Hugo Stinnes (* 12. Februar 1870 in Mülheim an der Ruhr; † 10. April 1924 in Berlin) war ein deutscher Industrieller und Politiker. Der von ihm ab 1893 und insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg geschaffene Montan-, Industrie- und Handelskonzern gehörte zu den größten unternehmerischen Konglomeraten Deutschlands. Zu Beginn der Weimarer Republik zählte Stinnes zu den einflussreichsten Persönlichkeiten im Deutschen Reich. Von Arbeitgeberseite war er wesentlich an der Einigung mit der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg beteiligt. Da er von der Nachkriegsinflation durch die aggressive Fremdfinanzierung seiner Unternehmen stark profitierte, ist er vor allem als Inflationskönig in Erinnerung.
Aufgrund Uneinigkeit mit dem Geschäftsführer der Mathias Stinnes KG, seinem Vetter Gerhard Küchen, dem er Unfähigkeit und eine Neigung zum Alkohol vorwarf, machte sich Stinnes allerdings bereits im Alter von 23 Jahren mit finanzieller Unterstützung seiner Mutter, die hierfür ihren Anteil an der Mathias Stinnes KG verkaufte, und anderer Familienangehöriger unter einer Einzelfirma (1903 umgewandelt in Hugo Stinnes GmbH) selbständig und begann, unabhängig vom Familienunternehmen seinen eigenen internationalen Handelskonzern aufzubauen, der den bisherigen Familienbesitz bei weitem übertraf. Stinnes erwarb die familieneigene Zeche Mathias Stinnes und die Straßburger Kohlen-Aufbereitungsanstalt GmbH und baute daraus einen Kohlenhandel mit Süddeutschland und der Schweiz auf. Dieses Handelsgeschäft erweiterte er zu einer zu Beginn bescheidenen Reederei, schnell jedoch eröffnete die Hugo Stinnes GmbH Niederlassungen in ganz Europa und Übersee und forcierte neben dem weltweiten Kohlenhandel und dem Im- und Export von Eisen- und Stahlprodukten insbesondere den Handel mit Neben- und Vorprodukten der Schwerindustrie. So war das Unternehmen auch bedeutender Importeur von für den Bergbau verwendetem Holz aus Russland und dem Baltikum sowie von schwedischem Eisenerz.
Neben der Hugo Stinnes GmbH waren die Schwerpunkte seiner unternehmerischen Aktivität die Gründung und der Ausbau der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE), des Mülheimer Bergwerks-Vereins (MBV) sowie der Aufstieg der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten AG (Deutsch-Luxemburg). Daneben war er maßgeblich an Unternehmen wie der Saar- und Mosel-Bergwerks-Gesellschaft (Saar-Mosel) und der HAPAG beteiligt.
Insbesondere im Energie- und Verkehrsbereich war Stinnes ein Verfechter von gemischtwirtschaftlichen Ansätzen, mit denen er privates Unternehmertum und damit effiziente Steuerung mit hoheitlichen Aufgaben und nationalen Interessen kombinieren wollte. Hierdurch wurde er zu einem Hauptinitiator der Elektrifizierung des deutschen Westens, des Ausbaus des west- und süddeutschen öffentlichen Nahverkehrs, der Konsolidierung der europäischen Schwerindustrie, der Schaffung effizienterer weltweiter Vertriebswege für deutsche Kohle sowie der wirtschaftlichen Nutzung von Gas zur Energieerzeugung.
