Inzest (auch Blutschande) bezeichnet den Geschlechtsverkehr zwischen nahen Verwandten. Alle heutigen Kulturen kennen ein Inzesttabu. Der Begriff ist abzugrenzen von der Inzucht, welches in der Tier- und Pflanzenzucht als ein gebräuchliches Verfahren zur Stabilisierung bestimmter Merkmale angewendet wird. Die früher verbreiteten Eheschließungen unter nahen Verwandten im europäischen Hochadel oder in abgelegenen, ländlichen Gegenden wird ebenfalls nicht als Inzest, sondern als soziale Inzucht bezeichnet.
In neuerer Zeit wird verschiedentlich argumentiert, dass das Inzestverbot im Prinzip überflüssig sei, da die genetisch bedingten Risiken für den aus Inzest resultierenden Nachwuchs bekannt sind und das Rechtsgut der sexuellen Selbstbestimmung höher zu werten sei. Zudem ist das Ziel eines solchen Verbots unklar, da die Verhütung potenziell erbkranken Nachwuchses kein Ziel des Staates ist. Es ist aber in jedem Fall notwendig, alle Inzestwilligen über diese Risiken und ihre Vermeidung (mittels Empfängnisverhütung) aufzuklären.
Das französische Strafgesetzbuch, der Code pénal français, stellt Inzest nicht mehr unter Strafe. Verschiedene Länder folgen ihm, so wird Inzest heute in Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Portugal, der Türkei, Japan, Argentinien, Brasilien und einigen anderen lateinamerikanischen Staaten nicht mehr bestraft.
Betreffend der Eheschließungen ist das kanonische Recht der Kirche strenger als das bürgerliche: Während z.B. für eine katholische Eheschließung zwischen Cousin und Cousine eine kirchliche Dispens erforderlich wäre, ist eine Ziviltrauung zwischen Geschwistern sowie Nachkommen und Vorfahren ausgeschlossen, in allen anderen Fällen aber ohne weiteres möglich.
Meist beruht eine Erbkrankheit darauf, dass ein für den Stoffwechsel notwendiges Protein fehlt, da das entsprechende Gen "nicht richtig funktioniert", weil es (etwa durch Mutation) beschädigt ist. Es kann vorkommen, dass ein betroffenes Individuum eine Erbkrankheit nicht ausbildet, weil es von dem Gen jeweils eine "funktionierende" und eine "nicht funktionierende" Variante besitzt. (Diese Varianten bezeichnet man in der Genetik als Allele.) Wobei die "nicht funktionierende" Variante rezessiv ist, die "funktionierende" Variante hingegen dominant vererbt wurde. Dies hat zur Folge, dass die Erbkrankheit phänotypisch nicht ausgeprägt wird, also das betroffene Individuum selbst gesund ist. Sind nun zwei Eltern genetisch nah verwandt und hat ein Elternteil eine solches "nicht funktionierendes" Gen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der andere Elternteil auch ein solches nicht funktionierendes Gen besitzt. Ist dies der Fall und wird durch die beiden ein Nachkomme gezeugt, so tritt mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Fall ein, dass der Nachkomme zwei (rezessive) "nicht funktionierende Varianten" des Gens erhält. Dies führt dann zum phänotypischen Zutagetreten der Erbkrankheit bei diesem Nachkommen. Der Nachkomme ist erbkrank, da ihm zwei "rezessive Varianten des nicht funktionierenden Gens" vererbt wurden. (Eine "dominante Variante des funktionierenden Gens" ist ja nun nicht vorhanden.)
Wegen der großen Anzahl der Gene ist das Risiko für die Ausbildung erblicher Defekte dieser Art bei Nachkommen von genetisch nahe Verwandten sehr hoch. So ist jedes zweite bis dritte Kind aus einer Beziehung zwischen Bruder und Schwester auffällig. Etwa jedes vierte ist geistig behindert, jedes siebte hat einen Geburtsdefekt, und jedes achte leidet unter einer bekannten rezessiven Krankheit. Nachkommen aus inzestuösen Beziehungen werden daher aus rechtlicher Sicht als Opfer der Straftat Inzest betrachtet.
Wie hoch genau die Wahrscheinlichkeit einer Erbkrankheit infolge Inzestes tatsächlich ist, ist in der Forschung wohl strittig, manchmal wird ein Risiko von 30% angegeben, während andere Studien von einem 50% Risiko sprechen.
In der Natur sind bisweilen Strategien zur Inzestvermeidung zu finden. Bei Pflanzen sind das etwa Blüten, die erst nur Pollen produzieren und danach zur Bestäubung geeignet sind oder umgekehrt. Bei Tieren und Menschen ist es der Geruchssinn, der genetisch nahe Verwandte in einer Weise riechen lässt, die keine sexuellen Gefühle aufkommen lassen soll und folglich Sex zwischen nahen Verwandten vermeiden hilft. Kinder, die bis zum sechsten Lebensjahr gemeinsam aufwachsen, entwickeln eine instinktive Inzesthemmung, und auch wenn sie nicht verwandt sind, werden sie im Erwachsenenalter höchstwahrscheinlich nicht miteinander sexuell aktiv.
