Historisch-kritische Methode ist die Bezeichnung für einen Methodenapparat zur Untersuchung von historischen Texten. Bekannt ist sie vor allem als eine Methode der biblischen Exegese. Tatsächlich werden historisch-kritische Methoden aber überall dort angewandt, wo schriftlich überlieferte Traditionen in mehreren, voneinander abweichenden Varianten vorliegen oder wo ein Prozess der Verschriftlichung von paralleler mündlicher Überlieferung begleitet wird.
Allgemeines
Wissenschaftliches Arbeiten ist dadurch gekennzeichnet, dass es sich nicht über seine Ergebnisse definiert, sondern darüber, dass alle in Frage kommenden Fakten mit intersubjektiv nachvollziehbaren Methoden geprüft werden. Sofern Wissenschaftlichkeit beansprucht wird, ist es daher notwendig, über die angewandten Methoden Rechenschaft abzulegen.
Seit der Aufklärung hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der Sinn eines Textes herausgearbeitet werden müsse, den der Verfasser in seinem historischen Umfeld zum Ausdruck bringen wollte, bevor eine weitergehende Interpretation erfolgen könne. Diese Herangehensweise ist der Kern der historisch-kritischen Methode.
Die Bezeichnung Historisch-kritisch verweist auf eine Kombination zweier Grundannahmen dieser hermeneutischen Methoden:
- Historisch ist diese Exegese, weil sie davon ausgeht, dass die zu untersuchende Textgestalt eine Geschichte hat. Dies gilt zum Beispiel für Sagen. So kann eine Sage über Jahrhunderte mündlich überliefert worden sein und dabei zahlreiche Veränderungen erlebt haben. Diese Sage wird vielleicht von zwei verschiedenen Schriftstellern notiert. Die Drucklegung erlebt mehrere Auflagen, bei denen korrigierend oder aus anderen Gründen in den Text eingegriffen wurde. Der Text, der aktuell in einer Sagensammlung erscheint, ist nicht in dieser Form ursprünglich, sondern er hat eine Geschichte.
- Kritisch ist die Methode nicht im umgangssprachlichen Sinn. Ihr Ziel ist nicht, die Bibel zu kritisieren. Kritisch ist die Methode, weil sie davon ausgeht, dass es allgemein einsichtige Kriterien für die wissenschaftliche Untersuchung der historischen Textgestalt gibt. Das bedeutet keineswegs, dass jeder Wissenschaftler mit seinen Untersuchungen zum gleichen Ergebnis kommen muss. Jeder einzelne Untersuchungsschritt muss vielmehr für andere nachvollziehbar sein; ob er tatsächlich nachvollzogen wird, ist eine Frage der Qualität des Argumentes. Unterschiedliche Bewertungen von Details zeitigen wie in anderen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedliche Bewertungen.
Die Methodenschritte der historisch-kritischen Methode
Die historisch-kritische Methode ist die bekannteste Form der biblischen Exegese. Sie hat zum Ziel, einen biblischen Text in seinem damaligen historischen Kontext auszulegen, wobei die Rekonstruktion der vermuteten Vorgeschichte des Textes eine besondere Rolle spielt. Historisch gesehen ist sie eigentlich keine einheitliche Methode, sondern ein buntes Gemisch aus verschiedenen Fragestellungen, die v.a. seit der Aufklärung von wissenschaftlicher Seite her an die Bibel gestellt wurden. Sie gilt bis heute in der evangelischen und katholischen Theologie als Standardmethode der Bibelauslegung, auch wenn die exegetische Fachdiskussion sich seit den 1970er Jahren immer stärker auch anderen Auslegungsansätzen zuwendet (vgl. Biblische Exegese). Die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Bibel setzt voraus, dass biblische Exegese "ein Stück Geschichtswissenschaft" (R. Bultmann) sei, da es sich beim Bibeltext um ein geschichtliches Dokument handelt. (Bisweilen wird diese Texttheorie als einseitig kritisiert, daher neuerdings auch die Beschäftigung mit anderen Ansätzen.) Die Auslegung von Bibelabschnitten in ihrem historischen Kontext macht einem zum Beispiel bewusst, dass Jesus Jude war, oder dass die Regel "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zum damaligen Zeitpunkt ein echter menschenrechtlicher Fortschritt war.
Die folgenden Schritte der historisch-kritischen Methode sind üblicherweise Bestandteil der exegetischen Seminare im Theologiestudium:
- 1. Textkritik
- 2. Übersetzung
- 3. Textanalyse
- 4. Literarkritik
- 5. Formkritik
- 6. Traditionsgeschichte
- 7. Motivgeschichte
- 8. Religionsgeschichte
- 9. Redaktionsgeschichte
- 10. Zusammenfassende Interpretation
Im Einzelnen:
1. Textkritik: Vergleich der Handschriften
Bevor man sich der Auslegung eines biblischen Textes widmen kann, stellt sich zunächst die Frage: Welcher Text ist überhaupt gemeint? Da der biblische Text bis zu
Gutenberg handschriftlich überliefert werden musste, haben sich im Laufe der Jahrhunderte manche Abschreibfehler oder gutgemeinte Korrekturen in den Text geschlichen. Der in der Reformationszeit bekannte Bibeltext, der
Textus Receptus, unterschied sich daher vom heute rekonstruierten Bibeltext an einigen Stellen, wenn auch meist nur in Details. Als Textgrundlage gelten heute Handschriften und Handschriftenfragmente aus dem 2.-4. Jh. n. Chr. für das Neue Testament, und für das Alte Testament ein vollständiges hebräisches Manuskript um 1000 n. Chr., dessen Texttreue jedoch durch die Funde von
Qumran bestätigt ist. Unsere neueren Bibelübersetzungen berücksichtigen bereits die jeweils aktuellen Forschungsergebnisse.
Auch die hebräische Textausgabe des Alten Testaments (
Biblia Hebraica Stuttgartensia) und die griechische Textausgabe des Neuen Testaments (E. Nestle/
K. Aland,
Novum Testamentum Graece) enthalten Anmerkungen, an welchen Stellen des Bibeltextes unterschiedliche Textvarianten in den ältesten Handschriftenfunden existieren. Die erste Aufgabe des Exegeten ist es also, die Handschriften nach Quantität und Qualität sowie nach weiteren Kriterien abzuwägen und zu entscheiden, welche Lesart die ursprüngliche ist. Wissenschaftliche Kriterien für die Textkritik wurden zuerst von
Johann Albrecht Bengel (1687-1752) entwickelt, einem bekannten Vertreter des
Pietismus. Fast immer kann man heute aus guten Gründen entscheiden, warum eine bestimmte Lesart in einem Manuskript einer anderen Lesart vorzuziehen ist, eine "absolute" Gewissheit gibt es jedoch nicht.
