Die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON), im Westen besser bekannt als Hare Krishna, ist eine von Abhay Charan Bhaktivedanta Swami Prabhupada gegründete Sekte auf der Grundlage des Hinduismus vishnuitischer Prägung (Vishnuismus). Sie ist der Gaudiya Vaishnava-Glaubensschule zugehörig.
Von Chaitanya ist überliefert, dass er einen Muslim in seine Gemeinschaft aufgenommen hatte, der für seine Hinwendung zu Chaitanyas Krishna-Bewegung aus der islamischen Gemeinschaft ausgestoßen und für vogelfrei erklärt wurde; und Chaitanya nahm ihn nicht nur in seine Gemeinschaft auf, sondern erklärte den ehemaligen Muslim zum "namacharya" (etwa: "Ehren-Guru") des Chantens (Singens) von "Hare Krishna". Diese Episode ist sehr wichtig, da sie etwas Bedeutsames über das Verhältnis der von Chaitanya begründeten Bewegung zu anderen Religionen verrät.
Nach seinem Tode erlangte Chaitanya im Bewusstsein seiner Anhänger schnell den Status eines Gottes; er wird von ihnen als zehnter Avatar des Vishnu beziehungsweise als Reinkarnation des Krishna betrachtet (diese Deutung wird von dem meisten Anhängern des Hinduismus nicht geteilt).
Hauptform des Gottesdienstes ist das gemeinsame Singen von Sanskrit-Mantras, hauptsächlich Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare/Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare. Dieses Singen wird Chanten oder Sankirtan genannt.
Der Sankirtan funktioniert nach dem Prinzip "Ruf und Antwort"; das heißt ein Vorsänger singt eine Phrase auf Sanskrit, welche anschließend vom Chor wiederholt wird. Der Sankirtan erfolgt zumeist unter Begleitung charakteristischer indischer Musikinstrumente wie Harmonium, Karatalas (kleine Zimbeln) und Mridangas (eine längliche Trommel mit zwei Enden, die man sich umhängen kann).
Der Sankirtan wird eingeleitet von einer Lobpreisung Chaitanyas und seiner Jünger, welche zumeist lautet: Shri Krishna Chaitanya / Prabhu Nityananda / Shri Advaita / Gadadhara / Shri Vasadi / gaura-bhakta-vrinda. Anschließend zumeist Gesang des Mantras Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna, Hare Hare/ Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare; auch Lobpreisungen Chaitanyas und seines Hauptjüngers (Haribol, Haribol, Haribol, Nitai-Gaura Haribol) sowie Prabhupadas (Prabhupad, Prabhupad, Prabhupad Jaya Jaya Prabhupad).
Es können (nach dem Prinzip "Ruf und Antwort") auch Lieder gesungen werden, die mehr Worte umfassen; diese Sanskrit-Lieder werden als "Bhajans" bezeichnet.
Der Sankirtan dauert im Schnitt 1 ½ bis 2 Stunden; während des Sankirtan wird häufig ein Altar mit Lichtern, Blumen(kränzen), Räucherstäbchen und so weiter geschmückt. Auf dem Altar stehen Bilder hinduistischer Gottheiten und Heiliger; insbesondere von Krishna und seiner Freundin Radha, von Chaitanya und seinen Jüngern sowie von Prabhupada und der Linie der Gurus, aus der Prabhupada stammt. Die Bilder gelten als "transzendental"; das heißt sie werden als "lebendig" angesehen.
Während des Sankirtan wird den Bildnissen vorbereitetes vegetarisches Essen dargebracht.
Nach Beendigung des Sankirtan wird aus einem Werk Prabhupadas vorgelesen, etwa aus seinen Kommentierungen der Bhagavad Gita (Bhagavad Gita Wie Sie Ist) und des Bhagavata. Die Textstelle wird vom Vorleser interpretiert; es besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
Nach der "Predigt" folgt mitunter noch ein kleiner Gesang; anschließend die Verteilung der Opferspeisen an die Teilnehmer. Die von den Gottheiten "angerührten" Speisen gelten als heilig; man bezeichnet die Speisen dann als "Prasadam" (göttliche Gnade). Das "Prasadam" ist möglicherweise ein wenig vergleichbar der Kommunion in der christlichen Kirche; der Verzehr der geheiligten Speisen führt zu einer "Vereinigung" mit Krishna und soll auch "Ungläubige" von allen Sünden befreien.
Die Speisung geht über in Plauderei und Beisammensein.
In ISKCON gibt es verschiedene Möglichkeiten der Mitwirkung. Im wesentlichen unterscheidet man zwischen Ordensmitgliedern und Gemeindemitgliedern. Ordensmitglieder geloben bei einer Einweihungszeremonie, einem spirituellen Mindeststandard zu folgen, während Gemeindemitglieder nach den Möglichkeiten und individuellen Neigungen ihren Lebensstil nach Empfehlungen der Tradition ausrichten und ISKCON nach Kräften unterstützen. Das Ordensleben beschränkt sich nicht auf das Leben in den klosterähnlichen Tempelhausgemeinschaften, sondern kann auch in den eigenen vier Wänden (meist mit Familie) gelebt werden. Es gibt also auch viele verheiratete Ordensmitglieder. Daneben findet man in ISKCON auch Mönche, die nach einem strengen Prüfungsverfahren und während einer weiteren Einweihungszeremonie die lebenslange Ehelosigkeit gelobt haben.
