Die chinesische Schrift (chin. wenzi, 文字, (Schrift)) fixiert die chinesische Sprache mit chinesischen Schriftzeichen.
Entgegen der landläufigen Meinung hat die chinesische Schrift keinen logographischen Charakter. Die Zeichen der chinesischen Schrift repräsentieren Einheiten der Sprache. Anders als das Kaufmanns-Und & steht das chinesische Zeichen für eine Einheit mit Laut- und Bedeutungsstruktur und übermittelt seine Bedeutung nicht durch eine mit dem Zeichen verknüpfte konventionalisierte Allgemeinvorstellung, für die es in der Sprache kein Wort (als Einheit von Laut- und Bedeutung) gäbe.
Ob die chinesische Schrift in ganz China trotz der heterogenen Sprachsituation überregional verständlich ist, hängt in erster Linie von der Sprach- und Schriftkompetenz des jeweiligen Chinesen ab. Ein guter europäischer Lateinschüler ist ebenfalls in der Lage, alle romanischen Sprachen (z.B. Italienisch - Französisch - Spanisch) zu lesen. Diese Tatsache lässt aber lediglich Rückschlüsse auf die Ähnlichkeit der Sprachen zu und ist in keinem Fall auf einen logographischen Charakter der Schrift zurückzuführen.
Ein Schriftzeichen repräsentiert im Großteil der Fälle eine Silbe als Lautstruktur eines Morphems. Die chinesische Sprache ist jedoch keine Silbenschrift, denn gleichlautende Silben werden nicht jeweils durch ein einheitliches Zeichen wiedergegeben, beziehungsweise verschiedene Morpheme mit der gleichen Lautstruktur werden auch durch verschiedene Zeichen wiedergegeben. Die chinesische Schrift ist eine Morphemschrift.
Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends entwickelte sich die Bilderschrift zu einer verkehrsfähigen Schrift, die in der Lage war, Syntax und Semantik einiger der damaligen Sprachen im Raum der heutigen Volksrepublik China vollständig abzubilden. Mit der chinesischen Reichseinigung unter dem ersten Kaiser Qin Shihuangdi (秦始皇帝) ca. 200 v. Chr. fand eine große Schriftvereinheitlichung statt.
Im Zusammenspiel mit dem seit der Reichseinigung (Qin-Dynastie) 200 v. Chr. etablierten Beamtenstaat wurde die chinesische Schriftsprache durch ihre Verwendung im gesamten Einzugsbereich des chinesischen Kaiserreiches zur Lingua franca, die die verschiedenen chinesischen Sprachgemeinschaften miteinander verband und eine relative Geschlossenheit des chinesischen Kulturraums ermöglichte.
In China mussten Politiker und Beamte bis ins 20. Jahrhundert hinein gute Literaten sein, wenn sie Einfluss gewinnen wollten – und nicht, wie im Westen, gute Redner. An vielen Stellen wird beschrieben, wie groß die Enttäuschung bei vielen Chinesen war, als sie Politiker wie Mao Zedong oder Deng Xiaoping zum ersten Mal sprechen hörten.
Am 28. Januar 1956 wurde auf der 23. Plenarsitzung des Staatsrates des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas das "Konzept zur Verkürzung der chinesischen Schriftzeichen" angenommen und am 31. Januar von der Tageszeitung "Renmin Ribao" veröffentlicht. Bei der Vereinfachung der Schriftzeichen wurde auch auf eine große Zahl von Schreibungen zurückgegriffen, die schon bei handschriftlich verfassten Texten in der Zeit der Nord- und Süd-Dynastien verwendet wurden. In der Tang-Dynastie wurden bereits sehr viele Kurzzeichen von Dichtern benutzt. Im Königreich der Taiping-Rebellen wurden ebenfalls Kurzzeichen benutzt, von denen über 50 Stück in das "Konzept zur Verkürzung der chinesischen Schriftzeichen" in der Volksrepublik China aufgenommen wurden. Das Engagement für die Einführung von Kurzzeichen beginnt bereits bei den Aktivitäten der Intellektuellen der Bewegung des vierten Mai, wie Qian Xuantong.
Beispiele für Vereinfachungen sind für (tú, Karte), für (lóng, Drache) und für (dān, einzeln). Methoden der Vereinfachung waren beispielsweise die Verbindung von Punkten zu Linien( mǎ, Pferd, wurde zu ), das Weglassen von Strichen bzw. Punkten ( bzw. wèi, tun, wurde zu 为) oder das Zusammenfassen von zwei oder drei Langzeichen zu einem Kurzzeichen ( und fù wurden zu dem vereinfachten Zeichen zusammengefasst).
