Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ist eine Lobbyorganisation und Denkfabrik, die für wirtschaftsliberale bzw. neoliberale Reformen eintritt.
Die INSM selbst bezeichnet sich als "branchen- und parteiübergreifende Plattform"["Über die INSM", Selbstdarstellung auf http://www.insm.de/Die_INSM.html], die für "marktwirtschaftliche Reformen" wirbt. Sie wurde im Jahr 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet.
Ziele der INSM
Unter dem
Leitmotiv "Chancen für alle" hat die Initiative nach eigenen Angaben das Ziel, die Menschen in Deutschland von der Notwendigkeit "marktwirtschaftlicher Reformen" zu überzeugen. Das bewährte Ordnungssystem der
Sozialen Marktwirtschaft müsse an die Bedingungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden: An "die
Globalisierung, die
Wissensgesellschaft, die Veränderungen in der Arbeitswelt und den demografischen Wandel". Die Initiative vertritt die Meinung, dass den Grundprinzipien der
Sozialen Marktwirtschaft nach den ursprünglichen Vorstellungen von
Ludwig Erhard (
Eigeninitiative,
Leistungsbereitschaft und
Wettbewerb) dabei mehr Geltung verschafft werden müsse. Allgemein gesprochen, fordert die INSM eine Forcierung
angebotsorientierter Wirtschaftspolitik. Der Journalist
Thomas Leif spricht davon, dass es der INSM im Kern um "die Flankierung von Wirtschaftsinteressen durch PR-Maßnahmen" gehe.
["Lobbying und PR am Beispiel der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"] Und der Politikwissenschaftler
Claus Leggewie stellt fest: "Sie meint eigentlich weniger soziale Marktwirtschaft, sie meint Entstaatlichung, weniger Sozialstaatlichkeit, mehr kapitalistische freie Marktwirtschaft. Das kommt aus den Vereinigten Staaten, wo
Ronald Reagan gesagt hat, der Staat ist nicht die Lösung, wie wir immer gedacht haben, sondern er ist das Problem. In diesem Sinne propagiert diese Initiative Entstaatlichung auf allen Ebenen. Sie tut dies gegenüber Journalisten, gegenüber Schulen, um damit die Gesellschaft für das Thema der Entstaatlichung und Privatisierung bereit zu machen."
[MONITOR Nr. 539 am 13. Oktober 2005, Die Macht über die Köpfe: Wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Meinung macht,
Bericht: Gitti Müller, Kim Otto, Markus Schmidt (Manuskript der Sendung)]
Die Initiative vertritt den Standpunkt, dass, "um die Soziale Marktwirtschaft zu erneuern und sie leistungsfähig zu halten, jener Ballast abgeworfen werden (muss), der sich im Laufe der Zeit angesammelt hat" [Die INSM: Ziele der Initiative. Die folgenden Punkte sind eine Paraphrase der Selbstauskunft.]. Im Einzelnen bedeute dies:
- Neue Wirtschaftspolitik: "Weniger ist mehr" - der Staat solle sich beschränken auf das was die Initiative als seine Kernkompetenzen sieht, Bürokratie und Genehmigungsverfahren vereinfachen. Die weitere Senkung von Steuern und Abgaben bringe neue Freiräume für die Eigeninitiative von Bürgern und Unternehmen, verbessere die Wettbewerbsfähigkeit und sei Voraussetzung für das Entstehen neuer Arbeitsplätze.
- Gegen Subventionen: Wirtschaftsprofessor Johann Eekhoff, Botschafter der INSM, formuliert die Kritik an den Subventionen wie folgt: "Sie verzerren den Wettbewerb, diskriminieren Nichtsubventionierte, erhöhen die Abgabenlast und verursachen Wachstums- und Beschäftigungseinbußen".
