Die Inhaltsanalyse (engl. content analysis) ist neben dem Interview, der Beobachtung und dem Experiment eine standardisierte Methode aus der empirischen Sozialwissenschaft. Gegenstand ist die Analyse der Inhalte von Kommunikation, die in Form von Texten, etwa verschriftlichten Interviews, öffentlich zugänglichen Reden oder als archivierte Korrespondenz vorliegt.
Als Begründer der Inhaltsanalyse gelten Bernard Berelson sowie Harold D. Lasswell mit Untersuchungen zu Kriegsberichten und Kriegspropaganda während des Zweiten Weltkrieges. Frühe zivile Anwendungen von Inhaltsanalyse sind in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen, während wichtige Entwicklungen aus der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges stammen.
Das entsprechende Material wird nach einem (wissenschaftlich) begründbaren Schema codiert und offengelegt. Bei der Inhaltsanalyse geht der Forscher theoriegeleitet vor, also nicht wie in der hermeneutischen Textinterpretation, bei der Sinn(-gehalt) des Textes und die Intention des Autors Gegenstand der Analyse sind), sondern auf Basis (sozial-) wissenschaftlicher Hypothesen werden interessierende Aspekte isoliert und mit Hilfe empirischer Methoden der Inhaltsanalyse ausgewertet.
Ziel von Inhaltsanalyse ist es, vorhandene Komplexität des Untersuchungsmaterials (der Texte) zu reduzieren. Das wird erreicht, indem der nicht interessierende Teil der Kommunikation über Stop-Wortlisten ausgeblendet wird und nach einer Frequenzanalyse die Schlüsselworte (engl. 'Keywords') einer Analyse der 'Keywords in context' (KWIC) unterzogen wird. KWIC-Analysen sind elementare erste Schritte auf dem Weg einer Inhaltsanalyse, aber längst nicht der abschließende. Im Anschluss erfolgen weitere Untersuchungen, die eine quantitativ-statistische Auswertung der Kommunikationsinhalte zulassen.
Dabei untersucht der formal-deskriptive Ansatz äußere Textmerkmale. Der diagnostische Ansatz versucht, Aussagen über die Entstehungsbedingungen des Materials bzw. über Motive der Berichterstattung, zu treffen (erste Bedeutung von Inferenz). Beim prognostischen Ansatz wird versucht, eine Prognose über die Wirkung der Inhalte auf den Rezipienten (zweite Bedeutung von Inferenz) zu treffen.
Man unterscheidet verschiedene Arbeitsweisen der Inhaltsanalyse: Frequenzanalysen beschränken sich auf eine deskriptive Auszählung der Worthäufigkeiten. Bei Valenzanalysen wird zusätzlich erfasst, ob die Inhalte positiv oder negativ bewertet werden. Die Intensitätsanalyse bewertet die Intensität der Bewertungen auf Einstellungsskalen.
Bewertung und Einschätzung der Methode
Inhaltsanalyse ist nicht zwingend auf eine Kooperation mit Befragten angewiesen (Problem der Antwortverweigerungen oder Reaktivität). Weil dank moderner Kommunikationsmittel (Webpräsenzen, Archive und Bibliotheken für schriftliches Material...) Texte sich leicht zusammenstellen lassen, stellt sie eine bevorzugte Anwendung für
Sekundäranalysen dar. Klärungsbedürftig bleibt ähnlich wie in der Umfrageforschung das grundsätzliche Problem, inwieweit die Auswahl der Texte eine später statistisch repräsentative Aussage (über eine Gruppe von Akteuren, die Bevölkerung) erlaubt.
Mit Inhaltsanalyse allein lassen sich keine Wirkungsaussagen oder Aussagen über Absichten (des Autors, Sprechers) treffen. Dazu ist eine ergänzende
Kommunikatoren- oder
Rezipientenbefragung nötig (Kommunikationsforschung). Die
deskriptiven Daten dienen als Voraussetzung für spätere Wirkungsanalysen. Historisch konnte die Inhaltsanalyse mehrfach aufzeigen, dass sie als Frühwarnsystem geeignet ist (Einsatz bei der Analyse von deutscher Kriegspropaganda im Zweiten Weltkrieg). Als Methode der Datenauswertung bietet Inhaltsanalyse interessante Aspekte dort, wo nicht-numerisches Rohmaterial (also Texte) in eine computer-gestützt analysierbare mathematisch-statistisch zugängliche Form transformiert wird.