Die Schriftreformen in der Volksrepublik China beziehen sich jedoch nicht nur auf die Reduzierung der Anzahl der Striche innerhalb eines Schriftzeichens, sondern auch auf die Festlegung eines standardisierten Lauts eines Zeichens, die Festlegung einer standardisierten Schriftart, die Festlegung der Menge der Schriftzeichen im allgemeinen Gebrauch, sowie auf eine Systematisierung der Schriftzeichen, zum Beispiel bei der Anordnung in Lexika.
Parallel zu den vereinfachten Zeichen werden die traditionellen Langzeichen jedoch bis heute teilweise verwendet und kehren seit den zunehmenden Lockerungen in der Volksrepublik immer mehr in den Alltag zurück. Dennoch ist es für einen durchschnittlich gebildeten Chinesen nicht möglich, die Langzeichen alter Texte, die nicht übertragen wurden, zu lesen.
Auf Taiwan sowie in Hongkong und Macao wurde die Tradition des Schreibens mit Langzeichen bis heute beibehalten, weil dort die Reformen von 1958/1959 nicht durchgeführt wurden. Sie ist auch bei Überseechinesen verbreitet. So blieb die symbolische Bedeutung der Zeichen und Radikale erkennbar. In handschriftlichen Texten sind jedoch traditionell eine ganze Reihe von Kurzschreibungen gängig, die zum Teil den Kurzzeichen der Volksrepublik China entsprechen.
Seit der Schriftreform wird in der VR China in Büchern meistens wie bei europäischen Büchern in Zeilen von links nach rechts und mit von oben nach unten angeordneten Zeilen geschrieben.
In Taiwan gedruckte Bücher literarischen Inhalts werden jedoch nach wie vor von oben nach unten gelesen. Für Zeitungen und Zeitschriften sowie Sachtexte und Fachbücher gilt das jedoch nur bedingt. In Anzeigen, und häufiger auch in der Werbung, wird, wenn im Text auch westliche (Marken-)namen auftauchen, die Schreibweise von links nach rechts verwendet. Bei Kalligraphie und Gedichten gibt es fast nur die Schreibrichtung von oben nach unten.
In Japan findet man beide Varianten, wobei literarische Texte eher in Spalten, Sachtexte eher in Zeilen gedruckt werden. In Zeitungen wird beides vermischt verwendet, wodurch sich mehr Möglichkeiten für ein ansprechendes Layout ohne extrem kurze Zeilen (bzw. Spalten) ergeben.
Von oben nach unten gedruckte Bücher, also in Taiwan gedruckte und die meisten japanischen, werden aus europäischer Sicht auf der "falschen" Seite, also "hinten" geöffnet. Blickt man auf die Titelseite, so ist der Buchrücken also rechts und nicht wie in Europa links. Bücher, bei denen die Schriftzeichen von links nach rechts angeordnet sind, haben die Titelseite auf der für uns gewohnten Seite und werden wie europäische Bücher geöffnet und gelesen.
Inschriften über Portalen und Türen sind in der VR China häufiger von rechts nach links geschrieben. In Japan sind Portalüberschriften eher - so wie in Europa - in Zeilen von links nach rechts, bei Tempeln und Schreinen allerdings fast ausschließlich traditionell von rechts nach links geschrieben. In Taiwan laufen die Inschriften über Tempeltoren und Altären von rechts nach links.
Bei Chinesischer Schrift, die mit chinesischen Schriftzeichen wiedergegeben wird, werden keine Wortgrenzen, wie beispielsweise durch Leerzeichen, markiert, denn die Schriftzeichen haben alle den gleichen Abstand voneinander. Was chinesische Schrift betrifft, die mit lateinischen Buchstaben wiedergegeben wird, wird in der Volksrepublik China seit 1988 die Zusammenschreibung von Wörtern propagiert.
Seit September 1951 ist die Interpunktion in der Volksrepublik China amtlich geregelt. Nach dem Stand von 1990 gibt es 16 Interpunktionszeichen, die überwiegend den im Westen gebräuchlichen entsprechen und ähnlich verwendet werden. Besonders sind der den Satz abschließende Punkt " 。" (句号/句號 jùhào, siehe auch den "Kreis" oben) sowie das Aufzählungen gliedernde "liegende" Komma " 、"(顿号/頓號 dùnhào).
Leerzeichen zwischen Wörtern sind in der chinesischen Schrift unüblich. Dadurch gibt es keine klare Abgrenzung des Begriffs "Wort" in den Sprachen, die die chinesische Schrift verwenden. Oft sind sich sogar Muttersprachler nicht einig darüber, ob ein bestimmtes Element in einem Satz z. B. eine Endung oder ein eigenes Wort ist.
