Industrial ist eine Musikrichtung, die sich ab der Mitte der 70er Jahre weltweit aus Elementen der experimentellen und Avantgardemusik sowie der Konzept- und Aktionskunst entwickelte. Der Begriff „Industrial“ entstammt ursprünglich dem englischen Label Industrial Records, das kollektiv von den Mitgliedern der Band Throbbing Gristle gegründet und geführt wurde, die eine zentrale Position im frühen Industrial innehatten.
Eine wesentliche Komponente des Industrial war und ist die Provokation entlang der äußersten Ränder des Erträglichen. Um zu irritieren bzw. zu schockieren werden extreme Darstellungen von Gewalt, Sexualität, Krankheit, Krieg und Tod mit bedrohlichen und aggressiven Klangcollagen und Lärm unterlegt. Dabei ist die Provokation kein Selbstzweck, sondern beabsichtigt durch die Unausweichlichkeit seiner Drastik eine Verstörung des Hörers, die zum Keim emanzipativer Prozesse werden soll.
Als Einflüsse finden sich dabei Mailart-, Performance- und Aktionskünstler, Dada sowie Schriftsteller wie William S. Burroughs und Brion Gysin. Aber auch außerhalb des Gebietes der Kunst liegende Bereiche wie Psychologie, Medizin, Werbung und Geschichte (darunter von zentraler Bedeutung als immerwiederkehrende Topoi waren die Geschichte Deutschlands im Faschismus, der Terrorismus der 70er Jahre und der Kolonialismus mit den teils folgenden Unabhängigkeitskriegen) waren und sind sehr wichtige Inspirationen für die Industrial Culture. Von relativ geringer Bedeutung sind dabei bemerkenswerterweise musikalische Einflüsse, zu nennen wären höchstens die Musik des Futurismus, Free Jazz und Free Improv, Musique concrète und einige Krautrockbands (Cluster, Tangerine Dream, Neu!, Kraftwerk).
Anfang bis Mitte der 80er Jahre verfiel der innovative Impuls zunehmend, durch den sich Industrial anfangs ausgezeichnet hatte und das ursprünglich komplexe Geflecht aus Medientheorie, Kunst und Provokation degenerierte zu einem Stereotyp. Die meisten Industrialbands lösten sich zu dieser Zeit entweder auf oder gingen komplett neue Wege.
Zudem zeigten sich mehrere Querverbindungen zu Künstlern aus dem Genre des Neofolk. Diese Auffälligkeit beruht möglicherweise auf den frühen Tätigkeiten von Boyd Rice der bereits 1975 mit seinen Anti-Platten Material veröffentlichte, das sich für beide Stilrichtungen als wegweisend erwies. So suchten die experimentierfreudigen Avantgarde- und Neofolk-Projekte wie Current 93, Nurse With Wound oder Death In June mit Hilfe post-industrieller Strömungen nach weiteren Ausdrucksmöglichkeiten.
Über vielfache Kreuzungen mit anderen Stilen entstand in den USA und Kanada eine Generation des Industrial, die sich von ihren klassischen Urhebern bereits weit entfernt hatte. Das starke emanzipatorische Potenzial des ursprünglichen Industrial wich dabei zunehmend einer reinen Schockästhetik und von den intellektuellen Fundamenten (Medientheorie, Wahrnehmungsforschung, „Wirtschaftsguerilla“) sind in aller Regel nur mehr Fragmente erhalten geblieben. Dennoch gibt es bis heute einen sehr aktiven Untergrund, der weltweit miteinander vernetzt ist und über Websites und per E-Mail miteinander kommuniziert. Speziell die Subgenres Noise (begründet u. a. durch Merzbow) und Power Electronics (begründet durch den Come Org-Kreis um Whitehouse) erweisen sich als außergewöhnlich lebendig.
Als eine frühe tanzbare Form des Industrial in Zusammenspiel mit elektronischer Punkmusik (DAF, Die Krupps) gilt die Electronic Body Music, welche zahlreiche nachfolgende Musikstile beeinflusste.
Seit der Entstehung von IDM, Hardcore Techno, Drum & Bass, Glitch und Clicks & Cuts in den 1990er Jahren, gab es zahlreiche Überlagerungen, die so zur Entstehung von Breakcore, Rhythm & Noise oder Techno-Industrial beitrugen.