Netzkunst ist ein Sammelbegriff für künstlerische Arbeit in Netzen und mit künstlerischen Netzwerken. Hauptformen sind 'Kunst im Netz' und 'Kunst mit Netzwerken', Mischungen kommen vor.
'Kunst auf dem Netz' ist keine Netzkunst. Sie nutzt das Netz wie beliebige andere Medien. So werden im * - World Wide Web Projekte und Werke analoger oder digitaler Kunst vorgestellt, die im Prinzip auch ohne Netz möglich wären. Eine eigenständige künstlerische Auseinandersetzung mit Netz oder Netzwerk liegt nicht vor bei: Angewandter Kunst mit Webseiten (Applied Webart) im Dienst der Werbung; Seiten für Künstlerkontakte; Verwendung des Begriffs 'Netzkunst' oder 'Netart' aus Statusgründen, usw.
Netart als Begriff im Deutschen verwendet, kann als Sammelbegriff wie 'Netzkunst' gemeint sein, oder wie meist im Englischen (vgl. en.wikipedia.org/wiki/Netart) in etwa vergleichbar zu 'Internetkunst' (siehe unten). Unter Künstlern ist 'Netart' eher ein Kürzel für eine bestimmte Kunstszene und als net.art (siehe unter "Siehe auch") ein Etikett einer bekannten Künstlergruppe.
Die aktuelle Begriffsdiskussion bevorzugt 'Netz' statt 'Netzwerk' wo es sich um eine sinngemäß falsche Übernahme des englischen 'network' handelt. 'Netzwerk' jedoch schematisch durch 'Netz' zu ersetzen erzeugt Unsinn, denn 'Netzwerk' ist ein deutscher Begriff für 'netzartiges Gefüge' (s. Wahrig 1968).
Die Vorstellung von einem 'netzartigen Gefüge' ist geeignet, auf komplexe, mehrdimensionale, netzartige Erscheinungen im übertragenen Sinne angewendet zu werden. Beispielsweise: Soziale Gefüge oder Beziehungsgefüge; Psychologische Zusammenhänge mit vielen Variablen; oder das Denken selbst. Solche Gefüge verändern und reproduzieren sich unter günstigen Bedingungen nach eigenen Regeln, die kaum linear, eher chaostheoretisch fassbar sind. Die Verwendung des Begriffs in sozialwissenschaftlichen Texten auf dem Stand der Wissenschaft ist daher treffend, aber auch in den Naturwissenschaften unentbehrlich.
Die unterschiedliche Bedeutung von Netz und Netzwerk erfordert bei theoretischen Überlegungen, zwischen Netzkunst und künstlerischen Netzwerken zu unterscheiden. Im sprachlichen Alltag geschieht es nur bei Bedarf.
Netz und Netzwerk gehen dort ineinander über, wo sich komplexe Beziehungen zwischen Gegenständen und Menschen gleichzeitig als bewegliches, drei- und mehrdimensionales Netz, oder als soziales Netzwerk beschreiben lassen, das technische Hilfsmittel einsetzt. Da beide Blickwinkel zudem in Beziehung zu abstrakten und theoretischen Netzwerk- und Netzbegriffen gesetzt werden können, entsteht ein weites Feld, in dem kreative Varianten künstlerischer Arbeit durch sprachliche und theoretische Missverständnisse begünstigt werden.
Die Inflation der Begriffe 'Netz' und 'Netzwerk' legt nahe, auch verbundene Ausdrücke auf sinnvolle Anwendung zu prüfen, z.B.:
Bei ‘Kunst im Netz‘ ist mit dem Begriff 'Netzparadigma' ein Vorstellungsmuster gemeint, nach dem das Netz technisch oder organisatorisch beschaffen ist oder sein könnte, um damit Netzkunst herstellen zu können.
Bei 'Kunst mit Netzwerken' empfiehlt es sich, den vermeintlich ähnlichen Begriff 'Netzwerkparadigma' nur auf Basis eines durchdachten wissenschaftlichen Hintergrundes anzuwenden (z.B. wie Manuel Castells in "Das Informationszeitalter").
