Imatinib ist ein Phenylaminopyrimidin-Derivat und wird zur Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie (CML), von gastrointestinalen Stromatumoren (GIST), sowie weiteren malignen Erkrankungen eingesetzt und wird von der Firma Novartis unter dem Handelsnamen Glivec® vertrieben. In der Entwicklungsphase war der Name des Wirkstoffs STI-571.
Erste Beobachtungen scheinen auch Therapieerfolge bei der pulmonalen Hypertonie zu bestätigen.
Wirkmechanismus
Bei über 90 Prozent der Patienten mit einer
chronischen myeloischen Leukämie (abgekürzt: CML) findet sich ein
Philadelphia-Chromosom. Es handelt sich dabei um ein verkürztes
Chromosom 22, welches durch Austausch von genetischem Material zwischen Chromosom 9 und 22 entsteht. Diesen Vorgang nennt man
Translokation. Dadurch wird ein natürliches
Enzym, die Tyrosinkinase ABL von Chromosom 9, mit einem Fragment des BCR-Gens auf Chromosom 22 verschmolzen. Die so mutierten Zellen produzieren ein sogenanntes Fusionsprotein BCR-ABL, eine im Vergleich zum ABL mit verstärkter Aktivität ausgestattete
Tyrosinkinase, die zur unkontrollierten Vermehrung von
weißen Blutkörperchen führt und eine entscheidende Rolle bei der Entstehung einer CML spielt.
Imatinib ist ein spezifischer Hemmstoff, der die Synthese der Tyrosinkinase ABL in den erkrankten Zellen blockiert und damit die krankhaft gesteigerte Vermehrung der mutierten Blutstammzellen unterdrückt.
Ziel der Behandlung der chronischen myeloischen Leukämie mit Imatinib ist es, eine möglichst weitgehende Reduktion des pathologischen Zellklons zu erreichen. Eine molekulare Remission, bei der BCR-ABL-Transskripte auch mittels sensitiver Verfahren (RT-PCR) nicht mehr nachweisbar sind, erreicht nur eine kleinere Gruppe von Patienten. Etwa 40% erreichen eine deutliche Reduktion von BCR-ABL in der quantitativen PCR (> 3 log-Stufen), bei mindestens 70% sind keine Metaphasen mit dem Philadelphia-Chromosom mehr nachweisbar (komplette zytogenetische Reduktion). Eine Normalisierung des Blutbildes (komplette hämatologische Remission) wird unter Imatinib bei über 95% der Patienten erreicht.
Molekularer Wirkmechanismus
Der Wirkmechanismus von Imatinib besteht in der kompetitiven und selektiven Blockade der
ATP-Bindungsstelle spezifischer Tyrosinkinasen, wie z. B.
Abl,
*,
c-kit und der
PDGF-Rezeptor. Durch diese Blockade wird die Übertragung eines Phosphatrestes auf das Substrat verhindert. Imatinib wirkt auch auf das physiologisch vorkommende Abl. Gesunde Zellen besitzen jedoch zusätzliche Signalwege und werden kaum in ihrer Funktion gestört. Krebszellen hingegen sind abhängig von der Aktivität von Bcr-Abl und werden in ihrer Teilungs- und Überlebensfähigkeit stark beeinträchtigt.
Metabolismus
Imatinib wird hauptsächlich von dem
Cytochrom P450 (CYP)-Isoenzym
CYP3A4 verstoffwechselt, wobei das N-Desmethyl-Piperazin-Derivat als Hauptmetabolit mit Restaktivität entsteht. Inhibitoren dieses Isoenzyms (zum Beispiel
Erythromycin,
Cimetidin oder
Grapefruitsaft) können die Metabolisierung von Imatinib hemmen und somit zu einer Erhöhung der Plasmakonzentrationen und in der Folge zu höherer Toxizität führen. Des Weiteren findet man N-Oxide am
Piperazin- und am
Pyrimidin-Ring sowie die
Oxidation der aromatischen Methylgruppe zum
Alkohol. Die Ausscheidung erfolgt größtenteils über die
Galle (biliär), zu einem geringeren Teil über die
Niere. Unverändert werden 25 % ausgeschieden. Imatinib ist kompetitiver Hemmstoff der Cytochrome CYP2C9, CYP2D6, CYP3A4/5. Der Zeitpunkt der maximalen Plasmakonzentration liegt bei 1 bis 2 Stunden.
Unerwünschte Wirkungen und Gegenanzeigen
Imatinib wird im Allgemeinen gut vertragen. Zu den unerwünschten Wirkungen zählen Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Muskelschmerzen (
Myalgie), Muskelkrämpfe, Hautrötungen, erhöhte Leberwerte (
Transaminasenanstieg), Schwellungen (
Ödeme) und Hautveränderungen. Imatinib ist im
Tierversuch teratogen und sollte deshalb während der
Schwangerschaft nicht angewendet werden.
Entwicklung neuer Medikamente
Für die Behandlung von Patienten mit
CML, die Imatinib nicht vertragen, oder bei denen eine
Resistenz (z.B. aufgrund einer
Mutation der erkrankten Zellen) auftritt, sind zur Zeit (Juni 2006) neue Medikamente in der klinischen Erprobung. So soll nach Angaben des Herstellers Novartis der neu entwickelte Tirosinkinase-Inhibitor
Nilotinib (Laborbezeichnung: AMN107, geplanter Handelsname: Tasigna) nicht mehr nur an
Bcr-Abl, sondern auch und an 32 von 33 bekannten Mutationen ankoppeln und wirksam sein.
Literatur
- Deininger M, Buchdunger E, Druker BJ. The development of imatinib as a therapeutic agent for chronic myeloid leukemia. Blood 2004; ahead of print. PMID 15618470.
- O'Brien SG, Guilhot F, Larson RA et al. Imatinib compared with interferon and low-dose cytarabine for newly diagnosed chronic-phase chronic myeloid leukemia. N Engl J Med 2003;348, 994-1004. PMID 12637609.
- Savage DG, Antman KH. Drug Therapy: Imatinib Mesylate — A New Oral Targeted Therapy. N Engl J Med 2002; 346:683-693. PMID 11870247.
Weblinks
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