in der Logik meint man damit den Schluss von speziellen Sachverhalten auf allgemeine Regeln, siehe Induktion (Logik)
Vollständige Induktion oder der „Schluss von n auf n + 1“ ist eine mathematische Beweismethode, die üblicherweise eine Aussage für alle natürlichen Zahlen beweist (verallgemeinert). Sie funktioniert aber auch für allgemeinere Fälle (siehe unten).
Der Name dieses Beweisverfahrens leitet sich von lat. inductio (= Hereinführung) ab. Obwohl auch bei der vollständigen Induktion vom Speziellen auf das Allgemeine geschlossen wird, ist sie jedoch kein induktives, sondern ein deduktives Prinzip.
Die vollständige Induktion ist zuerst 1654 bei Blaise Pascal und 1659 bei Pierre de Fermat zu finden. Sie wurde jedoch bis 1879 nur für arithmetische Probleme benutzt. Erst als Gottlob Frege mit ihr die Klasse der natürlichen Zahlen definierte, wurde sie zu einem allgemeingültigen Beweisverfahren in der Mathematik.
Vereinfacht gesprochen geht es um folgende Argumentation: Lässt sich die bestimmte Behauptung über natürliche Zahlen für eine gewisse Anfangszahl begründen (Induktionsanfang oder seltener auch Induktionsverankerung), und lässt sich außerdem zeigen, dass aus ihrer Geltung für eine beliebige Zahl ihre Geltung für die nächste Zahl folgt (Induktionsannahme oder Induktionsvoraussetzung), so gilt diese Behauptung für alle auf die Anfangszahl folgenden natürlichen Zahlen (Induktionsschritt). Die Induktion kann also in folgende Stadien unterteilt werden:
Das Beweisverfahren der vollständigen Induktion beruht auf dem 5. Peano-Axiom für die natürlichen Zahlen , dem Induktionsaxiom. Dieses besagt:
Um zu beweisen, dass eine bestimmte logische Formel für jede beliebige natürliche Zahl gilt, setzt man als die Menge aller natürlichen Zahlen , für die die Aussage gilt und wendet anschließend das Induktionsverfahren auf diese Menge an. Somit zeigt man, dass die Aussage wahr ist und damit das Element 1 in liegt und dass für jede Aussage auch die Aussage stimmt, sodass auch und in der Menge liegen. Nach dem Induktionsaxiom gilt deshalb und die Aussage besitzt für alle natürlichen Zahlen Gültigkeit.
Es wird vermutet, dass eine Aussage für alle natürlichen Zahlen gilt. Bei der gegebenen Problemstellung ist es allerdings noch nicht gelungen, eine für alle natürlichen Zahlen gültige Aussage anzugeben. Da die Menge der natürlichen Zahlen unendlich ist, ist es ebenso nicht möglich die Richtigkeit der Aussage für jede Zahl einzeln zu beweisen. Durch die Methode der vollständigen Induktion kann aber trotzdem gezeigt werden, ob die Aussage für die gesamte Menge richtig ist.
Beispiel
Zu beweisen ist, dass .
Für einzelne Zahlen ist die Formel leicht nachzurechnen:
Für den folgenden Beweis reicht bereits der Fall n = 1. Auf der Suche nach einer allgemein gültigen Aussage, wird man die Behauptung konsequenterweise für viele andere überprüfen.
Ist bekannt,
Auf den ersten Blick scheint das Problem nur anders formuliert worden zu sein, indem die nächste Zahl einfach als die vorhergehende plus 1 bezeichnet wurde. Immer noch sind es unendlich viele Zahlen, doch durch den allgemeinen Ausdruck kann davon ausgegangen werden, dass die Aussage für bis gilt. Selbst die Formel, die man zu beweisen sucht, kann im Beweis als Voraussetzung für Zahlen unterhalb der aktuellen Zahl (das bedeutet unterhalb von ) verwendet werden.
Angewandt auf obiges Beispiel bedeutet dies folgendes:
Angenommen, die Formel wurde bereits bis zur Zahl bewiesen. Nun soll gezeigt werden, dass die Formel für ebenso Gültigkeit besitzt (d.h. nach dem Beispiel soll die Summe berechnet werden).
