Islamischer Fundamentalismus oder 'Politischer Islamismus' bezeichnet eine politisch-religiöse Bewegung innerhalb der islamischen Welt, die eine radikale Interpretation des Islam auf der Basis des Staates durchsetzen will. Das Ziel extrem ausgeprägten Islamischen Fundamentalismus ist zumeist die Errichtung einer islamischen Theokratie, die Einführung der Schari'a (islamisches Recht) und die Besinnung auf die Normen des islamischen Propheten Mohammed und der ersten vier Kalifen (Sunna).
Kritiker behaupten, dass das islamistische Menschenbild mit dem Konzept westlicher Freiheit und den Idealen und Werten, die im Zuge von Aufklärung und Französischer Revolution entstanden sind, unvereinbar sei. Toleranz dagegen sei seit der griechischen Antike mit dem Begriff der offenen Wahrheitssuche und dem Respekt vor den unterschiedlichen Stadien und Ergebnissen dieses offenen Prozesses verbunden. Im aufgeklärten, vom Hellenismus beeinflussten Denken früher islamischer Gelehrter im arabisch beherrschten Spanien (u.a. Averroës (Ibn Rushd), Avicenna) sei diese dem westlichen und islamischen Denken gemeinsame Wurzel noch erkennbar. Der radikale Islamismus sei ein extremer Widerpart des den Westen und den Islam ursprünglich gemeinsam umschließenden geistigen Bandes. Die objektive Trennung zwischen politischen und nicht-politischen Ideen im Islam ist schwierig. Die Trennung von Kirche und Staat ist eine westliche Idee, entstanden in jahrhundertelangen Kämpfen der europäischen Völker gegen den weltlichen Machtanspruch der geistlichen Mächte, insbesondere des vielfach als "verdorben" wahrgenommenen (politischen) Papsttums (vgl. Luthers Anklage gegen Rom und für eine neue theologisch-religiöse Begründung des Christentums). Das islamistische Weltideal beruht dagegen auf einer religiösen Führung, die die Anwendung der islamischen Schari'a beaufsichtigt und sicherstellt.
Beim explizit politischen Islam handelt es sich ursprünglich um eine Melange aus Islam und westlichen Ideen wie den Kommunismus, die jedoch nach dem Fall der Sowjetunion an Bedeutung innerhalb des politischen Islam verloren hat. Daher wird islamistischen Parteien in der islamischen Welt oftmals das Fehlen eines praktikablen Programms bzw. konkreter politischer Reformschritte vorgehalten.
Die oft geäußerte Bezeichnung des Islam als eine "Religion des Friedens" stößt bei vielen Kritikern des sogenannten Islamismus auf erhebliche Vorbehalte; sie wird als eine ideologische Verschleierung des Islamismus gesehen, der hinter einer Maske friedfertiger "Harmlosigkeit" in Wahrheit die westliche Kultur erbittert bekämpfe. Viele Muslime auf der anderen Seite identifizieren sich nicht mit den politischen Forderungen des islamischen Fundamentalismus. Die Vorstellungen über eine "richtige" Anwendung des im Koran, der Sunna und der Hadith enthaltenen Verhaltensregeln gehen außerdem auseinander.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden Hassprediger und radikale muslimische Gruppen - in Deutschland beispielsweise der "Kalifatstaat" von Metin Kaplan - intensiv von Polizei und Geheimdiensten beobachtet. Ihnen wird vorgeworfen, mit Terroristen zu sympathisieren oder in terroristische Aktivitäten verwickelt zu sein.
Als erklärtes Ziel von Islamisten wird nach übereinstimmender Lehre die Herrschaft des Islam über die ganze Welt betrachtet. Der Islam ist für Islamisten nicht einfach nur eine Religion; er ist auch eine Form politisch-geistlicher Herrschaft unter der einzigen Autorität des Koran. Diese Auffassung wird auch bei vielen Muslimen geteilt, die nicht im engeren Sinne dem politisch-terroristischen Islamismus anhängen.
Der Islam lehrt, dass Gott die einzige Autorität sei - der Koran sei sein Wort und enthalte alle nötigen Regelungen für das Zusammenleben. Darum müssten sich politische Systeme auf Gottes Lehren gründen und auf nichts anderes. Islamische Fundamentalisten gründen ihre Weltanschauung auf diese angeblich einzig "richtige" legitimierte Auslegung des Korans. Die Auslegung des Korans ist von Islamistengruppe zu Islamistengruppe jedoch verschieden, da der Koran nicht in allen Aussagen eindeutig ist und er daher im Zusammenhang mit Sunna und Hadith, den Überlieferungen über Denken und Handeln des Propheten Mohammed, zu lesen ist.