[Pressemitteilung der INSM vom 19. März 2004]
- Neue Beschäftigungspolitik: "Sozial ist, was Arbeit schafft" - Arbeitslose müssten sinnvoll qualifiziert statt alimentiert werden. Alles, was aus Sicht der Initiative im Sozial- und Arbeitsrecht die Schaffung neuer Arbeitsplätze verhindert, müsse überprüft und, wenn nötig, korrigiert und dereguliert werden. Darunter fällt nach Darstellung der Initiative besonders der Kündigungsschutz. Die Schaffung von Arbeitsplätzen solle des Weiteren besonders durch Förderung der Selbstständigkeit möglich gemacht werden.
- Neue Tarifpolitik: "Stichwort Flexibilität" - die Tarifpolitik müsse sich stärker an den Bedürfnissen der Betriebsparteien ausrichten. Das bedeutet für die Initiative zum Beispiel die weitere Flexibilisierung und, wenn nötig, Erhöhung der Arbeitszeiten, den Einbau flexibler Lohnkomponenten, die Senkung der Lohnnebenkosten und -im Kern- Reduzierung der Mitbestimmung.
- Neue Bildungspolitik: In der Informations- und Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts stünden und fielen Standorte mit dem Rohstoff "Wissen". Die Bildungspolitik gehöre deshalb zu den zentralen Themen der Reformdebatte. Hier gehe es um mehr Wettbewerb, mehr Effizienz und mehr Tempo. Die Einführung von Studiengebühren sowie die Auswahl der Studierenden durch die Hochschulen sei hierzu ein notwendiger Beitrag.
- Entbürokratisierung: Ein weiteres Hemmnis beim Aufbau neuer Arbeitsplätze sei die Regelungsdichte der deutschen Gesetze. Eine grundlegende Föderalismusreform sei notwendig, um Bürokratie abzubauen und einen Staat im Sinne der von der Initiative vorgeschlagenen Neuen Wirtschaftspolitik verwirklichen zu können.
Methoden
Mittels einer breit angelegten Öffentlichkeitskampagne, charakterisiert durch die Strategie der
integrierten Kommunikation, versucht die INSM die öffentliche Meinung zugunsten ihrer Ziele zu beeinflussen.
Die INSM nutzt ein breites Spektrum an Methoden des Lobbyismus und der Öffentlichkeitsarbeit. Die Verbreitung der Inhalte erfolgt durch Anzeigen, Broschüren, Magazine, Bücher und Lehrveranstaltungen. Auch Schleichwerbung hat die INSM schon in Fernsehserien (ARD-Seifenoper Marienhof) platziert, wobei sie inzwischen einräumt, dass die Medienkooperation im Falle der ARD-Serie "Marienhof" ein Fehler gewesen sei. Des Weiteren werden von TV-Agenturen der INSM sendefertige Beiträge für Fernsehmagazine produziert, und die INSM stellt kostenlos fertig benutzbare Materialien für den Unterricht an Schulen zur Verfügung, in denen die wirtschaftsliberale Lehre gelehrt wird (z.B. zum Thema "Schlanker Staat"). Des weiteren stellt die INSM O-Töne für Hörfunkjournalisten kostenlos zur Verfügung und beliefert Bildagenturen mit Bildmotiven, sowie Zeitungsredaktionen mit Interviewpartnern aus den Reihen ihrer Botschafter. Mit Hilfe der strategischen und professionellen Öffentlichkeitskampagne will die INSM auch politische Entscheidungsträger unter Druck setzen.
Einmal jährlich kürt die INSM zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den sogenannten "Reformer des Jahres". Dabei sollen Personen ausgezeichnet werden, die sich im betreffenden Jahr in besonderer Weise für marktwirtschaftliche Reformen in Deutschland eingesetzt haben. Dies wurde 2005 der Verfassungsrichter Udo di Fabio, nachdem 2004 der CDU-Politiker Friedrich Merz und 2003 das spätere CDU-Kompetenzteam-Mitglied Paul Kirchhof diesen Titel erhalten hatten. In den Jahren 2004 und 2003 wurde zusätzlich mit dem IG Metall-Vorsitzenden Jürgen Peters und dem SPD-Präsidiumsmitglied Andrea Nahles auch je ein "Blockierer des Jahres" ernannt.
