Jean Moulin (* 20. Juni 1899 in Béziers; † 8. Juli 1943 bei Metz) war ein wichtiger Leiter der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs.
Im September 1926 heiratete er Marguerite Cerruti, von der er sich jedoch bereits 1928 scheiden ließ.
1930 wurde er Unterpräfekt von Châteaulin. Im Dezember 1932 wurde er von seinem Freund und Minister Pierre Cot, einem Pazifisten, mit dem er die Leidenschaft für das Skifahren teilte, in das Cabinet des Auswärtigen Dienstes berufen. Ein Jahr später ging er als Unterpräfekt nach Thonon-les-Bains. Gleichzeitig wurde er von Cot 1933 bis 1936, während der Volksfrontregierung, in das Cabinet des Luftfahrtministeriums berufen. Seine wichtigste Aufgabe war die Nationalisierung der Luftfahrtgesellschaften, d. h. die Schaffung der Air France. 1934 nahm er die Funktionen des Generalsekretärs der Präfektur Somme in Amiens ein.
Während dieser Zeit schrieb er politische Satiren und zeichnete Karikaturen unter dem Pseudonym Romanin in der Zeitschrift Le rire (= das Lachen). 1936 unterstützte Moulin die spanische Republik auf vielfältige Weise u. a. durch die Entsendung eines Flugzeugs und von Piloten.
Im Januar 1937 wurde er der jüngste Präfekt Frankreichs in Rodez im Département Aveyron. Er war ein für die damalige Zeit ziemlich ungewöhnlicher Präfekt, da er sportliche Aktivitäten wie Tennis, Segeln, Schwimmen, Rad fahren und Skifahren unternahm.
1939 wurde er zum Präfekt des Départements Eure-et-Loir (Hauptstadt Chartres) berufen. Anfangs wollte er als Unteroffizier der Reserve zur Armée de l'air, aber der Innenminister benötigte ihn dringender in der Zivilverwaltung und kommandierte ihn persönlich nach 13 Tagen aus dem 117. Batallion zurück zu seinem Posten als Präfekt. Als am 10. Mai 1940 die Somme- und Aisne-Front durchbrach und zahlreiche Flüchtlinge nach Chartres strömten, wurde Chartres im Juni 1940 bombardiert. In dieser Zeit hatte er die Unterbringung der Flüchtlinge nicht ohne Schwierigkeiten zu organisieren.
Am 7. Juni 1940 wurde Amiens besetzt. Die deutschen Besatzer verhafteten ihn noch im gleichen Monat, weil er – nachdem er Protest gegen den Mord an einer französischen Zivilistin bei einer Wehrmachtsstelle eingelegt hatte – sich trotz Schlägen weigerte, ein deutsches Dokument zu unterzeichnen, in dem fälschlich senegalesische Angehörige der Französischen Armee für ein angebliches Massaker an der Zivilbevölkerung in Saint-Georges-sur-Eure verantwortlich gemacht wurden. In Wirklichkeit waren es Opfer des deutschen Bombardements. Die Nazis verdächtigten ihn außerdem, Kommunist zu sein. Im Gefängnis unternahm er, wohl in der Vorstellung, seine Peiniger würden ihn zu Tode prügeln, wenn er nicht unterschriebe, einen Selbstmordversuch. Er versuchte, sich die Kehle mit einer Glasscherbe aufzuschneiden. Dies hinterließ später eine Narbe, die er mit einem Schal verdeckte.
Am 2. November 1940 befahl das Vichy-Regime allen Präfekten, alle Bürgermeister der Linken in Städten und Dörfern zu entlassen. Als Moulin sich weigerte, wurde er selbst aus dem Amt entlassen. Er lebte seitdem im elterlichen Haus Saint-Andiol (Département Bouches-du-Rhône) und trat nach Diskussionen mit Henri Frenay, der die Combat (= Kampf)-Gruppe gegründet hatte und Pierre Villon, der die Kommunisten, die anfangs wegen des Hitler-Stalin-Pakts zögerlich waren, zum Widerstand zu organisieren versuchte, der Résistance bei. Schnell erkannte Moulin die Notwendigkeit, die Résistance im Inneren und Äußeren (France libre, dem freien Frankreich, gemeint war de Gaulles Komitee für ein freies Frankreich in London) zu vereinen.
