Hildegard von Bingen (* 16. September 1098; † 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen) war eine Äbtissin und Mystikerin. Sie beschäftigte sich mit so unterschiedlichen Disziplinen wie Religion, Medizin, Biologie und Musik. Politisch hat sie es in der Zeit des Mittelalters als Frau geschafft, sich gegen herrschende Meinungen durchzusetzen. Die Andersartigkeit ihrer Denkansätze birgt nach Ansicht vieler noch heute Entdeckungspotential und Interpretationsmöglichkeiten. Ihre Reliquien werden in Eibingen aufbewahrt.
Ab 1106 (eine andere Quelle nennt 1112) lebte Hildegard bei Jutta von Sponheim, ihrer Lehrmeisterin, in einer Klause an dem von Benediktinermönchen bewohnten Kloster Disibodenberg.
Nach dem Tode Juttas von Sponheim wurde sie 1136 zur Lehrmeisterin der versammelten Schülerinnen gewählt. Bei der Leitung ihrer Anhängerschaft und zur Begründung ihrer geschriebenen Texte berief sich Hildegard auf Visionen, die nach ihrer eigenen Darstellung 1141 einsetzten. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Hugo von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Möchtums, weitgehend ablehnte. So lockerte sie in den Reihen ihrer Anhängerinnen die Speisebestimmungen und kürzte die Gebets- und Gottesdienstzeiten. Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da die Frauen zu ihrem Kloster gehörten. Im Verlauf der Auseinandersetzungen um die Abspaltung ihrer Anhängerschaft suchte Hildegard Unterstützung bei Bernhard von Clairvaux, der jedoch Visionen skeptisch gegenüber stand und Hildegard in einem Brief vor Überheblichkeit warnte.
Dennoch begann Hildegard 1141 in Zusammenarbeit mit Propst Volmar von Disibodenberg und ihrer Vertrauten, der Nonne Richardis von Stade, ihre Visionen und theologischen wie anthropologischen Vorstellungen in lateinischer Sprache niederzuschreiben. Da sie selbst kein Latein beherrschte, ließ sie alle Texte von ihrem Schreiber übersetzen. Ihr Hauptwerk Liber Scivias Domini (Wisse die Wege des Herrn) entstand in einem Zeitraum von sechs Jahren. Dieses Buch enthält 35 Miniaturen. Diese Miniaturen theologischen Inhalts sind äußerst kunstvoll in leuchtenden Farben gemalt und dienen hauptsächlich zur Veranschaulichung des komplizierten und tiefsinnigen Textes.
Während einer Synode in Trier bekam Hildegard 1147 schließlich von Papst Eugen III. die offizielle Erlaubnis, ihre Visionen zu veröffentlichen. Diese Erlaubnis stärkte auch ihre politische Bedeutung. Darüber hinaus wurde sie zu diesem Zeitpunkt wegen ihrer Visionen geschätzt und stand mit vielen geistlichen und weltlichen Mächtigen in Korrespondenz. So in ihrer Bedeutung gefestigt, gründete sie um 1150 schließlich das Kloster Rupertsberg auf der linken Seite der Nahe. Heute gehört der später um das Kloster Rupertsberg entstandene Ort Bingerbrück zu Bingen am Rhein.
Bereits 1151 kam es zu neuen Auseinandersetzungen mit geistlichen Amtsträgern: Der Mainzer Erzbischof Heinrich und sein Bremer Amtsbruder verlangten, dass Richardis von Stade das neue Kloster verlasse. Richardis war die Schwester des Bremer Erzbischofs und sollte Äbtissin des Klosters Bassum werden. Hildegard verweigerte die Freistellung ihrer engsten Mitarbeiterin zunächst und schaltete Eugen III. ein. Dennoch setzten sich die beiden Erzbischöfe schließlich durch und Richardis verließ das Kloster Rupertsberg.
