JHWH (auch YHWH, ausgeschrieben meist Jahwe oder Jehova) ist der hebräische Eigenname Gottes im Tanach, der Bibel des Judentums. Dieser Name bezeichnet für gläubige Juden und Christen den einzigen Gott der ganzen Welt, ihren Schöpfer, Retter, Richter und Erlöser. JHWH ist für sie der gnädige Befreier und gerechte Bundespartner des erwählten Volkes Israel, wie ihn das 1. Gebot vorstellt (Ex 20,2):
Der Eigenname Gottes wird im Tanach stets als Tetragramm (Vierfachzeichen) aus den hebräischen Konsonanten Jod (י), He (ה), Waw (ו), He (ה) dargestellt. Diese ergeben von rechts nach links das Wort יהוה („JHWH“). Dieses Wort erscheint dort nach der jüdischen Bibelenzyklopädie 6.823-mal, in der Biblia Hebraica Stuttgartensia 6.828-mal. Es ist darin der häufigste Eigenname.
Eine ägyptische Ortsnamensliste im Amontempel von Soleb aus der Zeit von Amenhotep III. (1402-1363 v. Chr.) nennt „das Land der Schasu-JHW“. Auch in der Zeit Ramses III. (1198-1166) taucht dieser Ausdruck auf. Er bezeichnete sowohl ein Gebirge im südlichen Ostjordanland als auch den Gott des dort lebenden Beduinenstammes. Auf Tontafeln (Ostraka) von Ugarit taucht ein Gott JW als „Sohn des El" auf.
Die Mescha-Stele (um 840 v. Chr.) gilt als ältester außerbiblischer Beleg für das Tetragramm: Und ich nahm die Gefäße des JHWH und trug sie vor Kemos. Erst kürzlich wurde ein Tablett mit den phönizischen Zeichen YOD, HE, W, HE gefunden, das ebenfalls einen Gottesnamen wiedergibt.
Aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. stammen erste Belege aus dem Raum Palästinas: Ein Priestersiegel trägt die Inschrift Dem Miqnejaw, dem Knecht JHWHs gehörig. Auf einer Grabinschrift bei Lachisch steht Gesegnet sei Urijahu von JHWH. Beide Personennamen enthalten eine Kurzform des Gottesnamens.
Fragmente aus der frühen israelitischen Königszeit in Kuntillat Ajrud auf der Sinaihalbinsel notieren JHWH neben dem Gott Ba'al in phönizischer Schrift und verweisen eventuell auf einen damals noch üblichen Synkretismus. Auch mit dem – im Tanach streng als Götzendienst bekämpften – Kult der Fruchtbarkeitsgöttin Aschera wurde JHWH kombiniert.
In Grußformeln der Lachischbriefe aus dem 6. Jahrhundert heißt es z.B.: Möge JHWH meinen Herrn bald gute Nachricht hören/in Gesundheit leben lassen. Auch die biblische Schwurformel so wahr JHWH lebt findet sich hier. Die Verwendung als Gruß bestätigen Tontafeln aus Arad, z.B. Möge JHWH deinen Frieden suchen.
Neben der Langform finden sich seit dem Exil (586-520 v. Chr.) vermehrt kürzere Formen wie JHW oder JHH auf Aramäisch. In der jüdischen Militärkolonie von Elephantine in Ägypten existierte bis 410 v. Chr. ein JHWH-Tempel. In diesem Umfeld wurden beide Kurzformen parallel in Briefen, Schwüren und Kulttexten genannt, z.B.: Ich segne dich durch JHH und CHNM. Diese synkretistische Formel kombinierte den jüdischen Gott mit dem ägyptischen Lokalgott.
In hebräischen Papyrusrollen, z.B. aus Qumran, und griechischen Codices bis zum dritten nachchristlichen Jahrhundert wurde das Tetragramm im Unterschied zum sonstigen Text stets in althebräischer Schrift wiedergegeben. Dies gilt als Zeichen der besonderen Ehrfurcht vor dem Namen Gottes.
Das rabbinische Judentum setzte diese Tradition fort, indem es erst den Konsonantentext des Tanach (100-135 n. Chr.), dann seine Vokalisierung (bis 1000) verbindlich festlegte. Dabei vokalisierten die Masoreten das Tetragramm mit den Vokalen von Adonaj („mein Herr“), wobei sie auch den A-Laut der Anfangssilbe vermieden und durch den unbetonten E-Laut ersetzten. Dort, wo Adonaj im Konsonantentext neben JHWH stand, vokalisierten sie den Gottesnamen mit den Vokalen von Elohim („Götter“, „Gott“). Samaritanische Handschriften setzten nur das Vokalzeichen für A über die zweite Silbe von JHWH und wiesen so darauf hin, dass hier das Wort Schema (aramäisch „der Name“) zu lesen sei.
