Der irische Bürgerkrieg (Juni 1922 - April 1923) war ein Konflikt zwischen Unterstützern und Gegnern des anglo-irischen Vertrags vom 6. Dezember 1921, der den irischen Freistaat einführte. Der irische Freistaat war der Vorläufer der heutigen Republik Irland, der allerdings nur aus 26 der 32 irischen Grafschaften bestand und so die Teilung der Insel begründete. Neben dieser Teilung waren die nach wie vor vorhandene konstitutionelle Verbindung zum britischen Königshaus sowie Einschränkungen der Machtbefugnisse und Hoheitsrechte der Hauptkritikpunkt. Der daraus entstandene Bürgerkrieg kostete mehr Menschen das Leben als der Anglo-Irische Krieg (1919 - 1921), der dem Bürgerkrieg vorausgegangen war. Die Einflüsse dieses Bürgerkriegs können in der irischen Politik noch heute gesehen werden.
Die gegensätzlichen Positionen zu dem Vertrag hatten auch tiefe persönliche Gründe. Die Protagonisten auf beiden Seiten (Michael Collins und Eamon de Valera) waren noch während des Unabhängigkeitskrieges enge Freunde und Kameraden, was die am Ende tödliche Unstimmigkeit über den Vertrag noch bitterer erscheinen lässt. Michael Collins war der Auffassung, dass ihn Éamon de Valera zu der Vertragsverhandlung mit dem Wissen schickte, keine weiteren Zugeständnisse seitens der Briten bekommen zu können. Collins hatte das Gefühl, anstelle von de Valera die Schuldzuweisungen über den kompromissbehafteten Vertrag erhalten zu haben. Er fühlte sich dann zutiefst betrogen, als de Valera die Einigung nicht unterstützte, die er mit David Lloyd George und Winston Churchill ausgehandelt hatte.
Dem Vertrag wurde letztenendes im irischen Parlament (Dáil Éireann) mit knapper Mehrheit im Dezember 1921 zugestimmt. Bei der Ratifizierung des Vertrags trat Éamon de Valera als Präsident der irischen Republik zurück und verließ daraufhin an der Spitze der Vertragsgegner innerhalb von Sinn Féin das Parlament.
Er versuchte noch, die Rechtmäßigkeit des Beschlusses damit anzufechten, dass die Mitglieder der Regierung ihren Eid auf die "irische Republik" gebrochen hätten. Auch der Versuch, eine eigene Gegenregierung aufzustellen, misslang.
Zwischenzeitlich hatte das Parlament, das für den Vertrag war, unter der Leitung von Michael Collins damit begonnen, neben einer neuen Polizei auch eine nationale Armee aufzustellen, die die bisherige Irisch-Republikanische Armee (IRA) ablösen sollte. Synonyme für die Befürwortung des Vertrages in dieser Zeit waren "pro-treaty", "National Army" oder "Free State"; im Gegensatz dazu standen "anti-treaty", "IRA" oder "Irregulars". Die gegen den Vertrag gewesene IRA nahm für sich in Anspruch, nach wie vor die irische Republik zu verteidigen, wie sie es 1916 während des Osteraufstands geschworen hatten. Die IRA war vom ersten irischen Parlament (First Dáil) gegründet und nun, in ihren Augen unrechtmäßig, von denen abgeschafft worden, die den Kompromiss des Freistaates befürworteten.
Michael Collins akzeptierte ein britisches Angebot über Artillerie zur Unterstützung der neuen Freistaaten-Armee. Die Vertrags-Gegner, die nur kleinere Waffen besaßen, ergaben sich bereits nach einigen Tagen. In diesem chaotischen Zeitraum wurde das Irische Nationalarchiv von einer heftigen Explosion erschüttert und Zeugnisse von tausend Jahren irischer Geschichte gingen in Flammen auf. Ob diese Explosion ebenfalls auf das Konto der Republikaner geht, oder ein unglücklicher Unfall war, ist historisch umstritten.
Einige Führer der Aufständischen, unter ihnen Ernie O'Malley, entkamen jedoch knapp der Verhaftung und kämpften anderenorts weiter. Bis zum 5. Juli kam es in Dublin nur zu vereinzelten Gefechten. An diesem Tag besetzten Gruppen der IRA, die gegen den Vertrag waren, die O'Connell Street und erzwangen so eine weitere Woche an heftigen Straßenkämpfen. Unter den Opfern war auch der republikanische Führer Cathal Brugha. Als die Kämpfe abebbten hatte die Regierung des Freistaates die irische Hauptstadt endlich fest unter ihrer Kontrolle und die Vertragsgegner verteilten sich im Rest des Landes - vor allem im Süden und Westen.
Beim Beginn des Bürgerkrieges war die IRA faktisch geteilt. Die Vertragsgegner konnten sich zwar einer beachtlichen Unterstützung unter den IRA-Gruppen (vor allem im Süden und Westen von Irland) sicher sein, ihnen fehlte es aber an einer effektiven Kommandostruktur, einer klaren Strategie und an ausreichend Waffen. Dies zwang sie vorerst zu einer defensiven Haltung.
