Inkunabel.ValMax.001.jpg, gedruckt in Mainz von Peter Schöffer, 18. Juli 1471]] Als Inkunabeln oder Wiegendrucke (von lat. n. Pl. incunabula = Windeln, Wiege) bezeichnet man in der Buchwissenschaft die gedruckten Schriften aus der Frühzeit des Buchdrucks, die bis zum 31. Dezember 1500 hergestellt worden sind. Insgesamt gibt es etwa 29.000 verschiedene Wiegendrucke; sie sind nach Schätzungen vermutlich in einer Gesamtzahl von rund einer halben Million Exemplaren erhalten.
Die Beschränkung, nur bis zum 31. Dezember 1500 erschienene Druckwerke als Inkunabeln zu bezeichnen, ist eine Konvention der Buch- und Bibliothekswissenschaft des 20. Jahrhunderts, um eine Übersicht über die Bestände zu gewährleisten. Völlig willkürlich ist diese Übereinkunft indes nicht, denn im ersten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts gewannen Typografie und Satz deutlich an technischer Raffinesse, auch wenn in dieser Zeit noch zahlreiche Drucke hergestellt wurden, die das Erscheinungsbild früherer Dekaden aufwiesen.
Aus China und Korea waren im Mittelalter mit dem Weg über den arabischsprachigen Raum Textbücher auch nach Europa gelangt, die mit Einzelzeichen aus Ton gedruckt worden waren, ein Verfahren, das allerdings sehr dünnes Papier erforderte und nur den einseitigen Druck erlaubt hatte. Nachdem die Papierherstellung in Europa im 14. Jahrhundert ihren Siegeszug angetreten und begonnen hatte, das teure Pergament unaufhaltsam zu verdrängen, hatte sie damit auch der technischen Vervielfältigung die Basis geliefert. Die Leistung von Johannes Gutenberg, der als Erfinder des Buchdrucks in Europa gilt, bestand in der Entwicklung eines Handgießinstruments und einer Legierung zur Produktion von einzelnen Lettern aus Metall. 1453 beendete er den Druck einer nach der Anzahl der Zeilen pro Seite so genannten 42-zeiligen lateinischen Bibel, der „B42“ oder Gutenberg-Bibel; finanziell verwerten konnte er seine Erfindung allerdings nicht.
In den 1470er Jahren eröffnete Lübeck dem neuen Gewerbe den Zugang zum Ostseeraum; Lucas Brandis, bereits einer Druckerfamilie entstammend, war hier ab 1473 tätig. Leipzig, die spätere deutsche Hauptstadt des Buchdrucks, fand erst spät den Anschluss an die neue Kunst; Konrad Kachelofen ist in dieser Stadt mit einem ersten Druck 1489 belegt. In Basel, das bis 1501 noch zum Deutschen Reich gehörte, widmeten sich die Drucker insbesondere der Verbreitung der Ideen des Humanismus; ab 1477 druckte und vertrat Johann Amerbach die Schriften aus diesem Kreis. Zudem entwickelte sich in Basel die Buchillustration zu einer geschätzten Kunst, zu der auch der junge Dürer beigetragen hat.
Besonders einflussreich wurde der Augsburger Erhard Ratdolt in Venedig, der dort vor allem astronomische und mathematische Werke druckte. Aldus Manutius, der bekannteste italienische Drucker Venedigs, begünstigte ab 1495 mit seiner Aldinen genannten Serie griechischer Klassiker deren Verbreitung auch über Italiens Grenzen hinaus. Ab 1480 waren die Offizine zu Großbetrieben geworden, bestehend aus Verlag, Herstellung und Vertrieb, oft verbunden mit einer Buchbinderei; die Auflagenhöhe lag bei 1000 Stück, die Bücher wurden billiger und handlicher. Der für das 16. Jahrhundert bedeutendste Basler Drucker Johann Froben, Mitarbeiter in der Amerbachschen Offizin, druckte 1491 eine lateinische Bibel im Taschenformat.
Mit zunehmender Produktion folgte der Buchdruck nicht mehr dem durch Auftraggeber bestimmten Lesebedürfnis, sondern begann es durch die Aussicht auf Neuheiten zu wecken. Damit jedoch war ein beträchtliches unternehmerisches Risiko verbunden: Durchaus nicht alle Offizine vermochten dieses auch zu tragen, wie zum Beispiel der Betrieb von Johann Zainer in Ulm, einem Verwandten des Augsburger Druckers, der sich hoch verschuldete.