Dem Kenner der hebräischen Schrift sagten die Vokalzeichen zum Tetragramm, dass an dieser Stelle etwas anderes zu lesen sei (qere) als geschrieben steht (ketib) und der Leser demnach die Worte Adonai, Elohim oder Schema auszusprechen habe. Dies sollte das Aussprechen des Gottesnamens verhindern und bekräftigte so zugleich seine Einzigartigkeit. Doch diese Absicht der masoretischen Punktuation wurde im Mittelalter – auch im Judentum selber – weithin vergessen.
Die Biblia Hebraica Stuttgartensia folgt dem Masoretentext und vokalisiert den Namen daher verschieden:
| JHWH.jpg | JeHWaH.png | JeHWiH.png | JeHoWaH.png | JeHoWiH.png | - | JHWH: | Jehwáh | Jehwíh | Jehowáh | Jehowíh |
Die dritte Lesart kombiniert die Konsonanten JHWH mit den Vokalen, die eigentlich die Aussprache von Adonaj verlangen. Das führte zu dem verbreiteten Missverständnis, Israels Gott heiße „JeHoWaH“, latinisiert „Jehova“. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war diese Lesart allgemein üblich; von den Zeugen Jehovas wird nach wie vor nur sie verwendet.
Mit dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels (539 v. Chr.) begann diese jüdische Tabuisierung: Obwohl Gottes Name im Tanach offenbart ist, um angerufen zu werden und dazu privat weiterhin gebraucht wurde (siehe Lachischbriefe), wurde er kultisch nun als unaussprechlich und darum im öffentlichen Vortrag nicht verwendbar betrachtet und verschieden umschrieben. Diese Heiligung des Gottesnamens (hebr. kiddusch ha Schem) durch seine Vermeidung war zur Zeit Jesu im hellenistisch und pharisäisch geprägten palästinischen Judentum üblich, um das zweite Gebot (nach anderer Zählung das dritte) nicht unabsichtlich zu verletzen (Ex 20,7):
Erst im frühen 19. Jahrhundert versuchte die christlich geprägte historisch-kritische Bibelforschung die Aussprache des Tetragramms zu rekonstruieren und es dazu auf eine gemeinsame Urform zurückzuführen. Die seitdem aufgestellten Thesen sind jedoch ebenso vielfältig wie die überlieferten Schreibweisen des Wortes. Schon der lutherische Theologe Romanus Teller (1703-1750) stellte 1749 fest:
Ungeachtet dieser älteren Lehrmeinungen hält die Mehrheit der Hebraisten und Altorientalisten heute „Jahwe“ für die wahrscheinlichste ursprüngliche Lesart. Argumente dafür finden sie
Als selbständige Form tritt JH vor allem in der liturgischen Formel halelu jah („Preiset Jah!“ = Gott) auf. Diese ist oft auch an Personennamen angehängt: z.B. Jesaja, Hiskija. Die weiteren Kurzformen JHW und JW treten im Tanach – anders als in außerbiblischen Belegen wie den Elephantine-Papyri – jedoch nie selbständig, sondern stets als theophorer Teil von Personennamen auf.
Von den drei Kurzformen wird JHW als älteste vermutet, da sie in vorexilischer Zeit überwiegt. Sie erscheint als vorangestelltes (z.B. Jeho-natan) und angehängtes (z.B. Eli-jahu) Namenselement. Als Anhängsel wird JHW nach judäischer Schreibung zu JH verkürzt; als Vorsilbe (jeho) entwickelt es sich zu JW (jo), z.B. von Jehoschua zu Josua. Vor allem im Nordreich findet sich aber auch im Auslaut die Schreibung JW, z.B. in Miknejaw. Die Vokalisierung ist umstritten; meist nimmt man jaw an.
Viele Hebraisten und Alttestamentler versuchten, die Langform aus diesen Kurzformen abzuleiten. Der Altorientalist Godfrey Rolles Driver (Zeitschrift für Alttestamentliche Wissenschaft 1928) etwa fand in dem ekstatischen Ausruf „Jah!“ den Ursprung, ausgedrückt in Ex 15,2:
Auch die Gesetze der hebräischen Sprache erklären die Kurzformen eher aus der Langform als umgekehrt: In Verben gehen geschlossene Silben oft in offene über, während sie an Namensendungen wegfallen können (Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament Sp. 544).
