Stufen schulischer Integration.png Die inklusive Pädagogik ist ein neuer Ansatz der Pädagogik, dessen wesentliches Prinzip die Wahl für die Diversität (Vielfalt) in der Bildung und in der Erziehung ist. Befürworter der Inklusion basieren ihr Konzept auf der Anerkennung der Tatsache, dass die Heterogenität (Verschiedenheit) die Normalität darstellt. Sie plädieren für die Schaffung einer Schule für alle, die die Bildungs- und Erziehungsbedürfnisse aller Schüler zu befriedigen hat.
Die Integration geht von der Überzeugung aus, es gäbe zwei Typen von Kindern, nämlich die „mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ und die „ohne sonderpädagogischen Förderbedarf“. In ihrem Bestreben, Kinder mit Beeinträchtigungen zu integrieren, verursachten die Integrationsbefürworter ungewollt die Entstehung dieses Zwei-Gruppen-Bilds: Schüler, die innerhalb des Systems vollberechtigt etabliert sind und andere, die draußen stehen und sich zu integrieren haben.
Für die Inklusion dagegen gibt es keine zwei Gruppen von Schülern, sondern einfach Kinder und Jugendliche, die die Schülergesamtheit darstellen und die unterschiedliche Bedürfnisse haben. Viele dieser Bedürfnisse werden von der Mehrheit geteilt und bilden die gemeinsamen Erziehungs- und Bildungsbedürfnisse. Aber alle Schüler haben darüber hinaus inviduelle Bedürfnisse, darunter auch solche besonderer Art, für deren Befriedigung die Bereitstellung spezieller Mittel und Methoden sinnvoll sein kann.
Die integrative Pädagogik hat die Eingliederung der aussortierten Schüler angestrebt. Dagegen erhebt die inklusive Pädagogik den Anspruch, eine Antwort auf die komplette Vielfalt zu sein. Sie versteht sich als ein Recht aller Schüler, unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen, sowie von ihrer ethnischen, kulturellen oder sozialen Herkunft.
Die Inklusion beruht auf den Menschenrechten und fordert, dass die Schule den Bedürfnissen ihrer Schülergesamtheit gewachsen sein soll. Kein Kind soll deswegen ausgesondert werden, weil es den Anforderungen der Schule nicht entsprechen kann.
Die Heterogenität gewinnt stets an Stellenwert, während der Nivellierungszwang sich nicht nur als ungerecht, sondern vor allem als weniger effizient erweist als anfangs gedacht.
Der Begriff der Inklusion entstand am Anfang der 90er Jahre, wobei die Internationale Konferenz der UNESCO, die 1990 in Thailand stattfand, einen sehr wichtigen Moment darstellte. Im Rahmen dieser Konferenz, die unter dem Motto „Eine Schule für alle“ stattfand, wurde erstmalig das englische Wort „inclusion“ statt „integration“ benutzt.
Eine Erklärung über die Inklusion als wichtigstes Ziel der internationalen Bildungspolitik und ein Rahmen für deren Umsetzung war das Hauptergebnis der UNESCO- Konferenz, die 1994 in Salamanca stattfand:
Das deutsche Bildungssystem ist bisher von der Idee und der Praxis der Selektion (Aussonderung) geprägt. Schüler werden nach der Grundschule beurteilt und dann eingeteilt in Haupt- und Realschule und Gymnasium; wer in keine dieser Schulen passt, wird in die Sonderschule verwiesen, wo nochmal nach Auffälligkeit und Förderschwerpunkt sortiert wird. Wer an einer der oben genannten Schulen versagt, wird ein Jahr zurückgestuft oder an eine "niedrigere" Schulstufe verwiesen. Man will so möglichst einheitliche Klassen mit einem gleichen Kenntnisstand erzielen und gewissermaßen Bildungskarrieren initiieren, die eine Vorauswahl treffen und in der Regel Auswirkungen auf den gesamten Lebenslauf haben.