Siehe auch: Textkritik, Textkritik des Alten Testaments, Textkritik des Neuen Testaments
- Literatur (s.u.): Söding 1998, 86-101; Conzelmann/Lindemann 1998, 25-35; Steck 1999, 37-45; Meiser/Kühneweg 2000, 36-50; Utzschneider/Nitsche 2001, 35-58; Becker 2005, 14-38; Heininger/Ebner 2005, 25-51; Schnelle 2005, 33-52.
2. Übersetzung aus dem Hebräischen bzw. Griechischen
Nachdem der ursprüngliche hebräische bzw. griechische Text festgestellt worden ist, kann er ins Deutsche übersetzt werden. Das erfordert vom Exegeten möglichst gute Kenntnisse in Althebräisch und Altgriechisch (einige Kapitel des Alten Testaments sind außerdem in
Aramäisch verfasst) - weswegen ein/e TheologiestudentIn bis heute diese alten Sprachen erlernen muss -, zum anderen ist auch Grundwissen in
Linguistik und
Übersetzungswissenschaft nötig. Man muss verstehen, wie Sprachen funktionieren. Es gibt auch im
Hebräischen und
Griechischen Phänomene wie
Polysemie (Mehrdeutigkeit), Stilmittel, sprichwörtliche Wendungen, Poesie usw., die auch als solche verstanden werden sollten. Manche Begriffe müssen im Deutschen durch längere Ausdrücke umschrieben werden. Der Exeget/die Exegetin muss also eine gute Balance halten können zwischen einer sklavischen Wort-für-Wort-Übersetzung, die aber das tatsächlich Gemeinte nicht erschließt, und zwischen freien Umschreibungen, die zwar den Inhalt gut erfassen, aber sich sehr weit vom Wortlaut des ursprünglichen Textes entfernen. Wer sich eine deutsche Bibel kaufen will, hat die Wahl zwischen formtreuen Übersetzungen (z.B. die
Elberfelder Bibel), inhaltstreuen Bibelübersetzungen (z.B. die
Gute-Nachricht-Bibel) und den Übersetzungen der "Mitte" (
Lutherübersetzung,
Einheitsübersetzung).
Siehe auch Bibelübersetzung, Übersetzungskritik
- Literatur (s.u.): Söding 1998, 81-84; Neudorfer/Schnabel 1999, bes. 127-150.
3. Textanalyse: Die Struktur des Textes
Zwar hat der/die BibelauslegerIn an dieser Stelle bereits eine vorläufige deutsche Übersetzung des Textes zur Hand, doch beziehen sich alle folgenden Schritte um der Exaktheit willen grundsätzlich auf den hebräischen bzw. griechischen Text. Der hier aufgeführte dritte Schritt der
Textanalyse gehört zwar eigentlich nicht zur klassischen historisch-kritischen Methode, wird aber in neueren Methodenbüchern schon eigens berücksichtigt. Während die klassische historisch-kritische Methode sich vor allem darauf konzentrierte, die vermutete Entstehungsgeschichte des Bibeltextes zu rekonstruieren ("diachron"), geht man in der Exegese neuerdings verstärkt dazu über, den Bibeltext als solchen in seiner Endgestalt zu betrachten ("synchron"). Bevor man den Text in seine Vorstufen "zerlegt", solle er zunächst auch selbst zur Geltung kommen. Dazu wird bei der Textanalyse auf Methoden aus Linguistik und Literaturwissenschaften zurückgegriffen: auf die Erstellung von
Wortfeldern aus Begriffen des Textes, auf die Struktur und Entfaltung der "Story" sowie auf die Zeichnung der Erzählfiguren durch den biblischen Erzähler (
Erzähltheorie), auf das
Aktantenmodell von
Greimas oder auf die
Semantische Strukturanalyse (Neudorfer/Schnabel 1999, 69ff), welche den linguistisch-grammatischen Aufbau eines Textes nachzeichnen hilft.
Siehe auch Textanalyse
- Literatur (s.u.): Egger 1987, 74-146 (klassisch); Neudorfer/Schnabel 1999, 69-154; Meiser/Kühneweg 2000, 260-275 *; Utzschneider/Nitsche 2001, 59-112; Dreytza u.a. 2002, 63-78; Schnelle 2005, 55-63; Heininger/Ebner 2005, 57-130.
4. Literarkritik: Rekonstruktion der Quellen
Die biblische Exegese sieht es außerdem als eine ihrer Hauptaufgaben an, mittels Literarkritik die schriftlichen Quellen des Bibeltextes zu rekonstruieren. Im Gegensatz zur literaturwissenschaftlichen Textanalyse ist die Literarkritik sehr alt. Die Methode der Literarkritik entstand in der Bibelexegese im 18. und 19. Jahrhundert aus dem Bedürfnis heraus, die Widersprüche, Spannungen, Doppelungen und sprachliche Unterschiede zwischen Bibeltexten zu erklären. Entsprechende Beobachtungen wurden schon zur Zeit der Alten Kirche gemacht, stellten aber damals noch kein echtes Problem dar (für
Origenes zeigten die Widersprüche zwischen den Evangelien, dass der Leser auf den geistlichen und nicht den wörtlichen Sinn der Bibel achten müsse;
Augustinus dagegen versuchte die Harmonie der Evangelien nachzuweisen). Mit dem Erwachen des historischen Bewusstseins in der Aufklärungszeit musste die Bibelexegese jedoch eine historische Antwort auf das Problem der Widersprüche geben, zum anderen wollte man nun auch die ältesten, ursprünglichsten Quellen herausarbeiten, denen der höchste historische Wert zugemessen wurde.