Eine Textzeile wird, sobald sie voll ist, an einer beliebigen Stelle umbrochen; Trennungsregeln gibt es nicht. Nur unmittelbar vor einem Satzzeichen wird nicht getrennt, in diesem Fall wird ein Zeichen in die nächste Zeile übernommen.
Im modernen Alltagsgebrauch wird mit den auch im Westen üblichen Schreibgeräten geschrieben; im Schreibunterricht in den Grundschulen Taiwans meist mit Bleistift in besonderen Schreibheften mit quadratischen Schreibfeldern.
Die Eingabe von Texten am PC erfolgt mit einer Schreibgeschwindigkeit pro Satz, die etwa dem entspricht, was zum Beispiel deutsche Textverarbeiter mit deutschen Tastaturen erreichen können. Dabei entstehen im chinesischen Sprachraum und in Japan als unerwünschter Nebeneffekt neue Fehlerarten bei der Schreibung chinesischer und japanischer Texte.
Und beim Schreiben von Handschrift fehlen die Vorschläge, die computergestützte Eingabesysteme im Dialog machen. An deren Eingabedialoge gewöhnte jüngere Chinesen und Japaner haben darum oft schon Schwierigkeiten, sich handschriftlich fehlerfrei auszudrücken. Sie können dann aber in kleinen elektronische Taschenwörterbüchern nachschlagen, die oft schon sehr umfangreich sind, weil in ihnen gleich der Inhalt mehrerer konventioneller Wörterbücher abgespeichert ist.
Yong.png Die Kalligrafie ist eine in China hochangesehene Kunst. Hierbei werden mit einem Pinsel die Zeichen schwungvoll zu Papier gebracht. Diese Schriftzüge gelten genauso als Kunstobjekte wie z. B. Malereien. Es ist in der chinesischen Malerei sogar üblich, Schriftzeichen in das Bild zu integrieren; buddhistische Mandalas werden im chinesischen Kulturraum, anders als in Südasien, eher mit Schriftzeichen als mit bildlichen Darstellungen gestaltet.
In Japan wurde im Gegensatz zu China nach dem Grundprinzip Wabi-Sabi oft ein nicht im klassischen Sinne schönes, sondern bewusst "rohes" und unfertiges Aussehen angestrebt.
Kalligrafische Kunstwerke zieren häufig als paarige senkrechte Schrifttafeln und waagerechte Namensschilder den typischen chinesischen Garten. Sie sind von den Gartenbauten fast nicht zu trennen und bilden wichtige Schmuckelemente im chinesischen Landschaftsgarten. Der Inhalt der Tafeln und Schilder ist im allgemeinen auf die Umgebung der Gebäude bezogen. Häufig handelt es sich um Zeilen aus berühmten Gedichten, in denen Besonderheiten der Szenerie angedeutet sind.
Ihren künstlerischen Höhepunkt erreichte die Kalligrafie zusammen mit anderen Kunstformen in der Tang-Dynastie (618-907). Die Kunstwerke der damaligen berühmten Kalligrafen - etwa von Wang Xizhi, Yan Zhenqing, Ou Yangxun und Liu Zongyuan - werden bis heute als unbezahlbare Schätze betrachtet.
Der Wert des 'Schönschreibens' wird in China sehr hoch angesetzt. Das erkennt man etwa daran, dass die Republik China in Taiwan bei den offiziellen Biografien ihrer bisherigen Präsidenten kalligrafische Arbeiten von diesen mit angibt (hier z. B. für Sun Yat-sen).
Die ersten Versuche zur Transkription der chinesischen Sprache gingen 1588 von dem italienischen Missionar Matteo Ricci und dem französischen Missionar Nicolas Trigault aus. Die Missionare versuchten, die Laute der chinesischen gesprochenen Sprache mit Buchstaben aus dem lateinischen Alphabet zu fixieren. Um diese Zeit entstand auch die Umschrift von Wade-Giles.
1892 entwickelte Lu Zhuangzhang (卢戆章) eine Transkription für den Dialekt aus Xiamen und nannte sie "qieyin xinzi" (Neue Zeichen für zerteilte Laute, 切音新字). Er gilt als der erste Chinese, der für die chinesische Schrift ein Transkriptionssystem entwarf. Gemäß seinem Entwurf wird die Bewegung für die Transkription der chinesischen Sprache am Ende der Qing-Dynastie in China "qieyinzi yundong" (Bewegung für die Zeichen für zerteilte Laute, 切音字运动) genannt. Lu Zhuangzhang hatte bereits die Idee einer einheitlichen Sprache und Schrift für ganz China.
