Hatun Aynur Sürücü (* 17. Januar 1982 in Berlin; † 7. Februar 2005 in Berlin) war eine Deutsche kurdischer Herkunft, die einem Ehrenmord zum Opfer fiel. Sie wurde an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof durch mehrere Kopfschüsse getötet. Ihr Tod sorgte bundesweit für Entsetzen und löste eine Debatte über Zwangsehen und Wertvorstellungen von in Deutschland lebenden muslimischen Familien aus.
Im Oktober 1999 zog Sürücü aus der Wohnung ihrer Eltern in Kreuzberg beim Kottbusser Tor aus, fand in einem Wohnheim für minderjährige Mütter Zuflucht und konnte dort ihren Hauptschulabschluss nachholen. Zugleich suchte sie psychotherapeutische Unterstützung auf. Später bezog sie eine eigene Wohnung in Berlin-Tempelhof und begann eine Lehre als Elektroinstallateurin. Sie beendete die Lehre erfolgreich und stand 2005 kurz vor dem Abschluss ihrer Gesellenprüfung.
Weitere Aufmerksamkeit erregte der Fall durch die Diskussion in einer achten Klasse der Thomas-Morus-Oberschule in Berlin-Neukölln, in der drei Schüler den Mord billigten („Die hat doch selbst Schuld. Die Hure lief rum wie eine Deutsche“), woraufhin der Schuldirektor Volker Steffens einen offenen Brief an die Eltern schrieb („Diese Schüler zerstören den Frieden des Schullebens, wenn sie den Mord gutheißen. Wir dulden keine Hetze gegen die Freiheit.“). Damit löste er eine bundesweite Reaktion in den Printmedien und eine erneute Diskussion über ein Pflichtfach Wertekunde an Berliner Schulen aus. Bundespräsident Horst Köhler dankte Steffens in einem Brief vom Juli 2005 für sein Engagement und merkte an: „Ein falsches Verständnis von Toleranz, Harmoniestreben oder mangelnde Courage dürfen nicht dazu führen, dass grundlegende Regeln des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden“. Die Schüler erhielten eine Abmahnung, was jedoch ein zweigeteiltes Echo unter den Lehrern fand.
Am 22. Februar 2005 fand am Tatort eine Mahnwache statt, an der etwa 100 Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam teilnahmen. Zu ihr hatte der Berliner Lesben- und Schwulenverband aufgerufen. Eine weitere, von Politikern und Künstlern initiierte Mahnwache fand am 24. Februar statt. Politiker und Frauenrechtlerinnen forderten von türkischen und islamischen Verbänden in Deutschland eine klare Stellungnahme zum Thema Ehrenmord. Am 5. März demonstrierten mehr als tausend Menschen, aufgerufen von Terre des Femmes und fast allen Berliner Frauenverbänden innerhalb und außerhalb der Parteien, beim Rathaus Neukölln gegen den Ehrenmord. Beim Internationalen Frauentag am 8. März 2005 wurde in vielen deutschen Städten gegen die Ermordung Sürücüs und gegen das Verbrechen sogenannter Ehrenmorde protestiert.
Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg hat aus diesem Anlass am 4. März 2005 einen Zehn-Punkte-Plan „Zur Bekämpfung der Intoleranz gegenüber Frauen“ vorgestellt. Darin fordert der Verband u. a. eine „strikte Strafverfolgung der Zwangsverheiratung“ und ein „öffentliches und aktives Bekenntnis aller türkischen und islamischen Organisationen zum Selbstbestimmungsrecht der Frauen.“
Das Motto „Vergesst niemals Hatun!“ Kampagne gegen Ehrenmorde wurde am Internationalen Frauentag 2006 in Köln zum Leitmotiv einer Konferenz von muslimischen Frauenrechtlerinnen, die von Terre des Femmes, Women's Liberation-Iran, No Shari'a – International Campain Against Shari'a Court in Canada und dem Internationalen Komitee gegen Steinigung unterstützt wurde. [http://www.frauenrechte.de/tdf/index.php?option=com_content&task=view&id=314&Itemid=1
Ein Jahr nach der Ermordung Sürücüs betonten durchweg alle deutschen und türkischen Vertreter von Organisationen, die näher mit ihrem Tod und seinen Hintergründen beschäftigt waren, dass zwischenzeitlich ein langsames Umdenken auf deutscher wie türkischer Seite eingesetzt habe. Dies sei zwar nur ein Anfang, nach vierzig Jahren türkischer Migration nach Deutschland eine dennoch hoffnungsvolle Perspektive.