Nach der Gründung des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikates 1893 erkannte Stinnes die dadurch gebotene Chance der massiven Förderausweitung verbunden mit eigenen Absatzkänalen, da Förderquoten und Preise durch das Kartell künstlich hoch gehalten wurden, durch vertikale Integration, größere Produktionseinheiten, Modernisierung und den Ausbau der Nutzung von Nebenprodukten gleichzeitig aber gewaltige Synergieeffekte realisiert werden konnten. Hierzu begann er erstmals, sich zur Finanzierung von Zechenerwerben und zur Modernisierung der erworbenen Anlagen in großem Stil fremdzufinanzieren. 1895 erwarb er mit Krediten der Essener Credit-Anstalt die Zechen Graf Beust und Carolus Magnus. Gemeinsam mit August Thyssen und dem Bankier Leo Hanau von der Rheinischen Bank erwarb er 1897 die Zeche Wiesche. Anschließend fassten die gleichen Beteiligten 1898 mehrere, meist wenig effizient arbeitende Zechen rund um Mülheim an der Ruhr, datunter auch Wiesche, zum MBV zusammen, der dadurch zu einem der größten deutschen Zechenunternehmen wurde und durch den physischen Zusammenschluss mehrerer Zechen erhebliche Synergieeffekte realisieren konnte. Von 1898 bis zu seinem Tod fungierte Stinnes als Vorsitzender des Aufsichtsrats.
Die 1898 gegründeten Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke errichteten ihr erstes Elektrizitätswerk auf dem Gelände der Stinnes-Zeche Victoria Mathias. Stinnes war seit Gründung Mitglied des Aufsichtsrats. 1902 erwarb Stinnes zusammen mit August Thyssen und einem Bankenkonsortiums unter Beteiligung der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Disconto-Gesellschaft während der sog. Energiekrise die Mehrheit am RWE. Von 1903 bis zu seinem Tod fungierte Stinnes als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Auf Betreiben von Stinnes begann das RWE unter der Vorstandschaft seines Vertrauten Bernhard Goldenberg eine aggressive Expansion durch den Abschluss von exklusiven Energieversorgungsverträgen mit Kommunen und Landkreisen im Rheinland und in Westfalen und den Aufkauf von Nahverkehrsunternehmen in Süd- und Westdeutschland. Hierdurch wurde die Elektrifizierung in Deutschland wesentlich beschleunigt. Zur Finanzierung des Wachstums sowie zur Erlangung der notwendigen Konzessionen und Genehmigungen wurde das RWE als gemischtwirtschaftliches Unternehmen mit privaten und kommunalen bzw. staatlichen Anteilseignern organisiert. Vor allem der Einfluss Stinnes' auf die Energieversorgung wurde hierbei von Behördenseite oft kritisch gesehen. So war die Gründung der VEW ursprünglich eine Abwehrmaßnahme besorgter Landräte und Wettbewerber gegen die rasche Ausbreitung der RWE.
Ab 1901 bauten Stinnes und Bernhard Dernburg aus mehreren defizitären Bergwerken im Ruhrgebiet und Hütten in Differdingen (Luxemburg) einen der größten vertikal integrierten deutschen Montankonzerne auf. Noch stärker als das RWE oder der MBV war Deutsch-Luxemburg ein Paradebeispiel für Stinnes' Wachstumsstrategie. Obwohl das Unternehmen stets sehr schwach kapitalisiert war, expandierte Deutsch-Luxemburg durch ständige Akquisitionen, um sich entweder den Zugriff auf Vorprodukte zu sichern oder selbst Kapazitäten der nachfolgenden verarbeitenden Produktionsstufen aufzubauen. Deutsch-Luxemburg ist gleichzeitig ein Beispiel für die kreative Nutzung bzw. Umgehung der Kartellabsprachen des RWKS, indem Hüttenzechen – also integrierte Bergbau- und Stahlwerke – ihre Kohlenfördermengen zu einem unterhalb des Kartellpreises liegenden Eigenbedarf selbst verwerten konnten, während die Großkunden zum Verkaufspreis beziehen mussten. Neben dem gesicherten Absatz der Bergwerke konnten die stahlverarbeitenden Konzernteile dadurch Kostenvorteile realisieren. Die größten Akquisitionen des Konzerns waren die Dortmunder Louise Tiefbau AG (1908), die Dortmunder Union (1910), die ursprünglich von Stinnes und August Thyssen aufgebaute Saar-Mosel (1910/1916) sowie die Nordseewerke.
1920 wurde das Unternehmen zusammen mit dem Bochumer Verein und der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (GBAG) zur Interessengemeinschaft Rhein-Elbe-Union zusammengefasst. Diese wurde ebenfalls noch 1920 unter Beteiligung der Siemens-Unternehmen zur Interessengemeinschaft Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union mit Sitz in Düsseldorf erweitert.
