Herbert Richard Wehner (* 11. Juli 1906 in Dresden; † 19. Januar 1990 in Bonn) war ein deutscher Politiker.
Er war von 1966 bis 1969 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, anschließend bis 1983 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.
1927 wurde Wehner Mitglied der KPD und noch im selben Jahr hauptamtlicher Sekretär der Roten Hilfe Deutschlands in Dresden. Es folgte ein schneller Aufstieg innerhalb der Parteiorganisation. Durch seinen Fleiß und die rhetorische Begabung, welche er im sächsischen Landtag unter Beweis gestellt hatte, wurde das Politbüro auf ihn aufmerksam. 1930 wurde er stellvertretender Sekretär der KPD in Sachsen. Ein Jahr später legte er sein Landtagsmandat nieder und ging nach Berlin, wo er für Walter Ulbricht arbeitete. 1932 wurde Wehner Technischer Sekretär des Politbüros.
Ab 1933 setzte er seine politische Arbeit für die inzwischen verbotene KPD in der Illegalität in Deutschland fort. 1935 emigrierte er als Mitglied des Zentralkomitees der KPD nach Moskau. Sein Deckname, unter dem er auch eine Reihe von Beiträgen in der in Moskau erscheinenden deutschsprachigen Parteizeitung Deutsche Zentral-Zeitung (DZZ) veröffentlichte, war Kurt Funk. Er wohnte im Emigranten-Hotel Lux. Wehner entging den Stalinschen Säuberungen, denen sehr viele deutsche Exil-Kommunisten zum Opfer fielen. Historische Forschungen haben ergeben, dass er seinerseits in Moskau sowjetischen Dienststellen Material über politische „Verfehlungen“ deutscher Kommunisten zur Verfügung gestellt hat, die dann Opfer der Stalinschen Repressionen geworden sind. Zu diesen Opfern zählte wohl auch der nach Moskau emigrierte junge jüdische Dresdner Schriftsteller Helmut Weiß, dessen Arbeit Wehner/Funk in einer Rezension in der DZZ scharf angriff.
1941 reiste Wehner mit Parteiauftrag ins damals neutrale Schweden. 1942 wurde er in Stockholm verhaftet und dann interniert. Hier vollzog sich nach eigenem Bekunden sein Bruch mit dem Kommunismus.
1946 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde sogleich Mitglied der SPD in Hamburg. Hier arbeitete er auch als Redakteur für die sozialdemokratische Zeitung Hamburger Echo. Er gehörte schon bald zum engsten Kreis um den SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher.
1948 wurde Wehner Mitglied des Bezirksvorstandes der SPD in Hamburg. Von 1958 bis 1973 war er außerdem Stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD. 1949 wurde er in den Deutschen Bundestag als Abgeordneter für den Wahlbezirk Hamburg-Harburg gewählt und war von 1957 bis 1958 sowie von 1964 bis 1966 Stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Von 1949 bis zu seiner Berufung zum Bundesminister im Jahre 1966 war Wehner Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Gesamdeutsche und Berliner Fragen, von Juni 1956 bis 1957 stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten. Von 1953 bis 1966 saß Wehner dem Arbeitskreis für Außenpolitik und Gesamtdeutsche Fragen der SPD-Fraktion vor. Im Kabinett der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wurde Wehner 1966 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen; in diesem Amt hatte er erheblichen Anteil am Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR. Wehner war zum erheblichen Teil die innerparteiliche Durchsetzung des Godesberger Programms zu verdanken, durch das sich die SPD 1959 endgültig auch programmatisch zur Volkspartei entwickelte. Mit seiner Grundsatzrede vor dem Bundestag am 30. Juni 1960 läutete er auch den außenpolitischen Kurswechsel der SPD, hin zur Westbindung, ein.
Vom 16. Juli 1952 bis zum 19. März 1958 gehörte Wehner auch dem Europaparlament an.
Innerhalb der SPD gehörte Wehner in den 1960er Jahren zu den vehementesten Verfechtern des Mehrheitswahlrechts. Er hoffte, dieses in der Großen Koalition umsetzen zu können. Das scheiterte aber an Widerständen innerhalb beider Volksparteien.
Nach dem Ende der Großen Koalition 1969 und dem Antritt der Regierung Brandt wurde er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Hier erwarb er sich schnell den Ruf eines Zuchtmeisters, der die Fraktion an der Seite der von Bundeskanzler Willy Brandt geführten Regierung hielt.
Obwohl er großen Anteil daran hatte, dass Brandt trotz einer knappen und bröckelnden Parlamentsmehrheit sein Amt nicht verlor (so ist er einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass das Misstrauensvotum Rainer Barzels im April 1972 wider Erwarten scheiterte - er selbst äußerte sich 1980 so: „Die Sache war schmutzig; da gab es Dinge, die ein Kanzler nicht wissen muss, wohl aber ein Fraktionsvorsitzender.”), hatte er nach der fulminant gewonnenen Bundestagswahl 1972 auch großen Anteil an der Demontage Brandts (Zitat: „Der Kanzler badet gerne lau; so in einem Schaumbad“).
