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Mit einer Anzahl von nur 31.000 Muslimen in Polen ist das stark katholisch geprägte Land einer der EU-Staaten mit dem geringsten moslemischen Bevölkerungsanteil (weniger als 0,1%). Seit 600 Jahren aber gibt es in Polen eine kleine Minderheit einheimischer Muslime, und im 19. Jahrhundert kam es sogar zu einem Massenübertritt polnischer Patrioten zum Islam.

Litauische Tataren in Polen


Fernab Polens, an der Wolga, war ab 1380 die Herrschaft der tatarischen Goldenen Horde durch eine Teilniederlage gegen die Moskowiter Russen und einen Vernichtungsfeldzug Tamerlans schwer erschüttert worden. In die darauf folgenden innertatarischen Machtkämpfe mischte sich besonders ab 1397 auch Polen-Litauen ein. Nachdem Tamerlan die mit Litauen verbündeten Tatarenkhane vertrieben hatte, stellte sein General Edigü die Goldene Horde wieder her. Mit Hilfe der Litauer versuchte Ex-Khan Toktamisch zurückzukehren, doch das vereinte litauisch-tatarische Heer unter Großfürst Vytautas wurde 1399 von Edigu in der Schlacht an der Worskla entscheidend geschlagen.

Grunwald Wojciech Kossak.jpg Toktamischs Tataren fanden in Polen-Litauen Aufnahme, sein Sohn Dschalal ad-Din verhalf mit seiner leichten Reiterei den Polen 1410 in der Schlacht bei Tannenberg zum Sieg über die schwergepanzerten deutschen Ordensritter. Nach weiteren vergeblichen Versuchen, Dschalal ad-Din oder seine Brüder als Khane an der Wolga zu inthronisieren, schloss Polen-Litauen 1418 Frieden mit Edigü.

Nach der russischen Eroberung der Tataren-Khanate an der Wolga und der Zurückdrängung auch der Krimtataren kamen im 16. Jahrhundert weitere Tataren und Nogaier ins Land, im 17. Jahrhundert soll ihre Zahl bereits 200.000 betragen haben. Als polnische Hilfstruppen kämpften 15.000 von ihnen verzweifelt gegen Russen, Schweden und ukrainische Kosaken, und nahmen sich polnische Frauen, ohne jedoch den sunnitischen Islam aufzugeben. Abgeleitet von dem alten krimtatarischen Wort "Lipka" für Litauen wurden sie Lipka-Tataren, also litauische Tataren genannt.

Allmählich wurden die Tataren nahezu vollständig assimiliert, polonisiert und verwestlicht. Noch im 20. Jahrhundert kämpften sie auf polnischer Seite gegen Sowjetrussland und Nazideutschland; heute zählen sie etwa 5.000 Nachfahren vor allem in der Region Bialystok. Einige Tausend weitere polnische Tataren leben in Litauen und Weißrussland, stets in friedlicher Nachbarschaft mit polnischen Katholiken und unter völliger Gleichberechtigung der religiös und politisch aktiven Frauen, die sogar Gemeindefunktionäre sind. Ein Großteil der polnischen Tataren ist jedoch auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Großstädte Warschau, Danzig, Breslau, Lublin, Posen und Bialystok abgewandert, wo sie sich zunehmend mit muslimischen Immigranten vermischen. Nur 500 von ihnen betrachten sich noch heute als „reine“ Tataren statt als Polen und sprechen einen weißrussischen Dialekt.

Lipka-Rebellion in der Ukraine


Islam_in_der_Ukraine7.jpg: Durch die Lipka-Revolte fielen neben Jedisan (grün) weitere Gebiete im Süden (gelb) an das Khanat der Krimtataren (orange)]] Bereits 1526 hatte Polen-Litauen seinen um 1400 erworbenen ukrainischen Zugang zum Schwarzen Meer (Jedisan) an die osmanischen Türken verloren, siehe auch Islam in der Ukraine.

Unter dem Druck der (seit 1596 anhaltenden) Katholisierung lief bei Ausbruch des Krieges zwischen Polen und dem Osmanischen Reich 1672 ein Teil des 3.000 Mann starken tatarischen Lipka-Regiments zu den Türken über und übergab ihnen die ukrainischen Städte Bar und Kamieniec-Podolski. Ein anderer Teil aber hielt an der Waffenbrüderschaft mit den Polen fest, wofür ihnen König Jan Sobieski 1679 zwei ostpolnische Dörfer (Bohoniki und Kruszyniany, später auch Sokółka) nahe Bialystok als Siedlungsgebiet schenkte und eine Generalamnestie für alle Tataren erließ. Polen hatte so den Rücken wieder frei für die Schlacht um Wien (1683) und den Krieg um Ungarn. Schon 1699 schließlich gewann es Podolien zurück.

Die Lipka-Rebellion bildete den Hintergrund für den historischen Roman „Pan Wołodyjowski“ (auch als Film) des polnischen Nationaldichters Henryk Sienkiewicz.

Während der Türkenkriege unterstützte 1768-1772 das Osmanische Reich einen Aufstand polnischer Patrioten, die sich in der Konföderation von Bar gegen Russland und ihren eigenen (prorussischen) König zusammengeschlossen hatten. Da Österreich den Sieg Russlands über die Türkei schmälern wollte, "vermittelte" Preußen zum Ausgleich die Teilungen Polens, 1807 (und 1939) kam auch Bialystok an Russland. 1945 fiel ein Teil des tatarischen Siedlungsgebietes in Polen an die Sowjetunion, Polen aber erhielt Bialystok zurück.