Stinnes war von 1906 bis zu seinem Tod Vorsitzender des Aufsichtsrats von Deutsch-Luxemburg.
sowie eine Vielzahl von Mitgliedschaften in Grubenvorständen, beispielsweise der Zechen Friedlicher Nachbar und Baaker Mulde sowie bei den familieneigenen Zechen Victoria Mathias, Mathias Stinnes, Carolus Magnus, Graf Beust und Friedrich Ernestine.
Im Gegenzug verlor er bereits bei Kriegsbeginn einen Großteil des Besitzes der Hugo Stinnes GmbH, insbesondere die Handelsflotte, und durch die deutsche Niederlage im Krieg den Besitz seiner Montankonzerne in den Ententemächten und den durch den Versailler Vertrag abgetrennten Reichsteilen, was insbesondere die französischen Erz- und die lothringischen Kohlevorkommen von Deutsch-Luxemburg berührte. Darüberhinaus betraf die Ruhrbesetzung den größten Teil seines Unternehmenskonglomerats.
Trotz dieser Verluste kontrollierte Stinnes in der Weimarer Republik nach den Anfangswirren durch seine privaten Unternehmen sowie insbesondere über seine verschiedenen Beteiligungen und Interessengemeinschaften, vor allem die Rhein-Elbe-Union, einen beachtlichen Teil der deutschen Wirtschaft. Hauptsächlich in Reichsmark fremdfinanziert investierte Stinnes hierbei in die verarbeitende Industrie, den Maschinen- und Fahrzeugbau, Reedereien, Zellstofffabriken und das Zeitungswesen. Zugute kam ihm dabei insbesondere der durch die Folgen des Ersten Weltkriegs verursachte Rohstoffmangel im Deutschen Reich, der zum einen den relativen Wert der Montanindustrie gegenüber der verarbeitenden Industrie erhöhte und zum anderen den im wirtschaftlich instabilen Umfeld ständig um die Versorgung mit notwendigen Vorprodukten kämpfenden nachfolgenden Produktionsstufen einen Zusammenschluss mit Rohstofflieferanten wünschenswert erscheinen ließ. Er selbst urteilte 1923 in einem Brief an Eberhard Gothein: "Die Vertikaltrusts, die man mir als bevorzugte Kinder zuschreibt, waren naturgemäß Produkte ihrer Zeit: Folgen ungenügender Produktion und mangelnden Betriebskapitals" (Feldman 1998, S. 950).
Im Jahr seines Todes, 1924, war Stinnes an 4.554 Betrieben mit fast 3.000 Produktionsstätten beteiligt.
Gegenüber Ludwig Quidde meinte er: "Ich bin vorm August 1914 der aufrichtigste Anhänger einer friedlichen Verständigung ohne jede Eroberungswünsche gewesen, würde mich aber heute [... eines verbrecherischen Leichtsinns schuldig halten sofern ich nicht, wenn erreichbar, für eine Erweiterung der Grenzen im Ausmaße der von den wirtschaftlichen Verbänden gekennzeichneten Grenzen einträte" (Feldman 1998, S. 389).
1919 sicherte Stinnes der Friedensverhandlungen ablehnenden Deutschen Vaterlandspartei die Unterstützung des Kohlen-Syndikats und beteiligte sich im Oktober des gleichen Jahres an der anfänglichen Förderung der antibolschewistischen Propaganda Eduard Stadtlers durch konservative Industrielle.
Stinnes galt seit Anfang der 1920er allgemein als das Sprachrohr der deutschen Wirtschaft. Das Time-Magazin bezeichnete ihn 1923 gar als den neuen Kaiser von Deutschland.