Die Langform wird meist von der Verbwurzel HWH abgeleitet. Im Altarabischen heißt dieses Verb „fallen“; Exegeten des 19. Jahrhunderts deuteten den Namen daher kausativ mit „der Fällende“ und bezogen ihn auf eine Gewittergottheit (Ex 19,16). Bernardus Dirks Eerdmans (1868-1948) deutete die zweisilbige Kurzform Ja-Hu! als lautmalerischen Ausruf, der Blitz und Donner nachahmen solle. Julius Wellhausen (1844-1918) brachte die Kurzform JHW mit dem arabischen Verb HWH für „wehen“ in Verbindung, andere mit Arabisch HWA für „lieben“ oder dem ugaritischen Verb HWH für „sprechen“ oder „befehlen“.
HWH lässt sich aber auch als aramäische Version des hebräischen Verbs HJH für „leben, existieren, dasein, wirksam werden“ auffassen. Dies wird durch die verwandte Sprache des Amoritischen gestützt, die ein Verb HWJ mit derselben Bedeutung und Substantivierung kennt.
Demnach könnte JHWH als Hifil von HWH mit „der ins Leben, ins Dasein ruft“ übersetzt werden (so William Foxwell Albright). Als Imperfekt von HJH würde JHWH bedeuten: „Er ist“ oder „Er erweist sich als wirksam“. Als Kausativ von HWH würde es bedeuten: „Er veranlasst zu werden“. Diese imperfekte Verbform der 3. Person ist mit vielen hebräischen und arabischen Personennamen vergleichbar, die mit „J“ beginnen und eine Aussage über den Namensträger machen: z.B. hebräisch Jôsêph = arabisch Jazîd = „er (der) hinzufügt“; hebräisch Jihjeh = arabisch Jahjâ = „er (der) lebt“.
Für Gunneweg setzt jede Deutung, die den Namen als Aussage über Gottes Dasein und Wesen auffasst, einen hohen Grad an theologischer Reflexion voraus, der für die sprachliche Herkunft noch nicht anzunehmen sei. Er hält eine Schöpfungsaussage („der ins Dasein ruft“, „der veranlasst zu werden“) für unwahrscheinlich, da der Gottesname im Tanach ursprünglich nicht mit der Weltschöpfung, sondern mit dem Geschichtshandeln im Exodus Israels und der Toraoffenbarung am Sinai verbunden ist. Auch Rainer Albertz sieht die einmalige Deutung des Gottesnamens im Tanach als Hinweis darauf, dass in Israel dessen Ursprungsbedeutung nicht mehr bekannt war, und betont (Religionsgeschichte Israels S. 82):
Die Lage dieses Berges ist unbekannt. Er wurde erst in christlicher Zeit im Süden der heute nach ihm benannten Sinai-Halbinsel lokalisiert und heißt im Arabischen Dschebel Mosa (Moseberg). Am benachbarten Dschebel Serbal wurden Inschriften der Nabatäer von etwa 100 v. Chr. gefunden, die ein altes Wallfahrtsheiligtum belegen, zu dem Nomaden von weit her zogen.
Die Midianiter, ein Volk kriegerischer Wüstennomaden, bewohnten dagegen ein Gebiet östlich des Golf von Akaba bzw. Elat. Dorthin weisen auch andere archaische Bibelstellen, die den Sinai neben dem „Seir“, einem Gebirgszug östlich des Wadi El-araba zwischen Totem Meer und Golf von Akaba im damaligen Edom nennen (Dtn 33,2):
Nach Num 31 waren die Midianiter später jedoch Feinde Israels und wurden im Namen JHWHs getötet. Nach Ri 4,11 hieß Moses Schwiegervater Hobab und gehörte zu den befreundeten Kenitern. Als ihr Stammvater galt Kain, dessen Nachkommen ebenfalls im Osten wohnten und durch ein JHWH-Zeichen vor Ausrottung geschützt wurden (Gen 4,15f; vgl. aber Num 24,22): Daher nimmt man an, dass auch sie diesen Gott verehrten.
