z.B. in den Sumpfgebieten der Linthebene und in Bergdörfern des Kantons Graubünden. Die Liste der jenischen Dörfer illustriert das Vorgehen der Schweizer Behörden. Diese Sesshaftmachungen dürften später irrtümliche Theorien der Entstehung der Jenischen begünstigt haben (siehe oben).
Im 18. Jahrhundert verfolgte man sie als Gauner- und Räuberbanden, da sie wie diese ohne festen Wohnsitz in Wäldern lebten. Zu dieser Zeit gesellten sich auch viele sogenannte Chochemer, heimatlose Juden, zu den letzten Vertretern des „Fahrenden Volkes“. Es waren Juden, die wegen Kontingentregelungen als Überzählige kein Bleiberecht in den Ghettos mehr hatten und nun als Wanderhausierer übers Land zogen (siehe H. Graetz). In dieser Zeit gelangten viele hebräische Worte in den jenischen Wortschatz. In dieser Zeit trafen sie auch auf fahrende Sinti. Da die Schmälamar, wie die Jenischen die Sinti nennen, aber unter sich bleiben wollten, gibt es nur wenige Lehnworte aus der Zigeunersprache.
JenischerScherenschleifer.jpg Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren, u.a. wegen der oben beschriebenen Sesshaftmachungen, reisende Jenische nicht mehr so zahlreich wie im Mittelalter. Sie lebten als Korbmacher, Scherenschleifer, Kesselflicker, und neuerdings auch als Schirmflicker. Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Industriewirtschaft immer mehr ausbreitete, ging die Nachfrage nach ihrem überlieferten Handwerk zurück. Sie machten aus der Not und Ironie ihres Schicksals eine Tugend und wurden Antiquitäten-, Schrott- und Altwarenhändler. Obwohl sie von den Kommunisten als gesellschaftlich nicht integrierbares Subproletariat betrachtet wurden, fanden sie in den 1920er-Jahren in den Schriftwerken der Anarchisten (u.a.bei Erich Mühsam) und Nonkonformisten geschichtliche Anerkennung als „lebendes Beispiel einer autonomen und unkonventionellen Gegengesellschaft“. Dieser Lebenswandel wurde ihnen in der Nazizeit, unter anderem, zum Verhängnis.
Die Jenischen kennen als Volk keine Hierarchie, die sich auf Stammestraditionen oder Sippen gründen. Vielmehr ist jeder Jenische ein „par inter pares“, ein sich selbst Bleibender unter Gleichen. Auch kulturell oder familiär begründete Rollenverteilungen zwischen weiblichen und männlichen Personen sind den Jenischen seit alters her fremd. Respekt gilt es den älteren Menschen der Gruppe zu erweisen und von jenen fürs Heute zu lernen. Religionszugehörigkeiten oder Gesinnungsbekundungen waren und sind zumeist Schutzmäntel in totalitären und ideologisierten Räumen, unter denen man seinen über die Jahrhunderte gewachsenen Gruppenanarchismus leben konnte. Durch Menschen aufgestellte Regelwerke, Gesetze und Prinzipien, die Anspruch auf Gemeingültigkeit erheben, erscheinen ihnen suspekt und dem Mysterium des Daseins und der Vielfältigkeit der Situationen nicht gerecht zu werden. Versuche, die Jenischen auf eine Leistungsgesellschaft zu konditionieren oder bürgerlich zu sozialisieren, waren aus diesen Gründen stets zum Scheitern verurteilt. Vielmehr strebten die Jenischen nach Autonomität im Wirtschaftsverhalten und so fanden sie wie das Wasser einen Weg, ihre Eigenart über die Zeiten zu bewahren.