Die ersten Summanden bilden eine solche Summe, und zwar für , was kleiner ist als . Also darf man – durch die Voraussetzung, dass die Formel für bereits bewiesen ist – diesen Schritt abermals anwenden:
In diesem Ausdruck wird (+1) ausgeklammert:
Zu beachten ist, dass beliebig gewählt werden darf. Beim Vergleich dieses Ausdrucks mit dem zu beweisenden Ausdruck ist festzustellen, dass lediglich durch ersetzt ist. Damit ist der Schritt von zu für allgemeine Werte von bewiesen.
Der große Vorteil des Induktionsbeweises zeigt sich darin, dass die Schritte nicht mehr einzeln durchgeführt werden müssen. Bewiesen werden muss nur, dass eine Aussage für die unterste Zahl (entweder 0 oder 1) gilt und ebenso, wenn sie bis zu einer beliebigen Zahl gilt, dass sie auch für die nächste Gültigkeit besitzt. (So ist es theoretisch möglich jede Zahl durch die ständige Anwendung der einzelnen Schritte zu erreichen.)
In der Praxis wird üblicherweise für und der gleiche Buchstabe gewählt. Dies stellt insofern kein Problem dar, solange man sich der unterschiedlichen Bedeutung von in " gilt für alle natürlichen Zahlen " in der zu beweisenden Aussage und " gilt für ein konkretes " in der Induktionsvoraussetzung bewusst ist. Die Nichtbeachtung führt dazu, dass die zu beweisende Aussage auch als Voraussetzung verwendet wird und es ergibt sich ein (mathematisch wertloser) Zirkelschluss. Ist die zu beweisende Formel hingegen falsch, so führt der Induktionsschritt nicht zum Ziel, die Formel erfüllt den Induktionsanfang nicht, oder es tritt beides auf.
Es soll eine Formel gefunden werden, die die Summe aller ungeraden Zahlen von 1 bis vereinfacht und diese Formel soll bewiesen werden:
Vermutung: Die Summe aller ungeraden Zahlen von 1 bis ist gleich dem Quadrat von . Genauer gesagt:
Um diese Formel zu beweisen, müssen die folgenden zwei Punkte erfüllt sein:
Da ist, ist der erste Punkt erfüllt. Die Richtigkeit des zweiten Punktes zeigt man durch die Gleichung (Im letzten Schritt wird eine binomische Formel angewendet).
Damit ist die vollständige Induktion für abgeschlossen und bewiesen.
Den Beweis der Aussage für die erste Zahl nennt man Induktionsanfang, den Beweis für unter der Annahme (Induktionsannahme, Induktionsvoraussetzung), dass sie bis gilt, nennt man Induktionsschritt.
Wurden beide Beweisschritte durchgeführt, ist somit die Aussage für alle natürlichen Zahlen bewiesen. In Kurzform:
Gewählt wird eine beliebige aber feste natürliche Zahl und man zeigt, dass die Aussage für wahr ist:
Oft wird diese Methode mit dem Dominoeffekt verglichen: Wenn der erste Dominostein fällt und durch jeden fallenden Dominostein ein weiterer umgestoßen wird, so fallen schließlich alle Dominosteine.
Eine andere Sichtweise ist die eines indirekten Beweises: Angenommen, die Aussage gälte nicht für alle natürlichen Zahlen. Dann gibt es eine kleinste Zahl , für die sie falsch ist. Es gibt nun zwei Fälle:
Die Bedeutung dieser Ungleichung liegt darin, dass sie in weiterer Folge für den Beweis der Ungleichung vom arithmetischen und geometrischen Mittel verwendet werden kann.
Der Induktionsanfang für den Fall ist offensichtlich. Gilt im Fall , dass , so gilt offensichtlich . und können nicht beide größer oder beide kleiner als 1 sein. Nimmt man an, dass und gilt, so folgt
Für den Induktionsschritt sei nun . Zu zeigen ist, dass für beliebige positive mit folgt, dass . Als Induktionsvoraussetzung darf angenommen werden, dass für andere beliebige Zahlen (zur einfacheren Unterscheidung nennen wir sie ) aus die Ungleichung folgt.
