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Mit Lautverschiebung werden bestimmte Lautwandel-Phänomene bezeichnet, welche im Laufe der Entwicklung einer Sprache auftreten können. Dabei wandeln sich nach gewissen Regeln Konsonanten und/oder Vokale regelhaft in andere um (zum Beispiel niederdeutsch /platt bzw. englisch water in deutsch Wasser, niederdeutsch eten wurde zu hochdeutsch essen).

Lautverschiebungen lassen sich in der Geschichte vieler Sprachen beobachten. Sie treten schubweise auf, wobei der neue Zustand dann jahrhundertelang unverändert Bestand haben kann. Über die Auslöser so tiefgreifender Verschiebungen im Lautsystem einer Sprache besteht kein Konsens.

In der Geschichte der deutschen Sprache wird der Begriff „Lautverschiebung“ in erster Linie für zwei ähnlich gelagerte Konsonantenverschiebungen benutzt, die vom Indogermanischen über das Germanische zum Hochdeutschen geführt haben.

Bei diesen beiden Lautverschiebungen kann man nach dem Artikulationsort drei Gruppen von Konsonanten bestimmen, die sich jeweils innerhalb der Gruppe zu einem anderen Konsonanten gewandelt haben:

  • Dentale („Zahnlaute“) (s, sch, sk, z, t, th, d usw.)
  • Labiale („Lippenlaute“) (p, b, f, v, w, pf usw.)
  • Velare („Kehllaute“) (g, k, c, ck, ch usw.)

Historisch unterscheidet man die folgenden Lautverschiebungen:

Erste (germanische) Lautverschiebung


Die Änderungen durch die erste Lautverschiebung werden durch das Grimm'sche Gesetz beschrieben, benannt nach Jacob Grimm. Diese Veränderung wurde traditionell auf ca. 500 v. Chr. datiert. Nach Ansicht Grimms und der meisten anderen Linguisten des 19. und auch 20. Jahrhundert grenzt die erste Lautverschiebung das spätere westliche Indogermanisch vom frühen Germanischen ab.

Neuere Forschungen seit ca. 1990 datieren diese Veränderung jedoch erst auf das 1. Jahrhundert v. Chr. (vgl. Germanen). Diese Spätdatierung der ersten Lautverschiebung bedeutet zugleich, dass das Grimmsche Gesetz zur Abgrenzung des späten Indogermanischen vom frühen Germanischen nicht geeignet ist. Noch die eindeutig germanischen Kimbern und Teutonen sprachen offenbar ein Idiom, das in der Terminologie Grimms nicht "germanisch" genannt werden könnte.

Die erste Lautverschiebung wurde im Jahre 1806 von Friedrich von Schlegel und 1818 von Rasmus Christian Rask entdeckt und erstmals 1822 von Grimm annähernd vollständig beschrieben. In der englischsprachigen Literatur wird es deswegen teilweise auch als Rask's-Grimm's rule bezeichnet. Auch Grimm konnte die Erste Lautverschiebung mit dem von ihm formulierten Gesetz nicht vollständig erklären. Die verbliebenen Ausnahmen, den sogenannten grammatischen Wechsel, erklärte erst das Vernersche Gesetz von 1875.

Anmerkung: Bei den folgenden Beispielen geben die zuerst genannten indogermanischen Sprachen den ursprünglichen Lautstand eines indogermanischen Wortes wieder.

Tenues-Spiranten-Wandel

Die indogermanischen Tenues (stimmlose Verschlusslaute) wurden in einer Zwischenstufe zunächst aspiriert und dann im Germanischen zusammen mit den wenigen schon von vornherein aspirierten Tenues zu stimmlosen Spiranten (Reibelauten) verschoben:

Indogermanisch */p/, */t/, */k/ (> */ph/, */th/, */kh/) > germanisch /f/, /þ/, /h/ Beispiele:

/p/ > /f/ (latein. pater, aber: neuhochdeutsch Vater, plattdeutsch Vadder, englisch father, dänisch far)
/t/ > /þ/ (latein. tres, aber: englisch three)
/k/ > /h/ (latein. cord-, aber: neuhochdeutsch Herz, plattdeutsch Hart, englisch heart)

Mediae-Tenues-Wandel

Indogermanisch */b/, */d/, */g/ > germanisch /p/, /t/, /k/ Beispiele:
/b/ > /p/ (latein. baculum, aber: neuhochdeutsch Pegel)
/d/ > /t/ (latein. decem, aber: englisch ten, plattdeutsch teihn, dänisch ti)
/g/ > /k/ (latein. gula, aber: neuhochdeutsch Kehle)

Mediae-aspiratae-Mediae-Wandel

Die indogermanischen "Mediae aspiratae" (behauchten stimmhaften Verschlusslaute) wurden im Germanischen zu stimmhaften Spiranten verschoben, die sich dann aber - teilweise noch im Germanischen - zu Mediae weiterentwickelten:

Indogermanisch */bh/, */dh/, */gh/ > germanisch /b/, /d/, /g/ Beispiele:

/bh/ > /b/ (Sanskrit bhrātā, aber: neuhochdeutsch Bruder)
/dh/ > /d/ (Sanskrit adham "ich setzte, stellte", aber: englisch 'deed'' "Tat")
/gh/ > /g/ (indogerman. *ghostis "Fremder" (vgl. lat. hostis "Feind"), aber: neuhochdeutsch Gast)

Zweite (hochdeutsche) Lautverschiebung


Deutsche Lautverschiebung oder Zweite Lautverschiebung (auch: hochdeutsche Lautverschiebung). Der Beginn dieser Veränderung wurde traditionell auf ab ca. 500 n. Chr. datiert, nach neueren Inschriftenfunden begann sie jedoch erst ab ca. 600 n. Chr. Bei der zweiten Lautverschiebung handelt es sich um einen längerfristigen und mehrphasigen Prozess, der zu Beginn der Überlieferung des Althochdeutschen im 8. Jahrhundert n.Chr. noch nicht ganz abgeschlossen war.

Durch diese Lautverschiebung wurde aus den südlichen westgermanischen Dialekten die althochdeutsche Sprache. Die Grenze dieser Lautverschiebung verläuft von West nach Ost, mehr oder weniger am Mittelgebirgsrand; sie wird als Benrather Linie bezeichnet.

Konsonanten:

/p/ > /pf/ (plattdeutsch Peper, englisch pepper -> Pfeffer)
/p/ > /f/ (plattdeutsch slapen, englisch sleep -> schlafen, plattdeutsch und englisch Schipp, ship -> Schiff)
/t/ > /s/ (plattdeutsch dat, wat, eten englisch that, what, eat -> das, was, essen)
/t/ > /z/ (plattdeutsch Tied, schwedisch tid -> Zeit, Timmermann -> Zimmermann)
/tt/ > /tz/ (plattdeutsch sitten, englisch sit -> sitzen)
/k/ > /ch/ (plattdeutsch und niederländisch ik -> ich, koken -> kochen; plattdeutsch und englisch maken, make -> machen)
/k/ > /kch/ (deutsch Kind -> tirolerisch Kchind)
/ck/ > /kch/ (deutsch Socke -> tirolerisch/alemannisch Sokche)
/d/ > /t/ (plattdeutsch Dag, englisch day -> Tag)
/v/, /w/, /f/ > /b/ (plattdeutsch Wief, Wiewer, englisch wife, wives -> Weib, Weiber; leev, leewer -> lieb, lieber)

Als Beispiel für die Auswirkungen der Lautverschiebung kann folgender Vergleich der mittelniederdeutschen Sprache und der mittelhochdeutschen Sprache anhand zweier juristischer Bücher dienen, des Sachsenspiegels (1220) und des Deutschenspiegels (1274):

Sachsenspiegel Deutschenspiegel
De man is ok vormunde sines wives,
to hant alse se eme getruwet is.
Dat wif is ok des mannes notinne
to hant alse se in sin bedde trit,
nach des mannes rehte.
Der man ist auch vormunt sînes wîbes
zehant als si im getriuwet ist.
Daz wîp ist auch des mannes genozinne
zehant als si an sîn bette trit
na des mannes dode is se ledich van des mannes rechte.

Die hochdeutschen Sprachen (Deutsch, Jiddisch und Luxemburgisch) sind von der 2. Lautverschiebung betroffen, die niederdeutschen Sprachen (Niederländisch und Plattdeutsch) nicht oder nur zum kleineren Teil.

Vollständig durchgeführt worden ist die 2. Lautverschiebung nur in den allersüdlichsten deutschen Dialekten, im Tirolerischen sowie im Hoch- und Höchstalemannischen (wobei in den beiden letzteren anlautendes /kch/ zu /ch/ vereinfacht worden ist).

k -> kch/ch: kind -> tirolerisch kchind, hoch/höchstalemannisch chind

Die meisten mittel- und oberdeutschen Varietäten haben also die 2. Lautverschiebung nicht vollständig durchgeführt. Viele mitteldeutsche Varietäten sind nur in bestimmten, wenigen Fällen von ihr betroffen, wie es gut am sogenannten rheinischen Fächer zu erkennen ist.

Die 2. Lautverschiebung ist nicht der einzige große Unterschied zwischen den niederdeutschen und dem hochdeutschen Sprachen. Hinzu kommen regionale Besonderheiten im Wortschatz, in der Grammatik und im Vokalismus (so haben beispielsweise im Bairischen, im Mitteldeutschen und im Niederländischen Diphthongierungen stattgefunden).

Siehe auch


2. Lautverschiebung, auch genannt althochdeutsche Lautverschiebung. (siehe Schmidt)

Quellen / Literatur


  • dtv-Atlas zur deutschen Sprache, 18. Auflage, München 2004, ISBN 3-423-03025-9
    • germanische Lautverschiebung: S. 44/45
    • althochdeutsche Lautverschiebung: S. 62-65, 147
    • Rheinischer Fächer: Karten, S.64 und S. 140

Phonologie | Historische Linguistik

Klankverschuivingen in de Germaanse talen | Германское передвижение согласных | Posouvání hlásek | Sound change | Ley fonética | Phonétique historique

 

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