Die Initiative bedient sich hauptsächlich der Werbeagentur Scholz & Friends. Der Internetauftritt wird durch die Aperto AG, einem Tochterunternehmen von Scholz & Friends betreut, das auch für die Inhalte der Website verantwortlich ist. Außerdem unterstützen Western Star und Welt und Wirtschaft Filmproduktion die INSM beim TV-Programming.
Die INSM nutzt wissenschaftliche Arbeiten aus dem Institut der Deutschen Wirtschaft, aus den Reihen ihrer Botschafter und Kuratoren, kauft sich die wissenschaftliche Expertise von anderen Wirtschaftsinstituten ein und arbeitet mit dem Institut für Demoskopie Allensbach zusammen.
Zu den Methoden der INSM zählen auch Medienpartnerschaften. Bisher gab es Medienpartnerschaften zwischen der INSM und der Financial Times Deutschland, der Wirtschaftswoche, der Zeit, der Frankfurter allgemeinen Sonntagszeitung, dem Focus und dem Handelsblatt, sowie der Fuldaer Zeitung. Im Handelsblatt erschien zeitweise eine regelmäßige Kolumne des Kuratoriumsvorsitzenden der INSM, Hans Tietmeyer, und des Kuratoriumsmitglieds Oswald Metzger.
Als wissenschaftlicher Berater fungiert das arbeitgeberfinanzierte Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die PR-Agentur "berolino.pr", ein Tochterunternehmen des IW, die für die INSM arbeitet, hat ihren Sitz im Haus der Wirtschaft in Köln. Die INSM steht in engem Kontakt zur Stiftung Marktwirtschaft. Die INSM ist Mitglied der Aktionsgemeinschaft Deutschland, einem Zusammenschluss von Denkfabriken und Interessenvertretungen, darunter berlinpolis, der Bürgerkonvent und die Stiftung Liberales Netzwerk.
Erfolge
Eine explorative Studie an der
Westfälischen Wilhelms-Universität in
Münster von Christian Nuernbergk unter dem Titel „Die Mutmacher“ hat die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit Blick auf das Verhältnis von Journalismus und PR untersucht.
[Christian Nuernbergk: Die Mutmacher. Eine explorative Studie über die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Münster 2005 (Universität Münster, Magisterarbeit)]
Beschrieben werden die Organisation, die Strategie und die besonderen Merkmale der Kampagne der Initiative. Den Kern der empirischen Arbeit bildet eine Input-Output-Analyse, mit der die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative über einen Zeitraum von acht Monaten zwischen den Jahren 2003 und 2004 bewertet wurde. d.h. es wurden die Pressemitteilungen der INSM und die Berichterstattung in elf Meinungsführermedien im Rahmen einer vergleichenden Inhaltsanalyse ausgewertet.
Fazit der Studie: Die Medienberichterstattung übernimmt weitgehend die INSM-Perspektive, insbesondere, wenn exklusive Medienkooperationen geboten werden. Sie macht deren Funktion als ein strategisches Element in der Interessenvertretung von Arbeitgeberverbänden nur unzureichend transparent,
Informationen zur Einordnung der Berichterstattung werden dem Leser vorenthalten.
Bei mehr als 50 % der untersuchten Beiträge tauchten INSM-Botschafter auf, aber nicht einmal in jedem sechsten Beitrag wurde die Botschafterrolle für die INSM transparent gemacht. Nur bei einem Viertel wurden alternative Sichtweisen erwähnt und in rund 55 % der Fälle zogen die Redaktionen neben den PR-Angeboten der Initiative keine weiteren Quellen heran.
[Christian Nuernbergk: Die Kampagne der „Visionäre“, in:
message - Internationale Zeitschrift für Journalismus, Heft 1-2006]
Finanzierung
Finanzieller Träger der Initiative ist in der Hauptsache der Arbeitgeberverband Gesamtmetall als Vertreter der deutschen Metall- und Elektroindustrie, welcher die Initiative bis 2010 mit derzeit jährlich 8,8 Millionen Euro (nach Abzug von Steuern; Angabe der INSM von 2005), insgesamt bis 2010 mit über 100 Mio. € finanziert.
