Die Herrenhäuser Gärten in Niedersachsens Landeshauptstadt Hannover setzen sich aus dem Großen Garten, dem Berggarten sowie dem Georgen- und Welfengarten zusammen.
Der Große Garten zählt zu den bedeutenden Barockgärten Europas. Er stellt das historische Kernstück der Herrenhäuser Gärten dar, eine große, annähernd rechteckige, von einer Gracht umschlossene Gartenfläche. Davon räumlich getrennt sind der Berggarten, der Georgengarten und der Welfengarten. Der Berggarten entwickelte sich von einem Gemüse- und Anzuchtgarten zu einem botanischen Garten mit eigenen Attraktionen. Im Stil englischer Landschaftsgärten sind der Georgengarten und der Welfengarten angelegt, welche als beliebte Naherholungsgebiete innerhalb der Stadt Hannover gelten. Gemeinsam ist allen vier Gärten eine mehrere hundert Jahre alte Geschichte und eine Attraktivität bis in die heutige Zeit.
Herzog Georg von Calenberg ließ 1638 bei Herrenhausen, das damals ein selbständiges Dorf namens Höringehusen war, einen Garten mit Gebäuden anlegen. Zu diesem Zeitpunkt entsprach der Große Garten von seiner Ausdehnung her der Größe eines Ziergartens. Georg von Calenbergs Sohn Johann Friedrich ließ sich hier ein Schloss erbauen und beauftragte seinen Gärtner Michael Grosse mit dem Bau eines Lustgartens.
Zwischen der ersten Anlage des Gartens bis zu seiner heutigen Ausdehnung unternahmen die folgenden Besitzer erhebliche Veränderungen und Erweiterungen. Das wahrscheinlich größte Motiv für die Erweiterungen der Gartenanlage besaß Herzog Ernst August, dessen Ernennung zum Kurfürsten im Jahre 1692 bevorstand.
Erste kleinere Erweiterungen fanden durch Henri Perronet (gest. 1690) statt; der Große Garten war zu diesem Zeitpunkt von seinen Abmessungen her etwa halb so lang und breit – also ein Viertel so groß – wie heute. Zwischen 1676 und 1680 fanden erhebliche Ausbauarbeiten statt. In diesem Zeitraum wurde das Herrenhäuser Schloss erweitert und 1676 die Große Kaskade sowie ein Jahr später die Grotte erbaut. Federführend für die Arbeiten an Schloss und Gartenanlage waren in dieser Zeit der Hofarchitekt Sartorio, Fontainenmeister Cadart (Catarre) sowie Hofbauschreiber Westermann.
Die Hauptaufgabe des Fontainenmeisters bestand darin, die zahlreichen Wasserspiele und vor allem die Große Fontäne mit Wasser zu versorgen. Zunächst scheiterte Cadart an dieser Aufgabe. Erst 1696 kam Gottfried Wilhelm Leibniz auf die Idee, die Leine aufzustauen und mit einem das Gefälle nutzendem Pumpwerk die Wasserversorgung der Gartenanlage zu sichern. Aus England kamen der Mechaniker Andrews sowie der Kunstmeister Joseph Cleeves mit seinem Sohn Johann, die, nachdem andere Mechaniker gescheitert waren, mit der Realisierung betraut wurden. Zur Einweihung 1719 kam der König von England, Georg I., nach Hannover. Statt der erhofften zwanzig war der Wasserstrahl der Fontäne jedoch nur enttäuschende fünf Meter hoch. Der französische Mechaniker Desagulier erkannte den Fehler: Das Verbindungsrohr vom Bassin war nicht gekrümmt, sondern rechtwinklig gebogen. Im September 1720 waren die Arbeiten endlich beendet. Die Große Fontäne erreicht erstmals 1721 eine Höhe von ungefähr 36 Metern, die Leistung wurde in den Folgejahren bis auf etwa 70 Meter gesteigert; durch Einsatz einer Ringdüse wird ein Hohlstrahl erzeugt. Das als Wasserkunst bezeichnete Pumpwerk liegt außerhalb der Gartenanlage und ist heute ein funktionsfähiges technisches Denkmal.
