Jean-Luc Godard (* 3. Dezember 1930 in Paris, Frankreich) ist ein französisch-schweizerischer Filmregisseur.
Jean-Luc Godard entstammt einer großbürgerlichen französisch-schweizerischen Familie. Sein Vater war Arzt und Besitzer einer Schweizer Privatklinik, seine Mutter kam aus einer angesehenen Bankiersfamilie. Er besaß ursprünglich nur die französische Staatsbürgerschaft und wurde erst 1953 Bürger von Gland im Kanton Waadt.
Er besuchte zunächst die Schulen im waadtländischen Nyon, siedelte sich nach der Scheidung seiner Eltern 1948 in Paris an, besuchte dort das Gymnasium und begann ein Jahr später an der Sorbonne-Universität ein Studium der Ethnologie. Während der Studienzeit erwachte seine Leidenschaft fürs Kino, er lernte dort auch den Filmtheoretiker Andre Bazin kennen, der ihn stark beeinflusste.
Godards zweiter Film erregte nicht nur künstlerisches, sondern vor allem politisches Aufsehen. In Le petit soldat ("Der kleine Soldat") beschäftigte sich Godard 1963 mit den Schrecken des Algerienkrieges, den die französische Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung Algeriens führte. Der Film wurde von der Zensur verboten und durfte zwei Jahre lang nicht in Frankreich aufgeführt werden mit der Begründung, dass der Film die Jugend Frankreichs davon abhalten würde, in Algerien zu dienen. Erst nachdem Godard alle Namen in den Radionachrichten und die Zeitungsnachrichten gelöscht hatte, wurde die Freigabe für den Film in Frankreich erteilt. Der Versuch Godards, mit seinem zweiten Film die Unordnung und Verwirrung seines ersten Werkes zu kompensieren, schlägt fehl. Dies liegt vor allem an dem von Widersprüchen zerrissenen Hauptcharakter und der ständig in der Vergangenheit liegenden Handlung, die sich fast ausschließlich mit Reflexion auseinandersetzt.
Bis zum Ende der 1960er Jahre war Godard weiterhin sehr produktiv, wobei Filme wie Week-end, La chinoise oder Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß, chronologisch sehr schwer einzuordnen sind, da sie teilweise parallel gedreht wurden. Godard bewegte sich in diesen Werken immer weiter weg vom realistischen Erzählkino im Stile Truffauts hin zu experimentellem Umgang mit Musik, Schrifttafeln und Beiträgen zum Vietnam-Krieg, der in fast allen Filmen aus dieser Zeit Erwähnung fand. Week-end zum Beispiel enthält eine der längsten Kamerafahrten der Filmgeschichte, die jeweils viermal durch Schrifttafeln unterbrochen wird: Der Hauptdarsteller des Filmes kämpft sich rücksichtslos durch einen Stau auf einer Landstraße in Frankreich, an dessen Ende Godard ein Blutbad inszeniert. Der Film ist Godards Reflexion seiner Zeit, er zeigt Mao-Hippies, die sich als Kannibalen entpuppen, brennende Fiktionsfiguren (entnommen von Lewis Carroll) und zwei Afroamerikaner, die, Malcom X zitierend, den Untergang unserer Kosumgesellschaft prophezeien. Am Ende erscheint der Schlußtitel Fin de cinema und lässt den Betrachter mit dem unerbittlichen Bild einer Welt ohne Perspektive allein.
In den Jahren 1972/1973 übernahm Godard die Firma Sonimage, die ihm Produktionsunabhängigkeit gegenüber größeren Firmen verlieh und ihm die Selbstverwaltung der Produktionsmittel zugänglich machte. Sechs Jahre später kam es zu einem Vertrag zwischen Sonimage und dem soeben unabhängig gewordenen Mozambique, das sich an Godard wendete mit der Bitte, dem Land eine Infrastrukutur der bewegten Bilder zu schaffen. Der Neuanfang mit der Firma hatte wenig zu tun mit den provozierenden und ungezügelten Werken davor, Godard arbeitete vorwiegend mit Videokameras und näherte sich einem fast schon dokumentarischen Stil.
Godard ist heute noch filmisch aktiv, auch wenn seine avantgardistischen Werke es in der zunehmend von kommerziellen Multiplexen geprägten Kinolandschaft immer schwerer ins Programm schaffen. Seine neueren Arbeiten sind regelmäßig auf Filmfestivals zu sehen.
