Als Inuit bezeichnen sich diejenigen eskimoischen Volksgruppen, die im arktischen Zentral- und Nordostkanada sowie in Grönland leben. Die Bezeichnung Eskimo(s) wird zwar häufig im selben Wortsinn angewandt, doch handelt es sich streng genommen hierbei um einen Oberbegriff, der auch entfernter verwandte arktische Volksgruppen mit einbezieht. Hingegen ist der Begriff „Inuit“ deshalb für übergeordnete Verwendung wenig geeignet, weil er nicht im Wortschatz aller eskimoischen, zirkumpolar lebenden Volksgruppen enthalten ist.
Erklärung des Namens
„Inuit“ ist
Inuktitut und bedeutet „Menschen“; die Einzahl lautet „Inuk“ (Mensch), zwei Menschen sind „Inuuk“. Die bislang noch bekanntere und auch umfassendere Bezeichnung „Eskimo“ entstammt der Sprache der
Cree- und
Algonkin-Indianer, die – räumlich benachbart siedelnd – immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Inuit verstrickt waren. Üblicherweise wird das Wort als „Rohfleischesser“ gedeutet, neuerdings auch als „Schneeschuhflechter“ – doch ergibt letztere Deutung nur Sinn für Alaska-Eskimos, da die Inuit im Norden und Nordosten Kanadas vor der Kontaktzeit mit „Qallunaat“ (aus dem Süden kommende Nicht-Inuit) über keine entsprechenden Rohmaterialien verfügten. „Eskimo“ in der Bedeutung „Rohfleischesser“ wird von vielen, doch längst nicht von allen Inuit als herabsetzend angesehen.
1977 fasste deshalb die „
Inuit Circumpolar Conference“ in
Barrow den Beschluss, die Bezeichnung „Eskimo“ generell durch „Inuit“ zu ersetzen. In Nordamerika und ebenso in der übrigen Welt wird der Begriff „Eskimo“ zwar immer weniger oft benutzt, vor allem nachdem die Inuit seit den
1950er Jahren politisch und kulturell zunehmend ins öffentliche Interesse rückten. Dennoch hat sich „Inuit“ als alternative Vokabel im nordwestlichen Kanada, in
Alaska und auf der
Tschuktschen-Halbinsel bislang nicht durchgesetzt: Die dort lebenden Volksgruppen haben die Vokabel nicht in ihrem Wortschatz; sie bezeichnen sich zwar ebenfalls als „Menschen“, doch je nach Sprachgruppe mit den Wörtern „Alutiiq“, „Inupiat“, „Yupiget“ und „Yuplit“. Die Inupiat z. B. sind nach wie vor stolz darauf, „Eskimo“ zu sein, und auch die in Inuit-Besitz befindliche Kooperative von
Cape Dorset (Nunavut) nennt sich unverändert „West Baffin Eskimo Cooperative“.
Gesamtzahl der eskimoischen Arktisbewohner
Die Gesamtzahl der eskimoischen Arktisbewohner wird heute auf annähernd 150.000 geschätzt. Davon leben in
Grönland etwa 50.000, ebenso viele in
Kanada – davon im Territorium
Nunavut etwa 25.000, in den
Nordwest-Territorien, im Territorium
Yukon, im Gebiet
Nunavik (Nord-
Québec) und auf
Labrador zusammen ebenfalls etwa 25.000 – sowie in
Alaska etwa 30.000. Eine Gruppe von 10-20.000 lebt in
Tschukotka (nordöstliches
Sibirien). Je nach Region führen diese Menschen unterschiedliche Bezeichnungen: „Inuit“ in Nord- und Nordostkanada, „Inuit“ und spezieller „
Kalaallit“ auf Grönland, „
Yupik“ (auch „Yuit“) auf der sibirischen
Tschuktschen-Halbinsel und auf der St.-Lorenz-Insel vor Alaska, „
Inupiat“ in Westalaska, „
Inuvialuit“ (auch „Inuvialiut“) in Nordalaska und Nordwestkanada.
Herkunft der Inuit
Die Herkunft der Vorfahren der Inuit ist nicht genau bekannt. Bei Inuit-Kleinkindern tritt (wie bei Indianer-Kindern) häufig der „
Mongolenfleck“ auf, was durchaus auf eine Verwandtschaft mit heutigen
altaischen Völkern hindeuten kann.