Wichtige Weiterentwicklungen erfolgten durch Martin Charbonnier (ca.1655-1720). Bei weiteren Baumaßnahmen entstanden in den Jahren 1707 und 1708 ein Pagenhaus im nordwestlichen Teil der Anlage sowie je ein Tempel in der südöstlichen und in der südwestlichen Ecke des Großen Gartens. Alle drei Gebäude existieren noch heute.
Doch bald wuchs der Bedarf nach neuen Gebäuden. In den Jahren von 1720 bis 1723 entstand die Orangerie durch den Hofarchtitekten Böhm im Nordosten. Bereits 1739 musste die in Fachwerkbauweise ausgeführte Nordwand der Orangerie erneuert werden. Zwischen 1747 und 1749 entstand im nordwestlichen Teil ein kleineres, zweigeschossiges Gebäude als Wohnung für den Gartendirektor von Hardenberg nach einem Entwurf des Hofarchitekten Heumann.
Hannover Schloss zu Herrenhausen (um 1895).jpg
Von 1819 bis 1821 erneuerte der Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves das Schloss Herrenhausen und zwei Jahre später die Orangerie. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts geriet der Große Garten in Vergessenheit, da sich die folgenden in Personalunion regierenden Herrscher von Hannover und Großbritannien in London aufhielten und sich nicht um den Garten kümmerten. Dies entpuppte sich als Glücksfall für den Garten: Während im 18. Jahrhundert viele Fürsten anfingen, ihre Barockgärten der damaligen Mode folgend in Landschaftsgärten umzugestalten, blieb der Große Garten unverändert.
1862 wählte Georg V. von Hannover Herrenhausen zu seiner ständigen königlichen Residenz. Nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen und der Annexion Hannovers endete 1866 die gesellschaftliche Bedeutung des Großen Gartens und die Anlage verwahrloste erneut. Ein Jahr zuvor erreichte die Große Fontäne nach technischen Verbesserungen eine Höhe von etwa 56 Metern.
Im Zweiten Weltkrieg wurde 1943 das Schloss Herrenhausen nach britischem Bombardement völlig zerstört. Auf den Wiederaufbau des Schloßgebäudes wurde verzichtet; die Gartenanlage war erst im Jahr 1966 annähernd wiederhergestellt. Die Grotte, die Große Kaskade und die Freitreppe des Schlosses waren unzerstört geblieben: Die Grotte (auf dem Bild Schloss zu Herrenhausen um 1895 links zu sehen) sowie die Kaskade (rechts) stehen noch auf ihrem ursprünglichen Platz, während die Freitreppe im folgendem Wiederaufbau der Gartenanlage an den südwestlichen Rand des Parterre versetzt wurde.
Zum ursprünglichen Erhalt des Großen Gartens trugen verschiedene, aber verworfene Vorschläge zur Neugestaltung bei. Die Ideen für eine Umgestaltung kamen hauptsächlich zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem folgenden Jahrtausendwechsel. Besonders der leere Platz, auf dem einstmals das Schloss Herrenhausen stand, war Gegenstand verschiedener Verbesserungsvorschläge. Zwei Vorschläge (im April und Mai 1958 von Oberbaurat Karl Cravatzo vorgetragen) sahen ein Schlosshotel vor. Ein Jahr später entwarf Professor Dr.-Ing. Otto Fiederling ein Museum für bildende Künste mitsamt einer Kunsthalle. 1963 sollte nach einem Vorschlag von Oberbaurat Carl Kravatzo die Musikhochschule den Schlossplatz einnehmen.
Wiederum ein Jahr später sollte eine Aussichtstribüne mit Restaurant namens Bella Vista entstehen. Im selben Jahr entstand tatsächlich nördlich der Kaskade ein provisorisches Restaurant, welches im Laufe der Zeit erweitert wurde. Ein recht teurer Vorschlag stammte vom 1977 amtierenden niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, der das Herrenhäuser Schloss gerne rekonstruiert gesehen hätte. Dazu vergleichsweise klein nahm sich eine im folgenden Jahr vorgetragene Idee der Ingenieure Jürgen Haack und Peter Krüger aus, eine bepflanzte Aussichtsplatform zu schaffen. In den letzten Jahren kam es zu einer zunehmenden Diskussion um einen möglichst historisch-getreuen Wiederaufbau des Schlosses.