Am 21. August 1941 erschoss ein junger Militanter, der sich Oberstleutnant Fabien nannte, in einer Metrostation einen deutschen Offizier von hinten. Dieses Attentat wirkte wie ein Fanal: Die Gestapo und die Polizei des Vichy-Regimes verstärkten ihre Anstrengungen, den Widerstand zu brechen, während gleichzeitig junge Militante sich zu den Maquisards zusammenschlossen, um Sabotageakte vorzubereiten.
Durch die Hilfe eines amerikanischen Diplomaten in der unbesetzten Zone im Süden von Frankreich reiste er im September 1941 über Spanien und Portugal unter dem Decknamen Joseph Jean Mercier nach London und traf neben André Dewavrin und anderen Exilfranzosen auch General Charles de Gaulle, den er über den Umfang und die Bedeutung eines integrierten inneren Widerstands durch eine im Oktober 1941 verfasste Studie mit dem Titel The Activities, Plans and Requirements of the Groups formed in France aufklärte. Anfangs unentschieden, wem unter den Exilfranzosen oder den Briten er vertrauen konnte, überzeugte ihn die patriotische Haltung de Gaulles. Dieser entsandte ihn daraufhin als seinen persönlichen Beauftragten in die Südzone, die Zersplitterung der verschiedenen Widerstandsgruppen zu überwinden und zur Résistance zu vereinigen. In der Nacht des 1. Januar auf den 2. Januar 1942 sprang er mit dem Fallschirm in den Alpilles nahe Avignon ab. Er brachte ein Funkgerät und eine große Summe Geld mit, die er u.a. für den Aufbau einer Widerstandspresse verwendete, bei dem er Georges Bidault und Albert Camus kennenlernte. Sein Hauptquartier errichtete Moulin in Lyon.
Er lebte fortan unter zwei Legenden: Unter der des Landwirts in St.-Andiol erhielt er Rationierungsmarken. Die andere Legende, unter der er eine Kunstgalerie mit seinem früheren Pseudonym Romanin in Nizza betrieb, erlaubte ihm zu reisen. Unter den Kampfnamen Rex und ein Jahr später Max traf er die verschiedenen Leiter der rivalisierenden, paramilitärischen Widerstandsgruppen des südfranzösischen unbesetzten Frankreichs:
Am 22. Oktober 1942 erhielt Moulin ein Schreiben de Gaulles, in dem er zum Präsidenten des Koordinierungskomitees ernannt wurde. De Gaulle ernannte Moulin damit quasi zum Schiedsrichter bei allen Schwierigkeiten zwischen den Gruppen. Die Landung der Alliierten am 8. November 1942 in Marokko und Algerien (Operation Torch) beschleunigte die Vereinheitlichung der Résistance.
In einem zweiten Schritt fusionierten
In einem dritten Schritt gelang ihm die Vereinigung mit den wichtigsten Widerstandsbewegungen im nördlichen besetzten Frankreich:
Am 26. Januar 1943 auf einer Konferenz des Koordinierungskomitees lenkte Moulin alle Gruppen und überwand den Widerstand von Frenay, der als Kommissar für Militärische Angelegenheit seinen eigenen Standpunkt durchzusetzen und Kontrolle über General Charles Delestraint, Chef der neuen Armée secrète zu erlangen versuchte. Moulin unterstützte Delestraint in seiner Absicht, sofort direkte Aktionen zu unternehmen, was Frenay als verfrüht und zu riskant ablehnte.
Vom 13. Februar und dem 20. März 1943 besuchte er mit Delestraint General de Gaulle in London. Er wollte eine Art Untergrundparlament schaffen. Um diesen Gedanken den Exilfranzosen nahe zu bringen, war er nach London gereist. Wie viele andere Mitglieder der Résistance hielt er die aus der Dritten Republik tradierten französischen Parteien für überlebt. Aber er wusste, wenn sich die liberalen und linken Kräfte nicht in den politischen Prozess integrierten, würde eine französische Nachkriegsregierung ohne ihre Beteiligung und die der Résistance sich etablieren. Umgekehrt gelang de Gaulle durch den Integrationsprozess der Résistance immer mehr, die Bedeutung seiner Exilregierung in London aufzuwerten.