Hatun Sürücüs Sohn Can (türk. Seele, Leben) lebt heute bei einer Pflegefamilie. Hatuns Schwester Arzu Sürücü gab bekannt, dass sie das Sorgerecht für Can beantragen werde. Falls das Familiengericht den Antrag ablehne, solle der leibliche Vater, der in Istanbul lebt, das Sorgerecht erhalten *. Politiker aller Fraktionen des Berliner Landtags, wie Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen), Giyasettin Sayan (Linkspartei), Berlins Jugendsenator Klaus Böger (SPD), Friedbert Pflüger (CDU), kritisierten die Absicht von Familie Sürücü, das Sorgerecht zu beantragen. Die Chancen dazu wurden von Juristen als sehr gering beurteilt.
Das Motiv war laut den Ermittlungen gekränkte Familienehre; die Brüder hätten sich für die Schwester geschämt, die eigenständig lebte und kein Kopftuch trug. Auch hätten sie befürchtet, sie würde ihren Sohn nicht gemäß der Traditionen erziehen. Der älteste Angeklagte Mutlu (* 1980) soll die Waffe besorgt und der mittlere Bruder Alpaslan (* 1981) in Tatortnähe moralischen Beistand geleistet haben.
Am 14. September 2005 gestand der jüngste Bruder Ayhan (* 1986) den Mord. Am 9. März 2006 versuchte er, während eines Gefangenentransports zu entkommen. Dies war der erste Fluchtversuch aus einem Gefangenentransport in Berlin seit 1987. *
Prozessbeobachter, wie Rechtsanwältin Ulrike Zecher und Soziologin Neclá Kelek werten das Tatgeständnis des jüngsten Bruders als Taktik, um die Familie als verantwortliche Ordnungsmacht zu entlasten. Auch der Sozialwissenschaftler Ahmed Toprak geht davon aus, dass die ganze Familie in den Fall involviert war Schiffauer bestreitet hingegen das Tatmotiv "Ehrenmord", das er für zu undifferenziert hält [http://www.taz.de/pt/2005/10/17/a0186.nf/text.ges,1" target="_blank" >*.
Am 11. Februar 2005 erhielt Ayhan von seinem Vater eine Armbanduhr geschenkt. Nach Aussage der Ermittler werde in strenggläubigen islamischen Familien eine Uhr als Geschenk des Vaters für den Sohn als belohnend und aufwertend gesehen Jedes Mal, wenn die Hauptzeugin und ihre Mutter mit Bodyguards und Schusswesten den Gerichtssaal betraten, krempelte der Angeklagte Ayhan Sürücü den Ärmel hoch und zeigte demonstrativ seine goldene Armbanduhr *, in der Jugendstrafanstalt Kieferngrund habe er eine „herausgehobene Position“ und „Märtyrer
Die Verteidigung versuchte, die Glaubwürdigkeit der Hauptzeugin Melek (* 1987) mit Kreuzverhören und Gutachten zu erschüttern, um die These der Alleintäterschaft zu erhärten. Die Hauptzeugin und auch ihre Mutter stehen unter einem Zeugenschutzprogramm. Allein durch die Aussage von Melek, zur Tatzeit die Freundin des geständigen Ayhan Sürücü, war die Staatsanwaltschaft in der Lage, Anklage zu erheben. Richter Michael Degreif bescheinigte ihr zwar in seiner Urteilsbegründung, dass sie „im Prinzip eine glaubhafte Zeugin“ sei. Doch gab er als Ursache für seinen Freispruch der beiden Mitangeklagten nicht seine umstrittene Prozessführung und die seines im Dezember 2005 frühpensionierten Vorgängers Heinz-Peter Plefka an, sondern ausschließlich die nicht ausreichende Beweiskraft ihrer Aussagen. Erst gegen Ende des Prozesses wurde zunehmend Kritik an der nachlässigen Prozessführung