Innerhalb der DVP galt Stinnes vor allem durch seine vielfältigen Kontakte zum konservativ-nationalen Lager und zu führenden DNVP-Exponenten als am rechten Rand der Partei stehend. Für innerparteiliche Gegner wie Stresemann stellte Stinnes hierbei eine Hypothek nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in der täglichen Politik dar, da sich Stinnes kaum einer politischen Gruppierung dauerhaft zurechnen ließ. Stinnes' politische Ansichten waren statt dessen stets von den deutschen (und auch persönlichen) Wirtschaftsinteressen geprägt. Dies führte oft dazu, dass Stinnes eine realistischere, pragmatischere Politik befürwortete, beispielsweise in der Frage der Arbeitsbedingungen, aber oft auch radikale und nicht durchsetzbare Ansichten vertrat, beispielsweise bei der entschiedenen Ablehnung der Reparationsforderungen und in seinen Ideen zur Refinanzierung des deutschen Staatshaushaltes.
Diese widersprüchliche Haltung zeigte sich auch in seinen persönlichen Beziehungen zu Politikern unterschiedlicher Couleur. So stand er beispielsweise dem Kapp-Putsch, den er als "unentschuldbares" und "verderbliches Unternehmen" (Feldman 1998, S. 606) ansah, ablehnend gegenüber, verurteilte ihn aber nicht öffentlich und bot Wolfgang Kapp in seinem schwedischen Ferienhaus in Asa Exil. Ebenso blieb Stinnes zeitlebens begeisterter Anhänger von Erich Ludendorff. Schiffe seiner Reederei waren aber sowohl nach Ludendorff und Hindenburg, als auch nach dem Gewerkschaftsführer Carl Legien benannt. Zwar war Stinnes' wirtschaftlicher Sachverstand von allen Regierungen dieser Zeit gefragt und er wurde mehrfach als Kandidat für Ministerämter gehandelt, doch seine meist radikale Ablehnung der Erfüllungspolitik (er selbst meinte, er sei "immer für Erfüllungspolitik gewesen, jedoch nur in den Grenzen der Vernunft und in den Grenzen des für unsere Volkswirtschaft erträglichen"), sein Primat der Wirtschaftspolitik vor allen anderen Themen und gegen alle politisch-opportunen Sachzwänge, sowie seine an der Regierung vorbei betriebene private Diplomatie mit französischen, britischen und russischen Politikern sorgten letztlich dafür, dass Stinnes als Politiker nicht erfolgreich war.
In der öffentlichen Wahrnehmung galt der als sparsam und fast schäbig gekleidet beschriebene Stinnes meist als unberechenbar und machthungrig. Sowohl Gewerkschaften als auch konservative Politiker monierten, dass seine politischen Ansichten ausschließlich wirtschaftlich getrieben wären und unterstellten ihm Verschwörungstheorien und Opportunismus. TIME urteilte:
Die New York Times titelte über Stinnes:
Stinnes' Erwerb der regierungsnahen Deutschen Allgemeinen Zeitung im Mai 1920 verfestigte dieses kritische Bild. Die Satirezeitschrift Ulk des Berliner Tageblatt zeigte im gleichen Monat eine Karikatur von Stinnes als Kapitalist mit Zylinder und Zigarre und der Unterschrift "Stinnes kauft alles" auf dem Titelbild - zu sehen waren neben Hotels, Schiffen, einer Zeitungsdruckerei und Fabriken auch Politiker, Stimmzettel und eine Wahlurne (siehe Weblinks).
Bereits ein Jahr nach seinem Tod zerfiel sein Firmenimperium, da seine Erben die Herausforderungen des Endes der Hyperinflation 1925 unterschätzten und die ausstehenden Kredite nicht mehr bedienen konnten. Seine Witwe Cläre Stinnes, mit der er seit 1895 verheiratet war und seine sieben Kinder, allen voran Hugo Stinnes jr., konnten nur einen kleinen Teil des Vermögens, insbesondere den Seehandel der Hugo Stinnes Corp., retten, der aber im Zweiten Weltkrieg verloren ging. Der Untergang des Lebenswerks von Hugo Stinnes wurde auch von seinen Gegnern dem ungeschickten Handeln der Erben angelastet (Feldman 1998, S. 949).
Mann Deutscher | Unternehmer (Montanindustrie) | Politiker (Weimarer Republik) | Reichstagsabgeordneter | DVP-Mitglied | Geboren 1870 | Gestorben 1924
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