Klatschmohn.JPG ist eine der hemerochoren Pflanzen. Man zählt sie zu den Archäophyten]] Als Hemerochorie (synonym Anthropochorie) wird die Ausbreitung von Pflanzen durch den Menschen bezeichnet. Hemerochore Pflanzen oder deren Samen wurden bewusst oder unbewusst vom Menschen in ein Gebiet transportiert, das sie nicht (oder wesentlich langsamer) durch ihre natürlichen Ausbreitungsmechanismen besiedeln könnten. In ihrem neuen Lebensraum sind sie in der Lage, sich ohne menschlichen Eingriff zu vermehren und auszubreiten. Hemerochore Pflanzen werden gelegentlich auch Menschenwanderer genannt. Sie können die biologische Vielfalt eines Lebensraums sowohl erweitern als auch gefährden.
Der Begriff Hemerochorie wird nur bei Pflanzen verwendet; einen vergleichbaren Sammelbegriff für die Verbreitungsformen anderer Organismen gibt es nicht. Bei eingeführten Tieren wird häufig der Begriff der Gefangenschaftsflüchtlinge verwendet und bei einer Verbreitung nach 1492 auch der Begriff der Neozoen. Hemerochorie ist aus gr. ήμερος 'zahm; veredelt; bebaut, kultiviert; gesittet' und gr. χωρίς 'getrennt, gesondert' gebildet in Verallgemeinerung von Begriffen, die die Samenausbreitung beschreiben.
Aus chronologischer Sicht werden hermechore Pflanzen unterteilt in:
Hemerochore sind von den Kulturfolgern oder Apophyten zu unterscheiden, deren Verbreitungsgebiet sich durch die Kulturtätigkeit des Menschen vergrößert.
In den letzten 400 bis 500 Jahren erweiterte sich die Ausbreitung durch Forschungsreisende und Missionare. Sie brachten sowohl aus Interesse an exotischen Pflanzen, die in die Pflanzensammlungen fürstlicher Höfe aufgenommen wurden, aber auch zu rein wissenschaftlichen Zwecken, zahllose Pflanzen von ihren Reisen mit. Im Rahmen botanischer Studien galt das Interesse den möglichen Heilwirkungen dieser Pflanzen und der Erweiterung der Herbarien.
Einige Zierpflanzen wurden auch nach Europa eingeführt, weil sich die Einführer ein lukratives Geschäft erhofften. Dies gilt beispielsweise für die Kamelien, von denen eine Art in Japan und China auch als Teepflanze angebaut wurde. Während sich diese Art in Mitteleuropa allerdings als nicht kultivierbar herausstellte, entdeckte man sehr schnell den ästhetischen Reiz der anderen Kamelienarten als Zierpflanze. Bei der Akklimatisierung solcher aus entfernten Lebensräumen stammenden Pflanzen spielten Botanische Gärten eine große Rolle. Der wichtigste unter ihnen war Kew Gardens.
Etwa 420 Pflanzen werden in Deutschland als Neophyten eingeordnet, was etwa 16% der in Deutschland wachsenden Arten entspricht. Dazu zählt beispielsweise der Pyrenäen-Storchschnabel, eine Art aus der umfangreichen Gattung der Storchschnäbel. Er wurde aus südeuropäischen Gebirgen als Zierpflanze nach Mitteleuropa verbracht und eine Zeit lang als Gartenzierpflanze kultiviert, um danach durch großblütigere Arten aus der Gattung der Storchschnäbel als Gartenzierpflanze verdrängt zu werden. Heute wächst der Pyrenäen-Storchschnabel weniger in Gärten als auf Ruderalflächen und in Wiesen, wo er eine Nische unter den so genannten indigenen Pflanzen, also Arten, die hier ursprünglich heimisch sind, gefunden hat.
Zu den aggressiven Neophyten, die man auch Invasionspflanzen (gelegentlich auch als invasive Pflanzen oder Alien-Pflanzen bezeichnet) nennt, zählen in Mitteleuropa beispielsweise die Kanadische Goldrute, das Drüsige Springkraut, die Gewöhnliche Robinie, oder der aus dem Kaukasus stammende Riesen-Bärenklau, der Japanische Staudenknöterich, die alle wie der Pyrenäen-Storchschnabel als Zierpflanze eingeführt wurden und heute an einzelnen Standorttypen die Vegetation dominieren. So ist die Kanadische Goldrute vielerorts die häufigste Pflanze auf Brachflächen und das Drüsige Springkraut verdrängt an vielen feuchtschattigen Standorten die einheimische Vegetation. Am bedenklichsten ist der Riesen-Bärenklau zu beurteilen, der darüberhinaus äußerst gesundheitschädlich ist. Auch das Chinaschilf, das als Energiepflanze angebaut wird, dürfte eine zukünftige Invasionspflanze werden.