Der angloamerikanische Islamwissenschaftler Bernard Lewis bezeichnet den Begriff des Fundamentalismus, bezogen auf den Islam, als unglücklich und irreführend, da er ursprünglich auf das Christentum angewendet wurde. Dort bezeichnet er zumeist protestantische Strömungen, die den göttlichen Ursprung und die Unfehlbarkeit der Bibel verfechten. Lewis weist darauf hin, dass es im Islam (bisher) niemanden gäbe, der am göttlichen Ursprung des Koran zweifele, und von daher jeder Muslim, also jeder Anhänger des Islam dem Wortsinne nach ein Fundamentalist sei. Der muslimische Fundamentalismus muss also nicht notwendigerweise radikal, d.h. gewaltbereit sein, auch wenn das in der Praxis dann meist der Fall ist.
Das Phänomen des Islamismus entstand im 20. Jahrhundert. 1928 gründete Hasan al-Banna die Muslimbrüder in Ägypten gegen den als "dekadent" geltenden Einfluss des Westens, dem sie durch "islamische Erziehung" und ein "soziales Netz" entgegenzuwirken suchten. Man nahm den Westen als "Kolonialismus", "Kreuzfahrertum", christliche Mission, ein fremdes Erziehungssystem wahr, kurz: als kulturelle Invasion, und vermutete eine wie auch immer geartete "globale Verschwörung" gegen den Islam. Mitunter galten auch liberale Politiker und Machthaber islamischer Länder islamistischen Gruppen als westliche und östliche Agenten des "Imperialismus".
Eine Debatte um die Frage eines islamischen Staates vor allem zwischen Ali Abdarraziq und Rasid Rida endete - wesentlich bedingt durch die Auswirkungen der "Kolonialherrschaft" - zugunsten der Muslimbrüder.
In den 1960er Jahren gewannen radikale Islamisten (z.B. Saiyid Qutb) Einfluss, die die Gegenwart als "Dschahiliya" (Zeit der Unwissenheit) verstanden, welcher durch den Dschihad zur Gottesherrschaft in den islamischen Staaten verholfen werden müsse.
In den 1980er Jahren versuchten islamistische Gruppen zunehmend, ihre Ziele gewaltsam durch Attentate und Entführungen zu erreichen.
Der Islamismus bedient sich unterschiedlicher Mittel: auch innerhalb der Familie durch ein an islamischen Grundsätzen orientiertes Leben, mittels Werbung für den Islam (da'wa), durch das Streben nach allen rechtlichen Möglichkeiten für den Islam, durch Literaturverbreitung, durch den Unterhalt sozialer Einrichtungen oder den Bau von Moscheen.
Nach dem Niedergang von Sozialismus, Monarchie und des panarabischen Nationalismus entstanden neben den Muslimbrüdern neue islamistische Gruppen.
Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter titulierte den Islamismus als den Faschismus des 21. Jahrhunderts, da er dem Totalitarismus der Sowjets und Nazis nahestünde. Solche Thesen, die insbesondere seit den Anschlägen vom 11. September 2001 Verbreitung finden, kommen in dem kontroversen Neologismus Islamfaschismus zum Ausdruck.
Islamischer Fundamentalismus bezeichnet eine Gesinnung die zu einer strengen Anwendung des Korans und des islamischen Sharia-Gesetzes aufruft. Islamismus entwickelte sich als Konsequenz des Reformprozesses des Islam des 19. und 20. Jahrhundert, ausgelöst durch die Publikationen Jamal ad-din al-Afghani (1837-97), Muhammed Abduh (1849-1905) sowie Rashid Rida (1865-1935). Diese forderten eine Revitalisierung und Rückbesinnung auf koranische Werte und Traditionen, sowie die Stärkung islamischer Traditionen und Lebensweisen, als Antwort auf den größer werdenden Einfluss europäischer Großmächte. Hierbei beriefen sie sich auf das Beispiel der religiösen Vorväter (der al-salaf, AD 610-855). Es ist festzuhalten daß die islamischen Gesellschaften insbesondere in der Zeit des europäischen Mittelalters freiheitlicher und fortschrittlicher waren als die christliche Welt und deshalb keine bürgerliche oder nationalstaatliche Emanzipation angestrebt wurden.
Gemeinsam ist dem christlichen und dem islamischen Monotheismus das Ideal einer Machtkonzentration ohne Unterdrückung, als Gegenentwurf zu den Herrschaftsstrukturen der spätrömischen Antike. Deshalb sollen die Autoritäten in beiden Religionen ihre Schutzbefohlenen nicht gleich, sondern verschieden behandeln (Gnade). Der spätmittelalterliche Nominalismus setzt sich im Islam aus demselben Grunde durch wie in der christlichen Welt: Zentralisierungen und Vereinheitlichungen sind gnadenlos und haben keinen Wirklichkeitsgehalt. Die Vorstellung einer Gleichheit als gemeinsamer "Identität" steht zu dieser Weltsicht erst einmal in krassem Gegensatz. Im europäischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts wurden traditionelle Ungleichheiten durch gemeinsame Frontbildung gegen das "Fremde" zu verdecken oder zu überwinden versucht. Auch der islamische Fundamentalismus versucht sich mit einen paradoxen Ausgleich zwischen moderner Identität (als mediengestütztem Bewusstsein der Gleichheit) und hergebrachter Unterwerfung unter die Gnade. So kann sich eine kollektive Entfesselung der Selbstherrlichkeit als Demut legitimieren.