Godard ist einer der führenden Vertreter der Nouvelle Vague und der Auteur-Theorie, seine Filme gelten als richtungsweisend. Sie sind unter anderem bekannt für ihre freie, experimentelle Form. Er widersetzte sich darin von Anfang an den Vorgaben und festen Regeln des klassischen Hollywood-Kinos, indem er z. B. Dialoge nicht auf die herkömmliche Weise (Schuss-Gegenschuss) filmte, sondern mit Kamerabewegungen und Positionen experimentierte. Seine Filme sind oft collagenhafte Abbilder der Realität. Godard ist mitunter derjenige, der am meisten den Jump-Cut verwendet und ihn in seinem bekanntesten Werk Außer Atem als erster Regisseur überhaupt einsetzte. Die damaligen "Verstöße" gegen das bis dahin Übliche sind heute kaum mehr wahnehmbar, da sie mittlerweile selbst in den einfachsten Fernsehinterviews genutzt werden. Er durchbricht die Filmrealität, indem er einerseits die Aufnahmemechanismen des Mediums offenbart, andererseits aber dokumentarische Aspekte einflicht. So lässt er beispielsweise seine Figuren in Interviewsituationen zu Wort kommen (Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß) oder aber er verweigert durch die Aneinanderreihung nicht zusammengehöriger Bilder eine Kontinuität, die in kommerziellen Filmen eine realistische Umgebung suggeriert. Die Handlung wird, vor allem in seinen früheren Filmen, gerne unterbrochen von z.B. plötzlichen Musikeinlagen (Pierrot le Fou) oder abrupten, nicht weiter erklärten Schießereien (Masculin - feminin Oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola), entsprechend seinem Faible für amerikanische Genre-Filme, wobei er diesen selten mehr als einige Grundsituationen entnommen hat. Sein erklärtes Ziel war es, die durch Gewöhnung als natürlich angesehene Wahrnehmung des Filmes aufzulösen, um eine Analyse der eigenen, subjektiven Wahrnehmungsweise in den Mittelpunkt zu stellen. Häufig verwendet er in seinen Filmen Schrift, um sie auf bildhafte Qualitäten hin zu untersuchen (Une femme est une femme, dt. "Eine Frau ist eine Frau").
Er setzt sich ebenfalls in vielen seiner Filme mit dem Problem auseinander, in welcher Beziehung Sprache und Bild miteinander stehen und suggeriert einerseits, dass die Sprache zwar niemals akkurat eine bildliche Handlung wiedergeben kann, andererseits traut er der Poesie der Bilder nicht über den Weg (Zitat: „Wir versuchen, immer weniger Bilder zu zeigen und mehr Töne zu machen“) und versucht, die Kontrolle über die Bilder mit Hilfe der Sprache zu gewinnen. Nach 1967 spricht Godard nicht mehr vom Film an sich, sondern nur noch von Bildern und Tönen. Interessant ist für ihn auch die Frage, warum gerade die Worte oder Bilder benutzt werden, die benutzt werden und nicht irgendwelche anderen. Er befindet sich deswegen auf der Suche nach den "richtigen" Wörtern und Bildern und bietet dem Zuschauer in manchen seiner Filme diesbezüglich verschiedene Möglichkeiten an. Ständig stellt er die Wahrnehmung in Frage, verweist auf ihren subjektiven und unsicheren Charakter; zeigt, wie begrenzt das sichere Wissen der Menschen über Gegenstände oder Personen jedweder Form ist. In seinem Film Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß beruft er sich auf Ludwig Wittgenstein, dort sagt seine Darstellerin: „Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen der Welt... meiner Sprache, meiner Welt“.
Das Kino Godards lässt sich nicht auf eine Stilrichtung beschränken, denn gerade seine qualitativ unterschiedlichen und zum Teil widersprechenden Haltungen machen sein Gesamtwerk so schwer fassbar. Wie ein Wissenschaftler war Godard immer auf der Suche nach der Wahrheit, die seiner Meinung nach mit den klassischen Mitteln der Filmerzählung höchstens vorübergehender Natur war und deswegen schloss er gemäß der heisenbergschen Unschärferelation die Experimentalanordnung seiner Filme mit in die Bewertung des Ergebnisses ein (Zitat: Ich ziehe es vor, etwas zu suchen, was ich nicht kenne, statt etwas, was ich kenne, besser zu machen). Denn ähnlich wie für Friedrich Schlegel („Nur das Unvollendete kann begriffen werden“) waren für Godard neue Ziele wichtiger als der zurückgelegte Weg. Immer wieder stellte sich für ihn die Frage, wie das Wissen, das angestrebte Ziel, über die Technik des Filmes zu erlangen war und in welcher Weise diese Technik die Realität transformierte.
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