Neophyten, die sich aggressiv ausbreiten und dabei Biotope nachhaltig verändern, stellen weltweit ein Problem dar. So verdrängen als Gartenzierpflanze eingeführte Rhododendron-Arten im nordwalisischen Nationalpark Snowdonia die einheimische Vegetation. Ähnliches ist auf vielen entwässerten Hochmoorstandorten des atlantischen und subatlantischen Klimas zu beobachten. Die Robinie R. pseudoacacia wurde als raschwüchsiger Forstbaum aus Amerika nach Mitteleuropa importiert und bedroht nun seltene Magerwiesen und natürliche Waldgesellschaften trockener Standorte. In Nordamerika haben sich dagegen Tamarisken, die in Südeuropa und in den gemäßigten Zonen Asiens beheimatet sind, als problematische Pflanzen erwiesen. In den nährstoffarmen, jedoch an Stauden und Sträuchern reichen Heidelandschaften der Kapregion Südafrikas breiten sich aus Australien stammende Eukalyptusarten stark aus. Da die Eukalyptusarten in einem hohen Maß an nährstoffarmen Boden angepasst sind und ihnen in der Kapregion Südafrikas die Nahrungskonkurrenten und Schädlinge als Bestandsregulator fehlen, sind sie in der Lage, dort das gesamte biologische Gefüge zu zerstören.
Auf Hawaii hat sich auch der tropische Goldtüpfelfarn (Phlebodium aureum) seit 1910 stark ausgebereitet und gilt dort als Invasionspflanze.
Insbesondere instabile, bereits durch Eingriffe geschädigte oder durch bestimmte Eigenschaften gekennzeichnete Ökosysteme können durch Neophyten massiv beeinträchtigt werden, da die konkurrenzstarke Klimaxvegetation bereits geschwächt ist. In den australischen Regenwäldern besiedeln Neophyten beispielsweise zuerst die Flächen entlang von Straßen und Wegen und dringen von dort aus in die angrenzenden Areale ein.
Vor allem durch Auswanderer aus Europa haben viele der alten Kulturpflanzen weltweit Verbreitung gefunden. Der seit mindestens 4.000 Jahren angebaute Weizen wurde im 16. Jahrhundert in Amerika und im 19. Jahrhundert in Australien eingeführt. Orangen, Zitronen, Aprikosen und Pfirsiche waren ursprünglich in China beheimatet. Sie gelangten vermutlich über die Seidenstraße bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. zuerst in den kleinasiatischen Raum und von dort durch die Römer in den Mittelmeerraum. Europäische Siedler wiederum betrieben mit diesen Arten den Obstanbau in den dafür geeigneten Regionen Amerikas.
Ab dem 16. Jahrhundert wurden verstärkt Zierpflanzen eingeführt. Ähnlich wie der Pyrenäen-Storchschnabel wurden zunächst in Europa beheimatete Arten als Gartenpflanzen eingeführt. Dazu zählen beispielsweise die Gladiolen, die Zierlaucharten wie der Goldlauch, europäische Glockenblumen-Arten, das in Südosteuropa beheimatete Schneeglöckchen oder die Gemeine Waldrebe. Später kamen auch Zierpflanzen aus weiter entfernteren Regionen hinzu. Insbesondere aus Ostasien wurde eine Reihe von Pflanzen als Exotikum oder aus wirtschaftlichem Interesse nach Europa eingeführt. Noch heute weisen viele Parkanlagen Chinesische Zierkirschen und andere Bäume auf. Die mitunter unerwünschten Folgewirkungen einer solchen Einführung von Zierpflanzen ist im Abschnitt Neophyten erläutert und im Abschnitt Australien beispielhaft dargestellt.
Speirochore Pflanzen werden auf einem vom Menschen vorbereiteten Boden ausgesät und sind Konkurrenten der Nutzpflanzen. Pflanzen, die heute als Archäophyten gelten, wie z.B. der im Mittelmeerraum beheimatete Klatschmohn, die Echte Kamille, die Kornblume, Kornrade und Acker-Hahnenfuß, breiteten sich über das Saatgut mit dem Getreide in Mitteleuropa aus. Der Autor Crosby schätzte, dass allein im Jahr 1912 durch Klee- und Grassamenimporte 2 bis 6 Milliarden Unkrautsamen nach Großbritannien gebracht wurden.