Die Literarkritik versucht also zu klären, ob der Autor eines Bibeltextes auf schriftliche Quellen zurückgegriffen hat. Vor allem bei alttestamentlichen Texten, aber auch bei einigen neutestamentlichen Texten ist wohl vorauszusetzen, dass der einzelne Bibeltext eine lange Vorgeschichte besitzt, also aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt ist und dabei immer wieder überarbeitet wurde. Das Ziel ist letztlich, die Texte der verschiedenen Redaktionsstufen möglichst im Wortlaut zu rekonstruieren. Wie aber findet man Quellen und Bearbeitungen heraus, wenn es keine externen Hinweise gibt? Im Buch
Genesis wurde beispielsweise beobachtet, dass einige Textpassagen von Gott als "Jahwe" sprechen (der israelitische Gottesname), andere Texte beschreiben ihn einfach als "Elohim" (= Gott), und wieder andere Texte mischen diese Gottesbezeichnungen. In Verbindung mit anderen Beobachtungen wurde daraus geschlossen, dass zwei Quellen zugrunde gelegen haben müssen, die eine sei vom
Jahwisten, die andere vom
Elohisten geschrieben. Oder aus sprachlichen und inhaltlichen Gründen kann man Jesaja 40-55 und 56-66 anderen Autoren zuweisen als (der Grundtext von)
Jesaja 1-39 usw. Um unterschiedliche Quellen voneinander abzugrenzen, achtet man auf das unvermittelte Auftauchen neuer Personen, Orte, Zeitangaben oder anderer Themen, auf Widersprüche oder fehlende Bezüge zwischen einzelnen Versen oder auf Wiederholungen im Text, die einen straffen Erzählablauf stören. Die wichtigsten literarkritischen Hypothesen wurden im 19. Jahrhundert entwickelt und gelten in modifizierter Form bis heute, zum Beispiel die
JEDP-Hypothese beim
Pentateuch oder die
Zweiquellentheorie bei den
Synoptischen Evangelien. Allerdings sind viele ExegetInnen inzwischen vorsichtiger geworden, mehrere Vorstufen eines Bibeltextes wörtlich zu rekonstruieren, weil die Kriterien der Quellenscheidung zum Teil sehr subjektiv sind und die Zahl der - einander widersprechenden - literarkritischen Entstehungshypothesen heute fast unüberschaubar geworden ist.
Siehe auch Literarkritik
- Literatur (s.u.): Conzelmann/Lindemann 1998, 64-81.126-130; Söding 1998, 190-207; Steck 1999, 37-45; Meiser/Kühneweg 2000, 51-66; Becker 2005, 38-62; Heininger/Ebner 2005, 157-178; Schnelle 2005, 65-99.
5. Formgeschichte: Bestimmung der Textgattung
Als nächstes wird die sprachliche Form des Textes untersucht. Beim Endtext (und allen seinen Vorstufen) ist zu klären: Handelt es sich um eine Wundergeschichte? Um ein Gleichnis? Um ein prophetisches Mahnwort? Denn um einen Text zu verstehen, sollte man dessen Textgattung richtig zugeordnet haben. Ein
Gleichnis beispielsweise will nicht historisch verstanden werden, sondern als eine vergleichende Erzählung, die in einem bestimmten Punkt eine allgemeine Wahrheit transportieren und veranschaulichen soll. Jesus verwendete diese Erzählgattung sehr häufig (bekannt ist das
Gleichnis vom verlorenen Sohn in
Lukas 15,11-32). Nach der Zuordnung des Textes zu einer bestimmten Textgattung kann man analysieren, ob und an welchen Punkten die konkrete Textform von der idealtypischen Gattung abweicht, um auch daraus einige Schlüsse zu ziehen. Die Formgeschichte hat in der Bibelexegese zwei Ausprägungen gefunden, die sogenannte "ältere Formgeschichte" und die "neuere Formgeschichte".
a) Die "ältere Formgeschichte" entstand um 1920 mit drei Publikationen von K.L. Schmidt, M. Dibelius und R. Bultmann. Die Bestimmung der Textgattung sollte nicht nur als Verstehensrahmen dienen, sondern sollte helfen, die mündliche Überlieferung vor den ältesten schriftlichen Quellen sehr genau nachzuzeichnen. Der Grundgedanke ist folgender: Jede Textgattung hat immer auch einen bestimmten Sitz im Leben, nämlich eine typische Situation, in der sie verwendet wird. So sei der "Sitz im Leben" von Gebeten oder Lehrtexten der Gottesdienst und die christliche Unterweisung, der von Wundergeschichten dagegen die missionarische Verkündigung. In der typischen Überlieferungssituation wurde dabei in der Regel auch ihr Ursprung gesehen; man konnte nun also sehr einfach bestimmen, in welcher Situation und zu welchem Zweck die frühchristliche Gemeinde Jesuserzählungen "erfand". Wenn eine - durch die Literarkritik bereits von allen späteren schriftlichen Zusätzen befreite - mündliche Erzählung mehreren Zwecken gedient haben könnte, wird je ein Zielpunkt wiederum einer eigenen mündlichen Überlieferungsstufe zugeordnet (beispielsweise in der Exegese von Jakobs Kampf am Jabbok in Genesis 32,23-33). Die Möglichkeit, dass eine mündliche Überlieferung auch einen historischen "Kern" besitzen kann, wird durch diese Vorgehensweise zwar nicht ausgeschlossen, aber deutlich minimiert. Die Bibelexegese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ihren Schwerpunkt dabei im Differenzkriterium, um den 'historischen Jesus' aus den biblischen Texten herauszuschälen: Der so rekonstruierte Jesus trug im Grunde weder jüdische noch christliche Züge, obwohl Jesus unbestritten Jude war und das Christentum begründete. Daher wird das Differenzkriterium in der heutigen Leben-Jesu-Forschung durch das Kohärenzkriterium ergänzt (G. Theißen).
b) Während die Gattungsbestimmung bei der "älteren Formgeschichte" vor allem den Zweck hatte, die mündliche Vorgeschichte des Textes zu rekonstruieren, bricht die "neuere Formgeschichte" ganz mit diesem Ziel. Denn "die Möglichkeit diachroner Rückfrage mit Hilfe formgeschichtlicher Forschung wird zunehmend in Frage gestellt" (Meiser/Kühneweg 87): Man müsse auch mit einem Traditionskontinuum zwischen Jesus und der Gemeinde rechnen, besonders wenn sich die Unterweisung der Jünger durch Jesus an das rabbinische Schulwesen anlehnte und dann die soziale Rolle der Traditionsträger (z.B. Apostel) im Urchristentum beachtet wird. Die Tradition mag in der Urgemeinde geformt worden sein, ist aber nicht notwendigerweise erst von ihr erfunden. Dass am Anfang der mündlichen Überlieferung immer die "reine Form" gestanden habe, ist nicht zwingend. Außerdem war die ältere Formgeschichte noch sehr selbstgewiss darin, die verschiedenen Stufen der mündlichen Überlieferung im Wortlaut rekonstruieren zu können - dabei zeigen Untersuchungen, dass mündliche Überlieferung im Wortlaut variieren kann.
Die "neuere Formgeschichte" verzichtet dagegen völlig darauf, aus der Form des Textes Hypothesen über die Textgeschichte zu gewinnen. Stattdessen werden Form und Gattung des Endtextes umso genauer gewürdigt: Zunächst beschreibt man die individuelle Form des Einzeltextes, dann sucht man ähnliche Texte aus biblischer und außerbiblischer antiker Literatur und versucht ein gemeinsames Gattungsschema zu erstellen, um zuletzt die individuellen Abweichungen vom Gattungsschema zu untersuchen sowie die Konsequenzen, die sich daraus für das Verstehen ergeben. Für die Formanalyse gibt es inzwischen sehr ausgefeilte Klassifizierungen von antiken Textgattungen und Untergattungen (K. Berger).
