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Eine Hungersnot ist ein Phänomen, bei dem ein großer Prozentsatz der Bevölkerung einer Region oder eines Landes unterernährt ist und Tod durch Verhungern in großem Maße zunimmt. Hunger war in der alten Welt so weit verbreitet, dass er neben Krieg, Pest und Tod einer der vier Apokalyptischen Reiter war.

Trotz der viel größeren technologischen und ökonomischen Möglichkeiten der modernen Welt kommen Hungersnöte noch in vielen Teilen der Welt vor, meistens in den sogn. Entwicklungsländern.

Ursache von Hungersnöten sind Missernten bei gleichzeitig fehlender Vorratshaltung durch natürliche Gründe wie Unwetter, Schädlinge, sonstige Naturkatastrophen und künstliche Hungersnöte, hervorgerufen durch Krieg, oder absichtlich mit genozidaler Absicht ausgelöst.

Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts werden zunehmend nicht nur die natürlichen und ökonomischen Ursachen der Hungersnöte betrachtet, sondern auch die sozialen und politischen Gründe analysiert. Der Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen hat festgestellt, dass es in keiner funktionierenden Demokratie jemals zu einer Hungersnot gekommen ist.

Hunger hat eine starke Auswirkung auf die Demographie. Beispielsweise ist beobachtet worden, dass länger andauernde Hungerperioden zu einer Verringerung der Zahl der weiblichen Kinder führen können. Demographen und Historiker debattieren die Ursachen dieser Tendenz. Einige glauben, dass Eltern absichtlich männliche Kinder bevorzugen (indem sie weibliche Kinder verkaufen oder nach der Geburt töten, siehe Neonatizid). Andere glauben, dass biologische Prozesse die Ursache sein können.

Wie Amartya Sen beobachtet, ist Hunger normalerweise ein Problem der Nahrungsmittelverteilung und Armut, nicht ein absoluter Mangel an Nahrung. In vielen Fällen wie dem Großen Sprung nach vorn, Nordkorea in der Mitte der 1990er oder Zimbabwe seit dem Jahr 2000 kann Hunger als Resultat der Regierungspolitik angesehen werden. Im schlimmsten Fall wird Hunger zum Werkzeug einer repressiven Regierung gegen eine unerwünschte Bevölkerungsgruppe, wie im Holodomor in der Ukraine während der 1930er Jahre.

In anderen Fällen wie Somalia oder Sudan ist Hunger eine Konsequenz des Bürgerkrieges, da Nahrungsmittelverteilungssysteme unterbrochen werden.

Heute werden Stickstoff-Düngemittel, neue Schädlingsbekämpfungsmittel, Neulandgewinnung und andere landwirtschaftliche Technologien als Waffen gegen den Hunger verwendet. Sie erhöhen die Getreideernte um das Zwei-, Drei- oder Vielfache. Industrieländer teilen diese Technologien mit Entwicklungsländern, die ein Hungerproblem haben. Da jedoch Hunger in der heutigen Zeit normalerweise die Folge von Kriegen oder Verteilungsproblemen ist, ist es fraglich, wieviel Auswirkung neue landwirtschaftliche Technologien auf dieses Problem haben würden.

Obwohl eigentlich genügend Nahrungsmittel für die gesamte Weltbevölkerung vorhanden wären, gibt es auch im 21. Jahrhundert vor allem in Afrika immer noch katastrophale Hungersnöte.

Ursachen von Hungersnöten am Beispiel Sahelzone


Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass neben den natürlichen Ursachen der ausbleibenden Niederschläge oder Niederschlägen zur falschen Zeit und Erosionsschäden vor allem der Mensch zu Hungersnöten beiträgt:

  • durch unterlassene Hilferufe und Gegenmaßnahmen
  • allgemeine Kriegswirren
  • fehlende Anreize zur Überschussproduktion (zu tiefe staatl. Aufkaufpreise)
  • Vermarktungsverbote
  • Anbau von Exportprodukten (Baumwolle, Erdnüsse) anstelle von Grundnahrungsmitteln
  • Verstaatlichung von Großbetrieben; niedrige Produktivität, unrationelle Arbeitsweise
  • fehlende Infrastruktur
  • hoher Bevölkerungsdruck
  • durch kolonialzeitliche Grenzfestsetzungen in Vielvölkerstaaten
  • politische Willkürmaßnahmen der Machthaber

Hungersnöte in der Geschichte


Europa

Westeuropa

In Westeuropa waren Hungersnöte bis ins 19. Jahrhundert verbreitet.

