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Der Begriff des Homunculus (lat. „Menschlein“) bezeichnet einen künstlich geschaffenen Menschen. Die Idee des Homunculus wurde im Spätmittelalter im Kontext alchemistischer Theorien entwickelt, häufig erscheint er als dämonischer Helfer magischer Praktiken. Das Motiv des Homunculus wurde in der Literatur häufig aufgegriffen, insbesondere um die Ambivalenz der modernen Technik aufzuzeigen. Die vielleicht bekannteste Verwendung der Homunculusidee findet sich in Goethes Faust II.

Der Begriff des Homunculus hat zudem in der Philosophie und Neurowissenschaft weitere Bedeutungen erhalten. In der Philosophie der Wahrnehmung und der Philosophie des Geistes wird mit dem Begriff „Homunculus“ auf die Idee Bezug genommen, dass es im Kopf nochmals ein Wesen gebe, dass Reize wahrnimmt und Erlebnisse hat. In der Neuroanatomie wird veranschaulichend von einem sensorischen Homunculus und einem motorischen Homunculus gesprochen. Diese Homunculi entstehen als epistemische Hilfskonstruktionen, wenn man die die Gehirnregionen den Körperteilen zuordnet, für die sie jeweils zuständig sind.

Kulturgeschichte


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Frühe Konzepte

Das Wort „Homunculus“ ist bereits bei Cicero, Plautus und Apuleius belegt Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Artikel: Homunculus, Walter de Gruyter, 1932 . Dort bedeutet es als Diminutiv von „homo“, d. h. als Verkleinerungsform des lateinischen Wortes für „Mensch“, nicht mehr als "kleiner Mensch, Menschlein". Ein kulturhistorisch bedeutsames Konzept wurde mit diesem Wort erst im Spätmittelalter verbunden, als die viel älteren Spekulationen über die Erzeugung künstlicher Menschen (vgl. den Pygmalion-Mythos) eine neue, chemisch-medizinische Richtung einschlugen. Der Arzt Arnaldus von Villanova soll sich im 13. Jahrhundert bereits über die alchemistische Herstellung von künstlichen Menschen Gedanken gemacht haben. Genau beschrieben wird die angebliche Herstellung eines Homunculus in der Schrift De natura rerum (1538), die allgemein Paracelsus zugeschrieben wird. Paracelsus, mit bürgerlichem Namen Theophrastus Bombastus von Hohenheim, war ein Arzt, Alchemist und Mystiker des frühen 16. Jahrhunderts. In De natura rerum wird aus der Tatsache der Putrefaktion (dem Verfaulen und Verwesen organischer Stoffe) in warm-feuchter Umgebung abgeleitet, daß auch die Entwicklung des bebrüteten Vogeleies und die Entwicklung des männlichen Samens in der Gebärmutter eine solche Putrefaktion darstelle. Somit ließe sich eine künstliche warm-feuchte Umgebung für das Wachstum eines Lebewesens schaffen. Paracelsus gibt eine konkrete Anleitung für die Erzeugung eines Homunculus: Man müsse menschliche Spermien 40 Tage in einem Gefäß im (wärmenden) Pferdemist verfaulen lassen. Was sich dann rege, sei "einem Menschen gleich, doch durchsichtig". 40 Wochen lang müsse man dieses Wesen dann bei konstanter Wärme mit dem Arcanum des Menschenbluts nähren, und schließlich werde ein menschliches Kind entstehen, jedoch viel kleiner als ein natürlich geborenes Kind.

In der Tradition der Alchemie war die Idee der Erzeugung von neuem Leben verbreitet. Organisches Material schien einen Seelenstoff zu enthalten, aus dem man neues, künstliches Leben gestalten könne. Noch Pierre Borel, der Leibarzt Ludwig XIV, behauptete im späten 17. Jahrhundert, dass durch die Destillation von Menschenblut eine menschliche Gestalt entstehe. Ähnliches wird von dem französischen Chemiker und Mystiker Robert Fludd berichtet, der angeblich einen Menschenkopf in der Retorte züchtete. Mit dem Beginn der Neuzeit kann man jedoch auch einen gewissen Wandel des Homunculuskonzeptes beobachten, der letztlich die Weiterentwicklung der Naturwissenschaften genau widerspiegelt. War der Homunculus zu Beginn noch ein vorwiegend alchemistisch-mystisches Konzept, transformiert sich die Idee einer Züchtung und Zeugung künstlicher Menschen gemäß den Fortschritten der empirischen Wissenschaften. Die jeweils avanciertesten Diskurse (Mechanik, Elektromagnetismus, Genetik) inspirieren diesen alten menschlichen Traum, bis zu den Klon- und KI-Phantasien der heutigen Tage. Derartige "naturwissenschaftliche" Ideen klingen schon in der frühen Neuzeit in Francis Bacons Wissenschaftsutopie Neu-Atlantis (1626) an. In Neu-Atlantis entwirft Bacon eine utopische Idealgesellschaft, die im Wesentlichen von dem Haus Salomons, einer Art Wissenschaftsakademie, beherrscht ist. Dieses Haus Salomons beherrscht durch wissenschaftlichen Fortschritt wunderbare Techniken, unter anderem ist eine starke Modifizierung lebender Organismen möglich. Die Schaffung von Homunculi durch fortgeschrittene Technik wird in der Literatur nach Bacon eine zunehmende Rolle spielen, etwa in Mary Shelleys Frankenstein oder noch später in der Science-Fiction-Literatur.