Die Ausbildung eines doppelten Chromosomensatzes, die mit der Sexualität selbst (also der Zeugung von Nachkommen durch mehr als einen Vorgänger) eng zusammenhängt, wird als Mittel der Natur gesehen, die negativen Folgen von Mutationen (erhebliche Benachteiligung des Organismus, wenn eine Gen-Kopie "nicht funktioniert") zu mindern, indem von jedem Gen mindestens eine zusätzliche Kopie in jeder Zelle vorhanden ist.
Die Tierart mit der höchsten bekannten Inzestrate sind die Nacktmulle.
Neben den Inzesten, die in den Schöpfungsmythen vieler Völker vorkommen, kennt die Literaturgeschichte eine Vielzahl von gewöhnlich dramatischen Erzählungen, die das Thema des Inzestes behandeln. Klassisch ist die Ödipussage, in der ein ausgesetzter Sohn, ohne darum zu wissen, seine Mutter heiratet und mit ihr vier Kinder zeugt. Das Märchen „Allerleirauh“ der Brüder Grimm handelt von einer inzestuösen Beziehung zwischen Vater und Tochter.
Innerhalb der romantischen Literatur erscheint der Inzest teilweise als auslösendes Moment einer tragischen Geschichte. Etwa in E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels erfährt der Leser gegen Ende durch die Genealogie der Protagonisten, dass ein Fall von Inzest Auslöser war für den ausbrechenden Wahnsinn der Hauptfigur und ihres Doppelgängers, die in ihrem Wirrspiel quasi telepathisch verbunden erscheinen. Die Auslöschung der inzestuös entstandenen Familie erscheint als Ziel jener magischen bzw. wahnsinnigen Zustände.
In Richard Wagners Oper Die Walküre entbrennen die Zwillinge Siegmund und Sieglinde in Liebe zu einander. In der Vereinigung der Geschwister (Zitat: „So blühe denn Wälsungenblut“) wird der Held Siegfried gezeugt.
Auch in Der Erwählte von Thomas Mann findet sich die Dualität von besonderer Tragik in Verbund mit einer gewissen Auserwähltheit. Hier wird der aus einer mittelalterlichen Erzählung, dem Gregorius Hartmanns von Aue entstammende Protagonist am Ende nach langen Leidens- und Bußejahren zum Papst erhoben. In Thomas Manns Novelle Wälsungenblut ist das Thema Inzest zwischen Geschwistern ebenfalls zentral, in Joseph und seine Brüder taucht es (in den Eltern des Potiphar) am Rande auf.
In Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez wird die Entwicklung der Familie Buendía charakterisiert, die mit Inzest beginnt (Verheiratung des Cousins mit der Cousine) und mit Inzest aufhört (Zeugung einer Missbildung zwischen Tante und Neffe). Des Weiteren ist die ganze Geschichte durchzogen mit inzestuösen Motiven der sexuellen Beziehung zwischen nahen Verwandten.
In der Schlüsselszene von Arundhati Roys Roman Der Gott der kleinen Dinge kommt es zum Inzest zwischen einem Zwillingspaar, um die mystische Bindung wiederherzustellen, die durch eine jahrelange Trennung von Bruder und Schwester verloren gegangen war.
In Ian McEwans Buch Der Zementgarten übernehmen der minderjährige Jack und seine Schwester Julie nach dem Tod beider Eltern deren Rolle, wobei es in letzter Konsequenz auch zum Inzest zwischen den beiden Geschwistern kommt.
Eine moderne Version ist Max Frischs Homo faber, in dem die (tragisch endende) Geschichte einer inzestuösen Verstrickung von Vater und Tochter geschildert wird. Eine mehr ersehnte als tatsächlich stattfindende Inzest-Liebe zwischen Bruder und Schwester wird weiters in dem Roman Partygirl (2003) von Marlene Streeruwitz geschildert, wobei der Roman deutlich auf die Erzählung Der Untergang des Hauses Usher des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe rekurriert.
Eine sehr skurrile Liebe zwischen Bruder und Schwester wird in dem Roman Das Hotel New Hampshire von John Irving beschrieben.
Eine autobiographische Aufbereitung des eigenen Missbrauchs schildert Kathryn Harrison in Ich bin die Tochter, die keiner sieht (1997, ISBN 3426269791)
Auch Joanne K. Rowling greift die Thematik Inzest im sechsten Buch Harry Potter und der Halbblutprinz auf. Es wird schon im zweiten Buch angedeutet, dass sich die so genannten Reinblüter nur untereinander verheiraten. Im sechsten Buch wird berichtet, dass sich auch Cousin und Cousine verheiraten, wenn keine anderen Reinblüter zur Wahl stehen. Harry erfährt von den letzten wirklichen Reinblütern. Die Familie Gaunt besteht nur aus dem Vater und seinen beiden missgebildeten Kindern.
Weiters lassen sich inzestuöse Motive feststellen in:
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