Elementar ist die Beobachtung, dass jede Kommunikation in einem bis mehreren Kontexten gleichzeitig
erfolgt: der Bezug der Kommunikation auf die Rezipienten (Empfänger), die Intentionalität, aber auch außersprachliche Elemente (Körpersprache) können für Kommunikation sowohl verstärkende aber auch widersprechende Rollen spielen.
Im Vergleich zu anderen Methoden hat die Inhaltsanalyse folgende Vorteile:
- Mit Hilfe der Inhaltsanalyse lassen sich Aussagen über Kommunikatoren und deren Absichten treffen, die nicht bzw. nicht mehr erreichbar sind. Es lassen sich durch systematische (computergestützte) Analyse Eigenschaften abbilden, die eine Ähnlichkeit bzw. Unähnlichkeit von Texten bzw. den dahinter liegenden Konzepten der jeweiligen Autoren/Sprecher nahelegen (etwa mit der Hilfe der Multidimensionalen Skalierung).
- Das Untersuchungsmaterial steht zeitunabhängig zur Verfügung.
- Es besteht keine Gefahr der Reaktivität des Untersuchungsmaterials.
- Die Untersuchung lässt sich wiederholt durchführen (Replikation, Sekundäranalyse) und die Vorgehensweise nachvollziehen.
- Sie ist vergleichsweise kostengünstig.
Anwendungen für Inhaltsanalyse sind in den gesamten Sozialwissenschaften zu finden:
in der Politischen Soziologie bei der Untersuchung von Wahlprogrammen und politischen Texten (Parlamentsdebatten), in der Psychologie bei der Untersuchung von Tagebucheinträgen, in der Pädagogik bei der Untersuchung von Schüleraufsätzen, in den Sprachwissenschaften und Kriminalistik bei der Klärung der Urheberschaft anonymer Texte anhand von Mustervergleichen, im Marketing bei der Untersuchung von Werbetexten bzw. -aussagen, in der Konsumentenforschung (Beliebtheit von Produkten) und beim Vergleich von Gesetzestexten.
Ablauf einer Inhaltsanalyse
In der
Planungsphase wird zunächst die
Forschungsfrage formuliert und das Untersuchungsmaterial ausgewählt. Im Folgenden wird eine
Stichprobe aus dem erhobenen Material gebildet. Es folgt
Hypothesenbildung, gestützt durch Rückgriff auf umfassendere sozialwissenschaftliche Theorien (etwa: Theorien zur Organisation, Theorien der politischen Willensbildung etc.).
In der
Entwicklungsphase wird mit theoriegeleiteter und empiriegeleiteter
Kategorienbildung ein Kategoriensystem erstellt (Wörterbuch-basierter Ansatz), anhand dessen eine Untersuchung durchgeführt wird. Beim Kategoriensystem ist zu beachten, dass es umfassend ist, also das gesamte Untersuchungsmaterial abdeckt. Außerdem muss es
disjunkt und eindeutig sein, das heißt, jedes Item sollte nur einer Kategorie zweifelsfrei zugeordnet werden können. Zuviel Detailliertheit sollte vermieden werden. Anschließend werden
Codierregeln aufgestellt. Kategorienschema, Codieranweisungen und Codierbogen werden später im
Codebuch zusammengefasst.
In der Testphase wird eine Probecodierung (Pre-test) durchgeführt und bei Bedarf das Kategoriensystem neu designt, um eine höchstmögliche Reliabilität sicherzustellen. Dabei wird mindestens getestet auf Intracoder-Reliabilität (gleiches Codierergebnis bei identischem Codierer während zwei Codiervorgängen) sowie auf Intercoder-Reliabilität (gleiches Codierergebnis von verschiedenen Codierern bei identischem Material). Anschließend erfolgt die eigentliche Codierung.