In den Sommermonaten nutzt die Landesbühne Hannover das Gartentheater des Großen Gartens für Musical- und Theateraufführungen. Ferner wird die Orangerie für Fach- und Kunstausstellungen sowie für klassische Konzerte genutzt; im Foyer der Orangerie werden Matineen veranstaltet. Unumstrittener Mittelpunkt ist die große Fontäne, die bei guter Witterung eine Scheitelhöhe von über 80 Metern erreicht.
Im Großen Garten befindet sich eine der letzten Arbeiten der Künstlerin Niki de Saint Phalle. Sie gestaltete die dreiräumige Grotte im nordwestlichen Teil der Gartenanlage neu. Ursprünglich diente die mit Kristallen, Mineralien, Glas und Muscheln verzierten Räume als kühlende Rückzugsmöglichkeit an heißen Sommertagen; die Verzierungen sollten die Besucher bei ihrem Aufenthalt „verzaubern".
Nachdem im 18. Jahrhundert die Verzierungen entfernt wurden, diente die Grotte als Lagerraum. Zwischen 2001 und 2003 – dem neuen Eröffnungsjahr – gestalteten Mitarbeiter von Niki de Saint Phalle die Innenräume mit Glas- und Spiegelmosaiken sowie einigen Plastiken neu. Vom achteckigen mittleren Raum zweigen links und rechts die beiden anderen Räume ab, an dessen Stirnseiten sich jeweils ein kleiner Brunnen mit einer Statue befindet. Ein gewisser Zauber lässt sich der neuen „Inneneinrichtung“ nicht absprechen.
Parallel zur Zucht exotischer Gewächse hatte der Garten wirtschaftliche Aufgaben: Er diente als Experimentierfeld für die Anzucht südländischer Pflanzen in Niedersachsen. Dieses Experiment scheiterte zwar bei der Reiszucht, gelang aber mit der Zucht von Tabak und Maulbeerbäumen. So wurden ab 1706 die Seidenraupen der Königlichen Seidenraupenmanufaktur Hameln mit Herrenhäuser Maulbeerbaumblättern ernährt. Langfristig lohnte sich diese Zucht nicht. 1750 übernahm der Küchengarten in Linden (heute ein Stadtteil von Hannover) die Versorgung des Adelshauses mit Obst und Gemüse, der Berggarten war seitdem ein Botanischer Garten. Zwischen 1817 und 1820 entstand ein Gartenmeisterwohnhaus, in das 1952 die Gartenbibliothek einzog.
1849 wurde das von Georg Ludwig Friedrich Laves erbaute Palmenhaus, das nach fünf Jahren die wertvollste und umfangreichste Palmensammlung Europas beherbergte, eröffnet. Von 1842 bis 1847 dauerten die Arbeiten – nach den Plänen von Laves – an einem Mausoleum. Zwischenzeitlich (1845 bis 1846) wurde der Berggarten durch Mauern und Zäune eingefriedet. In dem Mausoleum fanden zunächst König Ernst August – in der Chronik der Welfen gab es mehrere Familienmitglieder namens Ernst August – und seine Frau Königin Friederike ihre letzte Ruhestätte. Im Jahre 1880 kam das Große Palmenhaus von Richard Auhagen hinzu. Es handelte sich bei dem Gebäude um ein etwa 30 Meter hohes palastförmiges Gewächshaus aus Glas und Stahl mit Galerien sowie Wasserfontänen und ersetzte das bisherige Gewächshaus.
Nach der kompletten Zerstörung der Gewächshäuser im Zweiten Weltkrieg begann nach und nach die Wiederherstellung des Berggartens. 1957 fanden weitere Fürstlichkeiten aufgrund des Umbaus des Leineschlosses in Hannover ihre letzte Ruhestätte in dem Mausoleum. Als Ersatz für das in den 1950er Jahren abgerissene berühmte Palmenhaus entstand zur Weltausstellung im Jahr 2000 das Regenwaldhaus. Es beherbergt eine künstliche Tropenlandschaft, in der auch Schmetterlinge und kleinere Vogelarten aus tropischen Regionen leben. Weitere Sehenswürdigkeiten stellen verschiedene Schauhäuser und Themengärten dar.