Im wesentlichen geloben Ordensmitglieder, sich an folgende Regeln zu halten:
- frühes Aufstehen, möglichst vor vier Uhr morgens - 1728-maliges chanten des Hare-Krishna-Maha-Mantras täglich (16 Runden auf der traditionellen Gebetskette mit 108 Perlen, ähnlich einem Rosenkranz), möglichst in den Morgenstunden:
Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare
- Beschränkung auf geopferte vegetarische Nahrung - Verzicht auf Drogen (incl. Alkohol, Nikotin, Koffein, Teein) - Verzicht auf außereheliche Sexualität und Sexualität in der Ehe nur zur Zeugung von Wunschkindern - Verzicht auf Kapitalspekulation und Glücksspiel
Ordensmitglieder verzichten auch auf Pilze, Zwiebeln, Knoblauch, Kakao, Essig. Im wesentlichen wird darauf geachtet, dass die Ernährung möglichst tugendhaft entsprechend den Lehren des Ayurveda ist, um ein möglichst effektives und freudvolles Leben für den Dienst Gottes führen zu können.
Ordensmitglieder verwenden ihre Zeit möglichst für den Ordensdienst und verzichten auf frivole Tätigkeiten, die dem Yoga-Prozess konträr entgegen stehen.
Bei der Einweihung erhalten die Ordensmitglieder der spirituellen Tradition entsprechende Ordensnamen. Einweihungsanwärter tragen vor ihrem Vornamen die Bezeichnung Bhakta (für männliche Anwärter) bzw. Bhaktin (für weibliche Anwärter). Bhakta bedeutet soviel wie "hingegebener Diener".
Gemeindemitglieder (die weitaus meisten Mitglieder der ISKCON; ca. 90 %) leben die Tradition auf individuelle Weise.
Bis in die 1980er Jahre vertrat die ISKCON eine eher konservative Einstellung gegenüber Frauen, Kindern und Familie. Von Frauen wurde eine "häusliche" Rolle erwartet. Ehen wurden arrangiert. Zuneigung und zärtlicher Umgang im allgemeinen wurden verächtlich als Zeichen von "Anhaftung an die materielle Welt" betrachtet. Durch das Aufbegehren ehemaliger Gurukulaschüler haben diesbezüglich seit den 1990er Jahren in der Gemeinschaft Reformbestrebungen begonnen.
Beachtet werden spezifische Fastentage und Feiertage des Hinduismus vishnuitischer Prägung. Gefastet wird insbesondere am elften Tage nach Vollmond und am elften Tage nach Neumond (Ekadashi-Tage). Gefeiert werden insbesondere der Geburtstag Chaitanyas (Gaura Purnima) im März, der Geburtstag Krishnas (Janmashtami) Ende August /Anfang September und der Geburtstag Prabhupadas (1. September 1896).
Aus der Sicht der Vaishnavas ist hingebungsvoller Dienst elementarer Bestandteil des Bhakti-yoga. Im Srimad-Bhagavatam wird im siebten Kanto, Kapitel 5, Vers 23, erklärt: "Über Sri Vishnus transzendentalen Heiligen Namen, über Seine Gestalt, über Seine Eigenschaften, über Seinen Besitz und über Seine Spiele zu hören und zu chanten, sich an sie zu erinnern, dem Herrn ehrerbietig mit sechzehn Arten von Zubehör Verehrung darzubringen, dem Herrn Gebete darzubringen, Sein Diener zu werden, den Herrn als seinen besten Freund zu betrachten und Ihm alles hinzugeben (mit anderen Worten, Ihm mit Körper, Geist und Worten zu dienen) - diese neun Vorgänge werden als reines hingebungsvolles Dienen anerkannt." Srila Prabhupada schreibt in seiner Erläuterung zu diesem Vers: "Wenn man sich einfach immer als ewiger Diener Krishnas betrachtet, kann man vollen Erfolg erreichen, selbst wenn man keinen anderen Vorgang des hingebungsvollen Dienstes praktiziert, denn schon allein dadurch, dass man sich als ewiger Diener Krishnas fühlt, kann man alle neun Vorgänge des hingebungsvollen Dienstes ausführen." Während "dasyam" die Geisteshaltung eines Dienenden bezeichnet, steht "sevanam" für all die glücksverheißenden Dienste, die der Gottgeweihte aus Liebe Sri Krishna darbringt, um Ihn zufriedenzustellen, denn der reine Gottgeweihte ist frei von selbstischen Motiven, und sein einziger Wunsch ist es, Sri Krishna zu erfreuen.
Eine wichtige Form des "Gottesdienstes" ist die "Verteilung" von Büchern, da diese Form der Mission als effektiv gilt. Bücher mögen heute nicht gelesen werden, jedoch werden sie im allgemeinen nicht weggeworfen. Auf diese Weise können Bücher zu jedem beliebigen Zeitpunkt an ihrem Ort die Wirkung entfalten.
Allgemein ist festzuhalten, dass die Mitgliederfluktation bei ISKCON recht hoch ist. In Deutschland gibt es heutzutage wohl nicht mehr Anhänger als in den 60er bzw. 70er Jahren. Äußerlich betrachtet fallen sie aber auch nicht mehr so stark durch missionarische Aktivitäten und äußerliche Merkmale (indische Kleider) auf. Die meisten sind heute berufstätig und verhalten sich entsprechend.
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