In der Anwendungsphase werden die aus den Texten gewonnenen Daten aufbereitet, kontrolliert und mittels statistischer Verfahren ausgewertet, etwa durch Verfahren der Multidimensionalen Skalierung (MDS), Varianzanalyse (ANOVA, MANOVA), der Korrespondenzanalyse oder Netzwerkanalysen. Entsprechend dem Skalierungsniveau bei Texten haben in jüngster Zeit diese Verfahren an Bedeutung zugenommen, während Faktorenanalysen und Clusteranalysen an Zahl und Bedeutung eher abgenommen haben.
Literatur
- Patrick Rössler: Inhaltsanalyse, Konstanz 2005 (Ein aktuelles Lehrbuch zur hier beschreibenen standardisierten Inhaltsanalyse)
- Früh, Werner: Inhaltsanalyse: Theorie und Praxis. 5. überarb. Aufl. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001; ISBN 3-89669-334-4
- Atteslander, Peter: Methoden der empirischen Sozialforschung. 10. Aufl. Walter de Gruyter, Berlin 2003, S. 215-249 (Das Kapitel über Inhaltsanalyse umfasst auch die computerunterstützte Inhaltsanalyse, die bei W. Früh kurz abgehandelt wird. Auch werden Verfahren der qualitativen Analyseverfahren behandelt)
- Budge, Ian/Klingemann, Hans-Dieter u.a.: Mapping Policy Preferences. Estimates for Parties, Electors and Governments 1945-1998. Oxford 2001: Oxford University Press; ISBN 0199244006 (eine englischsprachige Darstellung und beispielhafte Anwendung der Inhaltsanalyse im Bereich der Politikwissenschaft)
- Krippendorff, Klaus: Content Analysis: An Introduction to Its Methodology. 2. Auflage, Sage, Thousand Oaks (CA) 2004 (englischsprachige Grundlagenliteratur. Schon die erste Auflage von 1980 galt als Klassiker, der die Gesamtheit der inhaltsanalytischen Methode vorstellte).
- Merten, Klaus: Inhaltsanalyse: Einführung in Theorie, Methode und Praxis, 2. verbesserte Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995 (Dieses Buch bietet eine gute Gliederung der verschiedenen Verfahren, zusammengefasst unter dem Begriff Inhaltsanalyse, außerdem verweist es auf weiterführende Literatur.)
- Mochmann, Ekkehard: Inhaltsanalyse, in: Kriz, Jürgen/Nohlen, D./Schultze, R.O. (Hrsg.): Lexikon der Politik. Band 2: Politikwissenschaftliche Methoden. München 1994, Verlag C.H. Beck, ISBN 3406369049; Seite 184-187 (knappe Darstellung mit Abriss der historischen Entwicklung von Inhaltsanalyse als Methode, Neuauflage erschienen 2002. Als Einführungstext sehr empfohlen)
- Schnell, Rainer/Hill, Paul B./ Esser, Elke: Methoden der empirischen Sozialforschung. Oldenbourg Verlag GmbH, München 1999, S. 375-380 (das Kapitel Inhaltsanalyse in diesem Buch ist verhältnismäßig kurz geraten) ISBN 3486576844
- Silbermann, Alphons: Systematische Inhaltsanalyse, in: König, René (Hg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung, Bd. 4, Stuttgart 1974, Seite 253-339 (grundlegende deutschsprachige Darstellung)
- Züll, Cornelia/Mohler, Peter.P. (Hrsg.): Textanalyse. Anwendungen der computerunterstützten Inhaltsanalyse. Opladen 1992: Westdeutscher Verlag (speziell für sozialwissenschaftliche Anwender)
- Ritsert, Jürgen: Inhaltsanalyse und Ideologiekritik. Ein Versuch über kritische Sozialforschung, Frankfurt am Main 1972 (Für einen Überblick der älteren kritischen Diskussion der quantitativen Inhaltsanalyse)
Siehe auch
Weblinks
- http://www.car.ua.edu/ (englischsprachig! Enthält unter "books and monographs" eine umfassende Literaturliste, eine ausgedehnte Liste von meist kommerziellen Softwarelösungen sowie eine englischsprachige Mailingliste in die man sich bei Interesse eintragen kann)
- http://www.textanalysis.info/ (englischsprachiges Portal, Links zu zahlreicher Analysesoftware)
- http://www.apb.cwc.net/homepage.htm (Software, die Verfahren der Multidimensionalen Skalierung für quantitative Textanalyse implementiert)
Empirische Sozialforschung