Harold Bloom (*11. Juli 1930 in New York City) ist ein amerikanischer Literaturwissenschaftler und -kritiker. Er ist vor allem für seine Ablehnung marxistischer, feministischer und postkolonialer Literaturtheorie bekannt und erlangte im Laufe der in den 1980er Jahren ausgetragenen Kanon-Debatten internationale Berühmtheit.
Zu Beginn seiner Karriere wandte er sich gegen den an den amerikanischen Universitäten vorherrschenden literaturwissenschaftlichen Ansatz, den New Criticism. Insbesondere verteidigte er die Schriftsteller der englischen Romantik wie Wordsworth und Coleridge gegen die seit T. S. Eliot verbreitete Geringschätzung ihrer Werke. In den 1970er Jahren liebäugelte er kurzzeitig mit dem Dekonstruktivismus, der zu dieser Zeit insbesondere an der Yale Universität zum beherrschenden Diskurs wurde, verwarf ihn aber später. Dem in den 1980er Jahren erstarkenden New Historicism konnte er von Beginn an nichts abgewinnen.
In seinem Band "The Anxiety of Influence" (dt. "Einflussangst") entwickelte er die These, dass ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität stetig versucht, sich von seinen Vorbildern und Einflüssen zu lösen. Bloom verglich diese paradoxe Situation mit dem Ödipuskomplex der Psychoanalyse: der Dichter versucht, seinen "geistigen Vater" zu töten. Die Qualität bzw. Originalität eines Gedichts lässt sich nach Bloom an der Zahl der Gedichte messen, die es "auszuschließen" vermag.
Ebenfalls in den 1970er Jahren wandte sich Bloom dem Gnostizismus, insbesondere der Kabbala, zu und versuchte, sie der Literaturwissenschaft dienstbar zu machen.
Seither ist in seinen Schriften ein idealistisch-religiöser Ton bestimmend. Gute Literatur setzt sich in Blooms Augen mit den Grundfragen der menschlichen Existenz auseinander und offenbart das Streben nach Perfektion und Unsterblichkeit.
Mit dieser Auffassung geriet Bloom in Konflikt mit neueren Strömungen, als die Lehrpläne amerikanischer Schulen und Universitäten seit den 1970er Jahren vielerorts umgestellt wurden und zunehmend die Literatur, die von Frauen, Schwarzen, Einwanderern oder Autoren der "Dritten Welt" verfasst wurde, zuungunsten der Werke "toter weißer europäischer Männer" (dwems) bevorzugt wurde. Bloom sah in dieser Entwicklung eine unerhörte Politisierung des Literaturbetriebs und stemmt sich seither in zahlreichen Büchern, Vorträgen und Interviews gegen den angeblichen Niedergang der westlichen Kultur.
Blooms Selbstverständnis als Gralshüter der westlichen Kultur hat ihm wider seine Absicht die Bewunderung konservativer Kreise eingebracht, in jüngster Zeit aber auch viel Kritik und Spott. 2000 eskalierte ein Disput mit dem marxistischen Literaturprofessor Terry Eagleton, der Bloom des pathetischen Moralisierens zieh.
Harold Bloom vertritt die Auffassung, dass ein jedes literarische Werk sich "der alten und unerbittlichen dreifachen Frage des Wettkämpfers" stellen müsse, mit den möglichen Antworten "besser als, schlechter als, ebenso gut wie", und den aktuellen Stand dieses Wettstreits tut er regelmäßig in Büchern und Interviews kund.
1975 benannte er Robert Penn Warren, James Merrill, John Ashbery und Elizabeth Bishop als die bedeutendsten lebenden amerikanischen Dichter, und fügte dieser Liste später noch A. R. Ammons und Henri Cole hinzu.
In einem Interview der späten 1980er sagte er, Samuel Beckett sei "wahrscheinlich der bedeutendste lebende Schriftsteller der westlichen Welt". In der Einführung zum Band "Modern Critical Interpretations: Thomas Pynchon" (1987) legte er seinen Kanon "The American Sublime" vor, der die seiner Ansicht nach wichtigsten Errungenschaften der amerikanischen Kultur des 20. Jahrhunderts enthält. Es sind dies:
Als die bedeutendsten britischen Autoren der Gegenwart identifizierte er den Dichter Geoffrey Hill sowie die Romanschriftstellerin Iris Murdoch.
In seinem umstrittenen Buch "The Western Canon" findet sich eine umfassende Aufzählung der Werke, die seiner Ansicht nach das Rückgrat der westlichen Kultur ausmachen. Sie findet sich hier.
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