Siehe auch Formgeschichte
- Literatur: Conzelmann/Lindemann 1998, 82-114.131-148; Söding 1998, 128-173; Steck 1999, 98-125; Meiser/Kühneweg 2000, 84-101; Utzschneider/Nitsche 2001, 113-149; Dreytza u.a. 2002, 79-99; Becker 2005, 97-115; Heininger/Ebner 2005, 179-204; Schnelle 2005, 100-129.
6. Traditionsgeschichte: Die zugrunde liegende mündliche Überlieferung
Die Traditionsgeschichte zeichnet - im Verbund mit der Formgeschichte - die Entwicklung der mündlichen Überlieferung nach, die den ersten schriftlichen Vorstufen des Textes voranging. In einigen exegetischen Methodenlehren wird sie auch "Überlieferungsgeschichte" genannt.
(Genaueres in Kürze.)
Siehe auch: Traditionsgeschichte, Traditionskritik bzw. Überlieferungsgeschichte
- Literatur (s.u.): Steck 1999, 63-75; Utzschneider/Nitsche 2001, 187-212; Becker 2005, 63-76; Heininger/Ebner 2005, 325-346; Schnelle 2005, 130-133.
7. Begriffs- und Motivgeschichte: wie sich Vorstellungen entwickelten
(Dieser Methodenschritt wird manchmal auch noch zur Traditionsgeschichte gezählt.)
Während die Literarkritik, Form- und Traditionsgeschichte an den mündlichen und schriftlichen Vorstufen des Bibeltextes insgesamt interessiert sind, versucht der/die ExegetIn in diesem Methodenschritt nun die Vorgeschichte von einzelnen Ausdrücken des Bibeltextes nachzuzeichnen. Wenn beispielsweise in neutestamentlichen Texten vom "Sohn Davids", von "Gerechtigkeit", vom "Heiligen Geist", von "Gesetz", von "Evangelium" oder vom "Lamm Gottes" die Rede ist, so muss für diese Ausdrücke der damalige Vorstellungshintergrund des antiken biblischen Autors rekonstruiert werden. Das geschieht anhand von früheren und zeitgleichen biblischen und außerbiblischen Texten, in denen ähnliche Begriffe und Anschauungen gesucht werden. Ob ein Begriff eher in seiner frühjüdischen (inklusive alttestamentlichen) Verwurzelung oder eher auf römisch-hellenistischem Hintergrund gedeutet werden soll, ist jedoch häufig umstritten. Ähnliches gilt für die Deutung von Ausdrücken in alttestamentlichen Texten. Die Erkenntnis, dass Begriffe in ihrem historischen Kontext zu deuten sind, reicht bis in die Anfänge der Textauslegung zurück, die Methode der Motivgeschichte wurde in den letzten Jahrhunderten in der Exegese jedoch noch weiter verfeinert. Die Ergebnisse der Motivgeschichte findet man in den großen theologischen Lexika (ThWAT, ThWNT) oder für den Bibelleser in Bibellexika zusammengefasst.
Siehe auch Motivgeschichte
- Literatur (s.u.): Söding 1998, 173-190; Steck 1999, 126-149; Becker 2005, 115-128; Schnelle 2005, 134-138.
8. Religionsgeschichte: Vergleich mit außerbiblischen Texten
Die biblischen Texte haben sich nicht im luftleeren Raum entwickelt, sondern standen in Beziehung und Austausch zu anderen Denkweisen in ihrem kulturellen Umfeld. Es geht bei diesem Methodenschritt speziell darum, Formulierungen oder Gedanken des biblischen Textes und seiner hypothetischen Vorstufen in die allgemeine altorientalische Geschichte, Religion und Kultur bzw. in den hellenistisch-römischen und frühjüdischen geschichtlichen und religiös-kulturellen Hintergrund einzuzeichnen. Im Theologiestudium wird daher auch Grundwissen aus benachbarten historischen Disziplinen vermittelt. So kann man beispielsweise herausarbeiten, dass Sprüche 22,17-23,11 zum Teil wörtliche Anklänge an einen ägyptischen Text um 1100 v. Chr. besitzt, die Lehre des Amenemope. Die Sintflut-Erzählung (Genesis 6-8) hat aufschlussreiche Parallelen im sumerischen Gilgamesch-Epos. Paulus verwendet nach der Schilderung in Apostelgeschichte 26,14 eine Formulierung aus Aischylos, Agamemnon ("Schwer ist es dir, gegen den Stachel auszuschlagen"); oder der Schreiber des Titusbriefs zitiert den griechischen Dichter Epimenides, De oraculis: "Die Kreter sind immer Lügner..." (Titus 1,12). Noch viel zahlreicher sind indirekte gedankliche Bezüge, wobei man jedoch auch nicht der "Parallelomanie" erliegen sollte, die bei jeder geringen Ähnlichkeit sofort eine Abhängigkeitsbeziehung zu außerbiblischen Texten vermutet. Der religionsgeschichtliche Vergleich wird in der Bibelexegese seit dem Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. Religionsgeschichtliche Schule, Bibel-Babel-Streit) intensiv betrieben.
Siehe auch Religionsgeschichtlicher Vergleich
- Literatur (s.u.): Söding 1998, 250-267; Fenske 1999, 122-140; Becker 2005, 119-121; Schnelle 2005, 139-148.
9. Redaktionsgeschichte: der Umgang des Autors mit seinen Quellen
Der Methodenschritt der Redaktionsgeschichte beschreibt, in welcher Weise ein späterer Autor die Quellen der jeweils früheren schriftlichen Überlieferungsstufe verarbeitet hat. Beim
Matthäusevangelium und
Lukasevangelium, die gemäß der
Zweiquellentheorie in vielen Textabschnitten auf das
Markusevangelium zurückgegriffen haben, wird beispielsweise untersucht, in welcher Weise sie vom Markusevangelium abweichen. Anhand der redaktionellen Veränderungen wird deren eigenes theologisches Profil bestimmt.
Solche redaktionellen Veränderungen können sein: stilistische Anpassungen; Umstellung von Textabschnitten; Kürzungen; Erweiterungen; Zusammenfügung verschiedener Traditionen; theologische Deutungen der literarischen Vorlage. Zum Teil wird auch die
Kompositionskritik in diesen Methodenschritt einbezogen, also die Analyse, wie das gesamte Werk, zum Beispiel das Lukasevangelium, strukturiert ist.