Inzwischen wird das Saatgut durch moderne Verfahren gründlicher gereinigt und auch der Anbau weist durch Pflanzenschutzmittel und andere Bekämpfungstechniken kaum noch Verunreinigungen auf. Die Ausbreitung über Speirochorie in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft nimmt daher nur noch eine sehr untergeordnete Rolle ein; die Verarmung der Äcker ist auch darauf zurückzuführen.
Trotzdem wurde das in Australien als problematischer Bioinvasor eingeordnete Cuscuta campestris jeweils in den Jahren 1981, 1988 und 1990 gemeinsam mit Basilikumsamen versehentlich nach Australien eingeführt.
An Land traten agochore Pflanzen früher häufig in Häfen, an Bahnhöfen oder entlang von Bahnstrecken auf. Untersuchungen an Autos, mit denen Touristen in den australischen Kakadu-Nationalpark einreisen wollten, zeigen jedoch, dass auch Automobile wesentlich an der agochoren Ausbreitung beteiligt sind: 70% der untersuchten Wagen führten in den Reifenrillen oder in Schlammablagerungen am Chassis Pflanzensamen mit sich, darunter Samen einer Reihe solcher Pflanzen, die in Australien als problematische Invasoren eingeordnet werden und die man möglichst aus dem Park, der zum Weltkulturerbe gehört, fern halten möchte.
Durch Agochorie werden jedoch vor allem Wasserpflanzen verbreitet.
Vor allem Exportländer sind von der Ausbreitung von Organismen durch Ballastwasser betroffen. Die Schiffe erreichen diese Häfen mit leerem Frachtraum, aber vollgepumpten Ballasttanks. In diesen Häfen werden dann beim Beladen mit tausenden Kubikmetern Meerwasser fremde Lebewesen in eine neue Umgebung gelenzt. Die in deutschen Häfen abgelassenen Ballastwassermengen werden auf jährlich 10 Millionen Tonnen geschätzt, wobei etwa 2 Millionen Tonnen aus Küstengewässern stammen, die nicht der Europäischen Gemeinschaft angehören und die damit überwiegend Organismen nicht-europäischer Küsten enthalten dürften.
Ceratium hirundinella.jpg werden häufig durch Ballastwasser verschleppt - hier die Art Ceratium hirundinella]] Über Ballastwasser erreichte beispielsweise die an der japanischen Küste beheimatete Kelpart Undaria pinnatifida die tasmanische Küste und bildet dort seit 1988 entlang der Küste dichte Kelpwälder, die die einheimische Flora und Fauna verdrängen. Dinoflagellaten wie Alexandrium catanella, A. minutum, A. tamarense sowie Gymnodinium catenatum sind ebenfalls über Ballastwasser an die australische, neuseeländische und us-amerikanische Küsten verschleppt worden. Diese Dinoflagellaten bilden gelegentlich toxische Algenblüten aus, die über die Nahrungskette Muscheln, Garnelen und Fische vergiften.
Neben dem großen ökologischen Schaden, den viele durch Ballastwasser eingeschleppte Organismen vor Ort anrichten, richten sie auch hohe wirtschaftliche Schäden an. Die beispielhaft erwähnten Dinoflagellaten gefährden vielerorts die Fisch-, Muschel- und Austernzucht. An nordamerikanischen Küsten mussten vereinzelt Zuchtanlagen vollständig geschlossen werden, der Fischfang wurde eingeschränkt und an Küsten, vor denen sie sich zur Algenblüte vermehren, bleiben die Touristen aus.
Das so genannte „Reballasting“, wie der Austausch des Ballastwassers auf hoher See genannt wird, ist jedoch keine vollkommen sichere Methode. In den Tanks verbleiben beim Reballasting Restwasser mit Organismen, und vor allem Ablagerungen von Meeresböden. Einen größeren Schutz vor der Einschleppung fremder Organismen durch Ballastwasser bieten das Filtern von Wasser, das Erhitzen des Ballastwassers durch Ausnutzen der Restwärme der Schiffsmaschinen, Behandlung des Ballastwassers durch ultraviolettes Licht, Ozon, Gift, Veränderung des Salzgehaltes, Sauerstoffentzug oder Entsorgung in den Häfen in spezifischen Abwasseranlagen. Die Kosten dieser Methoden sind jedoch so hoch, dass sie die Gewinnmargen der Schiffsreedereien insbesondere bei Massengütern wie Erz und Kohle deutlich übersteigen. Sie ließen sich nur durchsetzen, wenn alle Küstenstaaten sie weltweit verbindlich vorschrieben.