Polnische Konvertiten im Exil


Schon vor über 1.000 Jahren hatten polnische und russische Saqaliba (zum Islam konvertierte Slawen) an andalusischen Höfen Karriere gemacht. Seitdem hatten immer wieder einzelne Polen den Islam und Posten vor allem im Osmanischen Reich angenommen, so z.B Albert Wojciech Bobowski alias Ali Ufki (1610-1675), ein polnischer Kirchenmusiker und Barockkomponist, der zum Schatzmeister (Finanzminister) des Sultans wurde.

Nach der Niederlage polnischer Freiheitskämpfer in der ungarischen Revolution von 1848/49 kam es jedoch zu einer Massenkonversion ethnischer Polen im Exil. Die von Russen und Österreichern geschlagenen Reste der Revolutionsarmee waren unter General Josef Bem (1794-1850) auf türkisches Gebiet und zum Islam übergetreten. Zusammen mit Bem konvertierten 72 Offiziere und Generale sowie 6.000 ungarische und polnische Soldaten, sehr viele von ihnen stiegen im Osmanischen Reich zu Armeeführern oder Gouverneuren usw. auf, so z.B.

  • Abdülkerim Pascha (1807-1885), polnisch-türkischer General
  • Seweryn Bielinski alias Nihad Pascha (1815-1895), polnisch-türkischer General
  • Konstantin Borjenski oder Bozecki (1827-1877) alias Mustafa Celaleddin (Celalettin) Pascha, polnisch-türkischer General, Turkologe und Großvater Nazim Hikmets
  • Feliks Klemens Breanski alias Schahyn Pascha (1794-1884), polnisch-türkischer General
  • Michail Czajkowski alias Mehmet Sadik Pascha (1804-1886), polnisch-türkischer General
  • Antoni Aleksander Ilinski alias Iskender Pascha (1814-1861), polnisch-türkischer General

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus konvertierten in Polen etwa 1.000 Polen zum Islam.

Muslimische Immigranten


Den Großteil der Muslime in Polen machen jedoch nicht Tataren oder Konvertiten, sondern vor allem türkische und arabische Einwanderer aus, aber auch Moslems aus Mittelasien und Afrika. Rund 25.000 ausländische Muslime leben heute in Polen, so Brockhaus (2006). Damit ist Polen das EU-Land mit dem geringsten muslimischen Bevölkerungsanteil.

Einzigartig für Europa ist ein 1997 gebildeter Katholisch-Islamischer Rat, der für einen interreligiösen Dialog eintritt und sowohl von polnischen Bischöfen als auch vom saudischen Königshaus gefördert wird.

Warnenczyk.jpeg vor Varna bei einem Kreuzzug gegen die Türken gefallen]] Dennoch schlägt sich dieser Einfluss nicht auf die Politik durch. Polen war z.B. (neben Dänemark) das einzige Land in der USA-geführten "Koalition der Hilfswilligen", das dem Irak auch formal den Krieg erklärte. Nach US-Amerikanern und Briten sind Polen bis heute die drittwichtigste Besatzungsmacht im Irak, die sich dort am, von der US-Regierung propagierten "Kampf gegen den Terrorismus" beteiligt, der von vielen polnischen Muslimen (wie auch Christen) als "Kreuzzug" gegen arabische Muslime betrachtet und abgelehnt wird.

Islam in Litauen


Im ebenfalls katholischen, aber wesentlich kleineren Litauen leben bis zu weitere 3.000 Tataren. Raiziai im südlitauischen Distrikt Alytus ist seit 600 Jahren ihr traditionelles Siedlungsgebiet. Viele von ihnen leben heute auch in der bzw. um die Hauptstadt Vilnius.

In Vilnius selbst sind spätestens seit der Sowjetzeit alle Moscheen und Spuren der Lipka-Tataren und des Islam in Litauen verschwunden (bis auf das 1929 gegründete Tataren-Museum). Die Stadtregierung weigert sich bis heute, einen Moscheeneubau zuzulassen. Statt dessen entstand (ebenfalls in der Zwischenkriegszeit), anlässlich des Geburtstages des tatarenfreundlichen Großfürsten Vytautas, eine Moschee in Kaunas (litauische Hauptstadt der Zwischenkriegszeit), faktisch gegenüber des polnischen Bialystok und unweit der tatarischen Glaubensbrüder jenseits der seit 1918/20 existierenden Grenze zwischen Polen und Litauern.

Statt polnisch oder litauisch sprechen auch die litauischen Tataren einen weißrussischen Dialekt, weshalb sie gelegentlich (auch in Polen) fälschlich zur weißrussischen Minderheit gerechnet werden (46.000 Weißrussen, aber bis zu 63.000 Weißrussisch-Sprechende in Litauen). Zusammen mit muslimischen Immigranten (darunter 5.000 Tataren aus Russland) und litauischen Konvertiten machen 21.000 ethnische Muslime in Litauen einen Bevölkerungsanteil von 0,6% aus.

Gemeinsam mit den Wolga- und Krimtataren hatte Vytautas Ende des 14. Jahrhunderts auch die turksprachigen Karaimen (Juden) ins Land geholt, deren traditionelles Siedlungsgebiet in Litauen Trakai (bei Vilnius) ist, außerhalb davon Galitsch (und Luzk) in der einst polnischen Westukraine sowie auf der Krim.

In der weißrussischen Hauptstadt Minsk leben litauische Tataren seit 1428 im Stadtteil Tatarskaja Slabada sowie in Lida (70km westlich von Minsk) und Nawahradak (zwischen Minsk und Bialystok).

Siehe auch


Weblinks


englische und polnische Wikipedia

weitere Links

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Islam in Poland

 

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