(Genaueres in Kürze.)
Siehe auch Redaktionsgeschichte bzw. Redaktionskritik
- Literatur (s.u.): Zimmermann 1982, 217-238; Conzelmann/Lindemann 1998, 115-125; Söding 1998, 208-220; Steck 1999, 76-97; Meiser/Kühneweg 2000, 98-108; Becker 2005, 76-97; Heininger/Ebner 2005, 347-381; Schnelle 2005, 149-163.
10. Zusammenfassende Interpretation und theologische Aussage(n)
Zum Schluss wird die Entstehung des Bibeltextes in seinen einzelnen mündlichen und schriftlichen Überlieferungsstufen noch einmal knapp zusammengefasst; dabei sollten auch die theologischen Beweggründe für die textlichen Veränderungen deutlich werden. Außerdem kann - das geht jedoch über die historisch-kritische Methode hinaus - danach gefragt werden, welche Rolle das Thema des Textes innerhalb der Bibel (
Biblische Theologie) oder der christlichen Theologie spielt.
- Literatur (s.u.): Söding 1998, 268-273; Steck 1999, 159-177; Meiser/Kühneweg 2000, 109-111; Utzschneider/Nitsche 2001, 286-295; Becker 2005, 128-136.
Probleme der historisch-kritischen Methode
a) Das Theorie-Praxis-Problem: Von wissenschaftlicher Seite wird häufig kritisiert, dass die Priester oder PastorInnen in der Praxis nur noch selten die historisch-kritische Methode anwenden, obwohl jeder Vorbereitung von Predigt oder Bibelstunde eine wissenschaftliche Exegese des Bibeltextes vorausgehen solle. Viele "Praktiker" jedoch beklagen ihrerseits, dass die historisch-kritische Methode nicht besonders hilfreich für die Predigtvorbereitung sei. Das Theorie-Praxis-Problem wird von manchen als Krise der klassischen Exegese gedeutet: Auf der einen Seite besitzt die biblische Exegese eine sehr ausgefeilte Methode der Auslegung (die historisch-kritische Methode), auf der anderen Seite wird sie in der nichtuniversitären Praxis kaum angewendet, offenbar weil in diesem Kontext noch andere Fragen und Anforderungen an die Bibelauslegung gestellt werden. Zwar ist in der aktuellen exegetischen Fachdiskussion vieles in Bewegung gekommen, seit den 1970er Jahren wächst die Zahl der in der Bibelexegese verwendeten Auslegungsmethoden rasant (vgl. Biblische Exegese). Allerdings umfasst die exegetische Ausbildung der TheologInnen weiterhin meist nur die historisch-kritische Methode, da sich andere Methoden erst noch etablieren müssen.
b) Distanzierung: Die Anwendung der historisch-kritischen Methode bewirkt eine geschichtliche Distanzierung des Auslegers vom Bibeltext. Die historisch-kritische Methode allein kann nicht klären, wie der Bibeltext für die Gegenwart Bedeutung erlangen kann. Außerdem verstelle die historisch-kritische Methode durch die aufwändige Detailarbeit den Blick auf das Ganze. Doch es wird auch nicht als Aufgabe der historisch-kritischen Methode angesehen, unmittelbar eine Basis für das christliche Leben zu geben, sondern nur die historische Bedeutung eines Bibeltextes herauszuarbeiten, wobei die Auslegenden im Sinne der Hermeneutik ihre Voraussetzungen und Methoden reflektieren.
Literatur
Geschichte der historisch-kritischen Methode
- Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments von der Reformation bis zur Gegenwart. (1956) 4. Aufl. (Nachdr. der 3., erw. Aufl. 1982) Neukirchener Verl., Neukirchen-Vluyn 1988 (620 S.) ISBN 3-7887-0701-1
- Werner Georg Kümmel: Das Neue Testament. Geschichte der Erforschung seiner Probleme. (1958) 2. Aufl. Alber, Freiburg/München 1970 (612 S.)
- Hans Werner Seidel: Die Erforschung des Alten Testaments in der katholischen Theologie seit der Jahrhundertwende (1962). Hrsg. v. Christoph Dohmen. Athenäums Monographien Theologie 86. Hain, Frankfurt a.M. 1993 ISBN 3-445-09149-8
- Henning Graf Reventlow: Epochen der Bibelauslegung. 4 Bde. Beck, München 1990-2001. Bd. 4: Von der Aufklärung bis zum 20. Jahrhundert, 2001 ISBN 3-406-34988-9. (Forscherportraits)
- Karl-Heinz Michel: Anfänge der Bibelkritik. Quellentexte aus Orthodoxie und Aufklärung. Brockhaus, Wuppertal 1985 ISBN 3-417-29314-6
- Klaus Scholder: Ursprünge und Probleme der Bibelkritik im 17. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Entstehung der historisch-kritischen Theologie. Chr. Kaiser, München 1966
- Gottfried Hornig: Die Anfänge der historisch-kritischen Theologie. Johann Salomo Semlers Schriftverständnis und seine Stellung zu Luther. Forschungen zur systematischen Theologie und Religionsphilosophie 8. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1961
- Henning Graf Reventlow: Bibelautorität und Geist der Moderne. Die Bedeutung des Bibelverständnisses für die geistesgeschichtliche und politische Entwicklung in England von der Reformation bis zur Aufklärung. Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte 30. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1980 (716 S.) ISBN 3-525-55135-5
- Henning Graf Reventlow, Walter Sparn, John Woodbridge (Hrsg.): Historische Kritik und biblischer Kanon in der deutschen Aufklärung. Wolfenbütteler Forschungen 41. Harrassowitz, Wiesbaden 1988 ISBN 3-447-02884-X
- Stephen Neill, Tom Wright: The Interpretation of the New Testament, 1861-1986. University Press, Oxford 2. Aufl. 1988.
- William Baird: History of New Testament Research. 2 Bde. Fortress Press, Minneapolis 1992/2003 (Bd. 1: From Deism to Tübingen, ISBN 0-8006-2626-5; Bd. 2: From Jonathan Edwards to Rudolf Bultmann, ISBN 0-8006-2627-3) (einzelne Forscherportraits)
- Marius Reiser: Die Prinzipien der biblischen Hermeneutik und ihr Wandel unter dem Einfluss der Aufklärung. In: Moisés Mayordomo (Hrsg.): Die prägende Kraft der Texte. Hermeneutik und Wirkungsgeschichte des Neuen Testaments. Ein Symposium zu Ehren von Ulrich Luz. Stuttgarter Bibelstudien 199. Verl. Kath. Bibelwerk, Stuttgart 2005, S. 65-102. ISBN 3-460-04991-X (sehr materialreiche neuere Einführung)
Historisch-kritische Methodenlehren
Diese Methodenbücher beschreiben das Vorgehen bei der Bibelauslegung Schritt für Schritt.
