article

Die indogermanische Ursprache, auch Urindogermanisch (UIG), ist der hypothetische gemeinsame Vorfahre der indogermanischen Sprachen.

Da die Ursprache nicht direkt überliefert ist, wurden alle Laute und Wörter durch die Komparativmethode erschlossen. Man hat sich darauf geeinigt, rekonstruierte Formen mit einem Sternchen zu markieren: *wódr̥ „Wasser“, *ḱwṓn „Hund“, *tréyes „drei (maskulin)“, etc. Viele der Wörter in den modernen indogermanischen Sprachen stammen durch regelmäßige Lautverschiebung von diesen Urwörtern ab (z.B. Grimms Gesetz).

Phonologie


Es wird angenommen, dass die indogermanische Ursprache folgende Phoneme verwendete:

Konsonanten

  labial koronal palatovelar velar labiovelar laryngal
Stimmlose Plosive p t k kw  
Stimmhafte Plosive b d ǵ g gw  
Aspirierte Plosive bh dh ǵh gh gwh  
Nasale m n        
Frikative   s       h1, h2, h3
Approximanten w r, l y      

Vokale

Ablaut


Die indogermanische Ursprache hatte eine charakteristische, generelle Ablautsequenz der Phoneme o/e/Ø.

Substantive


Substantive wurden nach acht Fällen (Nominativ, Akkusativ, Genetiv, Dativ, Instrumental, Ablativ, Lokativ, Vokativ) und nach Singular, Plural, und Dual dekliniert. Es gab drei Geschlechter: Maskulin, Feminin und Neutrum.

Athematisch Thematisch
Maskulin und Feminin Neutrum Maskulin
Singular Plural Dual Singular Plural Dual Singular Plural Dual
Nominativ -s, 0 -es -h₁(e) -m, 0 -h₂, 0 -ih₁ -os -ōs -oh₁(u)?
Akkusativ -m -ns -ih₁ -m, 0 -h₂, 0 -ih₁ -om -ons -oh₁(u)?
Genetiv -(o)s -om -h₁e -(o)s -om -h₁e -os(y)o -ōm
Dativ -(e)i -mus -me -(e)i -mus -me -ōi
Instrumental -(e)h₁ -bʰi -bʰih₁ -(e)h₁ -bʰi -bʰih₁ -ōjs
Ablativ -(o)s -ios -ios -(o)s -ios -ios
Lokativ -i, 0 -su -h₁ou -i, 0 -su -h₁ou -oi -oisu, -oisi
Vokativ 0 -es -h₁(e) -m, 0 -h₂, 0 -ih₁

Verben


Das urindogermanische Verbsystem ist extrem kompliziert und beinhaltet eine Ablautsequenz, die in den germanischen Sprachen noch immer vorhanden ist.

Verben haben mindestens vier Modi (Indikativ, Imperativ, Konjunktiv und Optativ, und vielleicht auch den Injunktiv, der sich aus dem Sanskrit rekonstruieren lässt), eine Diathese (Aktiv and Mediopassiv), sowie drei Personen und drei Numeri (Singular, Dual und Plural). Verben werden in drei Tempora konjugiert (Präsens, Aorist, und Perfekt).

Konjugation

Die Wurzel ist das grundlegende Morphem eines Wortes. Der Stamm ist ein Wort, dem die flektierten Endungen abgeschnitten wurden. Im einfachsten Fall besteht der Stamm aus der einfachen Wurzel.

Zeit, Person und Numerus

Konjugation des Präsens

Im Präsens wurden Verben folgendermaßen konjugiert:

Stamm *gwh(é)n- "schlagen"

1.sg. *gwhén-mi
2.sg. *gwhén-si
3.sg. *gwhen-ti
1.pl. *gwhn-més
2.pl. *gwhn-té
3.pl. *''gwhn-énti

Konjugation des Präteritums

Im Präteritum wurden Verben folgendermaßen konjugiert:

Stamm *w(ó)id- "wissen"

1.sg. *wóid-h2a
2.sg. *wóid-th2a
3.sg. *wóid-e
1.pl. *wid-mé
2.pl. *wid-té
3.pl. *''wid-é:r

Modi

Zusätzlich zum Indikativ hatte die indogermanische Ursprache noch einige andere Modi.