Abduh und Rida verwarfen die vorherrschenden Vorstellungen der konservativen geistlichen Führung (Ulama) und forderten eine Rückkehr zum Islam der religiösen Vorväter, wobei sie jede Veränderung des Islam nach 855 ablehnten, darunter die verschiedenen islamischen Rechtsschulen (madhhabs). 1928 wurden diese Ideen von der neugegründeten Muslimbrüderschaft wiederaufgegriffen. Die Muslimbrüderschaft machte es sich zur Aufgabe, die Rückbesinnung auf die islamischen Werte des salafi-Zeit, in abgeänderter Form, an die breite Bevölkerung zu vermitteln. Der neue Islamismus beinhaltete daher auch Opposition zur westlichen politischen und wirtschaftlichen Dominanz sowie dem westlichen Konzept der Säkularisation.
Eine weitere wichtige Phase für die Entwicklung des Islamismus stellt der Sechstagekrieg von 1967 und die Zeit unmittelbar danach dar; Die bis dahin vorherrschende Ideologie des arabischen Nationalismus erschöpfte sich an dem von den arabischen Staaten als demütigende Niederlage betrachteten Krieg gegen Israel. Islamismus wurde eine akzeptable Alternative für viele, die vom arabischen Nationalismus enttäuscht worden waren. Die iranische Revolution 1979, obgleich ausgelöst von Schiiten, wurde zu einem Symbol und Beispiel eines lebensfähigen islamischen Staates. Die folgenden Golf-Kriege schafften ein weiteres politisches Vakuum in zahlreichen arabischen Ländern, die die meist undemokratischen Regierungen mit keiner eigenen Ideologie ausgleichen konnten.
In den 90er Jahren radikalisierten sich zahlreiche Islamistengruppen zusehends. Während in denn 70ern und 80ern arabischer Terror mehr auf den Konflikt in Israel/Besetzte Gebiete konzentriert war, erwuchs der radikale Islamismus der 90er Jahre zur Ideologie radikaler Gruppen, darunter terroristische Gruppierungen wie Al-Qaida („Die Basis“). Gleichzeitig findet in vielen islamischen Gesellschaften eine graduelle Re-Islamisierung statt, die in Europa zu Disputen wie der Kopftuch-Debatte führte.
Nach Expertenschätzungen ist ein Großteil der rund 31.000 islamistischen Extremisten in Deutschland dazu bereit, seine Vorstellungen von einer in seinem Sinne idealen Gesellschaft auch außerhalb des Grundgesetzes durchzusetzen.
So empfiehlt beispielsweise der Londoner Imam Omar Bakri, Anführer der radikalen Sekte Al Muhajiroum als einzige Auseinandersetzungsart mit nichtmuslimischen Gesellschaften weiterhin den Dschihad. Lange Zeit durfte auch der an der Nord-Finsbury-Park-Moschee predigende Scheich Abu Hamza al-Masri etlichen später als Terroristen und Al-Kaida-Kader entlarvten Islamisten Anweisungen für ihre Missionen geben. Später wurde er auf Druck der USA hin festgenommen.
Ende 2005 bekam die Diskussion um den islamischen Fundamentalismus durch die Unruhen in Frankreich eine neue Brisanz.
Italien und der Vatikan gehören nach Ansicht der Geheimdienste seit langem zu den Hauptzielen islamistischer Terroristen. In Italien leben mindestens 800.000 Muslime. Dem aus Libyen stammenden italienischen Journalisten Fahrid Adli zufolge besuchen etwa fünf Prozent davon regelmäßig Moscheen; nur ein Bruchteil dieser Gruppe sei zu religiös motivierter Gewalt bereit. Ex-Innenminister Enzo Bianco berichtete Anfang 2004, dass bereits 1997, 2000 und 2001 moslemische Gruppen ausgehoben worden seien, die in Verbindung mit islamischen Terroristen gestanden hätten. Seit den Madrid-Attentaten vom März 2004 und der Ermordung von zwei italienischen Geiseln im September 2004 im Irak ist ein wachsendes Misstrauen der Bevölkerung gegen die moslemische Minderheit spürbar. Angesichts dieser Entwicklung hat sich Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi besorgt über das antiislamische Klima in Italien geäußert. Innenminister Giuseppe Pisanu hat zum Dialog mit den Moslems Italiens aufgerufen.
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