So führte der unaufhaltsame Siegeszug des Buchdrucks die Handschriftenproduktion zu einer letzten großen Blüte in Europa, und zwar in der Buchmalerei. Wie in den Stundenbüchern, Brevieren und Erbauungsbüchern erklärte die Malerei auch in liturgischen Handschriften den Text zu einer Marginalie, zu einem Teil des Bildes. Die Buchmalerei des späten 15. und des 16. Jahrhunderts lieferte einem exklusiven Publikum die große Tafelmalerei der Renaissance en miniature.
Die Drucke hatten keine Titelseiten, der Verfasser und sein Gegenstand tauchten in den einleitenden Sätzen, dem Incipit, auf. Der Drucker setzte am Ende des Werkes einen Vermerk, den Kolophon oder das Explicit, mit seinem Namen, dem Ort und dem Datum seiner Arbeit und schloss den Druck mit seiner Marke ab.
Die Typografie orientierte sich in Deutschland zunächst an dem den Lesern vertrauten Schriftbild der Manuskripte. Ab etwa 1470 wurde diese Anlehnung zunehmend aufgegeben. In Augsburg entstand um 1472 mit der Schwabacher die bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts in Deutschland vorherrschende Schrift. Adolf Rusch, Schwiegersohn Johannes Mentelins und den Ideen des Humanismus zugeneigt, führte 1474 mit dem Druck des Rationale divinorum officiorum die Antiqua-Type nördlich der Alpen ein; Erhard Ratdolt, der 1486 aus Venedig nach Augsburg zurückgekehrt war, druckte dort ein erstes Schriftmusterblatt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte sich mit den von Kaiser Maximilian I. beförderten Drucken allerdings mit der Theuerdank eine Frakturschrift durch. Die Buchstaben hatten jedoch bereits zuvor begonnen, zunehmend schlanker zu werden, im Vergleich zu Gutenbergs Lettern und zur Theuerdank, und sich zu weiten zugunsten eines stärkeren Weiß-Anteils und damit einer Aufhellung des Satzbildes, das auch bei kleinerer Schriftgröße gut lesbar blieb. Auf farbige Rubrizierungen wurde zunehmend verzichtet, ornamentierte Initialen erschienen nunmehr gedruckt.
Die Einbände der Drucke unterschieden sich zunächst nicht von denen der Handschriften. Die Inkunabeln der ersten Jahrzehnte, durchweg im Folio- oder Quartformat gedruckt, bekamen in der Regel eine Buchdecke aus zwei Holzplatten, die mit Leder oder Pergament, den gehefteten Rücken umschließend, bezogen wurden; Leder und Pergament erhielten häufig eine Prägung mit schmückenden Ornamenten, die mit erhitzten Metallstempeln oder -rollen in das feuchte Material gepresst wurden. Die Verzierung mit Metallbeschlägen diente auch als Abstandhalter für das aufliegende Buch, um den wertvollen Einband zu schonen; Schließen aus Metall oder Leder brachten das beim Lesen gespreizte Buch hernach wieder in Form. Meistens ließ man, nicht zuletzt aus Kostengründen, gleich mehrere verschiedene Druckwerke gleichen Formats zusammen einbinden.
Die gedruckten Bücher waren im 15. Jahrhundert Kostbarkeiten; an den Leseplätzen in den Klosterbibliotheken wurden sie manchmal mit einer schweren Kette befestigt, um sie vor Diebstahl zu schützen. Komplette „Kettenbücher“ sind selten erhalten, da spätere Besitzer diese sperrige und unhandliche Sicherung in der Regel entfernten; gleichwohl zeigen eine ganze Reihe der erhaltenen Originaleinbände noch die Spuren des Kettenanschlags am Rückdeckel.
Im 15. Jahrhundert durchaus noch üblich war der Einband in das aus dem Mittelalter bekannte Kopert; das war ein weicher Umschlag aus Pergament oder Leder, der über der Vorderseite des Buches übereinander geschlagen und am Rücken des gebundenen Druckwerks befestigt war und so das Buch rundherum schützte. Auch Einbände in Form von Beutelbüchern, die eine Tragevorrichtung integriert hatten, wurden vom Besitzer eines Drucks beim Buchbinder in Auftrag gegeben. Mit der Entwicklung des Buchdrucks zu kleineren und billigeren Formaten wurde auch die Buchdecke weniger gewichtig gestaltet; im 16. Jahrhundert setzten sich über Pappe kaschierte Einbände endgültig durch.
