Mit einer Anzahl von nur 31.000 Muslimen in Polen ist das stark katholisch geprägte Land einer der EU-Staaten mit dem geringsten moslemischen Bevölkerungsanteil (weniger als 0,1%). Seit 600 Jahren aber gibt es in Polen eine kleine Minderheit einheimischer Muslime, und im 19. Jahrhundert kam es sogar zu einem Massenübertritt polnischer Patrioten zum Islam.
Grunwald Wojciech Kossak.jpg Toktamischs Tataren fanden in Polen-Litauen Aufnahme, sein Sohn Dschalal ad-Din verhalf mit seiner leichten Reiterei den Polen 1410 in der Schlacht bei Tannenberg zum Sieg über die schwergepanzerten deutschen Ordensritter. Nach weiteren vergeblichen Versuchen, Dschalal ad-Din oder seine Brüder als Khane an der Wolga zu inthronisieren, schloss Polen-Litauen 1418 Frieden mit Edigü.
Nach der russischen Eroberung der Tataren-Khanate an der Wolga und der Zurückdrängung auch der Krimtataren kamen im 16. Jahrhundert weitere Tataren und Nogaier ins Land, im 17. Jahrhundert soll ihre Zahl bereits 200.000 betragen haben. Als polnische Hilfstruppen kämpften 15.000 von ihnen verzweifelt gegen Russen, Schweden und ukrainische Kosaken, und nahmen sich polnische Frauen, ohne jedoch den sunnitischen Islam aufzugeben. Abgeleitet von dem alten krimtatarischen Wort "Lipka" für Litauen wurden sie Lipka-Tataren, also litauische Tataren genannt.
Allmählich wurden die Tataren nahezu vollständig assimiliert, polonisiert und verwestlicht. Noch im 20. Jahrhundert kämpften sie auf polnischer Seite gegen Sowjetrussland und Nazideutschland; heute zählen sie etwa 5.000 Nachfahren vor allem in der Region Bialystok. Einige Tausend weitere polnische Tataren leben in Litauen und Weißrussland, stets in friedlicher Nachbarschaft mit polnischen Katholiken und unter völliger Gleichberechtigung der religiös und politisch aktiven Frauen, die sogar Gemeindefunktionäre sind. Ein Großteil der polnischen Tataren ist jedoch auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Großstädte Warschau, Danzig, Breslau, Lublin, Posen und Bialystok abgewandert, wo sie sich zunehmend mit muslimischen Immigranten vermischen. Nur 500 von ihnen betrachten sich noch heute als „reine“ Tataren statt als Polen und sprechen einen weißrussischen Dialekt.
Unter dem Druck der (seit 1596 anhaltenden) Katholisierung lief bei Ausbruch des Krieges zwischen Polen und dem Osmanischen Reich 1672 ein Teil des 3.000 Mann starken tatarischen Lipka-Regiments zu den Türken über und übergab ihnen die ukrainischen Städte Bar und Kamieniec-Podolski. Ein anderer Teil aber hielt an der Waffenbrüderschaft mit den Polen fest, wofür ihnen König Jan Sobieski 1679 zwei ostpolnische Dörfer (Bohoniki und Kruszyniany, später auch Sokółka) nahe Bialystok als Siedlungsgebiet schenkte und eine Generalamnestie für alle Tataren erließ. Polen hatte so den Rücken wieder frei für die Schlacht um Wien (1683) und den Krieg um Ungarn. Schon 1699 schließlich gewann es Podolien zurück.
Die Lipka-Rebellion bildete den Hintergrund für den historischen Roman „Pan Wołodyjowski“ (auch als Film) des polnischen Nationaldichters Henryk Sienkiewicz.
Während der Türkenkriege unterstützte 1768-1772 das Osmanische Reich einen Aufstand polnischer Patrioten, die sich in der Konföderation von Bar gegen Russland und ihren eigenen (prorussischen) König zusammengeschlossen hatten. Da Österreich den Sieg Russlands über die Türkei schmälern wollte, "vermittelte" Preußen zum Ausgleich die Teilungen Polens, 1807 (und 1939) kam auch Bialystok an Russland. 1945 fiel ein Teil des tatarischen Siedlungsgebietes in Polen an die Sowjetunion, Polen aber erhielt Bialystok zurück.