Bis zur Gründung der Republik China wurden fast dreißig weitere Transkriptionssysteme hervorgebracht. Davon machten solche aus lateinischen Buchstaben etwa ein Viertel aus. Das Ziel war es, die chinesische Schrift einfacher erlernen zu können und damit im Zuge der Modernisierungsbestrebungen Wissenschaft und Bildung vorantreiben zu können. Unter diesen Transkriptionssystemen war auch das Konzept von Wang Zhao (王照), der sich von japanischen Kana bei der Entwicklung seines Konzepts beeinflussen ließ.
Die Idee, eine einheitliche chinesische Sprache zu verwenden, findet sich bereits bei den Beamten der Qing-Dynastie. Daher leitet sich der Name guanhua (Beamtensprache), beziehungsweise Mandarin für das Chinesische ab. Der Gedanke, eine Aufsplitterung in Dialektgruppen in China zu verhindern, und die Idee der Notwendigkeit einer gemeinsamen Nationalsprache innerhalb der heterogenen Sprachsituation in China wurde ganz besonders nach dem Sturz der Qing-Dynastie und der Gründung der Republik China deutlich. 1913 berief deshalb die Beiyang-Regierung die „Konferenz zur Vereinheitlichung der Aussprache“ (duyin tongyi hui, 读音统一会) ein. Auf der Konferenz wurde beschlossen, das "Zhuyin Zimu" (Nationale Phonetische Alphabet) (注音字母) einzuführen. Die Schriftreform in China ging somit einher mit einer Sprachreform. Es handelt sich bei diesem Transkriptionssystem anders als bei den von den Missionaren geschaffenen Schriften um eine Lautschrift aus verkürzten chinesischen Zeichen.
Bis zur Machtergreifung der Kommunistischen Partei 1949 entstanden weitere Transkriptionssysteme aus lateinischen Buchstaben. Die bedeutendsten sind:
Das Gwoyeu Romatzyh stammt von Yuen Ren Chao /Pinyin: Zhao Yuanren (赵元任) und wurde am 14. September 1926 dem Erziehungsministerium zur Veröffentlichung unterbreitet.
Das Sin Wenz hat seine Vorläufer in der Sowjetunion. Auf dem Höhepunkt der sowjetischen Latinisierungsbewegung entwarfen Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas, die sich in Russland aufhielten, und sowjetische Linguisten ein Transkriptionssystem für die chinesische Schrift mit lateinischen Buchstaben, das 1933 nach China überliefert und "Ladinghua Xin Wenzi" genannt wurde. Es löste die Massensprachenbewegung (Ladinghua qunzhong yundong, 拉丁化群众运动) aus, in der es Anspruch auf nationale Verbreitung erhob. Es verbreitete sich ab 1934 von Shanghai aus. Ein prominenter Befürworter war Lu Xun. Es wurde jedoch von der Guomindang verboten, und auch in den von den Japanern eroberten Gebieten musste seine Verbreitung eingestellt werden. Aber in den befreiten Gebieten der Kommunisten wurde es in Abendschulen eingesetzt und legte nach der Machtergreifung der Kommunisten 1949 die Basis für die Entwicklung des Pinyin.
Neben einigen an der Sprache des jeweiligen Übersetzers orientierten Sonderformen (vor allem in den anderen ostasiatischen Sprachen) sind heute für Hochchinesisch vor allem drei Systeme gebräuchlich: Die Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte lateinische Umschrift von Wade-Giles, die nichtlateinische Umschrift Zhuyin, die in Taiwan noch üblich ist, und das mit der Vereinfachung der Zeichen in der VR China eingeführte lateinbasierte Pinyin.
Das Pinyin wurde 1982 von der ISO als internationaler Standard für die Umschrift des Chinesischen anerkannt. Durch die vielfältigen Systeme kommt die teilweise vorhandene Uneinheitlichkeit der Lautumschrift zustande, z. B. Mao Zedong und Mao Tse-Tung oder Beijing und Peking. Des Weiteren hält sich der deutsche Duden nicht konsequent an ein Umschriftsystem und verwendet teilweise Umschriften, die in keinem der Systeme vorkommen, etwa Tsingtau.
Für andere chinesische Sprachen, wie beispielsweise Kantonesisch, werden ebenfalls Lautumschriften entwickelt, diese sind jedoch bisher weniger ausgereift als die Mandarin-Systeme.
siehe: Chinesische Zeichenkodierung und CJK
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