Bildungspolitisch wurde die Meinung vertreten, es sollte vermieden werden, dass Schüler mit ungenügenden Fähigkeiten zum abstrakten Denken zum Abitur geführt werden, oder dass ein Realschulabschluss, von Schülern angestrebt wird, deren Leistungen, z.B. in Mathematik mangelhaft sind. Die Notwendigkeit eines Schulabschlusses für Schüler mit einer Lernstörung sei überhaupt fragwürdig. Kritiker des deutschen Schulsystems behaupten dagegen provokativ, dass die gesellschaftliche Aufgabe der Schulen in Deutschland weniger in der Bildung und mehr in der Sortierung der Kinder lag und liegt.
Erste Bestrebungen, dieses Modell aufzuweichen, war die Einführung der Gesamtschulen, welche integrativ arbeiten, Schüler entsprechend ihren Interessen ausbilden und den Umgang mit "Andersartigen" lehren.
Die Idee der Initiatoren der Gesamtschulen, dass dadurch eine Schule für die Schülergesamtheit im deutschen Bildungssystem entsteht, die die unterschiedlichen Schulzweige überflüssig macht, wurde jedoch nicht erreicht. Die Gesamtschule bildete vielmehr einen weiteren Schulzweig, welcher neben den Gymnasien, Real-, Haupt- und Sonder- oder Förderschulen existiert. Auch löst die Integration die Aussonderung des Andersartigen nicht ab, denn bevor jemand "integriert" werden kann, muss er ja außerhalb eines Systems stehen. Im Fall von integrativ arbeitenden Schulen, wurden Förderbedürftige in speziellen Förderkursen zusätzlich unterrichtet und verbrachten nur einen Teil der Schulzeit mit den "normalen" Kindern. Der Gedanke des Vorhandenseins zweier Gruppen von Menschen, nämlich "Normalen" und "Anderen", wurde durch diese teilintegrativen Konzepte oft in den Köpfen der Kinder, Eltern, Lehrer und Fachleute verstärkt. Dies geschah auch dort, wo die Erfahrung des Umgangs mit den "Anderen" zu einer besseren Akzeptanz des Rechts, anders zu sein, führte.
Die Idee der inklusiven Pädagogik besteht darin, keinen Schüler mehr als "andersartig" anzusehen. Eine Klasse bildet eine Einheit vieler unterschiedlicher Schüler, die alle förderbedürftig sind. In der inklusiven Pädagogik gibt es keine normalen Schüler mehr, jeder Schüler ist Sonderschüler und dadurch wird der Sonderschüler zum normalen Schüler. Sonderschulen werden somit überflüssig, und die Sonderpädagogik wird der "normalen" Pädagogik gleichgestellt: sie bilden eine Einheit. Statt verschiedener Schulen gibt es nur noch eine Schule für alle, die jeden individuell fördert und seine Interessen beachtet. Alle Schüler werden gemeinsam unterrichtet, ohne wenn und aber. Alle Pädagogen können alle Kinder unterrichten. Hilfestellungen dazu werden bei Bedarf bereitgestellt.
Dies soll zu mehr Chancengleichheit, Gleichberechtigung und vor allem zu einem hohen Bildungsstandard führen.
Um die Ideen der inklusiven Pädagogik umsetzen zu können, ist es sicherlich nötig, bisherige Konzepte und Ideen zu verwerfen, die für die verschiedenen Schularten gelten. Denn die inklusive Schule erfordert grundlegende Anpassungen der Lehrpläne und der Schulorganisation, um die Teilnahme aller Schüler zu ermöglichen.
Viele Methoden und Konzepte der modernen Pädagogik, wie die Organisation der Schule in altersgemischten Gruppen statt herkömmlichen Klassen, die Gruppenarbeit an fachübergreifenden Themen, oder neuartige räumliche Gestaltungsmöglichkeiten dienen der Umsetzung des Grundgedankens der Inklusion viel besser als die traditionellen didaktischen Methoden.
