Jean-François Lyotard (* 10. August 1924 in Versailles; † 21. April 1998 in Paris) war ein französischer Philosoph und Literaturtheoretiker der Postmoderne im 20. Jahrhundert.
Lyotard legte seine agrégation (Staatsexamen) in Philosophie im Jahr 1950 ab. Er unterrichtete zunächst Philosophie an verschiedenen Oberschulen, darunter von 1950 bis 1952 in Algerien (damals noch Bestandteil des französischen Mutterlandes). Er promovierte 1971 zum Docteur de lettres. Als Ausgangspunkt seines philosophischen Werdegangs gilt Edmund Husserl.
Er war von 1954-1966 Mitglied in der Gruppe Socialisme ou Barbarie ("Sozialismus oder Barbarei"), einer Zeitschrift linker französischer Intellektueller, die sich nach dem Aufstand in Ungarn (1956) als Gegenpol zum sowjetischen Kommunismus gebildet hatte.
Ab 1966 war er tätig als Professor der Philosophie an der Pariser Universität Paris-VIII (Vincennes, Saint-Denis) und anderen Hochschulen (Sorbonne, Nanterre, CNRS, Vincennes). Später unterrichtete er Kritische Theorie an der University of California in Irvine sowie Französisch und Philosophie an der Emory University in Atlanta und an der Yale University. Lyotard gründete das Collège International de Philosophie in Paris und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der European Graduate School.
Jean-François Lyotard veröffentlichte 1979 die Studie Das postmoderne Wissen (Originaltitel: La condition postmoderne), die er als Auftragsarbeit für den Universitätsrat der Regierung von Québec geschrieben hatte. Er beschäftigt sich darin mit dem Wissen in den hochentwickelten "postindustriellen" Gesellschaften und setzte dabei auch den Begriff der Postmoderne durch. Er versteht sich selbst als Sprachwissenschaftler und bezieht sich auf Ludwig Wittgenstein und dessen Theorie der Sprachspiele.
Demnach läuft Kommunikation in Form eines Spiels mit bestimmten Regeln ab, die je nach Situation neu gesetzt, verändert oder eingehalten werden (vgl. Spieltheorie).
Lyotard unterscheidet zwei Formen von Wissen:
Wissenschaft sieht Lyotard also als neues Sprachspiel, das mit dem Problem der eigenen Berechtigung konfrontiert ist (vgl. Agonistik). Dafür schlägt er zwei mögliche Legitimationserzählungen vor:
Nach Lyotard gelingt es beiden "großen Erzählungen" nicht, sich selbst zu legitimieren; die Moderne sei daher gescheitert, die großen Erzählungen müssten aufgegeben und durch neue Sprachspiele ersetzt werden. Hier sieht er vor allem den Diskurs der Macht, der sich das Effizienz-Spiel der Technik kontrolliert. Das entscheidende Kriterium dabei ist die Performativität, also die Beherrschung von Daten. Dem gegenüber steht das Individuum, das "auf sich selbst zurückgeworfen" sei und "kleine Erzählungen" in Form überraschender und neuer Spielzüge erfinden müsse.
Die Überlegungen Lyotards im Rekurs auf Kant haben massive politische Implikationen, zählt er zu den gescheiterten "Rahmenerzählungen" doch auch den Marxismus. Indem er die Vereinheitlichungstheorien (Habermas' "Theorie des kommunikativen Handelns") kritisiert und verwirft, stellt er den pluralistischen Liberalismus als alternativlos heraus - nämlich als System der zur Koexistenz verurteilten "unübersetzbaren Diskurse". Dennoch - oder besser gesagt: gerade deshalb - geht der Beliebigkeitsvorwurf seiner Kritiker ins Leere, stellt sich Lyotards Philosophie doch als Versuch dar, Aufklärung und Vernunft (und deren Tradition) um jeden Preis zu retten, etwa vor dem neuerlichen Einbruch der Religion ins Politische (siehe Heidnische Unterweisungen) - eine angesichts der Entwicklungen seit den 80-er Jahren geradezu prophetische Voraussicht.
Im Ästhetischen (Das Erhabene, 1985) rekurriert er auf die Theorien des Erhabenen, insbesondere auf Immanuel Kant und dessen Kritik der Urteilskraft, in der der Begriff des Erhabenen als ein Moment der Überwältigung des Erkenntnisvermögens bzw. des Verstandes beschrieben wird. Im Gegensatz zu Kant, bei welchem die Vernunft als die Instanz betont wird, die diese Überwältigung bewältigt, interessiert sich Lyotard vorrangig für das Aussetzen des Erkenntnisvermögens und formuliert im Anschluss daran eine Ästhetik des Undarstellbaren, die von Kunst und Philosophie bewältigt werden solle. Obwohl er sich oft von Theodor W. Adorno distanziert, weist Lyotards Begriff des Erhabenen wesentliche Parallelen zu Adornos ästhetischer Theorie auf - es müsste eher von einer Erweiterung oder Übertragung von Adorno (in die Postmoderne) die Rede sein, denn von einer deutlichen Distanzierung. Edmund Burkes Formulierung des Erhabenen (A philosophical enquiry into the origin of our ideas of the sublime and beautiful, 1757; deutsch: Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen) ist für Lyotard nur insofern von Belang, als dass Burke wesentlich mehr die Gefühle des Subjekts, des Rezipienten hervorhebt, als dies später Kant mit seiner Betonung der Vernunft des Subjekts tut.
Speziell hier wurde ihm ausgerechnet auch von jenen, die ihm (und seinesgleichen) ansonsten "Beliebigkeit" nachredeten, eine Tendenz zum Terrorismus unterstellt. Als ein Beispiel für das Erhabene in der Ästhetik galt Lyotard der Musiker Jimi Hendrix, der einmal vor dem Grand Canyon stand und angesichts des überwältigenden Anblicks ausstieß: "Ich wünschte, ich könnte hier meine Gitarre anschließen."
Im Anschluss an Theodor W. Adorno, einem der Protagonisten der so genannten kritischen Theorie, den er ansonsten als "Teufel" denunzierte, weil dieser aufklärende Kritik als lediglich folgenlose betrieb und vorsätzlich betreiben wollte, war es Lyotards Anliegen, Ästhetik und Politik strikt zu scheiden, weil deren Konvergenz stets in den Faschismus münde - ob nun in einen linken oder rechten.
Siehe auch: Paralogie
Mann | Franzose | Philosoph (20. Jh.) | Postmoderne | Geboren 1924 | Gestorben 1998 | Mitglied im CNRS
Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | ジャン・フランソワ・リオタール | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard | Лиотар, Жан Франсуа | Jean-François Lyotard | Jean-François Lyotard
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Jean-François Lyotard".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world