Sind alle , so gilt und der Beweis ist fertig. Andernfalls gibt es mindestens ein , sonst wäre das Produkt ; ebenso gibt es ein anderes . O. B. d. A. sei also und . Die Bedeutung dieser Wahl wird erst später klar.
Setzt man nun für und , so gilt
Nun kommt ins Spiel, dass die Indizes und so gewählt wurden, dass und gilt. Daraus folgt nämlich
Es kann sich beim Beweis von Summenformeln mitunter als sehr mühsam erweisen, beim Induktionsschritt von zu durch Umformungen die Struktur der Ausgangsformel neu zu konstruieren. Dies ist jedoch zur Beweisführung unerlässlich. Da ist es dann manchmal hilfreich, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Beispielsweise ist das Ausmultiplizieren und Zusammenfassen von Gliedern oftmals leichter zu bewerkstelligen als das phantasievolle Aufspalten und Umordnen von Gliedern, um etwas ausklammern zu können. Um diesen Umstand zu nutzen, setzt man in die zu beweisende Formel für ein und versucht, durch äquivalente Umformungen die Ausgangsformel für zu isolieren. Da die Formel für laut Voraussetzung gilt, ist der Beweis geführt, sobald das, was bei den äquivalenten Umformungen außer der isolierten Formel z. B. als Summand oder als zusätzlicher Faktor entsteht, dem entspricht, was beim Induktionsschritt hinzugefügt wird.
Baut man die natürlichen Zahlen auf den Peano-Axiomen auf, so werden die arithmetischen Grundgesetze wie Assoziativgesetz, Kommutativgesetz und Distributivgesetz für die Addition und Multiplikation natürlicher Zahlen mit vollständiger Induktion bewiesen. Eine ausführliche Ausarbeitung dieser Beweise findet sich in Edmund Landau: Grundlagen der Analysis (Das Rechnen mit ganzen, rationalen, irrationalen, komplexen Zahlen), Leipzig 1930.
Weitere wichtige mathematische Sätze, die üblicherweise mit Induktion bewiesen werden, sind beispielsweise der Binomische Lehrsatz und die Bernoullische Ungleichung.
Eine andere Variante ist die "Vorwärts-rückwärts-Induktion". Dabei wird in einem Vorwärtsschritt die Aussage für beliebig große Zahlen bewiesen, indem z.B. von auf geschlossen wird. Danach werden die Lücken mit einem Rückwärtsschritt geschlossen, in dem z.B. aus der Gültigkeit für die Gültigkeit für bewiesen wird. Diese Technik wurde beispielsweise von Augustin Louis Cauchy, in Cours d'analyse de l'Ecole Royale Polytechnique, premier partie, Analyse algebrique, Paris 1821, S 457ff zum Beweis der Ungleichung vom arithmetischen und geometrischen Mittel verwendet.
Eine andere Verallgemeinerung wäre, als Induktionsvoraussetzung nicht nur eine Aussage für die Zahl zu verwenden, sondern eine Aussage für alle Zahlen mit . D.h. man darf beim Beweis für annehmen, dass die Aussage für alle gilt. Dies eröffnet der Beweisführung mehr Möglichkeiten.
Aus rechentechnischen Gründen wird oft als Induktionsschritt nicht von auf geschlossen sondern von auf . Dies ist allerdings lediglich eine Notationsänderung, die manchmal die Umformungen vereinfacht, aber ansonsten keinen Unterschied macht.
Wenn man zu allgemeineren Mengen übergehen will, so zeigt sich, dass die vollständige Induktion auf allen Mengen anwendbar ist, auf denen eine partielle Ordnung definiert ist, wobei keine unendlichen absteigenden Ketten auftreten dürfen (weil sonst keine Anfangselemente gefunden werden können). Eine solche Menge heißt fundierte Menge.
Diese Art der Induktion kann auf Ordinalzahlen angewendet werden (Ordinalzahlen können unendlich und größer werden). In diesem Fall wird die Methode transfinite Induktion genannt. Sie ist wichtig in der Mengenlehre und der Topologie. In der Metamathematik verwendet man eine so genannte unendliche Induktion (auch -Regel genannt). In halbformalen Systemen der Mathematik lassen sich damit Vollständigkeitsbeweise und Widerspruchsfreiheitsbeweise durchführen.
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