Dieser Vers ist die einzige Bibelstelle, die Gottes Namen ausdeutet. Sie geht auf die eng verwandten Wurzeln הוה (HWH – hawah – „sein, werden“) und היה (HJH – hajah – „geschehen, veranlassen, da sein“) zurück und - so nehmen Exegeten an - spielt bewusst mit deren Vieldeutigkeit. Da Präsens und Futur in hebräischen Verben oft identisch sind, ergeben sich mehrere Übersetzungsmöglichkeiten. Im Präsens würde der Vers lauten: Ich bin, der ich bin. Dies ist die häufigste Übersetzung. Im Futur hieße er: Ich werde sein, der ich sein werde, was meist im Sinne von Ich werde für euch da sein oder Ich werde mich für euch hilfreich erweisen übersetzt wird. Diese Bedeutung legt die vorherige Zusage an Mose nahe (Ex 3,12): Ich werde mit Dir sein. Dem geht in Ex 3,7ff die Verheißung voraus:
Für den Alttestamentler Walther Zimmerli enthält die Tautologie eine deutliche Zurückweisung: Das redende Subjekt behält sich seine Selbstoffenbarung vor und setzt allen Versuchen, Gottes Wesen aus seinem Namen zu erschließen, eine Grenze. Diese Unbegreiflichkeit zeigt auch der weitere Kontext: Mose erfährt Gott im brennenden Dornbusch als Feuer, das brennt, aber nicht verbrennt (Ex 3,2) und erhält den Befehl, dem Volk Israel zu erklären (Ex 3,14b):
Sowenig das Wesen dieses Gottes zum Gegenstand anschaulicher Betrachtung gemacht werden kann, so untrennbar ist sein Name von der Rettungszusage an Mose und Israel. Dies bestätigt eine weitere ausdeutende Tautologie an Mose (Ex 33,19):
Der Tanach nimmt fast nie auf die Namenserklärung von Ex 3,14 Bezug; eventuell spielt Hos 1,9 negierend auf Ex 3,12 an: nicht-für-euch-da. Für den Alttestamentler Gerhard von Rad grenzte sich die biblische Theologie damit von der altorientalischen Umwelt ab: Dort enthüllt der Name immer das ganze „Wesen" seines Trägers, so dass dieser darin greifbar ist. Für den Kult war diese Enthüllung unentbehrlich, um ein „Gedenken" an die Gottheit zu stiften: Der Name zwingt die Gestalt zu bleiben und verbürgt, dass der Mensch sie immer wieder findet. (Gerardus van der Leeuw, Phänomenologie der Religion 1933) Erst wer ihren Namen wusste, der war in der Lage, die Gottheit für die eigene Not zu interessieren und herbeizurufen. Damit war jedoch unvermeidbar Missbrauch für eigene Interessen verbunden.
Dagegen lässt sich JHWH nach biblischer Auffassung nicht wie mit einer magischen Zauberformel herbeizitieren (siehe Rumpelstilzchen), sondern bleibt unverfügbar und souverän der Person gegenüber, die ihn anruft. So erhält Jakob nach der Zusage, er werde „Israel" heißen, auf die Frage nach dem Namen des Unbekannten die bezeichnende Antwort (Gen 32,30):
Die Septuaginta übersetzt Ex 3,14 später:
Die rabbinische Tradition dagegen folgte der Eigendeutung des Namens in Ex 3,14 und leitete ihn von den drei Zeitformen des Verbs HJH ab: hajah (היה) „Er war“, howêh (הוה) „Er ist“ und jehijê (יהיה) „Er wird sein“. Damit betonte sie Gottes zeitübergreifende Gegenwart in der Geschichte des jüdischen Volkes.
Das Exodusthema blieb im Judentum prägend und bestimmte weite Teile der biblischen Geschichtsschreibung, Gesetzgebung und Prophetie mit. Es bildete den normativen Kern der gesamtisraelitischen Glaubensbekenntnisse (z.B. Dtn 6, 20ff; Dtn 26, 5-10), auf die unterschiedlichste Zeugen späterer Jahrhunderte immer wieder zurückkamen (z.B. Jos 24; Ri 10,11: Ps 136; Hos 11,1; Jes 51,9; Ez 23,3 u.v.a.). Dagegen fehlt es in anderen Büchern des Tanach, vor allem in spezifisch Jerusalemer Traditionen und späten Ketubim (Schriften).
Die Exodustradition (Ex 1-15) war anfangs selbstständig. Als ihre Keimzelle und ältestes Credo des Tanach gilt das Mirjamlied (Ex 15,21):
Die Exodustradition wurde vermutlich vom Josephsstamm nach Palästina importiert. Dort wuchs sie mit anderen Stammesüberlieferungen allmählich zum gemeinsamen Glauben Israels zusammen. Der „Auszug“ verband sich mit strukturell analogen Motiven der „Verheißung“ aus den nomadischen Erzvätererzählungen, der „Führung in der Wüste“, der „Gesetzesoffenbarung“ am Sinai und der „Landnahme“. Daraus entstand – nach heutiger überwiegender Meinung wohl erst in nachexilischer Zeit (5. Jahrhundert v. Chr.) – die theologische Gesamtkonzeption der Ursprungsgeschichte Israels im Pentateuch.
