Die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit ist die Menge an Bit, die ein Lebewesen pro Zeiteinheit mit seinen Sinnesorganen aufnehmen und in seinem Gehirn verarbeiten kann.
Ein Selbstversuch
Zur Veranschaulichung der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit genügt ein einfacher Selbstversuch: Wie setzt man die folgende
Zahlenreihe fort? 3 4 6 9 13 18 24 ... Was geht dabei in einem vor? Zuerst muss man die Zahlen erkennen. Das dauert einige Zehntelsekunden. Dann sind zwei benachbarte Zahlen im Kopf zu behalten, und es ist die
Differenz zwischen ihnen festzustellen. Anschließend muss man die nächste Zahl wahrnehmen, die Differenz zur vorigen bilden und mit der vorher ermittelten Differenz vergleichen. Alle diese Vorgänge brauchen Zeit. Der Zeitverbrauch summiert sich rasch zu Sekunden. Wird dabei die zeitliche Grenze der
Gedächtnisspanne und damit seine
Kurzspeicherkapazität, die z. B. bei einem Menschen mit
IQ 112 bei 105 Bit liegt, überschritten, so verfügt man nicht mehr über alle Zahlen bzw. nicht mehr über alle für den Denkvorgang notwendigen Begriffe. Eine sachgerechte Antwort bzw. eine Problemlösung ist dann nicht mehr möglich.
Praktische Bedeutung
Anhand des Selbstversuchs ist leicht vorstellbar, dass das invidividuelle Niveau der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit auf vielen geistigen Leistungsgebieten Grenzen setzt. Davon hängt ab, wie hoch die Leistungen in Tests für
Intelligenz, insbesondere fluide Intelligenz, aber auch die Komplexität der noch lösbaren geistigen Probleme in Ausbildung, Beruf und Alltag sind. Letztlich werden auch der Schulerfolg und die berufliche Karriere erheblich von der individuellen Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit mit bestimmt (siehe "Die
IQ-Falle"). Umfangreiche statistische Studien haben diese Zusammenhänge bestätigt.
Die verbreitetste Messung (siehe unten) konzentriert sich auf die
Lesegeschwindigkeit bzw. die allgemeine Auffassungsgeschwindigkeit, die in unseren Kulturen von grundlegender Bedeutung sind. Die praktischen Zusammenhänge mit Schule und Arbeitswelt sind dabei offenkundig. Die in der
PISA-Studie 2000 eingesetzten Tests haben auch gerade diese Fähigkeit gemessen.
Messung
Eine gebräuchliche Methode, die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zu messen, ist die Zeit zu messen, mit der Entscheidungen zwischen verschiedenen
Alternativen getroffen werden. Muss die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten getroffen werden, dann ist es eine 1-Bit-Entscheidung, zwischen vier Möglichkeiten eine 2-Bit-Entscheidung usw. - Der
Psychologe Siegfried Lehrl entwickelte einen "Kurztest der Allgemeinen Intelligenz" (
KAI), mit dem die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit durch die
Lesegeschwindigkeit gemessen wird. Die Testpersonen werden dabei aufgefordert, Zufallsfolgen von Buchstaben, z. B. r z l m s e ... mit größtmöglicher Geschwindigkeit zu lesen.
Unabhängigkeit von Sinnesgebiet
Es ist ein bemerkenswertes Ergebnis der
Informationspsychologie, dass die Beziehung zwischen Kurzspeicherkapazität und zum IQ unabhängig von der Art der Sinnesorgane besteht, d. h. unabhängig davon, ob die
Information mit Augen oder Ohren aufgenommen wird. Auch bei
Blinden, die die
Blindenschrift mit ihrem
Tastsinn lesen, lassen sich die Zusammenhänge zum IQ auf diese Weise messen. Der
hochintelligente Blinde liest, d. h. tastet und verarbeitet die Information, doppelt oder dreimal so schnell wie ein wenig intelligenter Blinder.
Altersabhängige Entwicklung
Von der Geburt bis zum 15./16. Lebensjahr nimmt die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit zu, bleibt bis zu etwa 25 Jahren auf diesem Niveau und sinkt dann wieder. Dies sind Durchschnittsergebnisse der Bevölkerung. Zur Abnahme tragen geistige Fehlforderungen, ungünstige Ernährung und Minderung der Sinnestüchtigkeit bei.
Literatur
- Lehrl, S, und B. Fischer (1990): A basic information psychological parameter (BIP) for the reconstruction of concepts of intelligence. European Journal of Personality 4, 259-286. //www.volkmar-weiss.de/lehrl.html
- Lehrl, S., Gallwitz, A., Blaha, L. und B. Fischer: Geistige Leistungsfähigkeit. Theorie und Messung der biologischen Intelligenz mit dem Kurztest KAI. Ebersberg: Vless 1992, 2. Aufl. ISBN 3-88562-041-3.
- Aljoscha Neubauer: Intelligenz und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. Wien: Springer 1995. ISBN 3-211-82735-8.
Allgemeine Psychologie