Darüber hinaus wird die INSM laut Selbstauskunft von weiteren "führenden Wirtschaftsverbänden" unterstützt.
Kritik
Wegen der Geldgeber und der Einflussnahme auf die Medien im Sinne einer Beeinflussung der öffentlichen Meinung (Agenda Setting, Gewinnen der Deutungshoheit) wird die INSM vielfach als "PR-Agentur der Wirtschaft" kritisiert, die unter dem Deckmantel einer zivilgesellschaftlichen, an den Allgemeininteressen orientierten Initiative in Wirklichkeit für die Ziele der Arbeitgeberverbände werbe.
Einflussnahme auf Medien
In einem Positionspapier
[ Netzwerk-Recherche (2005), Positionspapier zum Verhältnis von PR und Journalismus: "PR-Einfluss auf Journalismus muss drastisch zurückgedrängt werden". In: Leif, Thomas (Hrsg.): (Medien)-Muster ohne Wert? Medien in der Wertefalle. Dokumentation des 9. MainzerMedienDisputs. Mainz, S. 156-160 (PDF)] kritisiert die Journalistenvereinigung
Netzwerk Recherche den massiven Einfluss der Public Relations (PR) auf journalistische Medien und beklagt die zunehmende Veröffentlichung von PR-Texten als redaktionelle Beiträge ohne Hinweise darauf, von wem die Texte stammen. Dadurch sei die journalistische
Unabhängigkeit gefährdet. Sie fordert unter anderem eine stärkere Trennung von
Lobbyarbeit und Journalismus in den Medien. Der Verein verweist auf eine Studie der Universität Leipzig unter der Leitung des Medienwissenschaftlers Prof.
Michael Haller, die eine verstärkte Ausrichtung der
Zeitungsberichterstattung auf den „Mainstream politischer Mehrheitsmeinungen im Publikum“ feststellt. Deren Beeinflussung stehe zunehmend im Fokus politischer und wirtschaftlicher Interessengruppen. Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ sei hierfür ein prominentes Beispiel. Sie wolle über Media-Kampagnen allgemein wahrnehmbare und durch „repräsentative“ Umfragen belegte Stimmungen erzeugen. So
werde direkt und indirekt auf das
Agenda Setting der Redaktionen Einfluss genommen.
Die ARD-Sendung Monitor berichtete am 13. Oktober 2005 unter dem Titel Die Macht über die Köpfe: Wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Meinung macht[MONITOR Nr. 539 am 13. Oktober 2005, Die Macht über die Köpfe: Wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft Meinung macht,
Bericht: Gitti Müller, Kim Otto, Markus Schmidt (Manuskript der Sendung)] darüber, wie die INSM Experten, Studien und ganze Fernsehbeiträge an verschiedene Redaktionen von Fernsehsendungen, u.a. Sabine Christiansen und Frontal21, und Printmedien liefert, ohne dass diese als Meinungsäußerung der INSM gekennzeichnet wären . Teilweise waren mehrere Experten, die eigentlich kontrovers diskutieren sollten, Botschafter und Kuratoren der INSM. Der Medienwissenschaftler Prof. Siegfried Weischenberg stellte dazu in der Sendung fest: "Das wirkt so, Wissenschaftler sind neutral. Tatsächlich treten sie hier auf in der Rolle als PR Agenten. Monitor kritisierte besonders ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Journalismus und Werbung bzw. PR, das von der INSM bewusst forciert werde, bis hin zum Engagement bei der Journalistenausbildung (Finanzierung eines Workshops an der RTL-Journalistenschule in Köln). Ebenso zeigte der Bericht, wie die INSM bereits in Grundschulen Informationen verbreitet und Veranstaltungen der Kinderuniversität, z.B. über Geld ("Wozu brauchen wir Geld?"), durchführt und dokumentierte, wie Kinder dabei Standpunkte der INSM lernen.