JHWHs Übernahme durch Stämme, die nicht in Ägypten waren, könnte sich in Josua 24 spiegeln. Dieses Kapitel vom sogenannten „Landtag in Sichem“, einem Kultzentrum im späteren Nordreich Israel, blickt auf die Vorgeschichte der Israeliten zurück und gipfelt in der Forderung:
Die „Erwählung“ Israels zum „Volk JHWHs“ im Exodus tendierte also auf eine kontinuierliche Selbstverpflichtung aller Israeliten und verantwortliche Bindung an diesen Gott, der sie zu einem Volk vereinte. Die Kategorie der befreienden Rettung blieb maßgebend zur Deutung späterer Geschichtserfahrung, so dass das Judentum seine historischen Krisen und Katastrophen in der Erinnerung an seine Ursprünge bewältigen konnte. JHWH blieb sein Geschichtslenker und Hoffnungspotential: auch für andere Sklaven und Völker und gerade auch dort, wo Haftpunkte seines Glaubens, der Tempel, die soziale Ordnung und der Landbesitz, verloren gingen.
Die Theophanie ist begleitet von erschreckenden Naturphänomenen (s.o.), die JHWHs Heiligkeit betonen: In seinem „Feuer“ (Ex 19,18; 24,17) würde der Mensch vergehen, so dass Gott ihn vor sich schützt und Abstand gebietet (v. 12; vgl. Ex 3,5). Nur Mose als Mittler seines Willens darf sich ihm nähern. Posaunenklang (v. 13.19) ertönt und die Priester werden davor gewarnt, Mose zu folgen (v. 24). Erst nach Gebotsoffenbarung und Bundesschluss dürfen 70 Vertreter Israels „Gott schauen" und in seinem Beisein das Bundesmahl halten (Ex 24,9-11). Diese Motive deuten an, dass die Theophanie-Erzählung in der Zeit des ersten Tempels ausgestaltet und als Fest regelmäßig kultisch wiederholt wurde.
Die Gebote werden dem ganzen Volk mitgeteilt und mit der gnädigen Zusage eröffnet (Ex 20,2f): Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit hat... Die zurückliegende Befreiung, als besondere Erwählung Israels verstanden, begründet den exklusiven Rechtsanspruch dieses Gottes auf sein Volk: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Die vermutete vorisraelitische Vulkan- oder Gewittergottheit ist hier ganz mit dem JHWH des Exodus identisch: Er kann darum auch an anderen Orten und auch Nichtjuden erscheinen und mit seinem Volk mitziehen, etwa mit der Bundeslade der vorstaatlichen Richterzeit.
Während das hebräische Wort für „Bund", Berit, in Israels Umwelt meist eine gegenseitige Rechtsverpflichtung für Interessenausgleich und Friedenssicherung meinte, ist der Begriff in Bezug auf das Gottesverhältnis Israels besonders in den Verheißungen an die Erzväter und im Deuteronomium asymmetrisch: „JHWH, der Gott Abrahams" bzw. „Israels" erscheint als zuvorkommender souveräner Bundesstifter, der sein Recht offenbart und gebieterisch dessen Einhaltung einfordert. „Israel, das Volk JHWHs" ist sein Bundespartner, dem kein eigenmächtiges Fordern von Rechten gegenüber Gott und Aufstellen von Geboten, die er nicht gegeben hat, zusteht. Aber die den Geboten vorausgehenden Verheißungen - u.a. Land, Nachkommenschaft, Segen, Frieden mit den Nachbarn - kann das Volk sehr wohl einklagen.
Die Voranstellung der Zehn Gebote macht alle folgenden Gebote zur Weisung JHWHs und stellt ihre Einhaltung unter seine Gnadenzusage, aber auch unter seine „eifersüchtige" Vergeltung an denen, die sein Recht brechen und ihn leugnen (Ex 34,14). Das Volk hat die Wahl zwischen Tod oder Leben, Segen oder Fluch (Ex 23,20-33; Lev 26), wie besonders die spätere große Moserede des Deuteronomium ausführt (Dtn 28; 30). Innerhalb wie außerhalb des Bundesbuchs stehen kasuistisch formulierte Rechtssätze, die mit hethitischem und babylonischem Recht wie dem Codex Hammurapi verwandt sind, neben apodiktischen Gebotsreihen, die besonders kultische Vergehen und den Schutz der Schwachen betreffen. Letztere werden öfter mit der Erinnerung an Israels Sklaverei vor seiner Befreiung begründet (Ex 22,20 u.a.).