Der Imperativ

Es gab zwei verschiedene Arten des Imperativs: Imperativ Präsens und Futur.

Konjugation des Imperativs Präsens

Stamm *weg^h-e-- "tragen, transportieren"

2.sg. *weg^h-es
3.sg. *weg^h-e-t
2.pl. *weg^h-e-te
3.pl. *weg^h-ont

Der Optativ

Der Optativ drückt Wünsche und Wahlen aus.

Zahlen


Die Zahlen werden für gewöhnlich wie folgt rekonstruiert:

  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
  • |*
eins
zwei
drei
vier
fünf
sechs
sieben
acht
neun
zehn
zwanzig *
dreißig *
vierzig
fünfzig
sechzig
siebzig
achtzig
neunzig
hundert
tausend

Verwandtschaft zu anderen Sprachfamilien


Es sind viele Möglichkeiten einer Verwandtschaft der Indogermanischen Ursprache zu anderen Sprachen vorgeschlagen worden. Die wohl wahrscheinlichste Hypothese ist die einer Indouralischen Sprachfamilie, einer Verbindung zwischen den indogermanischen und den Uralischen Sprachen. Frederik Kortlandt, der prinzipiell einer Verbindung zustimmt, schließt, dass „die Lücke zwischen uralisch und indogermanisch riesig ist“, während Lyle Campbell, ein bekannter Sprachwissenschaftler, der sich mit den uralischen Sprachen beschäftigt, jede Art einer Verbindung ausschließt. Andere Vorschläge sehen die indogermanische Ursprache als Indouralische Sprache mit kaukasischem Substrat; oder man verbindet indogermanisch und uralisch mit den altaischen Sprachen und anderen asiatischen Sprachfamilien, wie koreanisch und japanisch, was letztendlich auf eine einzige Proto-World-Familie hinausläuft.

Entwicklung


Als die indogermanische Ursprache auseinanderbrach, entwickelten sich, zu den Lautgesetzen in der Tochtersprache passend, auch ihre Lautgesetze auseinander. Dazu gehören unter anderem das Grimmsche und Vernersche Gesetz auf Urgermanisch, der Verlust von *p- vor Vokalen auf Urkeltisch, der Verlust von *s- vor Vokalen auf Urgriechisch und das Brugmannsche Gesetz auf Urindoiranisch.

Beispieltexte


Die indogermanische Ursprache wurde von einer prähistorischen Gesellschaft gesprochen, den hypothetischen Indogermanen, weswegen uns keine Texte überliefert sind. Und doch wurde versucht, Texte auf Urindogermanisch zu verfassen. Besonders prominent ist bis heute die erfundene Fabel von August Schleiher "Das Schaf und die Pferde" aus dem 19. Jahrhundert, der jeweilige Stand der Sprachwissenschaft hat die Fabel immer wieder angepasst. So wurde aus Schleichers Avis akvasas ka in einer aktuelleren Version von 1979 Owis ekwoskwe. Es handelt sich dabei um nichts als Schätzungen, in den 150 Jahren ihrer Existenz ist die vergleichende Sprachwissenschaft noch nicht in der Lage, einen vernünftigen Satz auf Urindogermanisch zu produzieren. Und doch können uns solche Texte zeigen, wie ein längerer urindogermanischer Text ausgesehen haben könnte.

Veröffentlichte urindogermanische Beispieltexte:

Siehe auch


Glottochronologie

Literatur


  • Martin Kuckenburg: Auf den Spuren der Indoeuropäer. in: Abenteuer Archäologie. Spektrum der Wissenschaft Verl.-Ges., Heidelberg 2006,2, 48ff. (gute aktuelle Einführung in die Thematik)

Indogermanisch | Historische Linguistik

Индоевропейски праезик | Protoindoeuropeu | Proto-Indo-European language | Protoindoeuropeo | Indoeurooppalainen kantakieli | インド・ヨーロッパ祖語 | Proto-Indo-Europees | Język praindoeuropejski | Proto-Indo-Europeu | Limba proto-indo-europeană | Праиндоевропейский язык | Urindoeuropeiska | 原始印歐語

 

This article is licensed under the GNU Free Documentation License. It uses material from the "Indogermanische Ursprache".

Home Pageartsbusinesscomputersgameshealthhospitalshomekids & teensnewsphysiciansrecreationreferenceregionalscienceshoppingsocietysportsworld