Nach der Niederlage polnischer Freiheitskämpfer in der ungarischen Revolution von 1848/49 kam es jedoch zu einer Massenkonversion ethnischer Polen im Exil. Die von Russen und Österreichern geschlagenen Reste der Revolutionsarmee waren unter General Josef Bem (1794-1850) auf türkisches Gebiet und zum Islam übergetreten. Zusammen mit Bem konvertierten 72 Offiziere und Generale sowie 6.000 ungarische und polnische Soldaten, sehr viele von ihnen stiegen im Osmanischen Reich zu Armeeführern oder Gouverneuren usw. auf, so z.B.
Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus konvertierten in Polen etwa 1.000 Polen zum Islam.
Einzigartig für Europa ist ein 1997 gebildeter Katholisch-Islamischer Rat, der für einen interreligiösen Dialog eintritt und sowohl von polnischen Bischöfen als auch vom saudischen Königshaus gefördert wird.
Warnenczyk.jpeg vor Varna bei einem Kreuzzug gegen die Türken gefallen]] Dennoch schlägt sich dieser Einfluss nicht auf die Politik durch. Polen war z.B. (neben Dänemark) das einzige Land in der USA-geführten "Koalition der Hilfswilligen", das dem Irak auch formal den Krieg erklärte. Nach US-Amerikanern und Briten sind Polen bis heute die drittwichtigste Besatzungsmacht im Irak, die sich dort am, von der US-Regierung propagierten "Kampf gegen den Terrorismus" beteiligt, der von vielen polnischen Muslimen (wie auch Christen) als "Kreuzzug" gegen arabische Muslime betrachtet und abgelehnt wird.
In Vilnius selbst sind spätestens seit der Sowjetzeit alle Moscheen und Spuren der Lipka-Tataren und des Islam in Litauen verschwunden (bis auf das 1929 gegründete Tataren-Museum). Die Stadtregierung weigert sich bis heute, einen Moscheeneubau zuzulassen. Statt dessen entstand (ebenfalls in der Zwischenkriegszeit), anlässlich des Geburtstages des tatarenfreundlichen Großfürsten Vytautas, eine Moschee in Kaunas (litauische Hauptstadt der Zwischenkriegszeit), faktisch gegenüber des polnischen Bialystok und unweit der tatarischen Glaubensbrüder jenseits der seit 1918/20 existierenden Grenze zwischen Polen und Litauern.
Statt polnisch oder litauisch sprechen auch die litauischen Tataren einen weißrussischen Dialekt, weshalb sie gelegentlich (auch in Polen) fälschlich zur weißrussischen Minderheit gerechnet werden (46.000 Weißrussen, aber bis zu 63.000 Weißrussisch-Sprechende in Litauen). Zusammen mit muslimischen Immigranten (darunter 5.000 Tataren aus Russland) und litauischen Konvertiten machen 21.000 ethnische Muslime in Litauen einen Bevölkerungsanteil von 0,6% aus.
Gemeinsam mit den Wolga- und Krimtataren hatte Vytautas Ende des 14. Jahrhunderts auch die turksprachigen Karaimen (Juden) ins Land geholt, deren traditionelles Siedlungsgebiet in Litauen Trakai (bei Vilnius) ist, außerhalb davon Galitsch (und Luzk) in der einst polnischen Westukraine sowie auf der Krim.
In der weißrussischen Hauptstadt Minsk leben litauische Tataren seit 1428 im Stadtteil Tatarskaja Slabada sowie in Lida (70km westlich von Minsk) und Nawahradak (zwischen Minsk und Bialystok).
Religion (Polen) | Islam in Europa | Polnische Geschichte | Litauische Geschichte | Tataren
This article is licensed under the GNU Free Documentation License.
It uses material from the
"Islam in Polen".
Home Page • arts • business • computers • games • health • hospitals • home • kids & teens • news • physicians • recreation• reference • regional • science • shopping • society • sports • world