Die Schöpfungsaussage stammt aus der ausgeprägten Mythologie, die die hebräischen Halbnomaden beim Besiedeln des Kulturlandes Kanaan vorfanden. Ein frühes Zeugnis dieser Begegnung bietet Gen 14,18-22: Abraham trifft nach seinem Sieg über die Ostkönige Melchisedek, den „König von Salem" (Jerusalem). Dieser wird „Priester des Höchsten Gottes" genannt und gibt Abraham den Segen dieses „Erschaffers von Himmel und Erde". Nach außerbiblischen Funden aus Ugarit stand der El Eljon an der Spitze eines polytheistischen Götter-Pantheons. Indem Abraham Melchisedek den zehnten Teil seiner Beute abgab, erkannte er diesen Gott an und identifizierte ihn mit JHWH, dem höchsten Gott, der Himmel und Erde gemacht hat (v. 22).
Während JHWH im 1. Gebot des Dekalogs eindeutig als Befreier und Bundespartner Israels definiert ist, sind Aussagen über den Schöpfer in der Bibel vielfältig und nicht an ein bestimmtes Weltbild gebunden. Verschiedene Vorstellungen stehen hinter den beiden Schöpfungserzählungen der Genesis. Der ältere Bericht Gen 2,4b-25 beschreibt Gott aus der Perspektive des sesshaften Landbauern als Gärtner, der trockenes Land befeuchtet und den Garten Eden bepflanzt, und als Töpfer, der dann die Tiere und den Menschen aus feuchtem Lehm formt. Ihm wird Lebenshauch eingeblasen, der Garten zum „Bebauen und Bewahren" des Lebens anvertraut, er erhält eine Partnerin und die Aufgabe, den Tieren Namen zu geben, so dass er sie beherrscht und als Partner Gottes das Leben schützt.
Der vorangestellte exilische Schöpfungsbericht (Gen 1,1-Gen2,2a) ist kosmologisch orientiert. Der Urzustand gleicht einem wässerigen Urchaos (tohu wawohu), über dieser Urflut (tehom) schwebt Gottes Geist (ruach). Diese Motive sind mit Schöpfungsmythen der Umwelt, hier besonders dem des phönizischen Sanchunjathon verwandt. Das Chaos tritt Gott hier aber nicht als eigene Macht gegenüber, sondern wird ganz von seinem einzigartigen Handeln beherrscht. Er schafft (bara: exklusiv für Gott verwendetes Verb) die Welt durch sein wirkungsmächtiges Wort ohne Drama, Kampf und Mühe: Er sprach, und es geschah; er befahl, und es stand da (Ps 33,9).
Dieses Wort formt und strukturiert die Grundelemente des Weltenbaus: Zuerst entsteht Licht, das die Finsternis erhellt und Tag von Nacht unterscheidet. Dann werden Himmelsfeste und Urchaos, Meer und Festland unterschieden, es folgen die Pflanzen, die Fixsterne, Sonne und Mond. Diese höchsten Gottheiten Babyloniens sind hier bloß dem irdischen Leben nachgeordnete namenlose „Leuchtkörper", die zwar Tag und Nacht „regieren“, aber nur als Zeit- und Wegmarken für den Menschen. Dann wird der so geordnete Kosmos mit Pflanzen, Wassertieren, Vögeln, Landtieren und zuletzt dem Menschen bevölkert. Dies alles geschieht in einer Arbeitswoche, nach der Gott sein Werk betrachtet, es für gut befindet und am siebten Tag ruht.
Das begründet den Schabbat als Ruhetag für Israel. Dieser verbindet die Schöpfung mit der besonderen Erwählung Israels als Bundesvolk, das den Sklavenbefreier als wahren Schöpfer der Welt bekannt machen und mit dem Tages- und Wochenrhythmus von Arbeit und Ruhe ehren soll. Das weist auf Autorschaft von Priestern hin, die JHWH den Göttermythen Babylons gegenüberstellten. Diese sollten die ewige Herrschaft der Gottkönige mit metapyhischen Mächten begründen und sichern. Demgegenüber zielen beide biblischen Schöpfungsberichte auf den Menschen und sein lebenserhaltendes partnerschaftliches Gottesverhältnis.
Bei Deuterojesaja wird die Schöpfung zum Erweis der universalen Einzigkeit JHWHs. Radikaler als in Gen 1 heißt es dort (Jes 45,7):
Von den Psalmen, die den Schöpfer loben, zeigt Ps 104 eine auffällige Nähe zum Sonnenpsalm Echnatons, der den monotheistischen Kult Atons in Ägypten einführte. Doch auch hier wird nicht das Licht der Sonne selbst, sondern JHWH als sein Urheber gepriesen, der den Gestirnen den Weg weist (v. 19).
