Jacques-Marie Émile Lacan, bekannter unter dem Namen Jacques Lacan (* 13. April 1901 in Paris; † 9. September 1981 ebenda) war ein französischer Psychoanalytiker, der die Schriften Sigmund Freuds neu interpretierte und radikalisierte. Dies beinhaltete das Ziel, „Freud gegen Freud“ zu lesen, also ihn dort weiter zu entwickeln, wo er für Lacan hinter seinen eigenen Annahmen zurückblieb. Eine seiner wichtigen Thesen ist, dass das Unbewusste eine symbolische Struktur besitzt - die Struktur der Sprache (vgl. Poststrukturalismus).
Lacan wuchs in einer Familie mit fester katholischer Tradition auf. Seine Geschwister sind Magdeleine-Marie und der jüngere Bruder Marc-Marie, der später Benediktinermönch in der Abtei von Hautecombe wurde. Er besuchte das Collège Stanislas, eine Jesuitenschule. Nach seinem Baccalauréat studiert er zunächst Medizin, später Psychiatrie. Er arbeitete als Arzt für Neurologie und Psychiatrie und betätigte sich als Schriftsteller.
Lacan war bis an sein Lebensende praktizierender Psychoanalytiker, dessen Behandlung sich zahlreiche Größen des französischen Geisteslebens (etwa Georges Bataille) unterzogen. Aufgrund seiner unorthodoxen Behandlungsmethoden (er variierte beispielsweise die Behandlungsdauer willkürlich, und behandelte auch vorschriftswidrig akut suizidgefährdete Patienten) wurde er aus der Psychoanalytischen Vereinigung Frankreichs ausgeschlossen. 1964 begründete er eine eigene und einflussreiche „École Freudienne“ in Paris, löste sie aber 1980 wieder auf.
Seine Theorie baut (außer auf der Arbeit Freuds) unter anderem auf den Arbeiten der Linguisten Ferdinand de Saussure und Roman Ossipowitsch Jakobson auf. Außerdem bezieht er sich auf philosophische Autoren wie Edmund Husserl oder Hegel, wie auch auf Mathematiker (René Thom, Nicolas Bourbaki sowie topologische Theorien der Knoten, vgl. Borromäische Ringe).
Außerdem war er mit Dali, Giacometti, Michel Leiris und Georges Bataille befreundet. Lacan war auch bei den Aktivitäten der 1936 von Bataille ins Leben gerufenen Geheimgesellschaft Acéphale zugegen.
Lacans Werk gilt als äußerst schwer zugänglich. Er hat anfänglich seine Lehre nur in seinen Seminaren entwickelt und verbreitet, bis er 1966 seine Schriften (Ècrits, dt.: Schriften I-III) in Buchform publizierte. Danach wurden nach und nach auch die Mitschriften seiner Seminare herausgegeben, wobei bis heute noch nicht alle der insgesamt 25 von Lacan gehaltenen Seminare (1953-1979) veröffentlicht sind.
Charakteristisch ist, dass Lacan selten exakte Definitionen seiner Begrifflichkeit gab: beispielsweise scheint der Begriff "das Ding" je nach Kontext entweder ein Objekt zu bezeichnen (ähnlich dem Ding an sich bei Kant), oder aber dem traumatischen Kern des Subjekts nahe zu stehen.
Lacans Logik ist dialektisch insofern, als jeder Begriff sich bei ihm nur durch den Kontext und in Abhebung und Verneinung anderer Begriffe bestimmen lässt. So sind etwa die Begriffe des Symbolischen, Imaginären und Realen, die man als die drei wesentlichen Strukturbestimmungen des Subjekts bei Lacan bezeichnen kann, nicht in abstrakter Weise voneinander zu trennen. Jedes dieser "Register" des Psychischen bedingt die anderen beiden, so dass die drei Begriffe einen unauflösbaren Borromäischen Knoten bilden: löst man einen von ihnen aus dem Gesamtgeflecht heraus, lösen sich auch die übrigen und verliert das Geflecht seine Kohärenz.
Lacans "Psychosemiologie" lässt sich grob vereinfacht in vier Grundannahmen zusammenfassen:
Die Theorie des Spiegelstadiums (Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion, in: Schriften I, S. 61-70) zählt zu Lacans berühmtesten Konzeptionen. Sie geht auf Beobachtungen des Psychologen James Mark Baldwin zurück. Nach Lacan beginnt das Kind in der Zeit zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat, wenn man es vor einen Spiegel hält, sich selbst in ihm zu erkennen und zu identifizieren, worauf es mit einer „jubilatorischen Geste“ reagiert. Ab diesem Moment verändert sich der Blick auf das eigene Selbst, ja er wird jetzt überhaupt erst möglich: aus dem in „Partialobjekte“ „zerstückelten“ Blick auf sich aus der Leib-Perspektive wird nun ein Blick von außen, der das Kind erstmals vollständig zeigt. Die jubilatorische Geste ist deshalb auch eine narzisstische Geste der Allmachtsphantasie, in der sich ein „Größenselbst“ („Ideal-Ich“, „je“) zeigt, das fortan zur Matrix wird, auf das hin das Subjekt sein Ich orientiert. Das Spiegelstadium geht deshalb mit der psychischen Geburt des Ichs einher.