Netzkunst ist manchmal gleichzeitig an Netze und ein Netzwerk gebunden. Wenn Teilnehmer telematischer Netze durch ständige kommunikative Prozesse Netzwerke kreieren, werden sie darin zu Netzwerkern. Sie können die Netzwerke verändern und sich darin bewegen. Dabei werde beliebige technische Netze genutzt, oder es wird auf einer bestimmten Netztechnik aufgebaut. Diese Auffassung von Netzkunst ist nicht nur durch sozialwissenschaftliche Theorien, sondern auch durch soziale Utopien und literarische Vorbilder inspiriert. Digitale Netzkunst ist aus dieser Sicht nur eine der Möglichkeiten, technische Netze für menschliche Netzwerke zu nutzen.
Sparten von Netzkunst:
Netzkunst ist schon durch teilnehmende Interaktion in analogen telematischen Netzen erfahrbar. Zwischen 'unabhängig von digitalen Medien' und 'mit digitalen Medien untrennbar verbunden' ist alles möglich. Für digitale Netzkunst benötigt der Teilnehmer oder Netzwerker Geräte, Displays, Webseiten und andere technische Mittel. Viele Erscheinungen, die erst mit dem Webseiten-Internet (WWW - World Wide Web) bekannt wurden, sind jedoch in analogen telematischen Netzen bereits zu beobachten. Ein einfaches Netz von Teilnehmern, die sich Karten senden, kann durchaus ein soziales Netzwerk mit einem virtuellen Raum erzeugen, in dem beispielsweise virtuelle Persönlichkeiten (siehe unten) geschaffen werden können.
Geschieht die künstlerische Arbeit oder der künstlerische Prozess in Auseinandersetzung mit digitalen Netzen und einem entsprechenden Netzparadigma, so handelt es sich um 'Digitale Netzkunst' im engeren Sinne. Netzkunst in Netzwerken dagegen, ist ihrem Wesen nach nicht digital, selbst wenn sie unter Anderem auch digitale Technik in digitalen Medien einsetzt, denn sie bezieht sich meist auf soziale oder abstrakte Bedeutungen.
Netzkünstler interessiert die Dekonstruktion ästhetischer, digitaler und meist auch gesellschaftlicher Codes. Netzwerke benötigen zwar die positive mentale Teilhabe der Teilnehmer, unter Umständen können störende und unbequeme Netzwerkstrategien künstlerisch aber auch konsequent sein.
Netzkunst kann sich auf eher technische und ästhetische Aspekte beziehen, aber in der internationalen Szene der Netzkünstler interessiert auch der "kreative Netz-Hack" als Akt des politischen und ästhetischen Widerstands. Für die Künstler ist es nicht ungewöhnlich, auch Netzaktivist und Hacktivist zu sein. Die Präsentation eines Computervirus zur 49. Biennale Venedig war eben keine einsame kriminelle Tat, sondern eine Werk von Netzwerkkünstlern. Der Übergang zu Netzaktivisten und Hacktivisten, die sich nicht mehr als Künstler per se definieren, ist fließend. Viele gehen gegenüber Kommerz und Macht so kreativ und subversiv mit Formen und Inhalten um, dass es als Netzkunst verstanden werden kann. Künstlerische Aktivitäten dieser Art geraten immer wieder in Gefahr, missinterpretiert und kriminalisiert zu werden.
So wie Widerstandsrechte zur Politik, gehören zu Netzkunst auch der elektronische zivile Widerstand, die egozentrische Kunst-Propaganda, die Verunsicherung der Wahrnehmung, die kreative Fehlinformation und der verantwortliche Einsatz destruktiver ästhetischer, digitaler oder sozialer Codes im Rahmen des zivilen Ungehorsams.
Die jeweils aktuellen Formen von Netzkunst stehen vor Allem in Zusammenhang mit Veränderungen in den Bereichen 'Telekommunikation', 'gesellschaftliche Interaktion' und 'Wahrnehmung in der Mediengesellschaft'. Netzkunst kann diese Veränderungen reflektieren, daran beteiligt sein, und manchmal sogar kommende Entwicklungen vorwegnehmen.