Altes Testament
- Klaus Koch: Was ist Formgeschichte? Methoden der Bibelexegese. (1964) 5. Aufl. Neukirchen-Vluyn 1989.
- Georg Fohrer et al.: Exegese des Alten Testaments. Einführung in die Methodik. UTB 267. (1973) 6., durchges. Aufl., Quelle & Meyer, Heidelberg 1993 ISBN 3-8252-0267-4
- Odil Hannes Steck: Exegese des Alten Testaments. Leitfaden der Methodik. Ein Arbeitsbuch für Proseminare, Seminare und Vorlesungen. 14., durchges. u. erw. Aufl. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 1999 ISBN 3-7887-1586-3 (immer noch das Standardwerk, ohne die neueren Ansätze)
- Gottfried Adam / Otto Kaiser u.a.: Einführung in die exegetischen Methoden. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2000 ISBN 3-579-02651-3 (bearb. Neuaufl. einer zwanzig Jahre alten Methodenlehre, knapp, zu AT S. 13-70)
- Helmut Utzschneider/Stefan Ark Nitsche: Arbeitsbuch literaturwissenschaftliche Bibelauslegung. Eine Methodenlehre zur Exegese des Alten Testaments. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001 ISBN 3-579-00409-3 (berücksichtigt auch die neueren "synchronen" Methoden)
- Manfred Dreytza/Walter Hilbrands/Hartmut Schmid: Das Studium des Alten Testaments. Eine Einführung in die Methoden der Exegese. Bibelwissenschaftliche Monographien 10. R. Brockhaus, Wuppertal 2002 ISBN 3-417-29471-1
- Christof Hardmeier: Textwelten der Bibel entdecken. Grundlagen und Verfahren einer textpragmatischen Literaturwissenschaft der Bibel. Band 1/1. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2003 ISBN 3-579-05449-X (Einführung in die textpragmatische Bibelauslegung, Transformation der bisherigen historisch-kritischen Methode)
- Uwe Becker: Exegese des Alten Testaments. Ein Methoden- und Arbeitsbuch. UTB 2664. Mohr Siebeck, Tübingen 2005 ISBN 3-8252-2664-6 (knappe Übersicht; ohne neuere Methoden; weiterführende Literaturangaben)
- Siegfried Kreuzer/Dieter Vieweger/Friedhelm Hartenstein/Jutta Hausmann/Wilhelm Pratscher: Arbeitsbuch Prosemniar I: Altes Testament. Kohlhammer, 2. überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart 2005 ISBN 3-17-019063-6 (Darstellung der klassischen Arbeitschritte mit ergänzenden Beiträgen zu: Biblische Archäologie; Soziologische und Sozialgeschichtliche Auslegung; Ikonographie; Feministische Exegese; Tiefenpsychologie und Textauslegung)
Neues Testament
- Heinrich Zimmermann: Neutestamentliche Methodenlehre. Darstellung der historisch-kritischen Methode. 7. Aufl. neubearb. v. Klaus Kliesch. Kath. Bibelwerk, Stuttgart 1982
- Klaus Berger: Exegese des Neuen Testaments. Neue Wege vom Text zur Auslegung. UTB 658, 2., durchgesehene Auflage, Quelle & Meyer, Heidelberg 1984 ISBN 3-494-02070-1
- Gerhard Lohfink: Jetzt verstehe ich die Bibel. Ein Sachbuch zur Formkritik. 13. Aufl. Kath. Bibelwerk, Stuttgart 1986 ISBN 3-460-30632-7
- Klaus Haacker: Neutestamentliche Wissenschaft. Eine Einführung in Fragestellungen und Methoden. (1981) 2. Aufl. R. Brockhaus, Wuppertal 1985 (eher knapp)
- Dieter Lührmann: Die Auslegung des Neuen Testaments. Zürcher Grundrisse zur Bibel. (1984) 2. Aufl. Zürich 1987
- Wilhelm Egger: Methodenlehre zum Neuen Testament. Einführung in linguistische und historisch-kritische Methoden. Herder, Freiburg 1987 ISBN 3-7462-0441-0 (Klassiker; bezieht linguistische Methoden ein)
- Grant R. Osborne: The Hermeneutical Spiral. A Comprehensive Introduction to Biblical Interpretation. InterVarsity, Downers Grove 1991 ISBN 0-8308-1288-1 (ein Beispiel für ein recht detailliertes engl. Methodenbuch)
- Hans Conzelmann / Andreas Lindemann: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. UTB 52. (1975) 12. Aufl. Tübingen 1998 ISBN 3-8252-0052-3 (Klassiker; rein historisch-kritisch; mehreren Generationen von ev. Theologiestudenten bekannt)
- Willi Marxsen: Einleitung in das Neue Testament. Eine Einführung in ihre Probleme. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1978 (4. Aufl.) ISBN 3-579-04444-3
- Thomas Söding: Wege der Schriftauslegung. Methodenbuch zum Neuen Testament. Unter Mitarb. v. Christian Münch. Herder, Freiburg/Basel/Wien 1998 ISBN 3-451-26545-1 (sehr fundiert)
- Wolfgang Fenske: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments. Ein Proseminar. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1999 ISBN 3-579-02624-0
- Heinz-Werner Neudorfer / Eckhard J. Schnabel (Hrsg.): Das Studium des Neuen Testaments. Band 1: Eine Einführung in die Methoden der Exegese. Bibelwissenschaftliche Monographien 5. Brockhaus, Wuppertal; Brunnen, Gießen/Basel 1999 ISBN 3-417-29434-7
- Martin Meiser / Uwe Kühneweg u.a.: Proseminar II. Neues Testament - Kirchengeschichte. Ein Arbeitsbuch. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln 2000 ISBN 3-17-015531-8
- Martin Ebner / Bernhard Heininger: Exegese des Neuen Testaments. Ein Arbeitsbuch für Lehre und Praxis. Schöningh, Paderborn 2005 ISBN 3-8252-2677-8 (didaktisch ausgefeilt, ziemlich unkonventionell)
- Udo Schnelle: Einführung in die neutestamentliche Exegese. 6. neubearb. Aufl. UTB 1253. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005 ISBN 3-525-03230-7 (knappe Übersicht; wird im ev. Theologiestudium häufig verwendet)
Zum Problem der historisch-kritischen Methode in der Theologie
- Ernst Troeltsch: Ueber historische und dogmatische Methode in der Theologie (1900). In: Gesammelte Schriften II, Aalen 1922, 729-753. Auch in: Friedemann Voigt (Hg.): Ernst Troeltsch Lesebuch. Ausgewählte Texte. UTB 2452. Mohr Siebeck, Tübingen 2003, 2-25. ISBN 3-8252-2452-X
- Klassiker und immer wieder zitiert. Troeltsch benennt drei Merkmale der historisch-kritischen Methode: Kritik, Analogie und Korrelation. Durch das historische Denken gebe es keine absoluten Wahrheiten mehr, auch müsse alles in der Bibel innerweltlich erklärt werden. Er fordert ein ausschließlich historisches Arbeiten in der Theologie.