Die Sichtung und Erforschung der erhaltenen Einbände hat sich im 20. Jahrhundert im Rahmen der Buchwissenschaft auf dem Gebiet der Inkunabelkunde herausgebildet; Originaleinbände sind vergleichsweise selten, da Bindung und Material über die Jahrhunderte dem Gewicht der schweren Holzdeckel oft nicht standhalten konnten und man noch bis ins 20. Jahrhundert hinein die beschädigten Einbände durchweg entfernte und die Bindung samt Buchdecke zu erneuern pflegte. Die vorhandenen Bestände werden in einer Einbanddatenbank der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz erfasst und können mit deren Hilfe den einzelnen Buchbinder-Werkstätten zugeordnet werden.
Bis 1520 ähnelten viele Frühdrucke in ihrem Erscheinungsbild noch sehr ihren Vorgängern aus dem Jahrhundert zuvor. Vielerorts wurden erfolgreiche Titel, wie z.B. das Heldenbuch, neu gedruckt und dabei zunächst noch in ihrer älteren Form belassen; lateinische Übersetzungen von in ihrer Landessprache erfolgreichen Werken, wie z.B. des Reinke de Vos oder Sebastian Brants Narrenschyff, eröffneten den Büchern einen europäischen Markt.
Inkunabeln und Frühdrucke sind für die europäische Geschichte, nicht nur für die des Geistes, ein Kulturgut ersten Ranges. Victor Hugo schrieb hierzu:
Der erste überlieferte gedruckte Katalog einer Sammlung von Inkunabeln, der Catalogus librorum proximis ab inventione annis usque ad a. Chr. 1500 editorum der Nürnberger Stadtbibliothek, wurde erstmals 1643 von Johannes Saubert erwähnt. Im 18. Jahrhundert fasste Georg Wolfgang Panzer in den ersten fünf Bänden seines Monumentalwerks Annales typographici, erschienen in Nürnberg 1793 - 1797, die Druckwerke des 15. Jahrhunderts zusammen. Ab 1800 begannen Bibliothekare, in älteren Bücherverzeichnissen die Drucke aus dem 15. Jahrhundert zu markieren oder als handschriftlichen Appendix gesondert anzuhängen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verstärkte sich das Interesse der Sammler und zunehmend auch der Forscher an Inkunabeln; das Ansinnen, sich einen Überblick über die aus der Frühphase des Buchdrucks überkommenen Druckwerke zu verschaffen, führte zu einer Reihe von Verzeichnissen, das bekannteste und für die im 20. Jahrhundert begonnene systematische Erfassung grundlegende wurde das Repertorium bibliographicum von Ludwig Hain, das zwischen 1826 und 1828 entstand und 16.299 Titel aufführte.
Sämtliche Drucke des 15. Jahrhunderts (mit Standortnachweisen) werden in alphabetischer Reihenfolge im Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) verzeichnet, der seit 1925 im Hiersemann Verlag erscheint. Bisher liegen 10 Bände vor, Bd. 11 ist in Vorbereitung. Damit werden die Buchstaben A-H vollständig verzeichnet sein. Die Redaktion des GW erfolgt in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, die inzwischen auch eine Datenbank (mit Zugriff auch auf die bisher im Druck noch nicht veröffentlichten Materialien) erstellt hat.
Die Inkunabeln des deutschen Sprach- und Kulturraums fallen im Rahmen der Sammlung Deutscher Drucke in den Aufgabenbereich der Bayerischen Staatsbibliothek, die selbst 16.785 Exemplare bei 9573 Titeln hält. Die Bibliothek erarbeitet dazu einen eigenen Inkunabelkatalog sowie den Inkunabel-Census für die Bundesrepublik Deutschland. Außerdem unterhält sie für Einblattdrucke die Datenbank Einblattdrucke der Frühen Neuzeit und arbeitet am internationalen Incunabula Short Title Catalogue (ISTC) mit. Der ISTC wird von der British Library in London geführt, die mit ca. 28.000 Titeln über den weltweit größten Bestand an Inkunabeln verfügt.
Aufbauend auf den oben genannten Ressourcen ist seit Mitte des Jahres 2005 die Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek online, in welcher gut 1.000 Inkunabeln aus den Beständen der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln sowie der Herzog August Bibliothek als Digitalisate vorliegen.
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