Die Spruchweisheit deutet das Wort, mit dem Gott die Welt schuf, als Weisheit (Spr 3,19), die dann als personales Wesen vor Gott „spielt“ (Spr 8,22ff). Dies tat in Ägypten auch die Göttin Ma'at, die die weise Weltordnung verkörpert. Hier aber ist die Weisheit keine eigene Gottheit, sondern nur Gottes erstes Werk, das seine weiteren begleitet, ohne ein eigenes Wort zu sagen. Es stellt heraus, was Ps 19,2 verkündet:
Ijob, der dies angesichts der Erfahrung ungerechten und sinnlosen Leidens herausfordernd in Frage stellt (siehe dazu: Theodizee), wird wiederum auf JHWHs wunderbare Schöpfungswerke hingewiesen, vor denen sein Fragen ins staunendes Schweigen, Umkehr und Lob übergeht (Hi 38,4ff). Zugleich wird mit dem Goel („Ich weiß, dass mein Erlöser lebt") eine kommende, jenseitige Erlösung angedeutet.
Gott wird im NT durchgängig Kyrios („der Herr“) genannt. Dies entsprach der Septuaginta, die damit den Hoheitstitel „Adonaj“ für Gott transkribierte; auch wo griechische Bibelhandschriften des 1. Jahrhunderts das Tetragramm unübersetzt stehen ließen, wurde es dann wohl analog zum hebräischen Adonaj mit Kyrios ausgesprochen. In frühen handschriftlichen Übersetzungen von NT-Schriften ins Hebräische findet man demgemäß dafür wieder die Konsonantenfolge JHWH. Um diesen unverwechselbaren einzigen Herrn jenen gegenüberzustellen, die sich ebenfalls als „Herr und Gott“ anreden ließen - z.B. Augustus, Nero, Domitian - , ergänzte die Septuaginta den Kyriostitel oft mit dem Zusatz Pantokrator - „Allherrscher“. Auch diesen Sprachgebrauch übernahm das NT (z.B. in Lk 10,21).M. Karrer, Jesus Christus im Neuen Testament S. 344
Jesus von Nazaret hat als rabbinisch geschulter, aramäisch sprechender Galiläer den Gottesnamen wahrscheinlich nicht ausgesprochen: Die Tradition der Heiligung des Namens (Kiddusch Haschem) durch seine Vermeidung war zu seiner Zeit schon üblich (vgl. Mt 5,33-37). Andererseits hat er seine Jünger gelehrt, Gott als „Vater“ anzurufen (Mt 6,8). Wie in vielen anderen hebräischen Vornamen auch, ist in „Jehoschua“, westaramäisch „Jeschua“ oder nur „Jeschu“, eine Kurzform des Gottesnamens enthalten. Der ins Griechische übertragene Vorname Jesus lautet daher als Satz: JHWH rettet oder JHWH ist Rettung.
Aufgrund der Erfahrung seiner Auferstehung übertrugen die Urchristen den Kyrios-Titel auf Jesus. Denn sie glaubten, dass mit seiner Überwindung des Todes die Auferstehung der Toten begonnen habe, die das Judentum am Ende der Zeit vom Kommen Gottes als Endrichter erwartete. Damit erhielt die Deutung des Namens JHWH einen neuen Bezug (Röm 4,24):
Dieses Verhältnis zwischen Jesus und dem Vater ist Thema der bis zum 1. Konzil von Nicäa (325 n.Chr.) entfalteten altkirchlichen Trinitätslehre. Dahinter verbirgt sich die Offenbarung von drei zu unterscheidenden Seinsweisen (Personen) in dem einen Gott, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das Judentum und der Islam lehnen dagegen die Bezeichnung und Anbetung Jesu als „Gott“ oder „Herr“ ab. Sie sei unvereinbar mit ihrem Glauben an eine einzige benannte Person (im Judentum: JHWH bzw. im Islam: Allah) als Gott. Alle drei Religionen bekennen jedoch, dass es nur einen Gott gibt (Monotheismus).
Da in späterer Zeit viele Gelehrte kein Hebräisch mehr verstanden, wurde die hebräische Variante vereinzelt als „PIPI“ gelesen, da man sie mit den griechischen Buchstaben Π Ι Π Ι verwechselte. Teilweise wurde der Name, in griechischen Buchstaben transliteriert, als ΙΑΩ geschrieben, was die Aussprache „Jao“ bzw. „Jaho“ nahelegen würde (einen Buchstaben für den H-Laut hat die griechische Schrift nicht). Diese Form wird auch von Klemens von Alexandria überliefert. Sie enthält mit Alpha und Omega den Anfangs- und Endbuchstaben des griechischen Alphabets und spielt damit ebenfalls auf das „ewige Dasein“ Gottes von Anfang bis Ende der Schöpfung an.