- Adolf Schlatter: Atheistische Methoden in der Theologie. BFChTh 9. Bertelsmann, Gütersloh 1905. Auch in: Adolf Schlatter, Atheistische Methoden in der Theologie, hg. v. Heinzpeter Hempelmann. Wuppertal 1985; sowie Adolf Schlatter, Die Bibel verstehen. Aufsätze zur biblischen Hermeneutik, hg. v. Werner Neuer. Brunnen, Gießen/Basel 2002, 131-148. ISBN 3-7655-1281-8 (klassische Formulierung des Problems)
- Karl Barth: Der Römerbrief. 1922. (Vorwort: "Kritischer müssten mir die Historisch-Kritischen sein!")
- Rudolf Bultmann: Ist voraussetzungslose Exegese möglich?. Theologische Zeitschrift 13 (1957), 409-417. Auch in: Glauben und Verstehen III. Tübingen 2. Aufl. 1966, 142-150; sowie in: Neues Testament und christliche Existenz. Theologische Aufsätze. Ausgewählt, eingel. und hrsg. v. Andreas Lindemann. UTB 2316. Mohr Siebeck, Tübingen 2002, 258-266. ISBN 3-8252-2316-7
- Hans Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik (1960). Gesammelte Werke I. 6. Aufl. Mohr (Siebeck), Tübingen 1990. ISBN 3-16-145613-0 (sein philosophisches Hauptwerk, das die Grenzen der Anwendung einer Methode des Verstehens aufzeigen soll, hat auch die historisch-kritische Methode in der Theologie im Blick)
- Gerhard Ebeling: Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode für die protestantische Theologie und Kirche. In: ders., Wort und Glaube I. Tübingen 2. Aufl. 1962, 1-49.
- Hellmuth Frey: Um den Ansatz theologischer Arbeit. In: O. Betz u.a. (Hgg.): Abraham, unser Vater. Juden und Christen im Gespräch über die Bibel. Festschrift für Otto Michel zum 60. Geburtstag. AGJU 5. Brill, Leiden/Köln 1963, 153-180. Auch in: Hellmuth Frey/Hans-Jürgen Peters: Geistliche Schriftauslegung. Brunnen, Gießen 2001, 11-39. ISBN 3-7655-9092-4
- Ernst Käsemann: Vom theologischen Recht historisch-kritischer Exegese. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 64 (1967), 259-281.
- Karl Lehmann: Der hermeneutische Horizont der historisch-kritischen Exegese. In: J. Schreiner (Hg.): Einführung in die Methoden der biblischen Exegese, 1971, 40-80.
- Ferdinand Hahn: Probleme historischer Kritik. In: ZNW 63 (1972), 1-17.
- Friedrich Mildenberger: Die Gegenläufigkeit von historischer Methode und kirchlicher Anwendung als Problem der Bibelauslegung. In: Theologische Beiträge 3 (1972), 57ff.
- J. M. Hollenbach / H. Staudinger (Hg.): Moderne Exegese und historische Wissenschaft. Trier 1972, 49ff. (Kritik von Profanhistorikern an den exegetischen Methoden)
- Paul Ricoeur: Skizze einer abschließenden Zusammenfassung. In: Xavier Léon-Dufour (Hg.): Exegese im Methodenkonflikt. Zwischen Geschichte und Struktur. Kösel, München 1973, 188-199. (drei Illusionen der historisch-kritischen Methode)
- Gerhard Maier: Das Ende der historisch-kritischen Methode. Brockhaus, Wuppertal 1974. 5. Aufl. 1984. (evangelikal)
- K. Buchheim: Der historische Christus. Geschichtswissenschaftliche Überlegungen zum Neuen Testament. München 1974. (kritische Sicht eines Profanhistorikers auf die Exegese)
- Karl Lehmann: Über das Verhältnis der Exegese als historisch-kritischer Wissenschaft zum dogmatischen Verstehen. In: Rudolf Pesch/Rudolf Schnackenburg (Hgg.): Jesus und der Menschensohn. Für Anton Vögtle. Freiburg/Basel/Wien 1975, 421-434.
- Walter Wink: Bibelauslegung als Interaktion. Über die Grenzen historisch-kritischer Methode. UB 622. 1976.
- Armin Sierszyn: Die Bibel im Griff? Historisch-kritische Denkweise und biblische Theologie. 1978. Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2001. ISBN 3-7751-3685-1 (evangelikal)
- Hans Weder: Zum Problem einer "christlichen Exegese". Ein Versuch, einige methodologische und hermeneutische Anfragen zu formulieren. In: New Testament Studies 27 (1981), 64-82.
- H. W. Schmidt: Grenzen und Vorzüge historisch-kritischer Exegese. Eine kleine Verteidigungsrede. In: Evangelische Theologie 45 (1985), 469-481.
- Karl-Heinz Michel: Sehen und Glauben. Schriftauslegung in der Auseinandersetzung mit Kerygmatheologie und historisch-kritischer Forschung. Brockhaus, Wuppertal 1982.
- Ferdinand Hahn: Die historisch-kritische Methode - Voraussetzung, Aporien und Anwendungsmöglichkeiten. In: H. Riedlinger (Hg.): Die historisch-kritische Methode und die heutige Suche nach einem lebendigen Verständnis der Bibel, 1985, 54-71.
- H. Riedlinger: Der Übergang von der geschichtlichen zur geistlichen Bibelauslegung in der christlichen Theologie. In: ders. (Hg.): Die historisch-kritische Methode und die heutige Suche nach einem lebendigen Verständnis der Bibel, 1985, 89-115.
- Joseph Papst Ratzinger: Schriftauslegung im Widerstreit. Zur Frage nach Grundlagen und Weg der Exegese heute. In: Joseph Ratzinger (Hg.): Schriftauslegung im Widerstreit. Quaestiones Disputatae 117. Freiburg 1989, 15-44.
- Walter Kasper: Prolegomena zur Erneuerung der geistlichen Schriftauslegung. In: Hubert Frankemölle/Karl Kertelge (Hgg.), Vom Urchristentum zu Jesus. FS Joachim Gnilka. Freiburg 1989, 508-526.
