Ein Irrgarten ist eine (Garten)anlage mit einem verzweigten, kunstvoll-kompliziertem
Wegesystem, das idealerweise von mannshohen Hecken, gelegentlich auch Mauern oder Bretterwänden, gebildet wird. Der Reiz des Hecken-Irrgartens besteht aus dem Gefühl des zeitweisen Gefangenseins durch lebende Hindernisse, den blickdichten und undurchdringlichen Hecken.
Im Unterschied zum Labyrinth, in dem es nur einen Weg vom Eingang bis zur Mitte gibt, bekommt ein Irrgarten durch sein Netz von Wegen, das außer einfachen Abzweigungen auch Kreuzungen, Sackgassen und Wegeschleifen aufweisen kann, eine vollständig andere Funktion. Manchmal wird der Begriff Labyrinth ungenau auch für einen Irrgarten gebraucht, zumal im nichtdeutschen Sprachraum. Die allermeisten Anlagen weisen einen Zielplatz auf, der eine Aussichtsmöglichkeit bieten oder von einem Baum, einer Statue oder einem Brunnen geschmückt sein kann. Dieses Ziel gilt es zu finden; darin schließt sich der möglicherweise ebenso schwierige Rückweg zum Ausgang an.
Auch auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks finden sich „Irrgärten“. Innenwände aus Glas und Spiegel tragen zur lustvollen Verwirrung bei; oft befinden sich auch Zerrspiegel in den Gängen.
Gestalterisch handelt es sich beim Irrgarten um ein Konzept des Garten-im-Gartens. Der Irrgarten ist daher sowohl in einer größeren Garten- oder Parkanlage integriert oder auch als eigenständiges Element anzutreffen.
Typisierung
Am einfachsten lassen sich die Hecken-Irrgärten nach ihrer Form in drei große Gruppen unterscheiden. Es sind dies: 1. Geometrische oder formale Irrgärten, 2. Irrgärten mit unregelmäßigem Wegenetz, 3. Symbolische Irrgärten mit
Superzeichen-Charakter. Am verbreitetsten und bekanntesten sind die formalen Anlagen, meist sind sie aus geschnittenen Hecken geformt, haben quadratische, rechteckige oder runde Gestalt und weisen ein Netz aus linearen oder (teil)kreisförmigen Wegen auf; Hecken und Wege haben immer konstante Breite. Die unregelmäßigen Formen sind durch in Schwüngen und beliebigen Kurven geführte Wege gekennzeichnet, auch kann die Wegbreite variieren und die Anlage durch kleine Plätze aufgelockert sein. Die symbolischen Irrgärten stellen in ihrer Ganzheit übergroße, stilisierte Bilder dar; sie treten erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf, in einer Zeit, in der die Sicht aus der Höhe durch Flugzeuge alltäglich geworden war.
Eine Sonderform des formalen Irrgartens ist das Wirbellabyrinth, dessen Erfindung André Le Nôtre zugeschrieben wird. Es ist durch die umgekehrte Aufgabenstellung gekennzeichnet: Der Weg vom Eingang führt rasch zu einem zentralen Platz, von dem wirbelartig meist acht Arme in Schwüngen wegführen, den Besucher in die Irre leiten und das Verlassen der Anlage zum Geduldspiel werden lassen.
Unter den symbolischen Anlagen existiert eine Gruppe von Irrgärten, die einem literarischen oder historischen Thema gewidmet sind. Diese Schöpfungen sind aus diskreten Heckengrundrissen zusammengefügt, die erkennbare Einzelfiguren bilden, die inhaltlich aufeinander bezogen sind. Diese Anlage haben meist eine regelmäßige Außenform, etwa ein Rechteck oder ein Achteck.
Methoden, den Ausgang aus einem Irrgarten zu finden
Es gibt verschiedene
Algorithmen, um einen Irrgarten zu verlassen. Der wahrscheinlich bekannteste ist, immer an einer Außenwand entlang zu laufen, bis man am Ausgang ankommt. Dies ist aber nur möglich, wenn es keine freistehenden Wände gibt, die vollständig umrundet werden können, da man sonst im Kreis laufen würde.