Die Rankings der Initiative, die Bundesländer danach beurteilen, inwieweit sie Ziele der INSM verwirklichen, wurden nachweislich von vielen großen Printmedien als neutrale Statistiken über wirtschaftlichen Erfolg der Bundesländer übernommen. Der Einfluss der INSM reiche bis in die Spitzen der Politik: Der ursprünglich von der INSM geprägte Slogan Sozial ist, was Arbeit schafft sei im Wahlkampf 2005 zunehmend auch von Angela Merkel, Edmund Stoiber, Guido Westerwelle und anderen CDU- und FDP-Politikern geäußert worden.
Im November 2005 berichtete die Wochenzeitung Freitag, dass nach der zunehmend kritischen Berichterstattung der Medien über die INSM Druck von Seiten der INSM auf Redaktionen ausgeübt werde, um dieser kritischen Berichterstattung zu begegnen. Nach Berichten in TV-Sendungen wie Monitor habe sich die INSM auch direkt an einzelne Mitglieder des Fernsehrats und Programmrats gewendet und über "einseitige" Berichterstattung geklagt. Kritische Journalisten würden nach der Methode des sog. Blaming als z.B. gewerkschaftsnah oder Attac-Sympathisanten dargestellt, um ihre Glaubwürdigkeit zu unterlaufen. Diese Form der Einflussnahme auf kritische Berichterstattung habe eine neue Qualität bekommen. Betroffen seien vor allem freie Journalisten.
Schleichwerbung
Im September 2005 wurde durch eine von der
ARD veröffentlichte Kundenliste bekannt, dass die INSM 2002 per
Schleichwerbung in der ARD-Sendung
Marienhof für 58.670 Euro Szenen und Dialoge zu Themen wie
Wirtschaft, schlanker Staat, Steuern platziert hat. Die Gewerkschaft
ver.di forderte die INSM daraufhin auf, ihre Aktivitäten in den Medien offenzulegen. Der stellvertretende Verdi-Vorsitzende
Frank Werneke kritisierte, ein
solcher Fall von Manipulation übertreffe
alle bisherigen Vermutungen über verdeckte Einflussnahmen durch die INSM. Offenbar scheue man
die offene Auseinandersetzung über die sozialen und beruflichen Perspektiven von Jugendlichen und schleiche sich stattdessen in Jugendmedien ein.
Die NGO LobbyControl kritisiert, dass die Initiative mit der Schleichwerbung den Rundfunkstaatsvertrag sowie professionelle Standards der Öffentlichkeitsarbeit wie den europäischen Code de Lisbonne missachtet habe.
Die INSM erklärte daraufhin, es sei nur darum gegangen, Grundkenntnisse über unsere Wirtschaftsordnung zu vermitteln und die Bedeutung eigenen Engagements bei der Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle zu betonen. Sie räumt inzwischen ein, dass die Medien-Kooperation im Falle der ARD-Serie "Marienhof" ein Fehler war. Der Initiative sei aber von der Produktionsgesellschaft mehrfach versichert worden, dass die Form der Zusammenarbeit in Einklang mit dem Rundfunkstaatsvertrag stehe und die zuständige ARD-Redaktion die Stücke abnehme, was sich als falsch herausgestellt habe. Den Generalvorwurf, den die Gewerkschaft ver.di in ihrer Pressemitteilung vom 20. September 2005 erhoben hat, die INSM würde die Medien manipulieren, weist die Geschäftsführung der Initiative zurück.
Vorwurf der mangelnden Neutralität
Der Initiative wird vorgeworfen, die "wirtschaftspolitischen Konzepte" u.a. der
CDU/
CSU sowie der
FDP zu bewerben, aber gleichzeitig als "überparteilich" aufzutreten und damit den Anschein von
Neutralität erwecken zu wollen. Nach dem Austritt der Politiker
Wolfgang Clementund
Rainer Wend von der SPD sowie
Christine Scheel von den Grünen als
Botschafter der INSM, wurde ein "überparteiliches" Auftreten der Initiative schwieriger. Zudem wird kritisiert, dass die Botschafter der Initiative in den Medien als unabhängige Experten auftreten, obwohl sie von der Initiative bezahlt werden.