geäußert sexueller Gewalt gegenüber Hatun Sürücü nicht nachgegangen wurde und bei der Verhandlung offen ausgestoßene Drohungen der Angeklagten nicht angemessen vom Vorsitzenden Richter reglementiert wurden. Neclá Kelek erhob den schwersten Vorwurf: „... das Gericht *," target="_blank" >wenn es sich genauer mit der Tat und den Motiven beschäftigt hätte, durchaus mit den Mitteln der Strafprozeßordnung zu weiteren Erkenntnissen kommen können, als nur den reinen Tathergang zu rekonstruieren.“ [http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E23BBDA1B6EA24348A5208795E3964C53~ATpl~Ecommon~Scontent~Afor~Eprint.htm
Nach Aussage der Berliner Landtagsabgeordneten Evrim Baba (Frauenpolitische Sprecherin der Linkspartei im Berliner Abgeordnetenhaus) müsse Melek nun ihr Leben lang damit rechnen, dass ihr etwas zustoße. *
Das Urteil stieß auf geteilte Reaktionen in den Medien und der Fachöffentlichkeit. Politiker wie Cem Özdemir und der Orientalist Hans-Peter Raddatz [http://www.bbv-net.de/public/article/nachrichten/journal/justiz/deutschland/326946 kritisierten den Richterspruch als zu nachsichtig. Berlins Innensenator Körting begrüßte dagegen das Urteil als Ausdruck eines funktionierenden Rechtsstaats. Gleichwohl legte er der Familie Sürücü die Ausreise aus Deutschland nahe. Dagegen meinte der Generalsekretär der Türkischen Gemeinde zu Berlin, Celal Atac: „Als Außenstehende können wir nicht sehen, was sich in der Familie abspielte.“ Die Berliner CDU-Fraktion forderte eine Änderung des Strafrechts für jugendliche Straftäter, da eine Volljährigkeit auch eine volle Straffähigkeit voraussetze. Die SPD-Bundestagsfraktion forderte dagegen, Zwangsehen als besonders schwere Fälle von Nötigung im Strafgesetzbuch aufzunehmen. Sibylle Schreiber von Terre des Femmes äußerte, das Urteil sei ein falsches Signal für Täter und forderte ein Ende der Toleranz der Deutschen gegenüber den „Parallelgesellschaften“ Die türkischen Tageszeitungen Milliyet und Hürriyet distanzierten sich vom Urteil durch das Zitieren kritischer Äußerungen von türkischen Bürgern und durch eigene kritische Kommentare. [http://www.tagesspiegel.de/berlin/archiv/24.04.2006/2487796.asp
Migrationspolitikerinnen wie Ekin Deligöz, stellvertretende Vorsitzende des Familienausschusses im Bundestag (Bündnis 90/Die Grünen) und Sidar Demirdögen, Vorsitzende des Bundesverbands der Migrantinnen, warnten vor einer pauschalen Stimmungsmache gegen Ausländer. Weiterhin intensivierte sich die politische Debatte um den Weg einer besseren Förderung zur Integration von Migranten. Entgegen den Forderungen führender Politiker nach einer Verschärfung des Strafrechts und nach mehr Ausweisung setzte Deligöz auf „möglichst früh und möglichst lange, Sprachkurse, in denen die Kinder auch Sozialverhalten lernen. Und ein islamischer Religionsunterricht, der nicht unkontrolliert den islamischen Vereinen überlassen wird.“ * Bundesinnenminister Schäuble kündigte eine Erhöhung des Jahresbudgets von 140 Mio. Euro für Sprachkurse an, falls diese nicht ausreichten.
Prozess
Frau | Kurde | Menschenrechte | Islam in Deutschland | Geboren 1982 | Gestorben 2005
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