Die Angaben über den Islam in der Ukraine bzw. die in der Ukraine lebenden Muslime schwanken zwischen 1,2 und 2 Millionen, das entspricht bis zu 4% der Bevölkerung. Nur auf der einstmals russischen Halbinsel Krim machen 250.000 überwiegend tatarische bzw. turkstämmige Moslems mit 12% einen ähnlich hohen Anteil aus wie der Islam in Russland.
Heutige Zentren sind neben der Hauptstadt Kiew und der zweitgrößten Stadt Charkow auch Donezk, Cherson und vor allem die Krim, die traditionelle Heimat muslimischer Tataren. Wie die Wolgatataren in Russland so sind auch die sunnitischen Krimtataren in der Ukraine hauptsächlicher Repräsentant und Verbreiter des Islam unter den orthodoxen Ostslawen. Zusammen mit ukrainischen Nogaiern und verwandten Völkern zählen die Tataren sogar 400-450.000 Gläubige.
Nachdem der Mongolensturm und der Fall Kiews 1240 der bereits auseinandergebrochenen Rus den Todesstoß versetzt hatte, trat 1262 Berke Khan als erster Mongolenherrscher zum Islam über. Seine tatarischen Nachfolger der Goldenen Horde an der Wolga stellten sich im Kampf gegen die ebenfalls mongolischen Ilkhane Persiens auf die Seite des Kalifats in Kairo, während in der Südukraine Kara Nogai Khan kurzzeitig abfiel und gelegentlich von der Krim regierte.
Nach dem Zusammenbruch der Goldenen Horde ab 1430 und ihrer endgültigen Zerstörung durch die Krimtataren 1502 fiel das ostukrainisch-russische Grenzgebiet (Donezk, Lugansk) an der "Belgorod-Linie" bzw. der "Isjum-Linie" bis 1593 unter die Herrschaft des Krim-Khanats, das seinerseits wiederum seit 1475 unter der Oberhoheit der osmanischen Türken stand.
Der südliche Teil Bessarabiens (Budschak) stand 1484-1812, Jedisan (Odessa) 1526-1792 und sogar Podolien (Winnyzja und Chmelnyzkyj) 1672-1699 unter muslimisch-türkischer Herrschaft1 – Saporoschje (einschließlich Kirowograd, Dnepropetrowsk und Donezk) 1711-1739, Nikolajew und Cherson (nördlich des Dnjepr) bis 1774, Taurien (Cherson südlich des Dnjepr) und die Krim selbst schließlich bis 1783 unter muslimisch-tatarischer Herrschaft.
War die Südukraine bis dahin "Grenzland" (Kraina) zwischen Orthodoxie, Katholizismus und Islam gewesen, so wurde sie fortan als "Neurussland" von russisch-orthodoxen Siedlern und auch deutschen Kolonisten besiedelt.
Auf der Krim machten die Tataren 1893 noch 35% der Bevölkerung aus, 1927 – zehn Jahre nach der Oktoberrevolution – nur noch 27%, und auch das meistens auf dem Land bzw. in den Bergen. Der Stalinismus erzwang Atheismus, Kollektivierung und Verbannung. Am 18. Mai 1944 ließ Stalin fast sämtliche Krimtataren wegen ihrer Kollaboration mit deutschen Truppen nach Sibirien und Mittelasien deportieren, der tatarische Islam in der Ukraine fand ein vorläufiges Ende, bis 1988 betrug der muslimische Bevölkerungsanteil auf der Krim 0,1%. Erst mit Gorbatschows Perestroika und dem daraus resultierenden Zerfall der Sowjetunion kehrten die Tataren zahlreich zurück und machen auf der Krim heute wieder 12% der Bevölkerung aus.
Die Gemeinschaft der Muslime in der Ukraine ist daher organisatorisch gespalten. Die Krimtataren dominieren die weitaus größere Geistliche Verwaltung der Muslime der Krim in Simferopol (Mufti Emir Ali Efendi), die meisten übrigen Muslime haben sich in Kiew (unter dem libanesischen Imam Tamim Achmed Mohammed Mutakh) zur kleineren Geistlichen Verwaltung der Muslime der Ukraine zusammengeschlossen.
Erfolgreiche politische Interessensvertretungen gibt es (außer einer nationalistischen Tatarenpartei auf der Krim) nicht, auch wenn die Partei der Muslime der Ukraine Ende 2004 den Wahlkampf des prorussischen Ostukrainers Janukowitsch unterstützt hatte. Diese islamische Partei ist der machtlose politische Arm des Geistlichen Zentrums der muslimischen Gemeinden der Ukraine, einer dritten Organisation in Donezk (von Tataren dominierte Abspaltung der Kiewer Verwaltung, Scheikh Rashid Bragin). Die Krimtataren hatten dem proamerikanischen Kandidaten Juschtschenko zur Präsidentschaft verholfen, dieser versucht nun die prorussische Verwaltung der Krim mit Hilfe der Tataren zu "säubern". Mit ihrer tatarischsprachigen Zeitung sind sie in 12 der 24 Regionen (die obengenannten plus Kiew?), die übrigen Muslime mit einer russischsprachigen Zeitung und in 10 Regionen organisiert. Der von Präsident Juschtschenko vollzogene Abzug der ukrainischen Besatzungstruppen aus dem Irak ist als Zugeständnis an die den Irak-Krieg kritisierenden Krimtataren gedeutet worden, da diese Muslime bei seiner Machtübernahme mitgeholfen hatten.
Die Krimtataren sind zwar konservativ, traditionell aber prowestlich orientiert, sehr enge Beziehungen bestehen zur verwestlichten Türkei, wo eine große Anzahl der Türken tatarische Stammbäume hat. Im Gegenzug leben zahlreiche Türken besonders auf der Krim, türkische Unternehmen investieren in der Ukraine, und die Moschee in Simferopol steht unter dem Einfluss türkischer Ulama. Die eher geringe Anzahl tschetschenischer Flüchtlinge in der Ukraine lehnt sich mehr an ihre Exilregierung und Saudi-Arabien an. Die eher liberalen russisch-sprechenden Muslime orientieren sich nach Osten auf Russland bzw. die muslimischen GUS-Republiken Mittelasiens, wo ein Großteil von ihnen seine Wurzeln hat, sowie auf arabische Staaten und z.T. auch auf den Iran. Einige russische, wolgatatarische und GUS-Muslime folgen den rivalisierenden Geistlichen Verwaltungen und Muftis in Russland (Moskau und Ufa).
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