- Christoph Dohmen: Muss der Exeget Theologe sein? oder: Vom rechten Umgang mit der Heiligen Schrift. In: Trierer Theologische Zeitschrift 99 (1990), 1-14.
- Gerhard Maier: Biblische Hermeneutik. Brockhaus, Wuppertal 1990. 5. Aufl. 2003 (S. 213-331) ISBN 3-417-29355-3 (evangelikal)
- Ferdinand Hahn: Der Ertrag der historisch-kritischen Bibelauslegung für Glauben und Kirche. In: A. Raffelt (Hg.): Begegnung mit Jesus? Was die historisch-kritische Methode leistet, 1991, 67-84.
- Erich Gräßer: Die historisch-kritische Methode als Verstehenshilfe. Beispiel: Die Leben-Jesu-Forschung. In: A. Raffelt (Hg.): Begegnung mit Jesus? Was die historisch-kritische Methode leistet, 1991, 29ff.
- Thomas Söding: Geschichtlicher Text und heilige Schrift - Fragen zur theologischen Legitimität historisch-kritischer Exegese. In: Th. Sternberg (Hg.): Neue Formen der Schriftauslegung? Quaestiones Disputatae 140. Herder, Freiburg i.Br. 1992, 75-130.
- Thomas Söding: Historische Kritik und theologische Interpretation. Erwägungen zur Aufgabe und zur theologischen Kompetenz historisch-kritischer Exegese. In: Theologie und Glaube 80 (1992), 27-59.
- Thomas Söding: Zugang zur Heiligen Schrift. Der Ort der historisch-kritischen Exegese im Leben der Kirche. Glaube und Leben 66 (1993), 47-70.
- Die Interpretation der Bibel in der Kirche (HTML) Dokument der Päpstlichen Bibelkommission von 1993, Abschnitt I.A. zur historisch-kritischen Methode (knappe Beschreibung; Leistungen und Grenzen)
- Karl Kertelge: Historisch-kritische Schriftauslegung. Methoden und theologischer Stellenwert. In: H.-J. Fabry u.a., Bibel und Bibelauslegung. Das immer neue Bemühen um die Botschaft Gottes, 1993, 62ff.
- Ulrich Wilckens: Schriftauslegung in historisch-kritischer Forschung und geistlicher Betrachtung. In: In: Wolfhart Pannenberg/Theodor Schneider (Hgg.): Verbindliches Zeugnis II. Schriftauslegung - Lehramt - Rezeption. Göttingen/Freiburg 1995, 13-66. (ökumenische Konsultation; Position der ev. Seite)
- Thomas Söding: Wissenschaftliche und kirchliche Schriftauslegung. Hermeneutische Überlegungen zur Verbindlichkeit der Heiligen Schrift. In: Wolfhart Pannenberg/Theodor Schneider (Hgg.): Verbindliches Zeugnis II. Göttingen/Freiburg 1995, 72-121. (ökumenische Konsultation; Position der kath. Seite)
- Ferdinand Hahn: Die Bedeutung der historisch-kritischen Methode für die evangelische und die katholische Exegese. In: Münchener Theologische Zeitschrift 48 (1997), 231-237.
- Manfred Oeming: Biblische Hermeneutik. Eine Einführung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998 (S. 31-46, bes. 42ff zu Leistungen und Grenzen der historisch-kritischen Methode) ISBN 3534125525
- Rochus Leonhardt: Unklarheit über die Klarheit der Schrift. Skeptische Überlegungen zum protestantischen Schriftprinzip. In: Berliner Theologische Zeitschrift 16 (1999), 157-183.
- Rochus Leonhardt/Martin Rösel: Reformatorisches Schriftprinzip und gegenwärtige Schriftauslegung. Ein interdisziplinärer Gesprächsbeitrag zur zeitgemässen Schrifthermeneutik. In: Theologische Zeitschrift 56 (2000), 298-324. (Vorteile und Nachteile des methodischen Atheismus der Exegese; Plädoyer für rezeptionsgeschichtlichen Ansatz)
- Jörg Disse: Theologische und historisch-kritische Exegese. Eine philosophisch-theologische Grundlegung. In: Alexius J. Bucher (Hg.): Welche Philosophie braucht die Theologie? Eichstätter Studien 47. F. Pustet, Regensburg 2002, 111-134. Thesen (HTML)
- Christina Metzdorf: Die Tempelaktion Jesu. Patristische und historisch-kritische Exegese im Vergleich. WUNT II/168. Mohr Siebeck, Tübingen 2003. ISBN 3-16-148190-9 (Vergleich der Bibelauslegung in der Alten Kirche mit derjenigen im 19./20. Jh.)
- Susanne Klinger: Status und Geltungsanspruch der historisch-kritischen Methode in der theologischen Hermeneutik. Forum Systematik 15. Kohlhammer, Stuttgart 2003. ISBN 3-17-017371-5 (am Beispiel der Auferstehung Jesu, systematisch-theologisch)
- Erik Müller: Offenbarung und Methode - Theo-Logie und Historie im Widerstreit?. Pontes 13. Lit-Verlag, Münster/Hamburg/London 2003 ISBN 3-8258-6400-6 (philosophische und geschichtstheoretische Arbeit)
- Jörg Lauster: Prinzip und Methode. Die Transformation des protestantischen Schriftprinzips durch die historische Kritik von Schleiermacher bis zur Gegenwart. Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie 46. Mohr Siebeck, Tübingen 2004 ISBN 3-16-148305-7
- Joachim Kügler: Die Gegenwart ist das Problem! Thesen zur Rolle der neutestamentlichen Bibelwissenschaft in Theologie, Kirche und Gesellschaft. In: Ulrich Busse (Hg.), Die Bedeutung der Exegese für Theologie und Kirche. Quaestiones Disputatae 215. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2005, 10-37 (die bisherige Bibelwissenschaft habe sich weitgehend irrelevant für Kirche und Gesellschaft erwiesen)
Populärwissenschaftliche Radikalkritik
- Gerhard Bergmann: Alarm um die Bibel. Warum die Bibelkritik der modernen Theologie falsch ist. Schriftenmissions-Verlag, Gladbeck 1963. 5. Aufl. 1974. (Aufruf führte ab 1966 zur evangelikalen Protestbewegung gegen "die moderne Theologie")
- Eta Linnemann: Original oder Fälschung. Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel. Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld 2. Aufl. 1999. Online (PDF) vgl. auch "Wissenschaft oder Meinung?" und "Bibelkritik auf dem Prüfstand"
Siehe auch
Weblinks
Methoden biblischer Exegese | Christentumsgeschichte (Neuzeit)
Historisk-kritisk metode | Historical-critical method