Die Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbunds kritisiert die aus ihrer Sicht "neoliberalen Positionen" und die Nähe zu Unternehmensverbänden.
Der damalige SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter kritisierte die INSM als "Tarnorganisation" und bezeichnet deren Vorgehen als "durchsichtig, parteiisch und zielgerichtet". So kürte die Initiative vor der sächsischen Landtagswahl bereits den sächsischen CDU-Ministerpräsidenten Georg Milbradt zum Ministerpräsidenten des Jahres, ebenso den saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) vor dessen Landtagswahl 2003.
"Reformer" und "Blockierer des Jahres"
Laut Ankündigung (vgl.
konnte jeder Leser Vorschläge für Kandidaten bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), FAZ oder bei der INSM einreichen. Die fünf meistgenannten Kandidaten sollten zusammen mit weiteren fünf Kandidatenvorschlägen von der FAS den Leser zur Abstimmung vorgelegt werden. Nach Darstellung von
LobbyControl wurden hingegen bei der Wahl 2005 entgegen der Ankündigung lediglich 5 Kandidaten zur Wahl gestellt [http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2005/11/reformer-des-jahres-2/.
Das Endergebnis setzt sich nach Angaben der INSM zusammen aus den gewichteten Stimmen der Leserschaft (50 %) und dem Votum einer von der INSM eingesetzten Jury (50 %). Kritiker wenden ein, dass dieses Verfahren der INSM eine direkte Kontrolle über das Ergebnis der Abstimmung garantiere, da ein Patt über einen Kandidaten nur in dem sehr unwahrscheinlichen Fall zustande kommen könne, dass alle Leser der FAS ihre Stimmen auf einen einzigen Kandidaten vereinigten. Zudem sei unklar, inwiefern die Jury bei ihrer Entscheidung bereits über das Abstimmungsverhalten der Leserschaft informiert sei. Schließlich sei ungewiss, wie die Jury genau ihren 50%-Anteil aufteilen könne. Aus diesen Gründen könne das Wahlverfahren als scheindemokratisch betrachtet werden.
Bei der Verleihung des "Reformer des Jahres" am 29. November 2005 drangen vor laufenden Fernsehkameras maskierte Mitglieder einer Gruppe in den Saal ein, die sich selbst die Überflüssigen nennen. Sie entrollten ein Transparent mit der Aufschrift "Propaganda für Profite - Armut für den Rest". Die Verlesung einer Erklärung gelang jedoch nur teilweise, weil das Publikum im Saal die Gruppe in Sprechchören ("Feiglinge, Feiglinge") dazu aufforderte, sich die Masken vom Gesicht zu nehmen. Die Aktivisten wollten Gesamtmetall für die Erfindung der INSM einen Preis für die „teuerste, dreisteste und dümmste Propaganda des Jahres“ verleihen. Kurz darauf wurden die Überflüssigen aus dem Saal gedrängt. Zu sehen im Mitschnitt auf Phoenix, der live deutschlandweit ausgestrahlt und weltweit übers Internet gestreamt zu sehen ist.
Kritik durch den Bauernverband
Der
Deutsche Bauernverband übte Kritik an einer Anzeige der INSM, die sich gegen die
Subventionierung der Landwirtschaft richtete, nach Ansicht der INSM ein Paradebeispiel für die staatliche Privilegierung einflussreicher Gruppen. Die
CSU-Politiker
Michael Glos und
Edmund Stoiber entzogen der INSM daraufhin ihre Unterstützung.
Personen
Die Initiative hat acht feste und ca. 40 freie Mitarbeiter, dazu ungefähr 2.000 sog.
Kuratoren, Botschafter und Unterstützer. 2005 gründete sich ein "Förderverein Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft".
Gründungsmitglieder der INSM
Martin Kannegiesser (Präsident des Arbeitgeberverbandes
Gesamtmetall)
Geschäftsführer
- Max A. Höfer: Geboren 1959 in Stuttgart, Politologe und Ökonom aus Berlin. Höfer ist seit April 2006 Nachfolger von Tasso Enzweiler und war vorher Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadt-Büros von Capital. Er hat zuletzt für das Magazin Cicero (Ausgabe April 2006) eine Liste der fünfhundert deutschen Meinungsmacher ermittelt, von ihm ist 2005 das Buch Meinungsführer, Denker, Visionäre erschienen.