Der Homunculus in Goethes Faust

Das Motiv des Homunculus ist unter anderem von Goethe in seinem Faust II aufgenommen worden. Goethe lässt Famulus Wagner einen Menschen schaffen. Schon bei Goethe ist das Motiv des Homunculus mit der Idee einer erfolgreichen Naturwissenschaft verknüpft, die die Geheimnisse der Natur entzaubert. So lässt er Wagner sprechen:

„Es leuchtet! seht! - Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung - denn auf Mischung kommt es an -
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren
Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.
Es wird! die Masse regt sich klarer!
Die überzeugung wahrer, wahrer:
Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
Das wagen wir verständig zu probieren,
Und was sie sonst organisieren ließ,
Das lassen wir kristallisieren.“ Johann Wolfgang von Goethe: der Tragödie zweiter Teil, 1832, Zweiter Akt, Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer

Zentral ist der Homunculus auch in Mary Shelleys "Frankenstein", in dem das Wesen jedoch im Verlauf der Geschichte eine eigene Seele entwickelt.

Homunculus in der Neuroanatomie


In den Neurowissenschaften wird seit den 1950er Jahren der Begriff Homunculus metaphorisch gebraucht. In der Anatomie des Gehirns werden Repräsentationen von Körperteilen an der Zentralfurche als sensorischer Homunculus bzw. motorischer Homunculus verstanden. Für alle sensiblen und motorischen Bahnen gibt es eine Punkt-zu-Punkt-Zuordnung zwischen der Körperperipherie und dem Gehirn. So ist z. B. eine bestimmte Zellgruppe in der Großhirnrinde (Cortex) für die bewusste Wahrnehmung eines Schmerzreizes in einem ganz genau definierten Hautareal, und zwar nur für dieses, zuständig. Das Gehirn kann also allein aus der aktivierten Zellgruppe im Cortex schlussfolgern, in welchem Körperabschnitt der Schmerz auftritt. Diese Projektionen vom Körper auf das Gehirn entsprechen den sensorischen und motorischen Rindenfeldern. Die Größe des Zellgebietes im Rindenfeld entspricht nicht genau dem Ausmaß des Areals im Körper. Für besonders feinsensible oder feinmotorische Körperabschnitte (z. B. Finger) stehen recht große Rindenareale zur Verfügung. Andere Körperteile, die keine fein abgestimmten Bewegungen ausführen und die nicht so schmerzempfindlich sind (z. B. Bauch), haben nur relativ kleine Rindenfelder. Der "Homunculus", der durch die symbolische Nachzeichnung der mit den Cortexarealen assoziierten Körperteile entsteht, ist also gegenüber der tatsächlichen Körpergestalt stark verzerrt. Wilder Penfield hatte die Projektionen entdeckt. Er skizzierte die Größenproportionen und bezeichnete die Zeichnung im Rückgriff auf den kulturhistorischen Kontext scherzhaft als Homunculus. Dieselbe Art der symbolischen Abbildung wird in der Alternativmedizin für die Reflexzonen verwendet.

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Hypothesen


Kartesisches Theater

In der „kartesisches Theater“ (nach Daniel Dennett) genannten Hypothese über die Entstehung von Bewusstsein wird ein Homunculus postuliert, der im Gehirn sitzt und die passiven Projektionen der Sinneseindrücke aus z. B. den Rindengebieten des sensorischen Homunculus (Somatosensorischer Cortex) oder dem primären visuellen Cortex betrachtet und „bewusst“ verarbeitet. Das Problem an dieser Hypothese wird offensichtlich, wenn man sich fragt, welche Instanz im Kopf des Homunculus eigentlich Bewusstsein erzeugt. Postuliert man einen Homunculus, benötigt man am Ende unendlich viele ineinander verschachtelte Homunculi, was das Problem offensichtlich nicht löst.

Physikalische Hypothese

In einem lernenden, neuronalen Netzwerk ist es normalerweise sehr schwierig, an Orten im Netz Funktionen zu erkennen, das zeigten in den letzten Jahrzehnten tausende Simulationen. Die Frage ist darum, warum gerade das Gehirn eine Funktionszuordnung zu Orten nötig haben sollte. (Im ganzen Hirn gibt es derzeit nur vier bekannte Zuordnungen: Homunculus, kleiner Homunculus (im Kleinhirn), visueller Cortex und auditiver Cortex). Die Antwort gibt ein Welleninterferenzmodell des Rückenmarks. Es zeigt, daß Körperprojektionen zum Cortex bei Lageveränderungen verrutschen. Um die Projektionen zu stabilisieren, wurde offenbar ein Regelkreis erfunden, der eine ortsfeste Signalschnittstelle zwischen Rückenmark und Cortex ausbildet: den Homunculus. Beim visuellen Cortex wird eine solche Schnittstelle gebraucht, um Zooming und Movement zu kompensieren, beim auditiven Cortex entsteht sie eher zufällig aus fixen Laufzeitdifferenzen zu den Ohren.

Quellen


Siehe auch


Künstliche Intelligenz - Dermatom (Anatomie) - Myotom - Alchemie - Golem - Paracelsus - René Descartes - Antoni van Leeuwenhoek - Liste von Fabelwesen

Literatur


  • Vladimir Bazala: Homunculus-Problem einst und jetzt. In: Sepp Domadl (Hrsg.), Paracelsus im Blickfeld heutiger wissenschaftlicher Betrachtung. Ein Rundgespräch, Wien, 1974, S. 23-27. (Salzburger Beiträge zur Paracelsusforschung. 12).
  • Albert Ludwig: "Homunculi und Androiden. Die Grundlagen", Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen LXXII (1918), 1, S. 137-153.
  • Wilder Penfield, Theodore Rasmussen: The Cerebral Cortex of Man. A Clinical Study of Localization of Function. New York, The Macmillan Comp., 1950.
  • Herbert Silberer: "Der Homunculus", Imago III (1914), S. 37-79.
  • Klaus Völker (Hrsg.): Künstliche Menschen. Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und liebende Statuen, München, 1971.

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