Russland und UdSSR

Asien

China

  • 1333-37 große Hungersnot mit 4.000.000 Toten.
  • 1876-79 große Hungersnot in Nordchina mit 11.000.000 Toten.
  • 1892-94 große Hungersnot mit 1.000.000 Toten.
  • 1896-97 große Hungersnot mit 5.000.000 Toten.
  • 1920-21 Hungersnot in Nordchina mit 500.000 Toten.
  • 1928-29 große Hungersnot mit 10.000.000 Toten.
  • Die größte Hungersnot in China, und vielleicht der ganzen Weltgeschichte, wurde von 1959-61 durch den Großen Sprung nach vorn ausgelöst, einem sozialen Experiment, dem 30 - 43 Mio. Menschen zum Opfer fielen.

Indien

  • 1630-1631 gab es eine große Hungersnot in Indien. Aufzeichnungen zeigen, dass Kannibalismus so verbreitet war, dass menschliches Fleisch auf dem freien Markt verkauft wurde.
  • 1770 erste bengalische Hungersnot mit 6.500.000 Toten.
  • 1866 Hungersnot in Bengalen und Orissa mit 1.500.000 Toten.
  • 1876-78 große Hungersnot mit 5.000.000 Toten.
  • 1896-1897 und 1899-1902 große Hungersnot; 100 Mio. Betroffene; Schätzungen über Tote variieren stark, bis zu 11 Mio.
  • 1943-44 eine weitere Hungersnot in Bengalen.
  • 1966 drohende Hungersnot in Bihar. Die USA teilten 900.000 Tonnen Korn zu, um den Hunger zu bekämpfen.

Andere asiatische Länder

Kleinasien

Afrika

Hunger ist auch im Afrika der modernen Zeit weit verbreitet. Viele Länder produzieren nicht genug Nahrungsmittel und sind auf Importe angewiesen. Klimaschwankungen, Dürren, Bodenunfruchtbarkeit, Erosion und Heuschreckenschwärme können zu Ernteausfällen führen. Weitere Unsicherheitsfaktoren sind politische Instabilität, bewaffnete Konflikte und Bürgerkriege, Korruption und Misswirtschaft, außerdem eine Handelspolitik, die die afrikanische Landwirtschaft schädigt. Schließlich hat AIDS langfristige ökonomische Effekte auf die Landwirtschaft, indem es die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung dezimiert.

Ausgewählte nicht von Menschen erzeugte Hungersnöte


(Schätzungen nach Encyclopedia Britannica 1992)

FallZeitraum Opfer
London123520.000
Europa1315-175.000.000
China1333-374.000.000
Russland1600500.000
Indien1769-706.500.000
Osteuropa1770190.000
Nordwestindien1837-38800.000
Irland1845-491.000.000
Bengalen und Orissa (Indien)1866 1.500.000
Kleinasien1874-75150.000
Indien1876-785.000.000
Nordchina1876-7911.000.000
China1892-941.000.000
China1896-975.000.000
Indien1899-19001.250.000
Nordchina1920-21500.000
China1928-2910.000.000
Ruanda-Urundi194345.000
Bengalen (Indien)1943-44500.000
Sahelzone/Afrika1968-74500.000

Künstliche, durch Menschen erzeugte Hungersnöte


(Schätzungen nach Lexikon der Völkermorde 1998)

FallZeitraum Opfer
Südrussland1921-225.000.000
Ukraine1932-336-7.000.000
China1959-6130-43.000.000
Äthiopien1982-852-3.000.000
Nordkorea1994-97500.000-2.000.000
Simbabwe2000-05 ???

Prävention


Hungersnöte können verhindert werden durch folgende Maßnahmen:

  • Vorratshaltung, sowohl staatlicherseits als auch von privater Seite
  • Geburtenkontrolle
  • Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion
  • Schutz der natürlichen Ressourcen
  • Beseitigung der Ursachen von Ernteschädlingen
  • Unterstützung benachteiligter ländlicher Bevölkerungsgruppen (Kleinbauern, Landlose)
  • Sicherung des Rechts auf Nahrung insbesondere für ärmere Bevölkerungsgruppen

Literatur


  • Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt? Ein Gespräch mit meinem Sohn, Bertelsmann, München 2002, ISBN 3-570300595
  • Gewalt.Macht.Hunger, Josef Nussbaumer unter Mitarbeit von Guido Rüthemann ( http://www.studienverlag.at/titel.php3?TITNR=1558 )
  • Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt, Verlag Assoziation, 2004, ISBN 3-935936117
  • Gunnar Heinsohn: Lexikon der Völkermorde, Rowohlt, Hamburg 1998, ISBN 3-499-22338-4
  • Amartya Sen: Poverty and Famines: An Essay on Entitlement and Deprivation, Oxford University Press; Reprint edition (February 1, 1984)
  • William Easterly: The elusive quest for growth - Economist's adventures and misadventures in the tropics, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts, 2001

Siehe auch


Hungersnot | Armut

Hladomor | Hungersnød | Famine | Hambruna | Nälänhätä | Famine | רעב המוני | 飢饉 | Mayanalo | Foamete | Hungersnöd | Голод | 饑荒

 

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