Max A. Höfer und Dieter Rath leiten die Kölner Strategiezentrale der INSM. Von hier aus wird die Kampagnen der INSM geführt. Unterstützt wird die INSM dabei von zahlreichen Wissenschaftlern, PR- und Werbefachleuten.
Tasso Enzweiler war Chefreporter der Financial Times Deutschland und machte sich als Journalist einen Namen mit seinen Recherchen zum Vulkan-Skandal und war Mitglied im Netzwerk Recherche.
Kuratoren
Hans Tietmeyer (Vorsitzender des Kuratoriums und ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank)
Michael Hüther (Direktor und Mitglied des Präsidiums des IW Köln)
Martin Kannegiesser (Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall)
Oswald Metzger (Finanzexperte Bündnis 90/Die Grünen)
Randolf Rodenstock (Vorsitzender des Aufsichtsrats der
Rodenstock GmbH)
Hans-Dietrich Winkhaus (Präsident des IW Köln)
Botschafter
- Ann-Kristin Achleitner (Wissenschaftl. Direktorin des CEFS an der TU München)
- Hans-Wolfgang Arndt (Rektor der Universität Mannheim)
- Hans D. Barbier (Wirtschaftspublizist, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, Bonn)
- Arnulf Baring (Politikwissenschaftler, Historiker und Publizist)
- Roland Berger (internationaler Unternehmensberater, Roland Berger Strategy Consultants GmbH)
- Christoph Burmann (Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bremen)
- Ralf Dahrendorf (Mitglied des Britischen Oberhauses)
- Juergen B. Donges (Prof. für Wirtschaftl. Staatsw. an der Universität Köln und Direktor des IW Köln)
- Dominique Döttling (Geschäftsführende Gesellschafterin Döttling & Partner Beratungsgesellschaft mbH, Uhingen)
- Johann Eekhoff (Staatssekretär a.D., Wirtschaftspolitisches Seminar der Universität zu Köln)
- Michael Eilfort (Vorstand der Stiftung Marktwirtschaft / Frankfurter Institut)
- Lüder Gerken (Vorstand der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung)
- Stephan A. Jansen (Gründungspräsident und Geschäftsführer der Zeppelin University (ZU))
- Paul Kirchhof (Professor für öffentliches Recht an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)
- Eberhard von Koerber (Präsident des Verwaltungsrates der Eberhard von Koerber AG, Zürich; Vizepräsident des Club of Rome)
- Dieter Lenzen (Präsident der Freien Universität Berlin)
- Siegmar Mosdorf (Parlamentarischer Staatssekretär a. D.)
- Arend Oetker (Unternehmer, Präsident des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft, Vizepräsident des BDI)
- Karl-Heinz Paqué (Finanzminister von Sachsen-Anhalt (FDP), Mitglied des Bundesvorstands der FDP)
- Rolf Peffekoven (Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft Johannes Gutenberg-Universität Mainz)
- Bernd Raffelhüschen (Prof. für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Professor II an der Universität Bergen)
- Arndt Rautenberg (Deutschen Telekom AG)
- Dagmar Schipanski (MdL CDU), Präsidentin des Landtages von Thüringen)
- Nikolaus Schweickart (Vorstandsvorsitzender der Altana AG)
- Lothar Späth (Politiker der CDU, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Jenoptik AG)
- Erwin Staudt (Präsident des VfB Stuttgart)
- Thomas Straubhaar (Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA))
- Ulrich van Suntum (Geschäftsführender Direktor des CAWM, Westfälische Wilhelms-Universität zu Münster)
ausgetretene Botschafter, aber noch Befürworter:
Bert Rürup,
Gerhard Schröder,
Wolfgang Clement,
Klaus von Dohnanyi,
Friedrich Nowottny,
Michael Rogowski,
Oliver Bierhoff,
Meinhard Miegel,
Peter Glotz (verstorben),
Christine Scheel,
Kardinal
Karl Lehmann
Für einzelne Veranstaltungen oder Anzeigenkampagnen wurden auch Uli Hoeneß, der Manager des FC Bayern München ["Uli Hoeneß: „Deutschland kann nur mit Reformen gewinnen!“", Pressemitteilung auf http://www.insm.de/Presse/Pressearchiv/Pressemeldungen/2003_-_Pressemeldungen/Juli_-_September_2003/Uli_Hoeness___Deutschland_kann_nur_mit_Reformen_gewinnen____1.8.2003.html;jsessionid=4EE58AB2775387FEA04B991CA2FD4599], Oliver Bierhoff ["Die Regeln, wie das Spiel läuft“", Pressemitteilung auf http://www.insm.de/Veranstaltungen/Rueckblick_2004/Oliver_Bierhoff_Vorlesung.html;jsessionid=A2B5619FE55664ECE8259C101206363F] und der Tennisprofi Nicolas Kiefer engagiert.