Am 21. März 1943 kehrte er als persönlicher Beauftragter de Gaulles für ganz Frankreich mit dem Auftrag zurück, den CNR, den Conseil National de la Résistance (= Nationaler Widerstandsrat) zu bilden, in dem alle acht bewaffneten Widerstandsgruppen und die wiedererwachten französischen Parteien und Gewerkschaften mitwirken sollten; eine schwierige Aufgabe, weil jede Gruppe ihre politische Unabhängigkeit zu bewahren versuchte. Das erste Treffen des CNR fand am 27. Mai 1943 in der Rue du Four 48 in Paris statt, bei dem sich la France Combattante (= "das kämpfende Frankreich") trotz des Widerstands von Henri Frenay der Führung de Gaulles unterstellte, der damit seinen bei den Amerikanern beliebteren Rivalen, den ranghöheren General Henri Giraud politisch übertraf. Gemeinsames politisches Ziel aller Gruppen im CNR wurde:
Für den Erfolg seiner Mission dürfte entscheidend gewesen sein, dass de Gaulle und Moulin politisch weitsichtig genug waren, auf die politischen Forderungen der Résistance-Leitung, insbesondere der Kommunisten einzugehen, die schnell versuchten, den CNR mit ihren Leuten zu unterwandern. Gleichzeitig versuchte de Gaulle sie mit der logistischen Unterstützung seitens Großbritanniens zu ködern. Den hohen Ansprüchen der Résistanceführung gerecht werdend, baute Moulin spezielle technische Dienste, wie die
auf, die der Kontrolle Moulins unterstanden und mit einem politisch diskriminierenden Einsatz der Finanzmittel (1943 affaire de Suisse) in Kombination mit dem vom Deuxième Bureau als Nachrichtendienst des France libre gezielt eingesetzt wurden, um das politische Übergewicht der in Paris dominierenden Kommunisten zu kompensieren und gleichzeitig den Einfluss Girauds zugunsten de Gaulles zu reduzieren.
Durch Klaus Barbie, den brutalen Gestapo-Chef von Lyon, der selbst unter seinesgleichen als Sadist galt, zunächst in Lyon in der école de santé, dann in der Avenue Foch in Paris, zuletzt in einer Villa in Neuilly verhört, gab Moulin nichts seinen Peinigern preis. Als man ihm einen Stift in die Hand gab, um Namen aufzuschreiben, zeichnete er eine Karikatur seines Folterers. Für Barbie war Moulin eine Art Hauptgewinn, da er der höchste Repräsentant der Résistance in Frankreich war und fraglos eine Reihe von Personen und Geheimnisse kennen musste, die Barbie anspornten, Moulin zu „knacken“. In der täglichen „Verhörroutine“ in Lyon wurden Moulin beide Arme und beide Beine sowie die meisten seiner Rippen gebrochen. Später in Neuilly war er nach Wochen fortgesetzter Verhöre und schwerer Verletzungen an der Grenze zum Koma. Er starb am 8. Juli 1943 im Alter von 44 Jahren an Herzversagen wahrscheinlich nahe Metz in einem Zug von Paris nach Berlin, der ihn zu einem Konzentrationslager bringen sollte.
Die Position Jean Moulins im CNR nahm der bereits erwähnte Geschichtsprofessor Georges Bidault ein, der mit 12 von 16 Stimmen im CNR gewählt wurde und im August 1944 den Befehl zur Generalmobilmachung der Résistance bei der Befreiung der Hauptstadt erteilte.
Einige glauben, dass er wegen Verrats freigelassen wurde, nicht zuletzt weil er der einzige war, der an dem Treffen in Paris am 9. Juni in letzter Minute nicht teilgenommen hatte. Es gibt die These, dass Hardy bereits seit dem 7. Juni festgenommen und in einem Katz-und-Maus-Spiel von Klaus Barbie freigelassen wurde. Andere denken, René Hardy war schlicht zu sorglos. Zwei Gerichtsverhandlungen 1947 und 1950 wollten René Hardy als Verräter überführen und beide kamen zum Schluss, dass er unschuldig sei.
Ein jüngerer Fernsehfilm über das Leben und den Tod Jean Moulins beschrieb René Hardy als Kollaborateur der Gestapo, was die Kontroverse wiederbelebte. Die Hardy-Familie versuchte die Produzenten des Films zu verklagen.
Viele Schulen und zahllose Straßen in Frankreich sowie die Universität Lyon III wurden nach Jean Moulin benannt.
Mann | Franzose | Résistance | Militärperson (Frankreich) | Zweiter Weltkrieg (Person, Frankreich) | NS-Opfer | Freimaurer (20. Jh.) | Geboren 1899 | Gestorben 1943
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