Michael Collins und seine Befehlshaber waren zwischenzeitlich in der Lage gewesen eine Armee aufzubauen, die die "Irregulars" im offenen Kampf quasi überrennen konnte. Unterstützung seitens der Briten durch Artillerie, Flugzeuge, bewaffnete Fahrzeuge, Maschinenpistolen, Handfeuerwaffen und Munition taten ihr übriges zur Überlegenheit hinzu. Am Ende des Krieges war die Stärke der Freistaatenarmee auf 55.000 Mann angewachsen - weit mehr als das, was der irische Staat in Friedenszeiten benötigen würde. Collins' rücksichtsloseste Offiziere wurden aus den Reihen der "Dublin Brigade" der IRA (die er während des Unabhängigkeitskrieges kommandierte) rekrutiert. Gegen Ende des Krieges waren diese Gruppen in diverse Gräueltaten gegen Vertragsgegner verwickelt.
Die IRA konnte keine effektiven guerilla-Taktiken aufrechterhalten, da sie von der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht unterstützt wurden. Dies wurde bei den Wahlen direkt nach dem Bürgerkrieg deutlich, als die Cumann na nGaedhael, die Freistaaten-Partei (41%), problemlos gegen die republikanische Sinn Féin (28%) gewann.
Die römisch-katholische Kirche unterstützte ebenfalls den Freistaat und dessen gesetzmäßige Regierung, prangerte die IRA an und verweigerte sogar die Sakramente für militante Vertragsgegner. Diese Haltung beeinflusste zu dieser Zeit viele katholische Iren.
Als der Konflikt auf einen de facto Sieg für die Vertragsbefürworter herauslief, schlug Eamon de Valera einen Waffenstillstand vor. Es folgte im Mai 1923 ein Anweisung der Führung die Waffen niederzulegen, anstelle einen Kampf zu kämpfen, der nicht gewonnen werden konnte. Einige Historiker sehen im Tod von Liam Lynch, einem kompromisslosen republikanischen Führer, bei einem Feuergefecht in den Knockmealdown Mountains (Grafschaft Waterford), einen Grund für den Aufruf des pragmatischen Frank Aiken den sinnlosen Kampf zu beenden. Tausende IRA-Mitglieder (einschließlich de Valera) wurden in den Wochen nach Kriegsende festgenommen.
Es wird oft behauptet, dass der Irish Civil War noch viel schlimmer hätte ausfallen können. Die Zahl der Toten war - im Gegensatz zu anderen Bürgerkriegen, wie z.B. in Russland oder Spanien - noch relativ gering. Darüberhinaus war die neue Polizeikraft (Gardaí) nicht in den Krieg involviert. Daher war es für den Freistaat nach dem Krieg möglich, eine unbewaffnete und neutrale Polizei zu etablieren.
Die Tatsache, dass der Bürgerkrieg zwischen nationalistisch-irischen Fraktionen ausgetragen wurde, führte zur Ausklammerung des Problems mit den 6 nordirischen Grafschaften. Dadurch wurde Irland ein weitaus blutigerer Krieg basierend auf ethnischen und konfessionsbedingten Unterschieden erspart. Faktisch ist es dem Bürgerkrieg zu "verdanken", dass sich mit der Existenz von Nordirland die Teilung der irischen Insel festigen konnte. Nur kurz nach ihrer Niederlage überlegten einige Republikaner, ob sie bewaffnet gegen die britische Herrschaft im Norden der Insel vorgehen sollten.
Wie bei vielen Bürgerkriegen hinterließ auch dieser eine bleibende Hinterlassenschaft, die bis zum heutigen Tag die irische Politik beeinflusst. Die zwei größten politischen Parteien in der Republik sind noch immer Fianna Fáil und Fine Gael, die Nachkommen der beiden Kräfte aus dem Jahr 1922. Bis in die 1970er Jahre hinein waren fast alle bekannten irischen Politiker Veteranen des Bürgerkriegs - eine Tatsache die die Beziehungen zwischen den beiden Parteien nicht gerade förderte; dies waren z.B. die Republikaner Eamon de Valera, Todd Andrews und Sean Lemass Dessen Bruder Noel wurde von den Freistaaten-Truppen entführt und erschossen. Sein Körper wurde in den Wicklow Mountains nahe Glencree abgeladen. Noch heute markiert ein Gedenkstein diese Stelle. bzw. die Freistaatler W.T. Cosgrave, Richard Mulcahy und Kevin O'Higgins. Aber auch vieler der Söhne und Töchter dieser Veteranen wurden Politiker und trugen so die persönlichen Wunden des Kriegs in die nächste Generation. In den 1930er Jahren, als Fianna Fail zum ersten Mal größte politische Partei war, sah es so aus, als könnte der Bürgerkrieg zwischen der IRA und den sog. Blueshirts (Blauhemden) erneut ausbrechen. Zum Glück konnte diese Krise abgewendet werden und in den 1950er Jahren waren politische Gewalttätigkeiten kein Problem mehr in der Süd-Irischen Politik.
Trotz allem existiert die IRA noch heute und bis in die 1980er Jahre beanspruchten sie, noch immer die 1918 ausgerufene provisorische Regierung der irischen Republik zu sein, die 1921 durch den anglo-irischen Vertrag aufgehoben wurde. Manche Menschen, allen voran Michael McDowell, behaupten, dass diese Ansicht aus dem Bürgerkrieg noch heute die Politik der Provisional IRA untermauert.
Dieser Text basiert auf einer Übersetzung des Artikels Irish Civil War aus der englischen Wikipedia, Version vom 5. Juli 2005.
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