Zugleich aber ist das Spiegelstadium der Beginn einer Entfremdung. Denn im Spiegel sieht das Kind eine körperliche Einheit, die es selbst noch gar nicht fühlt. Es identifiziert sich mit etwas, das es nicht ist, nämlich mit der "totalen Form des Körpers", und zwar an einem Ort, an dem es sich nicht befindet (nämlich im Spiegel). Deshalb ist das Erkennen im Spiegel zugleich ein imaginäres Verkennen und führt zur Spaltung des Subjekts in „moi“ (Ideal-Ich, das "imaginäre Subjekt") und „je“, das soziale Ich, das eher dem Symbolischen zuzurechnen ist. Daraus folgt der im Deutschen paradox klingende Satz: "Das Ich ist nicht das Ich." - „Le je n'est pas le moi.“
Die dualistische Situation im Spiegelstadium (der Bereich des Imaginären) wird erst durch das Erreichen der symbolischen Ordnung überwunden, das heißt in dem Augenblick, in dem das Subjekt zu sprechen beginnt und so am großen Anderen, der Sprache, teil hat. Die erste Verkörperung des Symbolischen ist die Mutter; sie ist ein "großer anderer Wille", der spricht und der das Kind in die Ordnung der Sprache und des Sozialen einführt. Noch mehr gilt dies für den Vater, der im Ödipuskonflikt die verbietende Rolle des Gesetzes einnimmt (Inzesttabu, Kastrationsdrohung), das Kind aus dem ödipalen Begehren herausdrängt und zur außerfamiliären, sozialen Welt hin orientiert.
In der Gesellschaft gilt das Gesetz des Symbolischen, d.h. das Gesetz der Sprache, der sozialen Normen und des ökonomischen Tauschs (vgl. auch Reziprozität). Das Symbolische ist in diesem Sinne gleichzusetzen mit der Ordnung der Sprache, des Diskurses, der staatlichen Herrschaft und der Ökonomie sowie dem "Gesetz des Vaters" ("Name-des-Vaters"). Sie bilden gleichermaßen eine symbolische Herrschaftsordnung, die das Subjekt unterwirft (sub-jectum = Unterworfenes) und strukturiert.
Auch das Unbewusste unterliegt dieser Struktur des Symbolischen: "Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert." (Seminar XI. Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, S. 26) Das Symbolische ist daher die dominante der drei Strukturbestimmungen des Psychischen (auch das Imaginäre ist immer schon symbolisch überformt), und auch jener Bereich, der in der psychoanalytischen Behandlung die zentrale Rolle spielt, die ja wesentlich eine Form der Heilung durch Sprache ist. (Vgl. Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, in: Schriften III, S. 71-169)
Zum Sprachkonzept Lacans vergleiche auch den Artikel Signifikant (Psychoanalyse).
Das Subjekt ist der Träger eines irreduziblen Mangels. Dieser Mangel beginnt mit der Geburt, die das Kind aus der Vollkommenheit seines embryonalen Daseins herauswirft, und verstärkt sich noch durch seine zweite große Trennung, die Trennung aus der Symbiose mit der Mutter(brust). Auch von seinem Spiegelbild, dem es sich im Spiegelstadium gegenüber sieht, ist es getrennt und entfremdet. Das Subjekt ist seitdem unvollständig, weshalb es stets danach begehrt, vollständig zu werden und seinen Mangel, seine Lücke im Subjekt durch Objekte aufzufüllen. Das Objekt klein a als der "Grund des Begehrens" fungiert als Antrieb und Auslöser der Handlungen des Subjekts. Aber der Mangel ist letztlich nicht aufhebbar, das Objekt bleibt unerreichbar und ist ein „immer schon verlorenengegangenes“ Objekt. Eine Form, den Mangel imaginär aufzufüllen, ist das Phantasma.
Um diese Theorie des Mangels und des Begehrens herum errichtet Lacan den Teil seiner psychoanalytischen Theorie, der die klassischen psychoanalytischen Persönlichkeitsstrukturen integriert und aufnimmt, etwa die neurotischen oder psychotischen Persönlichkeitsstrukturen, die er als spezifische Weisen versteht, mit dem fundamentalen Mangel und dem Begehren umzugehen.
Das Genießen (jouissance) ist dabei das, was dem Begehren entgegensteht: während das Begehren wieselflink durch die Signifikanten huscht, klebt das Genießen wie ein zäher Schleim an ihnen *. Vor diesem Schleim wird Ekel empfunden, aber dieser Ekel kann auch umschlagen in ein Wohlfühlen der Wärme und der Trägheit des Schleims: Genießen und Ekel stehen in einer instabilen Beziehung zueinander und können ineinander übergehen.
Lacans Begriff des „Begehrens“ entspricht in etwa Sigmund Freuds Begriff des „Wunsches“. Lacan hat sich von Alexandre Kojève folgenden Aphorismus ausgeliehen: „Das Begehren des Menschen ist das Begehren des Anderen“. Arthur Rimbaud zitierend hielt Lacan fest: "Ich ist ein Anderer."