Jenische Sprichwörter wie:
Hans_Holbein_1538_Pedlar.jpg Die Folklore der jenischen Kultur ist gekennzeichnet durch ihren peripatetischen Lebenswandel und spiegelt auf prägnant-allegorische Weise das Los des zwischen den Welten Wandernden dar. Charakteristische Spruchprosa wie „ein Ei, ein Bein, ein Totenbein„ die den Schicksalsweg des Jenischen beschreiben, finden in zeitgenössischen Darstellungen über Jenische ihre Bestätigung (s. Abb.)
Die wohl bekannteste jenisch-jüdische Künstlergruppe waren die Marx Brothers. Die Vorfahren mütterlicherseits waren Schausteller in Norddeutschland. Der Großvater hausierte als Schirmflicker und trat als Bauchredner auf. Um 1880 wanderte die Familie nach New York aus. Der Großvater väterlicherseits zog im Elsass in einem Holzwohnwagen übers Land. Groucho und Harpo Marx schildern in ihren Autobiografien die familiären Ursprünge als prägende Einflüsse.
Der jenische (Rock-)Chansonnier Stephan Eicher wurde im deutschsprachigen Raum in den 1980ern bekannt mit der NDW-Chartsingle Eisbär, danach europaweit mit diversen Alben, Tourneen und Nummer-Eins-Hits in Frankreich und der Schweiz. Seit den 1990ern ist er vor allem in Frankreich ein Star.
1978 wurde von der Gruppe 'HölzerLips' das Album 'Jenischer Schall' aufgenommen. Viele der Lieder sind mit jenischem Idiom durchsetzt. Diese Schallplatte ist ein seltenes Zeugnis einer Hommage von Deutschen an die Kultur der Jenischen, die in den 1970er-Jahren speziell aus dem Umfeld der Hippie-Bewegungen als Zigeuner wahrgenommen und in das meist romantisierende Weltbild der Hippies aufgenommen wurden.
Die Tabelle listet Ortschaften, Städte, Talschaften und Gebiete auf, die z.B.:
Wo Wikipedia-Artikel auf der Ebene Ortschaften, Städte fehlen, sind übergeordnete Gebiete (z.B. französische „départements“) als Querverweis verlinkt.
Siehe auch
Viele Fremdbezeichnungen haben einen pejorativen Charakter. Auch scheinbar „wertneutrale“ Bezeichnungen (z.B. die Verwendung eines Berufsbegriffs wie „Besenbinder“ als Bezeichnung des Volkes) werden meist durch Satzzusammenhang, Mimik und Intonation zu abwertenden Umschreibungen. Die Fremdbezeichnungen haben ihren Ursprung oft entweder in einer Sinnverbindung zur nomadischen Lebensweise oder zu einem von Jenischen ausgeübten Gewerbe.
Beispiele:
Die Genossenschaft fahrendes Zigeuner-Kultur-Zentrum wurde 1984 gegründet mit dem Ziel, in Zusammenarbeit von Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz Kulturtage zu organisieren und Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Die Organisation Naschet Jenische ist eine Selbstorganisation von Opfern des sogenannten Hilfswerk Kinder der Landstrasse. Sie handelte mit den Schweizer Behörden Wiedergutmachungszahlungen und Akteneinsichtsrechte für die Betroffenen aus. Der Verein Schinagel hat sich zum Ziel gesetzt, mittels neuer Berufsbildungsprogramme an neue wirtschaftliche Umgebungen angepasste fahrende Lebensweisen zu ermöglichen. Der Jenische Kulturverband Oesterreich ist die erste Organisation Jenischer außerhalb der Schweiz. Der Verein der Jenischen e.V. in Singen ist die erste Organisation Jenischer in Deutschland. Anfang 2006 wurde in Deutschland eine weitere Organisation gegründet, der Jenischer Bund in Deutschland. Der Verein Schäft qwant fasst als transnationaler Verein für jenische Zusammenarbeit und Kulturaustausch auf seiner Homepage www.jenisch.info – Webportal mit Links zu allen Organisationen der Jenischen die nationalen Organisationen der Jenischen zusammen und vertritt 16 ihm angeschlossene Vereine aus 6 Ländern.
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