Helmuth Plessner (* 4. September 1892 in Wiesbaden; † 12. Juni 1985 in Göttingen) war ein deutscher Philosoph und Soziologe sowie ein Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie.
1933 wird er aufgrund der jüdischen Herkunft seines Vaters aus dem Amt „entlassen“, er emigriert zunächst nach Istanbul, dann, mit Hilfe des Anthropologen F. J. J. Buytendijk, flieht er nach Groningen, Niederlande, wo er Soziologie lehrt. Aus einer Vorlesungsreihe entsteht die Schrift „Das Schicksal des deutschen Geistes im Ausgang seiner bürgerlichen Epoche“ (1935). Diese erlangte später unter dem Titel „Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes“ (1959) Berühmtheit. 1941 erscheint sein schönstes Buch „Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens“, das die anthropologische Richtung seines Denkens weiterführt.
1940 taucht Plessner wegen der deutschen Besetzung der Niederlande unter. 1946 erhält er in Groningen eine ordentliche Professur für Philosophie. 1952–61 ist er dann Professor an dem neu gegründeten Institut für Soziologie in Göttingen. Zwischenzeitlich stand er dem „Institut für Sozialforschung“ vor, also der Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor W. Adorno u.a. In dieser Zeit lernte er seine spätere Ehefrau Monika kennen. 1960/61 ist er Rektor der Universität Göttingen. Ein weiterer Schwerpunkt bildet sich mit der empirischen Erforschung der Lebenswelten der Industriearbeit und des Sports.
Danach:
Unter seinen Schülern in der Soziologie ist Christian von Ferber zu nennen.
Helmuth Plessner zählt - neben Max Scheler und vor Arnold Gehlen - zu den Hauptvertretern der Philosophischen Anthropologie. Damit ist eine philosophische Strömung benannt, die sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts formierte und eine Neubegründung der Frage nach dem Menschen und seiner Stellung in der Welt, der Geschichte, der Natur unternahm. Sie entwickelte sich in Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Tendenzen dieser Zeit (Phänomenologie, Neukantianismus) sowie mit Naturwissenschaften, besonders der Biologie. Gemeinsam ist den drei Ansätzen, daß sie eine Sonderstellung des Menschen behaupten und damit gewissermaßen "antidarwinistisch" argumentieren. Anders als Scheler fragt Plessner nicht nach einem überzeitlichen Wesen des Menschen; anders als Gehlen bestimmt er den Menschen nicht primär als "Mängelwesen" (so Gehlens, von Herder übernommenes Grundwort).
Plessners Anthropologie, die er systematisch in seinem Werk "Die Stufen des Organischen und der Mensch" entwickelt hat, bildet sich um die Grundkategorie der Exzentrischen Positionalität. Sie läßt sich anhand zweier Leitfragen rekonstruieren.
1. Was unterscheidet belebte von unbelebten Phänomenen?
2. Wie organisieren sich lebendige Phänomene?
Die erste Antwort findet sich im Begriff der Grenze: im Unterschied zu anorganischen Körpern haben Organismen ein Verhältnis zu ihrer Umwelt, das über ihre Grenze reguliert wird. Pflanzen und Tiere sind "grenzrealisierende" Wesen. Die zweite Antwort liegt im Begriff der Position: Plessner unterscheidet die drei Organisationsformen (oder „Stufen“) des Lebendigen: Pflanze, Tier und Mensch, nach ihrer jeweiligen Positionalität. Pflanzen sind offen organisiert, sie haben keine zentralen Organe. Tiere sind zentrisch organisiert: sie leben aus einem Mittelpunkt heraus. Die Organisationsform des Menschen ist dagegen exzentrisch, weil der Mensch jederzeit in ein reflexives Verhältnis zu seinem Leben treten kann. Ein Moment dieses reflexiven Verhältnisses bildet das Selbstbewusstsein, das Plessner nicht wie in der philosophischen Tradition üblich als geistiges Phänomen behandelt, sondern aus seiner biologischen Wurzel heraus entwickelt. Er analysiert diese Organisationsweise als Doppelaspekt: als Menschen haben wir einen Körper und sind zugleich ein Leib. Die weitere Analyse der Exzentrischen Positionalität führt Plessner zu den drei von ihm so genannten "anthropologischen Gesetzen":
1. Das Gesetz von der natürlichen Künstlichkeit,
2. Das Gesetz von der vermittelten Unmittelbarkeit,
3. Das Gesetz vom utopischen Standort.
Entsprechend dieser Dreiteilung erschließt sich dem Menschen die Welt als Außenwelt, Innenwelt und Mitwelt, die wiederum die Dimensionen der Kultur, der Geschichte und der Gesellschaft aufreißen. (In der späteren Schrift "Macht und menschliche Natur" findet Plessner noch ein viertes anthropologisches Gesetz, die "Unergründlichkeit des Menschen", die die Dimension des Politischen öffnet.) Plessner gelangt also, ausgehend von einer Interpretation biologischer Sachverhalte, zu einer philosophischen Fundierung der Soziologie und verwandter Wissenschaften. Der oft gehörte Einwand, anthropologisches Denken kreise um einen ahistorischen Wesensbegriff des Menschen, verfängt in seinem Fall also nicht. Vielmehr besagt der Begriff des Gesetzes, daß wir Menschen aufgrund unserer leiblichen Verfassung (Ausstattung, Verwurzelung) darauf angewiesen sind, uns zur Welt hin zu öffnen und sie "künstlich", geschichtlich und gesellschaftlich zu gestalten.
Als besonderes Verdienst Plessners sei noch einmal explizit auf seine Durchdringung des Konflikts in Natur- und Geisteswissenschaften hingewiesen, welcher aus der Unvereinbarkeit von subjektiver und objektiver Perspektive entsteht. Die Ursache dieses Konfliktes erkennt Plesser in der falschen Umgangsweise mit der "Doppelaspektivität" der menschlichen Grundsituation: Dass der Mensch eben zugleich sein Körper/seine physische Existenz ist und diese hat, dass er zugleich um sich als Geistwesen und als Körperding weiß. Seit Descartes bewältigt das abendländische Denken diese Schwierigkeit dergestalt, dass es sich vor die Entscheidung eines Primats des Geistigen oder des Physischen gestellt sieht (Subjekt-Objekt-Spaltung). Das tradierte Denken verabsolutiert die geistige und die körperliche Erfahrungswelt, anstatt beide in jedem Moment aufeinander bezüglich bzw. ineinander verschränkt zu denken. Die Spaltung in Naturansicht und Bewußtseinsansicht aber zerreißt die Natur- und Geisteswissenschaften ebenso, wie sie das naturgemäß ganzheitliche Selbstbild des Menschen irritiert, womit nicht zuletzt moderne Identitätskrisen zu begründen wären. Plessner begegnet diesen Problemen, indem er konsequent die doppelte Perspektive der Verschränktheit beibehält. Seine auf biologischen Tatsachen aufbauende Philosophie wiederholt beständig die Einsicht in die paradoxe Grundverfasstheit menschlichen Selbst- und Welt-Erlebens.
Soziologe | Philosophische Anthropologie | Philosoph (20. Jh.) | Anthropologie | Deutscher | Mann | Geboren 1892 | Gestorben 1985 | Kantianer
Helmuth Plessner | ヘルムート・プレスナー | Helmuth Plessner | Helmuth Plessner
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