Auch war er es, der Brandt im Rahmen der Guillaume-Affäre, die letztendlich Brandts Sturz verursachte, indirekt den Rücktritt nahelegte.
1969 bis 1972 hatte Wehner auch den stellvertretenden Vorsitz des Ausschusses zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung gemäß Artikel 45 des Grundgesetzes inne.
Am 30./31. Mai 1973 reiste Wehner zusammen mit Wolfgang Mischnick (FDP) zu einem geheimen Treffen mit Erich Honecker in die DDR. Auf Schloss Hubertusstock in der Schorfheide wurden humanitäre Fragen der deutsch-deutschen Beziehungen erörtert. In diesem Jahr hat Wehner auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) initiiert, um den Interessen der Arbeitnehmer in der Volkspartei SPD wieder ein schärferes Profil zu verleihen.
Dem 1980 gewählten neunten Deutschen Bundestag gehörte er als Alterspräsident an. Wehner gehörte neben Ludwig Erhard, Hermann Götz, Gerhard Schröder (alle CDU), Richard Jaeger, Franz-Josef Strauß, Richard Stücklen (alle CSU), Erich Mende (FDP, später CDU), Erwin Lange und R. Martin Schmidt (beide SPD) zu den zehn Abgeordneten, die ununterbrochen während der 25 Jahre seit der ersten Bundestagswahl 1949 dem Parlament angehörten.
Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition am 17. September 1982 und der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 kam es im März 1983 zu Neuwahlen. Zu diesen Wahlen hat Wehner aus Altersgründen nicht mehr kandidiert. Als Grund gab er an: „Es reicht mir.”
In den 34 Jahren als Bundestagsabgeordneter hat er 78 Ordnungsrufe erhalten und wurde Rekordhalter auf diesem Gebiet. Den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe titulierte er als Herr Übelkrähe, Jürgen Todenhöfer als Abgeordneten Hodentöter. Am 22. März 1950 wurde er von Bundestagspräsident Erich Köhler wegen unparlamentarischen Verhaltens für 10 Sitzungstage ausgeschlossen. Er wurde aber auch vor allem aus Kreisen der CDU/CSU heftig angegriffen (Zitat Wehner: „Ich bin es gewohnt, ausgepfiffen und niedergebrüllt und geschlagen zu werden. Dessen schäme ich mich nicht. Es werden sich andere einmal dafür schämen müssen.”). Wehners Parlamentsstil war eigenwillig und unverkennbar. Seine Reden waren durchzogen von langen verschachtelten Sätzen, die immer wieder durch eruptive Ausbrüche unterbrochen wurden. Als die CDU/CSU-Fraktion während einer Rede von ihm unter Protest den Plenarsaal verließ, wurde sein daraufhin getätigter Zuruf an die Fraktion zu einer vielzitierten Redensart: „Das ist der Nachteil derer, die hinausgehen, sie müssen wieder hereinkommen.”
Auch Journalisten wurden gelegentlich Opfer seiner beißenden Rhetorik: Den bekannten Politreporter der ARD Ernst-Dieter Lueg redete Wehner während eines Interviews am 3. Oktober 1976 ständig als Herr Lüg an. Der revanchierte sich am Ende mit den Worten: Vielen Dank, Herr Wöhner.
Wehner war dreimal verheiratet. 1927 heiratete er die Schauspielerin Lotte Loebinger (1905-1999). In zweiter Ehe, seit 1944, war er mit Charlotte Burmester, geborene Clausen, verheiratet. Nach deren Tod 1979 heiratete er 1983 ihre Tochter, also seine Stieftochter, Greta Burmester, um sie finanziell abzusichern. Burmester hatte schon Jahrzehnte ihrem Stiefvater als Sekretärin und Betreuerin gedient. Nach der Wende und Wehners Tod zog sie nach Dresden.
Wehner starb 1990, nachdem er lange Jahre an der Alzheimerschen Krankheit gelitten hatte (vgl. dazu unter Literatur Greta Wehner, 1992). Er fand seine letzte Ruhe auf dem Burgfriedhof in Bonn-Bad Godesberg. Im gleichen Stadtteil wurde 2006 ein Platz nach ihm benannt.
Der frühere Chef der Auslandsspionage der DDR Markus Wolf berichtet in seinen Erinnerungen Spionagechef im geheimen Krieg (1997) über geheime Kontakte Wehners zur SED-Führung und dem DDR-Auslandsnachrichtendienst. Einiges davon relativierte der Historiker Hubertus Knabe in seinem Werk Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen (1999).
Herbert Wehner ist Ehrenbürger der Stadt Hamburg.
Mann | Deutscher | Minister für gesamtdeutsche Fragen (Deutschland) | Bundestagsabgeordneter | KPD-Mitglied | SPD-Mitglied | Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion | MdEP für Deutschland | Ehrenbürger | Geboren 1906 | Gestorben 1990 | Deutschsprachige Emigration
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