Die Inklusion setzt einen gezielten und gewollten Umgang mit der Vielfalt voraus, legt viel Wert auf die Unterschiedlichkeit in der Bildung und verzichtet auf das Prinzip der Homogenität. Deswegen erfordert die inklusive Schule keine bestimmten Methoden oder Konzepte für ihre Umsetzung. Vielmehr benötigt die Inklusion eine weitgehend flexible Anwendung unterschiedlicher Unterrichtsmethoden und organisatorischer Vorschläge, damit die Bedürfnisse aller Schüler befriedigt werden.
Eine mögliche Form der Umsetzung wäre z.B. eine Schule in der es einen "Matheraum", einen "Geografieraum", einen "Informationsraum" gibt. In den Räumen gibt es wiederum verschiedene Bereiche, z.B. eine "Bücherecke", eine "Computerecke" und eine "Lese- und Schreibecke". Die Schüler können ihren Aufenthalt in den Räumen weitgehend selbst planen und bestimmen. Ein fragend-entwickelnder Frontalunterricht, wie er an deutschen Schulen üblich ist, findet hier natürlich kaum Anwendung.
Bei einer solchen Organisation des Lehrplans müssen sich die Schüler den Stoff selbst aneignen, wofür ihnen eine Vielzahl von Medien zur Verfügung steht. Der Lehrer lehrt dabei nicht mehr, sondern gibt dem Schüler nur noch Hilfestellungen und steht für Beratung und Planung zur Verfügung. Diese Hilfestellungen sind an die individuellen Bedürfnisse der Schüler angepasst.
Da Schüler bei diesem System das selbsterschließende Lernen möglichst früh lernen müssen, werden in Ländern, in welchen die inklusive Pädagogik bereits Realität ist, die besten und fähigsten Pädagogen in den Vor- und Grundschulen eingesetzt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Feststellung, dass die bisherige Selektion (Aussonderung) ausbleibt und stattdessen eine Bildungsgesellschaft herangezogen wird. Erreicht 70% eines Jahrgangs das Abitur, werden deutlich mehr junge Erwachsene künftig ein Studium anstreben und immer weniger die arbeitende Grundlage der Gesellschaft bilden.
Oft wird der inklusiven Pädagogik auch vorgeworfen, sie sei ein Aktionismus, der zu einem chaotischen Durcheinander mit unglaublichem bürokratischen Aufwand führt. Hier muss klar festgestellt werden, dass Lehrer künftig höheren Anforderungen ausgesetzt sein werden, sowohl in ihrer Ausbildung, als auch im Beruf. Das einmalige Ausarbeiten eines Konzeptes und das jährliche Wiederholen des Schema F ist in dieser neuen Form der Bildung sicherlich nicht mehr möglich. Lehrer sind vielmehr dazu gezwungen, sich jeden Tag aufs Neue mit dem Stoff und der Frage, wie dieser dem einzelnen Schüler näher gebracht werden kann, auseinanderzusetzen.
Um dieses neue Konzept der Pädagogik umsetzen zu können, müssen Lehrer anders ausgebildet werden. Die klassische Aufteilung in Gymnasial-, Real-, Haupt- und Sonderschullehrer entfällt, was eine grundlegende Überarbeitung der Lehrpläne in der Ausbildung der Lehrer erforderlich macht. Auch die Verwendung der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten muss entsprechend überdacht werden. Weil dies, alles in allem, sehr kostenintensiv sein kann, wird die Inklusion häufig als utopische Vorstellung kritisiert. Es wird allerdings von dieser Kritik nicht berücksichtigt, dass die gegenwertig für die Separation aufgebrachten Mittel auf die inklusive Schule umgewidmet werden könnten. Die Sonderschulen oder sonstigen Institutionen der Aussonderung verbrauchen wertvolle fachliche und finanzielle Mittel, die in einer Schule für alle allen zu Gute kommen könnten.
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