Schéma RSI.svg | Das Imaginäre ist jener Bereich des Psychismus, der bildhaft und dual organisiert ist und in dem Identifikation und Narzissmus angesiedelt sind. Insbesondere das Spiegelstadium gehört der Sphäre des Imaginären an, ebenso das Objekt klein a.
Das Symbolische ist jener Bereich des Psychismus, der organisiert ist wie eine Sprache und der eine Ordnung von Signifikanten und Signifikaten bildet, die wohlorganisiert und geordnet zueinander stehen. Die Instanz, die die Ordnung des Symbolischen garantiert, ist der große Andere bzw. der Name des Vaters. Die symbolische Ordnung ist deshalb eine dreistellige Struktur (Signifikant-Signifikat-Referenz), während das Imaginäre eine duale Struktur besitzt.
Das Reale, den wohl rätselhaftesten Begriff seiner Theorie, beschreibt Lacan als das, was weder imaginär noch symbolisierbar ist, sondern eine eigene, massive, nichtreduzierbare und singuläre Existenz und Präsenz besitzt - etwa ein Traum, unter dem man leidet und der (noch) nicht in eine Geschichte verwandelbar ist. Das Reale ist immer etwas Unfassbares, Unsagbares, nicht Kontrollierbares, eine Art von Horror oder Trauma. Es tritt auch in den Sphären der Sexualität, des Todes und der Gewalt in Erscheinung. Es ist auf keinen Fall gleichzusetzen mit dem Begriff der Realität, der eher der symbolisch strukturierten Ordnung der Sprache und des Diskurses angehört. Das Reale lässt sich symbolisch nicht vorstellen oder repräsentieren, sondern ist dasjenige, was sich dem Sprechen der Sprache entzieht. Dennoch liegt das Reale nicht außerhalb der symbolischen Ordnung, es ist der ihr immanente Un-Grund des Signifikanten. Darin besteht das eigentliche Paradoxon dieses (Un-)Begriffs.
Jedes psychische Objekt kann Aspekte jeder dieser drei Dimensionen aufweisen. So unterscheidet Lacan etwa zwischen einer realen, einer imaginären und einer symbolischen Mutter. Das gleiche gilt für den Vater oder den Phallus. Auch lässt sich von einem „imaginären Realen“, einem „symbolischen Realen“, einem „realen Realen“ etc. sprechen.
Die drei Strukturbestimmungen des Subjekts RSI sind in der Struktur eines Borromäischen Knotens miteinander verbunden, das heißt: Jedes dieser "Register" des Psychischen bedingt die anderen beiden, so dass die drei Begriffe eine unauflösbare Einheit bilden. Löst man einen von ihnen aus dem Gesamtgeflecht heraus, lösen sich auch die übrigen und verliert das Geflecht seine Kohärenz. Es ist unklar, ob Lacan diese Einheit als universal und auflöslich betrachtet, oder ob nicht in der Psychose diese Einheit auf traumatische Weise aufgelöst ist, wie es in seinem späten Seminar XXIII. Le sinthome (1975-76) angedeutet ist (vgl. Dylan Evans, Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 65)
In seinem späten Werk, ab 1974, setzt Lacan das Objekt klein a in die Mitte seines Borromäischen Knotens, also an jene Stelle des Psychischen, an dem sich das Imaginäre, das Symbolische und das Reale überschneiden. (Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, S. 206)
Lacans Werk war insbesondere für die Geisteswissenschaften in Frankreich außerordentlich einflussreich, vergleichbar etwa mit dem Einfluss Freuds in Deutschland. Eine breitere Rezeption in Deutschland setzte erst seit den 90er Jahren ein. Im Umfeld der traditionellen Psychoanalyse insbesondere in Deutschland ist Lacans Umarbeitung Freuds umstritten.
Der Philosoph Slavoj Žižek leistet eine Übertragung der Lacanschen Psychoanalyse sowohl auf die europäische Philosophiegeschichte (vgl. Die Tücke des Subjekts, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2001) als auch auf die Populärkultur, insbesondere Literatur und Kino (Matrix, Hitchcock, Science-Fiction etc.).
Julia Kristeva, eine Schülerin von Lacan, kritisiert diesen, da Sprache bei ihm als etwas Überhistorisches erscheint. Weiter komme das Subjekt im Poststrukturalismus nicht vor; auch sei für Heterogenität, sie nennt das auch Weiblichkeit, kein Platz: selbst eine Lücke, eine Leerstelle wirke nur strukturbildend auf eine anderes Feld. Sie erweitert die Theorie auch mit Aspekten des historischen Materialismus.
Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I (Gilles Deleuze, Félix Guattari, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977) versteht sich als Kritik der Psychoanalyse u.a. Jacques Lacans, sie betonen die gesellschaftliche Ausrichtung der Wunschproduktion.
Franzose | Mann | Psychoanalytiker | Psychiater | Geboren 1901 | Gestorben 1981 | Lacanismus
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