Zu den Ländern, die die Einschleppung fremder Organismen als so problematisch ansehen, dass sie versuchen, auf internationaler Ebene verbindliche Regelungen für den Umgang mit Ballastwasser umzusetzen, gehören neben Australien die USA, Neuseeland, Kanada, Israel und Chile.
C. taxifolia gehört zu den Pflanzen, die häufig durch Ballastwasser verbreitet werden. Sie wird außerdem dadurch verbreitet, dass Schiffe mit ihren Ankern Teile der Algen losreißen. Die losen Teile verdriften mit der Strömung und bilden aus diesen Ablegern neue Kolonien. Da an den Ankern haftende Algenbestandteile in den Ankerkästen von Schiffen ohne Licht und Wasser bis zu 10 Tagen überleben können, dringen die Algen in völlig neue Gebiete vor. Auf diese Weise werden Entfernungen zurückgelegt, die alle anderen Chorien übertrifft.
Zu den ebenfalls agochor ausgebreiteten Pflanzen zählt auch die Kanadische Wasserpest, die vermutlich im Jahre 1836 mit Holztransporten aus Nordamerika nach Irland eingeschleppt wurde und sich in Mitteleuropa ebenfalls als Neophyt etablierte, der eine Zeit lang mit seiner Massenentwicklung Wasserwege verstopfte und den Fischfang behinderte, bis die aggressive Vermehrung dieser Pflanze in Mitteleuropa nachließ, ohne dass man bis heute dafür eine wissenschaftliche Erklärung gefunden hat.
Brände sind ein Charakteristikum des australischen Ökosystems; die Samen vieler australischer Pflanzen keimen erst nach der Hitzeeinwirkung eines solchen Brandes. Die indigenen australischen Pflanzen wie beispielsweise der Eukalyptus sind an die raschen, niedrig-temperaturigen Flächenbrände der australischen Grassteppe angepasst. Die nach Australien eingeführten Futtergräser brennen bei einem Flächenbrand länger und mit wesentlich höheren Temperaturen. Dadurch werden diese Brände verstärkt, so dass auch Eukalyptusbäume in Brand geraten und die Samen verbrennen, statt, wie nach einem normalen australischen Buschbrand, zu keimen. Die eingeführten Grasarten haben auch zu einem Rückgang der australischen Finken- und Papageienarten geführt, da die Grasarten zwar zahlreich Samen produzieren, diese von den einheimischen Vögeln nicht gefressen werden. In der Summe können die Effekte mehrerer verschiedener eingeschleppter Arten andere an den Rand des Aussterbens bringen und Ökosysteme vernichten.
Die WONS-Liste führt aber nicht zwangsläufig zu einer Verbannung der Pflanzen. Selbst solche Arten, die zu den problematischsten Bioinvasoren gehören, sind gelegentlich noch in Baumschulen erhältlich – mitunter unter Phantasienamen. Versuche, Gartenzierpflanzen nicht mehr zu verkaufen, die sich bereits als problematische Invasoren erwiesen haben, haben sich als in der Öffentlichkeit schwierig durchsetzbar erwiesen. Auch australische Gartenbesitzer verzichten nur ungern auf Efeu, Stechpalme und Japanische Kirsche als Zierpflanze.
Tim Low, der sich sehr ausführlich mit biologischen Invasoren Australiens auseinandergesetzt hat, ist daher sehr pessimistisch, was die Stabilität der australischen Ökosysteme angeht. Aus Lows Sicht handeln eine Reihe von australischen Behörden auf die Herausforderungen, die diese Invasoren darstellen, nicht entschieden genug und beugen sich zu früh den wirtschaftlichen Interessen insbesondere von Landwirten. Zum anderen ist die Gelegenheit, noch wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen, bei vielen Arten bereits verstrichen. Neuseeländische Behörden sind einen anderen Weg gegangen: Sie haben Listen mit Zierpflanzen veröffentlicht, die als unproblematisch angesehen werden, und dabei eine größere Resonanz gefunden.
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