Als sicher gilt heute, dass „Paläo-Eskimos“ etwa 3000 v. Chr. (lange nach der letzten, etwa 10000 v. Chr. endenden Eiszeit) von Asien aus über die Beringstraße nach Alaska (Nordamerika) einwanderten. Sie sind demnach deutlich später als die Indianer auf den amerikanischen Kontinent gelangt (Paläo-Indianer ca. 28000 v. Chr., Athabasken-Indianer ca. 12000 v. Chr.).
Gegen 2500 v. Chr. (das Klima der Arktis war damals wärmer als heute) wanderte dann ein Teil der Paläo-Eskimos von Alaska bis nach Grönland. Es entwickelten sich die „Prä-Dorset-Kultur“ (mit den „Independence-Kulturen I und II“ und der „Saqqaq-Kultur“), später – etwa 500 v. Chr. bis 1000 n. Chr. – die „Dorset-Kultur“ (so nach Fundstücken nahe der heutigen Südbaffin-Siedlung Cape Dorset benannt).
Parallel dazu entwickelte sich 2000 v. Chr. bis 1000 n. Chr. im durch pazifischen Einfluss wärmeren Alaska eine „Neo-Eskimo-Kultur“.
Etwa 1000 n. Chr. erfolgte bei wärmerem Klima als heute eine neuerliche Wanderung von Alaska-Eskimos über Nordkanada bis Grönland . Sie waren den Dorset-Eskimos, deren Entwicklung langsamer fortgeschritten war, deutlich überlegen und verdrängen sie oder vermischen sich mit ihnen. Ihre Kultur wird nach Fundstücken nahe der nordgrönländischen Siedlung Thule als „Thule-Kultur“ bezeichnet; die Zeitspanne der Thule-Kultur umfasst etwa 800 Jahre (1000 bis etwa 1800, also bis gegen Ende der von ca. 1550 bis 1850 dauernden „Kleinen Eiszeit“). Die „Thule-Eskimos“ sind die direkten Vorfahren der heutigen Inuit. Zeitlich bestehen fließende Übergänge: Der Zeitraum von 1500 bis 1900 wird als „Inuit-Frühgeschichte“ aufgefasst; als „Historische Periode der Inuit“ bezeichnet man die Zeit seit 1800.
Traditionelle Lebensweise
Die
Inuit-Kultur ist bis heute eine relativ einheitliche
Jagdkultur, die bis Mitte des
20. Jahrhunderts vor allem auf dem Jagen von
Meeressäugern (
Robben,
Walrosse,
Wale,
Eisbären), aber auch von Landtieren (
Karibus) basierte. Wichtigste Jagdwaffe war die
Harpune, doch wandten die Inuit auch Pfeil und Bogen an. Außer der Jagd betrieben sie Fischfang und sammelten Früchte. Ihre nomadische Lebensweise war durch das Verfolgen jagdbarer Tiere begründet; in Zeiten ausreichender Jagdwildvorkommen lebten sie ortsfest.
image:Inuit_women_1907.jpg|Inuit-Frau (Alaska, USA, 1907)
image:Inuit_man_1906.jpg|Inuit-Mann (King Island, Alaska, USA, 1906)
image:Igloo inner.jpg|Inneres eines Iglus (frühes 20. Jahrhundert)
image:Inuit cocking place 1916.jpg|Inuit-Kochplatz (Alaska, USA, 1916)
Zur Fortbewegung auf dem Wasser nutzten sie den Kajak oder den vielsitzigen Umiak (Frauenboot); auf dem Land und dem Meereseis diente ihnen im Winter der von Hunden, den Huskies, gezogene Qamutik (Schlitten) als Transportmittel. Im Sommer wurden die Hunde als Tragetiere benutzt.
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Die meisten Inuit lebten als Familiengruppen in Camps – während des Winters im Qarmaq (Plural: Qarmait), einer Behausung, die je nach Region und verfügbarem Material aus Stein, Gras- und Erdsoden, niedrigem Gestrüpp, gelegentlichem Treibholz und Walknochen erbaut und mit Schnee abgedichtet wurden. Schneehäuser (Iglus) dienten in der Regel nicht als permanente Winterunterkünfte, sondern wurden auf Reisen angelegt. Im Sommer lebte man im luftdurchlässigeren Zelt, das aus Fellen mit Walknochenstangen errichtet wurde. Elemente polarer Kultur waren im Übrigen u. a. das Langhaus und die mit Öl aus dem Speck von Meeressäugern betriebene Serpentin-Öllampe (Qulliq).