Die moderne Entwicklung
Die Wiederbelebung der Idee des Irrgartens als Gestaltungselement der Gartenkunst beginnt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach der spektakulären Auftragsarbeit des britischen Künstlers
Michael Ayrton (1921-1974), der 1969 eine in Rasen eingesenkte, mit skulpturalem Schmuck versehene Irrgarten-Anlage aus hohen Ziegelmauern für einen amerikanischen Multimillionär anlegte, entstanden auch in Europa wieder klassische Hecken-Irrgärten und ebenso ganz neue Formen in symbolischer Art, als erstes der Abdruck eines Fußes in Lechlade, Großbritannien. Vom Flugzeug aus als
land art wahrzunehmen, entstehen bis heute weitere Großformen, meist mit kommerziellen Interessen. Der britische Irrgarten-Designer Adrian Fisher hat eine große Zahl diverser Anlagen in aller Welt geschaffen und damit eine inflationäre Entwicklung eingeleitet, die sich mancherorts in Kitsch und Beliebigkeit ausdrückt. Eine der letzten Entwicklungen ist in der Einführung des
quick exit und der
victory bridge zu sehen; sie gestatten dem Besucher nach Erreichen des Ziels das schnelle Verlassen des Irrgartens, kombiniert mit einem Überblick von einer Brücke. Diese neuen Ausgestaltungen haben keine historischen Wurzeln. Hervorzuheben sind dagegen gartenhistorisch sorgfältige Rekonstruktionen alter Anlagen und sorgfältige Restaurationsarbeiten, wie im denkmalgeschützem Irrgarten in Altjeßnitz.
Bedeutende Irrgärten
Zerstörte Anlagen
- Arley Hall (Cheshire): sechseckige Anlage, Vorläufer eines modern-formalen Stils (1870 bis um 1940)
- Belton House (Grantham, Lincolnshire): runde Anlage (um 1850 bis 1939)
- Royal Horticultural Society's Gardens (South Kensington, London): rechteckig-halbrunde Anlage (um 1862 bis 1888)
- Doolhof van der Burcht (Leiden, Zuid-Holland): runde Anlage auf dem Burgplatz (1651 bis nach 1782)
- Schönbrunn (Wien): große rechteckige, vierteilige Anlage, partienweise verkleinert (um 1740 bis 1892)
- Tivoli (Kopenhagen): Wirbellabyrinth (1877 bis 1908)
- Villa Altieri (Rom): runde Anlage, elf Umgänge (1670 bis 1860)
Existierende Anlagen
Deutschland
- Erholungspark Marzahn: Neuanlage eines Hecken-Irrgartens, Hampton-Court-Grundriß (Eröffnung 2007)
- Eckartsberga: größter deutscher Irrgarten, mit Brücke (2004)
- Kleinwelka: große quadratische Anlage mit Brücke (1992)
- Altjeßnitz: größter der historischen deutschen Hecken-Irrgärten, ohne Sackgassen (um 1750)
- Herrenhäuser Gärten: achteckiger Irrgarten (1936/37), siehe Abb.
- Mosigkau (bei Dessau): Irrgarten mit unregelmäßigem Wegenetz (1756/57)
- Park Schönbusch (bei Aschaffenburg): runder Irrgarten (1829), siehe Abb.
- Probsteierhagen (bei Kiel): Nachahmung des Irrgartens von Altjeßnitz (1927)
Österreich
- Wien, Schloss Schönbrunn: unhistorische Neuschöpfung an der Stelle des zerstörten Irrgartens (1998/99)
- Wien-Hirschstetten: Anlage in Form eines stilisierten Schmetterlings (2001-02)
Großbritannien
Italien
- Strà (bei Vescovana, Region Venetien): trapezförmige Anlage mit einbeschriebenem Kreis im Garten der Villa Pisani (1720-21)
- Valsanzíbio (Provinz Padua): große quadratische Anlage im Garten der Villa Barbarigo (um 1688)
Niederlande
- Het Oude Loo (bei Apeldoorn, Gelderland): rechteckige Anlage mit kleinteiligem Wegenetz (1925)
- Kasteel Sypesteyn (Oud-Loosdrecht, Utrecht): rechteckige Anlage (1901-02)
- Kasteel Weldam (Markeloo, Overijssel): rechteckige Anlage (1885-90)
- Menkemaborg (Uithuizen, Groningen): rechteckige Anlage (1925)
- Ruurlo (Berkelland, Gelderland): trapezförmige Anlage, auf ein Hektar vergrößerter Hampton-Court-Grundriß (1889/90)
Spanien
- Barcelona: annähernd quadratische Anlage im Garten der Villa de Horta (1794)
- Sevilla: rechteckige Anlage im Alcázar (1914)
Siehe auch
Literatur
- Robert Field: Mazes. Ancient and modern. Stradbroke 1999.
- Adrian Fisher / Georg Gerster: The art of the maze. London 1990.
- WH[enry Matthews: Mazes and labyrinths. A general account of their history and developments. London 1922.
- Jürgen Hohmuth (Fotos), Uwe Wolff (Texte): Labyrinthe & Irrgärten, München: Frederking&Thaler, 2003, ISBN 3-89405-618-5
- Jeff Saward: Das große Buch der Labyrinthe und Irrgärten. Geschichte, Verbreitung, Bedeutung, aus d. Engl., Aarau und München: AT Verlag 2003, ISBN 3-85502-921-0
Weblinks
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