Spätestens seit den frühen 1960er Jahren sind bedeutende Entwicklungen wie Mailart, Happening und Fluxus und Konzeptkunst festzustellen, die konzeptuell oder real, lokal oder global, vernetzt kommunizierende und agierende Teilnehmer und Netzwerker voraussetzen. Zu den ersten Initiatoren solch künstlerischer Netzwerke gehören Künstler wie Ray Johnson, der seine Kommunikationszusammenhänge für teils reale, teils 'virtuelle' Ausstellungen nutzte; Yves Klein and Ben Vautier, die 'Post-Skandale' inszenierten; und Ken Friedman, dessen Ausstellungsprojekt 'Flow Systems' (1972) den Charakter eines Kommunikations- und Ereignisnetzwerkes hatte. Robert Filliou prägte 1968 mit George Brecht den Begriff 'Fete Permanente'/'Eternal Network' ('Die Ständige Feier'/'Das Ewige Netzwerk'), der für die damalige kulturelle Situation bezeichnend, für die Idee und Entwicklung eines nichtmilitärischen Internet erwähnenswert und für künstlerische Netzwerker grundlegend ist. Mindestens ab diesem Zeitpunkt ist 'Kunst mit dem Netz' kunsthistorisch wahrnehmbar.
Bereits diese frühen Formen von Netzkunst haben nicht nur analoge Netze, wie die Briefpost, sondern auch elektronische Netze einbezogen, z.B. Telefon- und Fax. Netzkunst wurde weit vor Entstehung des World Wide Web, in Zusammenhang mit der besonders für die digitale Bild- und Tonerzeugung bedeutenden Digitalkunst zu Digitaler Netzkunst; zunächst über vernetzte Rechner an einzelnen Forschungseinrichtungen, dann über das beginnende Internet. Bei den ersten telematischen Kunstprojekten (s. Telematik), die auf digitalen Netzen basierten, sind anfangs nur kurzzeitig Netzwerke als Kunstwerke entstanden. In den 1980er Jahren folgte die künstlerische Nutzung von Mailbox-Systemen (vgl. Tilman Baumgärtel 'Immaterialien' am 26. Juni 1997 in Telepolis). Es entstanden komplexere, auf digitaler Netztechnik basierende Netzwerke, die unter anderem politisch bedeutend wurden, wie das Netzwerk). Webseiten wurden etwas später, vorwiegend durch neue Akteure als visuell und akustisch, aber auch als sozial und politisch einsetzbares Medium entdeckt. Dabei kann als einer der wichtigsten Bezugspunkte bis etwa 2000 The Thing genannt werden (Initiator und Betreiber: Wolfgang Staehle), und als frühe Webart- und Netart-KünstlerInnen Olia Lialina und [Heath Bunting (s. Weblinks: irational.org).
Netzkunst, oft als Mail Art, war im geteilten Deutschland, sofern grenzüberschreitend, eine Auseinandersetzung mit Postzensur, außerdem ein Besuchsnetz, das Künstler und Netzwerker aus vielen Ländern gerade wegen der Ausreisebeschränkungen der DDR dort zusammenbrachte. Es gab künstlerische Netzwerker, die als Kuriere zwischen Ost und West die Grenzen der Machtblöcke überschritten um Mailart zu transportieren. So konnten trotz Behinderung durch "staatliche Organe" sogar zwischen Mailart Netzwerkern und Akteuren des Samiszdat einzelne Verbindungen hergestellt werden.
Ein seit 1993-1994 bekanntes Beispiel für deutschsprachige digitale Netzkunst ist unter * dokumentiert und teilweise benutzbar.
Digitale Netzkunst Arbeiten direkt und exemplarisch:
Bildgestaltung und Bilderzeugung als digitale Netzkunst:
Künstlerische Einstiege in komplexe Netzkunst Projekte:
Deutsches Portal:
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