Jean Baudrillard (* 20. Juli 1929 in Reims) ist ein französischer Philosoph und Soziologe.
Kernaussagen
Als Kritiker und Theoretiker der
Postmoderne schreibt Jean Baudrillard über zahlreiche Themen wie
Virtualität,
Simulation,
Cyberspace,
Hyperrealität,
Fundamentalismus,
Globalisierung,
Subjektwerdung und
Menschenrechte. In
Requiem für die Medien entwirft er eine Art „Anti-
Medientheorie“. Seine berühmte Theorie über Simulation und Simulacren beschreibt, dass „
die Bilder der Medien mächtiger und wirklicher geworden sind als die Wirklichkeit selbst“ und
Freiheit in der Moderne nichts als Schein sei. Offiziell verkündete Werte stellen demnach nur Modelle, Simulationen dar, welche andere Antriebe maskieren. So parodiere Demokratie lediglich die Macht.
Bekannt wurde er vor allem durch seine Untersuchungen zur Bedeutung des Symbolsystems der modernen Gesellschaft. Baudrillards Denken ist bestimmt vom Zeichensystem (Signifikat und Signifikant), in dem Aussagen sich immer mehr von der Wahrheit entfernen, was z.B. die Verführung des Konsumenten möglich macht. Dadurch entsteht ein Raum permanenter Simulation von Realität, die in Hyperrealität (der Auflösung alles Greifbaren, Referentiellen) endet – so wie es etwa in der hinduistischen Vorstellung vom Alles überdeckenden „Schleier des Maya“ umschrieben wird.
Leben
Baudrillard studierte zunächst Germanistik an der Sorbonne in Paris. Von
1958 bis
1966 war er
Professeur für Deutsch an einer französischen Oberschule. Zugleich betätigte sich Baudrillard als Literaturkritiker und Übersetzer (
Hölderlin,
Peter Weiss) und studierte
Philosophie und
Soziologie an der Universität Paris-
Nanterre.
1966 promovierte er dort mit der Arbeit
Le Système des Objets, die von
Henri Lefebvre betreut wurde. Von 1966-1970 unterrichtete Baudrillard als
Maître Assistant und von 1970-1972 als
Maître de Conférences en Sociologie in Paris und erlebt dabei in Nanterre den
Mai 68. 1972 habiliertiert er mit
L'Autre par lui-même und erhält im gleichen Jahr einen Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Paris-
Nanterre.
1982 erscheint sein Buch
Der symbolische Tausch und der Tod, es bezieht sich auf Gedanken von
Georges Bataille und stellt bald ein zentrales philosophisches Werk der
Postmoderne dar. Von 1986 bis 1990 ist er
Directeur Scientifique (Wissenschaftlicher Direktor) am IRIS (Institut de Recherche et d'Information Socio-Économique) an der Université de Paris-IX Dauphine. 1995 erhält er (zusammen mit
Peter Greenaway) den
Siemens-Medien-Preis. Heute ist Baudrillard Professor für
Medien und
Kultur an der
European Graduate School in
Saas-Fee,
Schweiz, wo er alljährlich einen Sommerkurs abhält.
Neben seiner Arbeit auf dem Gebiet der Philosophie widmet er sich auch der Fotografie.
Kritik von Naturwissenschaftlern
Baudrillard liebt es, mathematisch-physikalische Begriffe wie Raum-Zeit, Paralleluniversum usw. in einer Weise zu gebrauchen, die dem gelernten Mathematiker oder Physiker schlicht und einfach sinnlos erscheint, wie Alan Sokal im Detail auseinandergesetzt hat. Dabei prallt die Welt der Naturwissenschaftler mit ihren festen Begriffen und klaren Definitionen auf die der Philosophie, die sich mit den Begriffen selber und ihren Bedeutungen, mit Ähnlichkeiten und Analogien in Strukturen auseinandersetzt. Es handelt sich also um keine philosophische Kritik an Baudrillards Werk, sondern man kann sich nicht auf die Bedeutung von Begriffen einigen, und zwar auch deswegen, weil Baudrillards Herangehensweise die (z.B. ästhetischen, subjektiven, oder psychonanalytischen) Konnotationen der Begriffe miteinbezieht (im Gegensatz zur Wissenschaft), also das, was bei einem Begriff „mitschwingt“. Der Leser seiner Texte kann sich darauf einlassen, oder sie auch als Science Fiction lesen.
Die postmoderne Philosophie (in Frankreich als Nouvelle Philosophie bekannt) allgemein stieß auch durch den Paradigmenwechsel, den sie darstellt, häufig auf vergleichbare Ressentiments.
Werke
- Requiem für die Medien, 1972
- Oublier Foucault, 1977
- Agonie des Realen, 1978
- L'ange de stuc, 1978
- KOOL KILLER oder Der Aufstand der Zeichen, 1978
- Der symbolische Tausch und der Tod, 1982
- Der Tod der Moderne, 1983
- Laßt euch nicht verführen, 1983
- L'effet Beaubourg, 1983
- Die fatalen Strategien, 1985
- Die göttliche Linke, 1986
- Amerika, 1987
- Il sogno della merce, 1987
- Paradoxe Kommunikation, 1989
- Philosophien der neuen Technologie, 1989
- Cool memories, 1989
- Das Jahr 2000 findet nicht statt, 1990
- Das System der Dinge, 1991
- Transparenz des Bösen, 1992
- Von der Verführung, 1992
- Die Freiheit als Opfer der Information oder Das Temesvar-Syndrom, 1992
- La societe de consommation, 1993
- Der reine Terrorismus, 1993
- Simulation und Verführung, 1994
- Die Illusion des Endes oder der Streik der Ereignisse, 1994
- Das Andere selbst, 1994 Habilitation
- Von der absoluten Ware = Absolute Merchandise, 1995
- Das perfekte Verbrechen, 1996
- Der unmögliche Tausch, 2000
- Paroxysmus, 2002
- Der Geist des Terrorismus, 2003
- Einzigartige Objekte, 2004 (zusammen mit Jean Nouvel)
- Die Intelligenz des Bösen, 2006
Sekundärliteratur
- Falko Blask: Baudrillard zur Einführung. Junius, Hamburg 1995, ISBN 3885069172
- Wilhelm Hofmann: Jean Baudrillard. In: Gisela Riescher (Hrsg.): Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis Young. Kröner, Suttgart 2004, S. 32-35, ISBN 3-520-34301-0
- Stephan Moebius, Lothar Peter: Französische Soziologie der Gegenwart, UTB 2004
- Ralf Bohn, Dieter Fuder (Hrsg.): Baudrillard - Simulation und Verführung, Wilhelm Fink, München 1994
- Peter Gente, Barbara Könches, Peter Weibel (Hrsg.): Philosophie und Kunst - Jean Baudrillard. Merve Verlag, Berlin 2005
- Michael Schetsche, Christian Vähling: Jean Baudrillard. In: Stephan Moebius, Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. VS - Verlag für Sozialwissenschaften, S. 750, 2006, ISBN 3-531-14519-3.
Weblinks
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