Nach dieser Einigung bestätigte Erzbischof Heinrich schließlich die Überschreibung der durch Hildegards Ruf sehr umfangreich gewordenen Klostergüter. Das Kloster wurde durch Schenkungen äußerst wohlhabend. Dies wirkte sich auch auf das Klosterleben aus und rief Kritik hervor. So griffen mehrere Geistliche Hildegard an, weil ihre Nonnen entgegen dem monastischen Armutsgebot luxuriös lebten und nur Frauen aus adligen Familien aufgenommen wurden. Hildegard trat der populären Bewegung der Bettelorden entschieden entgegen.
Hildegard gründete 1165 in Eibingen ein noch bestehendes Filialkloster, das heute die Rechte der Klöster Rupertsberg und Eibingen besitzt (seit der Zerstörung von Rupertsberg 1632). Die erhaltenen Kunstgegenstände, vor allem das gold-purpurne Antependium, zeugen vom Reichtum Rupertsbergs.
Wegen ihres Glaubens und ihrer Lebensart wurde sie für viele Menschen zur Wegweiserin. Schon zu ihren Lebzeiten nannten viele sie eine Heilige. Hildegard begründete diese Auffassung, indem sie sich für ihre theologischen und philosophischen Aussagen immer wieder auf Visionen berief. Damit sicherte sie ihre Lehren gegen die Lehrmeinung ab, dass Frauen aus eigener Kraft nicht zu theologischen Kenntnissen in der Lage seien. Sie selbst bezeichnete sich als "ungebildet". Unter anderem griff sie auf der Seite des Papstes in die theologische Auseinandersetzung um die Wandlung des Altarsakraments ein.
Ihre moralische Lehre faszinierte zu ihrer Zeit nicht nur die Nonnen, sondern auch Mönche, Adlige und Laien. Mit starkem Selbstbewusstsein setzte sie ihre Interessen gegen andere durch, sowohl aus Überzeugung als auch zur Durchsetzung politischer Ziele (z. B. bei der Bestattung eines begüterten Exkommunizierten oder dem Abstreiten der Besitzrechte des Disibodenberges).
Ihre umfangreiche Korrespondenz mit hohen geistlichen und weltlichen Würdenträgern (darunter auch Bernhard von Clairvaux) ist in ca. 300 Schriftstücken erhalten geblieben. Darin zeigt sie ihren außergewöhnlich starken Charakter und Gottesglauben. Für ihre Zeit wirken ihre offenen Worte und Ermahnungen, die sie gegenüber König und Papst führte, besonders bemerkenswert. Ihre Herkunft sowie die Besetzung höchster Kirchenämter durch Verwandte (u. a. ihr Bruder Hugo als Domkantor von Mainz) verschafften ihr den nötigen Einfluss, um angehört zu werden.
In ihrem dritten Werk, dem "Liber divinorum operum - Welt und Mensch", einer gewaltigen Kosmosschrift, läßt Hildegard die Welt als Kunstwerk Gottes aufstrahlen. Der Mensch erscheint als Mikrokosmos, der in all seinen körperlichen und geistigen Gegebenheiten die Gesetzmäßigkeiten des gesamten (Makro)-Kosmos widerspiegelt. Alles ist aufeinander bezogen, wechselseitig miteinander verbunden und in Gott untrennbar vereint. Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist auch ein Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. Diese sind ganz davon geprägt, daß Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben, der allein gute Werke und eine maßvolle Lebens-Ordnung hervorbringt, ausgehen kann. Auch hier war Hildegard nicht nur eine Prophetin ihrer Zeit, sondern kann auch dem heute suchenden Menschen Wegweisung und Orientierung geben.
Die kompositorische Leistung der Hildegard von Bingen wird in der Fachwelt jedoch kontrovers diskutiert. Die in vielen Teilen stark vom zeitüblichen Gregorianischen Gesang abweichenden Notationen und reichhaltigen Melismen mit ihren weiten Amplituden sowie immer wiederkehrende Neumenabfolgen sprechen entweder für eine individuelle Innovation seitens Hildegards oder aber für ein mangelndes Können, das in einer Art "Baukastensystem" die einzelnen Neumen mit dem Text verbindet. Die Frage, ob die Melodien den Texten angepasst wurden oder ob sich der Liedtext den Neumen unterordnet, wurde bislang von der Musikwissenschaft nicht eindeutig beantwortet.