Die Geschichte des Georgengartens begann 1700, als im Überschwemmungsgebiet der Leine (auch als Leinemasch bezeichnet) Landsitze des Hofadels des Königreiches Hannover errichtet wurden. 1768 kaufte Graf Johann Ludwig von Wallmoden-Gimborn die dazugehörigen Gärten auf und fasste sie zum „Wallmodengarten" zusammen. 1782 kam das Wallmodenschloss hinzu. Es beherbergte die Kunstsammlung des Grafen. Im Jahre 1826 kamen zwei Gartenhäuser nach Plänen von Georg Ludwig Friedrich Laves in unmittelbarer nähe des Wallmodenschlosses hinzu.
Von 1828 bis 1843 wurde der Park in einen Landschaftspark nach englischem Vorbild umgebaut. Man ließ die Wasserläufe der ehemaligen einzelnen Gärten zu Teichen vergrößern. Der umgebaute Park wurde nach Georg IV. von Hannover in Georgengarten umbenannt. Speziell im Zeitraum von 1835 bis 1841 zeichnete der Gartenmeister Christian Schaumburg für die Umgestaltung verantwortlich. In dieser Zeit entstanden drei Brücken nach Plänen von Laves, von denen die letzte heute noch erhalten geblieben ist: 1837 entstand die Fahrbrücke, 1840 die Augustenbrücke und schließlich im selben Jahr die Friederikenbrücke, die über der Graft hinweg noch heute den Großen Garten mit dem Georgengarten verbindet. Zwischenzeitlich benannte man das Wallmodenschloss in Georgenpalais um. Heute beherbergt es das Wilhelm-Busch-Museum.
1857 entstand eine Toranlage – ebenfalls nach Plänen von Laves – am Ende der Herrenhäuser Allee zum Königsworther Platz hin. Das andere Ende der Allee liegt an der Orangerie des Großen Gartens, wo sich bis heute der Haupteingang in die Barockanlage befindet. In den 1960er Jahren wurde das Tor abgerissen. Der Georgengarten reicht heute, begünstigt durch die Ausbreitung der Stadt Hannover, bis fast an das Stadtzentrum heran.
Die Stadt Hannover kaufte 1921 den Park. Die Nutzung als Gemüsebeet während und die Zerstörungen zum Ende des Zweiten Weltkrieges erforderten umfangreiche Erneuerungsarbeiten, um die alte Form wieder herzustellen. Die 1726 durch den Park angelegte knapp zwei Kilometer lange Herrenhäuser Allee wurde ebenfalls zerstört. Die tatsächliche Länge betrug vor dem Neubaufbau etwa 1,87 Kilometer, was einer Seemeile entspricht und in der damaligen Zeit eine gängige Längeneinheit war. Bis in die 1970er Jahre wurde die Allee vollständig erneuert.
Ein besonderer Anziehungspunkt des Georgengartens ist der Leibniztempel, der zu Ehren des Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz 1787 in Hannover auf dem Waterlooplatz eingeweiht wurde. Nach seinem Umzug in den Georgengarten ist der Tempel, besonders an wärmeren Tagen, ein beliebter Treffpunkt der Hannoveraner.
Vor dem Universitätsgebäude steht seit 1879 eine von Albert Wolff 1866 entworfenene, bronzene Pferdeskulptur. Ursprünglich trug das Pferd einen Reiter, der gegen einen Löwen kämpfte, was die unnatürliche Haltung des Pferdes erklärt. Der Volksmund fasste es als Sachsenross auf, das Wappentier des Landes Niedersachsen. Auch der Welfengarten wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört, danach aber als Campus der Technischen Universität wieder hergerichtet. Erst 1961 verkaufte der Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, Prinzen von Hannover, ebenfalls ein Welfe, das Schlossgrundstück an die Stadt Hannover.
Die Herrenhäuser Gärten sind von der U-Bahn Station Kröpcke (Nähe Hauptbahnhof) mit den Stadtbahnlinien 4 und 5 in Richtung Garbsen bzw. Stöcken zu erreichen. Der Große Garten und der Berggarten liegen an der Haltestelle Herrenhäuser Gärten, zwischen dem Georgen- und Welfengarten befinden sich die Haltestellen Universität, Schneiderberg und Parkhaus.
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