Mitglieder des Fördervereins für die INSM
Florian Gerster (SPD), ehemaliger
Vorstandsvorsitzender der
Bundesagentur für Arbeit)
Johanna Hey (Stiftungsprofessur für Unternehmenssteuerrecht in Düsseldorf)
Silvana Koch-Mehrin (Mitglied des
EU-Parlaments und des FDP-Bundesvorstands)
Dieter Lenzen (Präsident der
Freien Universität Berlin)
Friedrich Merz (
MdB CDU)
Ulrike Nasse-Meyfarth (Sportlerin)
Dieter Rickert (Personalberater)
Hergard Rohwedder (Rechtsanwältin)
Max Schön (Mitglied im Aufsichtsrat der
Max Schön AG)
Carl-Ludwig Thiele (Stellv. Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion)
Hans Tietmeyer (Vorsitzender des Fördervereins, ehemaliger Präsident der
Deutschen Bundesbank)
Gunnar Uldall (CDU),
Senator,
Präses der Wirtschaftsbehörde Freie und Hansestadt Hamburg)
Siehe auch
Denkfabrik,
Lobbyismus,
Plutokratie,
Public Affairs,
Neoliberalismus
Literatur
- Ulrich Müller, Sven Giegold, Malte Arhelger (Hrsg.), Gesteuerte Demokratie? Wie neoliberale Eliten Politik und Öffentlichkeit beeinflussen, Hamburg : VSA Verl. 2004, ISBN 3899651006.
- Gammelin, Cerstin und Götz Hamann, Die Strippenzieher: Manager, Minister, Medien - wie Deutschland regiert wird, Berlin : Econ Verl. 2005, ISBN 3430130115.
- Speth, Rudolf und Leif, Thomas: Lobbying und PR am Beispiel der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. In: Leif, Thomas/ Speth, Rudolf (Hrsg.), ''Die fünfte Gewalt - Lobbyismus in Deutschland, Wiesbaden : VS Verl. 2006, S. 302 - 316, ISBN 3531150332 (erschienen auch als Band 514 in der Schriftenreiche der Bundeszentrale für politische Bildung)
- Nuernbergk, Christian: Die PR-Kampagne der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und ihr Erfolg in den Medien. Erste Ergebnisse einer empirischen Studie. In: Ulrike Röttger (Hrsg.), ''PR-Kampagnen. Über die Inszenierung von Öffentlichkeit. 3., überarbeitete Auflage. Wiesbaden 2006, S.159-178, ISBN 3531429507
- Albrecht Müller, Machtwahn - Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet, Droemer 2006, ISBN 3-426-27386-1
- Speth, Rudolf, 2004: Die politischen Strategien der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung (PDF) - Zusammenfassung
- Nuernbergk, Christian, 2005: Die Mutmacher - Eine explorative Studie über die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Abstract einer Magisterarbeit an der Universität Münster (PDF)
Weblinks
Quellen
Denkfabrik | Deutsche Organisation | Lobbyismus | INSM