Bereits zu Lebzeiten wurde Hildegard wie eine Heilige verehrt. 1228 wurde ein erster Antrag auf Heiligsprechung gestellt. Das Verfahren dauerte jedoch so lange, dass selbst der letzte Versuch einer Kanonisation unter Papst Innozenz IV. im Jahre 1244 zu keinem Ergebnis führte. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde Hildegard dann in das Martyrologium, das Verzeichnis der Heiligen der Kirche, aufgenommen, ohne dass eine Kanonisierung erfolgte. Die regelmäßig zu größeren Festlichkeiten oder Jubiläen von Heiligen übersendeten päpstlichen Bullen zeugen von der großen Bedeutung Hildegards, die Bestätigung durch den aktuellen Papst Benedikt XVI. findet, der sich schon in seiner Zeit als Professor in Bonn intensiv mit dem Leben und den Schriften Hildegards beschäftigte.
Von verschiedenen Gruppierungen wurde im 20. Jahrhundert ein Verfahren zur Anerkennung Hildegards als "Kirchenlehrerin" eingebracht. Dieses Verfahren ist nach wie vor im Vatikan in der Prüfungsphase.
Hildegard hat als eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters eine große Anzahl von Reliquien geschenkt bekommen und zusammengetragen. Diese als "Eibinger Reliquienschatz" bezeichneten Reliquien befinden sich, wie der Hildegardisschrein selbst, in der Pfarrkirche "Sankt Hildegard und St. Johannes d.T." in Eibingen. Der Reliquienschatz wird in dem südlichen Teil des Hauptschiffes in einem gläsernen Altar aufbewahrt. Der Hildegardisschrein befindet sich im Altarraum der Kirche in einem Hochgrab.
Das religiös katholisch geprägte Hildegardisfest wird jährlich am 17. September in Eibingen gefeiert. Es gliedert sich traditionell in das am Morgen gehaltene Pontifikalamt und die mittags stattfindende Reliquienfeier mit anschließender Reliquienprozession durch die Straßen von Eibingen. Der Reliquienschrein wird an diesem Tag geöffnet. Das Fest schließt mit der Hildegardisvesper in der ebenfalls in Eibingen gelegenen Abtei "St. Hildegard".
Die Hildegard-Forschung hat mittlerweile weltweite Bedeutung gewonnen. In Deutschland und Europa befassen sich unzählige Diplomarbeiten, Forschungsgruppen und Hildegard-Gesellschaften mit den Schriften und dem Wirken der Heiligen. In den letzten Jahren hat verstärkt Interesse an den Hildegard-Werken aus den Vereinigten Staaten und Asien eingesetzt. Hildegard-Kongresse in den USA oder Asien zeugen vom weltumspannenden Interesse am Thema der Nonnenklöster im allgemeinen und Hildegard im besonderen.
Die heutige Wissenschaft interpretiert Hildegard von Bingens göttliche Visionen als durch Migräneanfälle ausgelöste Phänomene. Oliver Sacks bezieht sich auf Bilder der Hildegard von Bingen, auf denen er alle Variationen visueller Auren erkennen kann. Man kann auf den Bildern leuchtende Sterne (Phosphene) sehen, ebenso Skotome (Gesichtsfeldausfälle). Ebenso sind für Migräneanfalle typische Fortifikationsfiguren abgebildet, also zickzackförmige Strukturen, die Befestigungsanlagen gleichen.
Frau | Deutscher | Heiliger | Abt | Katholischer Theologe (12. Jh.) | Mystiker | Botaniker | Mediziner des Mittelalters | Autor | Literatur (Latein) | Sachliteratur | Religiöse Literatur | Mittelalter (Literatur) | Geboren 1098 | Gestorben 1179 | Rheingau
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