Kulturelle Umwälzungen
Über das Zusammentreffen der
Inuit-Kultur mit der Kultur der Weißen wird im Zusammenhang mit der zunehmenden „Emanzipation“ der Inuit viel geschrieben, und das durchaus nicht immer frei von Ideologie. Häufig werden geschichtliche Zusammenhänge auch verkürzt dargestellt, um etwa ein einzelnes Faktum hervorzuheben, worunter zwangsläufig die Gesamtschau leidet.
Schlittenhunde (anders als in Nord-Grönland heute in Nunavut eher ein Luxus) wurden durch
Schneemobile,
Kajak und
Umiak durch fabrikgefertigte Kanus mit Außenbordmotoren abgelöst, und Sommerreisen werden nicht mehr zu Fuß, sondern mit dem
ATV (All-Terrain Vehicle, „Quad“) unternommen. Die
Jagd auf Grönlandwale findet aufgrund internationaler Schutzmaßnahmen nur noch sporadisch nach strengen staatlichen, auf einer Übereinkunft beruhenden Regeln zur Aufrechterhaltung von Tradition statt (Nunavut: fünf Grönlandwale innerhalb von zehn Jahren). Traditioneller Handel mit Robben- und Fuchsfellen sowie mit Handarbeiten aus Walross- und Narwal-Elfenbein sind infolge Boykotts durch viele Staaten (aus Tierschutzgründen) praktisch zum Erliegen gekommen.
Dafür sind jedoch seit der 2. Hälfte der 1950er Jahre Inuit-Kunst und Inuit-Kunsthandwerk wichtige Quellen der Wertschöpfung geworden. Serpentin- und Marmorskulpturen, Kunstgrafik, Wandbehänge und -teppiche, Schmuck, Keramiken und Puppen geben heute einer großen Zahl von Inuit-Künstlern und -Künstlerinnen aller Generationen neben Jagen und Fischen eine wesentliche Lebensgrundlage.
Eine positive Entwicklung sowohl auf wirtschaftlichem wie auf kulturellem Gebiet erhoffen sich die Inuit im Nordosten Kanadas von der Bildung des Territoriums Nunavut, das seit 1. April 1999 besteht und von den Inuit selbst verwaltet wird. Besonderer Wert wird hier auch auf die Pflege von Inuit-Tradition gelegt.
Daneben gibt es auch staatenübergreifende Bewegungen, welche die Kultur der Inuit bewahren und ihre politischen Forderungen koordinieren sollen, z.B. die Inuit Circumpolar Conference (ICC). Als sehr bedeutsames Problem wird die globale Erwärmung angesehen, die nicht nur das traditionelle Leben der Inuit wesentlich zu verändern scheint, sondern auch Tier- und Pflanzenwelt stark beeinflusst. Die Regierung des Territoriums Nunavut, allen voran Premierminister Paul Okalik, zeigt daher essentielles Interesse daran, wie sich das Kyoto-Protokoll weiterentwickeln und seine Ziele erreichen wird.
Siehe auch: Folgen der globalen Erwärmung
Siehe auch
Literatur
- Bryan & Cherry Alexander: Eskimo – Jäger des hohen Nordens. Belser, Stuttgart 1993. ISBN 3-7630-2210-4
- Kai Birket-Smith: Die Eskimos. Orell Füssli, Zürich 1948.
- Fred Bruemmer: Mein Leben mit den Inuit. Frederking & Thaler, München 1995. ISBN 3-89405-350-X
- Ernest Burch Jr., Werner Forman: The Eskimos. University of Oklahoma Press, Norman 1988, Macdonald/Orbis, London 1988. ISBN 0-8061-2126-2
- Richard Harrington: The Inuit – Life as it was. Hurtig, Edmonton 1981. ISBN 0-88830-205-3
- Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Im Schatten der Sonne – Zeitgenössische Kunst der Indianer & Eskimos in Kanada. Edition Cantz, Stuttgart 1988. ISBN 3-89322-014-3
- David Morrison, Georges-Hébert Germain: Eskimo – Geschichte, Kultur und Leben in der Arktis. Frederking & Thaler, München 1996. ISBN 3-89405-360-7
- Ansgar Walk: Im Land der Inuit – Arktisches Tagebuch. Pendragon, Bielefeld 2002. ISBN 3-934872-21-2
- Ansgar Walk: Kenojuak – Lebensgeschichte einer bedeutenden Inuit-Künstlerin. Pendragon, Bielefeld 2003. ISBN 3-934872-51-4
Weblinks
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