Weder Tora noch Mischna verbieten den Gebrauch des Gottesnamens. Aber ein Jude, der den Namen öffentlich in negativem Kontext aussprach, lief im alten Israel Gefahr, als Gotteslästerer die Todesstrafe zu erleiden (3. Mose 24,16). Die Heiligkeit des Namens sollte vor solchem Missbrauch geschützt werden: Daher vermieden bereits die Chassidim – eine jüdische Richtung der „Frommen“, die etwa seit den Makkabäerkriegen im 2. vorchristlichen Jahrhundert entstand – die Aussprache des Gottesnamens. Auch Jesus von Nazaret vermied ihn und verbot den Eid, der vor Gericht oft mit dem Anrufen Gottes als Zeuge verbunden war (Mt 5,33-37). Doch erst mit der Kanonisierung der hebräisch-aramäischen Schriften (um 135 n. Chr.) wurde die generelle auch schriftliche Vermeidung des Gottesnamens üblich.
Das Jüdische Museum Berlin bot zur Kabbala im August 2004 eine Sonderausstellung mit dem Titel „10+5=Gott. Die Macht der Zeichen“. Der Titel bezog sich auf darauf, dass der Konsonant „Jod“ gemäß seiner Stellung im hebräischen Alphabet den Zahlenwert 10, „He“ den Wert 5 erhält. Beide stehen für die hebräische Kurzform des Tetragramms (JH, „Jahu“ oder „Jah“). Der Ausstellungskatalog bemerkte dazu: „… den Namen Gottes zu schreiben ist im Judentum ein Tabu. Dargestellt wird die 15 daher mit den Buchstaben (Waw) und (Teth) = 6+9.“ Die Ausstellung selbst verwendete nur die arabischen Zahlenwerte 10+5 für „Gott“, nicht aber die hebräischen Zeichen Jod und He. Sie verstieß damit nicht gegen das jüdische Tabu der Veröffentlichungdes Gottesnamens, da im Judentum nur Hebräisch die heilige Sprache auch für die Gottesnamen ist.
Nichtjuden sollten im Umgang mit Menschen jüdischen Glaubens den Gottesnamen – also die Vokalisierung des Tetragramms – möglichst nicht aussprechen oder aufschreiben, sondern analog zur jüdischen Praxis umschreiben: Dabei wird die Bezeichnung „der Herr“ von Juden und Christen gleichermaßen akzeptiert, während „Adonaj“, „HaShem“ (der Name) eher innerjüdische Begriffe sind. Manche strenggläubigen Juden sprechen oder schreiben auch das Wort „Gott“ nicht gern aus und vermeiden es mit Schreibweisen wie G´tt.
Hauptartikel: Jehovah
Die Schreibweise Jehovah oder Jehova erschien erstmals im 13. Jahrhundert . Sie geht auf den Dominikanermönch Raymund Martini zurück, der sie 1278 in seinem Werk Pugio Fidei adversus Mauros et Judaeos einführte.
So findet sich die Namensform „Jehova“ in vielen alten deutschen Bibelübersetzungen wie der unrevidierten Elberfelder Bibel, den Erstauflagen der katholischen Van-Eß-Übersetzung und auch an einzelnen Stellen in der englischen King-James-Bibel. Franz Eugen Schlachter übersetzte in seiner Miniaturbibel von 1905 das Tetragramm teilweise ebenfalls mit „Jehova", und zwar an den Stellen, wo der Gottesname ausdrücklich im Gegensatz zu heidnischen Götzen steht. Diese Verwendung übertrug sich im deutschsprachigen Raum in Hunderte von Kircheninschriften, Kirchenlieder, Münzen und literarische Werke bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Ein Beispiel für solche Namensspekulation bietet der christliche Okkultist „Papus“. Er beschreibt in seinem Werk Die Kabbala (siehe Literatur) ausführlich die Bedeutung der Buchstaben des heiligen Tetragramms (יהוה) und erklärt sie zusammengefasst so:
Die meisten evangelischen Bibelübersetzungen schließen sich der jüdischen Tradition an und schreiben Herr. Manche unterscheiden HErr oder HERR, um darauf hinzuweisen, ob an dieser Stelle JHWH oder Adonaj im Urtext steht; für Adonaj JHWH steht dann entsprechend Herr GOTT oder "Herr HErr". In den meisten anderen Sprachen wird dies ähnlich gehandhabt.
Die Zeugen Jehovas verwenden den Namen Jehova u.a. in ihrer „Neue-Welt-Übersetzung der heiligen Schrift“, sowohl im Alten Testament (6973 mal) als auch im Neuen Testament (237 mal).
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