Hans Würtz, eigentlich Johannes Würtz (* 18. Mai 1875 in Heide, Holstein; † 13. Juli 1958 in Berlin) war einer der einflussreichsten und umstrittensten Protagonisten der „Krüppelpädagogik“ (Körperbehindertenpädagogik) in der Zeit der Weimarer Republik. Oskar1_Helene_Heim_Berlin.JPG, Hauptgebäude]]
Innerhalb des 20. Jahrhunderts hat sich die gesellschaftliche Einstellung zu Menschen mit Behinderung sehr stark verändert, was man besonders beim Vergleich von modernen Begrifflichkeiten und den entsprechenden veralteten Worten erkennen kann.
Ein besonders auffallendes Wort, was man im Zusammenhang mit Hans Würtz klären muss, da sich dessen Gebrauch bei der Arbeit mit Würtz nicht vermeiden lässt, ist das Wort „Krüppel“ und zugehörige Wortverbindungen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff „Krüppel“ nicht nur in der Umgangssprache verwendet, sondern er war ein fachwissenschaftlicher Terminus. Das Wort „Krüppel“ ist heute nicht nur in der Wissenschaft sondern auch in der Umgangssprache verpönt, da dessen Gebrauch als zutiefst stigmatisierend gilt. Deshalb einigte man sich darauf, synonym dafür die Begrifflichkeiten „Menschen mit Körperbehinderung“ oder „handicapped people“ zu verwenden.
Nach seiner Lehrerausbildung auf der Präparandenanstalt in Apenrade nahm er eine Stelle als Aushilfslehrer auf Föhr an. Aufgrund von Auseinandersetzungen mit Dozenten wurde er vom Lehrerseminar in Tondern, das er ab 1894 besuchte, vorzeitig entlassen. Durch gute Beziehungen bekam Würtz am Lehrerseminar in Eckernförde eine zweite Chance.
Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung als Volksschullehrer 1902, widmete er sich mit großem Engagement seiner Tätigkeit als Volksschullehrer im Heidedorf Uk. Fuchs sagt, dass Würtz geradezu besessen vom Lehren schien. Er gründete einen Leseclub und einen Theaterverein, und warnte als Mitglied des Guttemplerordens auf sonntäglichen Zügen von Dorf zu Dorf vor dem Alkoholgenuss. Nach einem Disziplinarverfahren, das wegen Unruhestiftung gegen ihn eingeleitet wurde und zu seinen Gunsten ausging, bekam er eine Gehaltserhöhung. Oskar4_Helene_Heim_Berlin.JPG
Im Jahr 1904 wurde er als Volksschullehrer nach Altona berufen, wo er seine Frau, Gertrud Nielson, kennen lernte, die er 1907 heiratete. In Hamburg entwickelte sich auch die langjährige Freundschaft zum Biosophen Willy Schlüter, mit dem er 1914 das Buch „Uwes Sendung“ publizierte. Durch eine weitere Freundschaft zu der engagierten Frauenrechtlerin Anna Plothow erhielt er 1910 eine Stelle als Volksschullehrer in der Knabenschule in Berlin-Tegel und wurde schließlich 1911 an die Berliner Krüppel-Heil- und Erziehungsanstalt für Berlin-Brandenburg berufen. Aus dieser Anstalt ging das Oskar-Helene-Heim in Berlin-Zehlendorf hervor, an dem Würtz die Stelle des Erziehungsinspektors einnahm.
Hans Würtz baute gemeinsam mit dem Arzt Konrad Biesalski das Oskar-Helene-Heim auf, das unter der Leitung der beiden eine der größten orthopädischen Privatanstalten für Kinder und Jugendliche war. Es galt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts als Zentrum der Krüppelfürsorge in Deutschland und erwarb sich internationalen Ruf.
Obwohl Würtz sowohl theoretische als auch praktische Erfahrungen in der Krüppelfürsorge fehlten, arbeitete er nun mit großem Engagement mit jungen körperbehinderten Menschen.
1928 wurde seine Ehe geschieden. Er heiratete noch im selben Jahr Rosalie von Molo, die frühere Frau des Schriftstellers Walter von Molo.
Seit 1915, war er neben der Tätigkeit als Erziehungsinspektor, auch als Verwaltungsdirektor des Oskar-Helene-Heims tätig und in Vereinen und Verbänden sowohl der Krüppel- als auch der Waisenfürsorge engagiert. Im Jahr 1930 verstarb der Orthopäde Konrad Biesalski. Würtz und Biesalski hatten viele Jahre partnerschaftlich und gleichberechtigt zusammengearbeitet und stimmten in ihrer Grundauffassung der Krüppelfürsorge sehr stark überein. Nach dem Tod Biesalskis war Würtz der wichtigste Repräsentant des Oskar-Helene-Heims.
Direkt nach Machtergreifung des NS-Regimes 1933, wurde Würtz als Volksfeind, Edelkommunist, Freimaurer, Philosemit und Pazifist verdächtigt, seines Amtes enthoben und verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, dass er „Missbrauch mit den Bildern Göbbels betreibe“, weil er Joseph Goebbels 1932 in seinem Werk „Zerbrecht die Krücken“ wegen dessen Klumpfusses gleich zwei mal in den Listen berühmter Krüppel erwähnte. Außerdem wurde ihm seit dem 15. Mai 1933 durch eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Krüppel-, Heil- und Fürsorgevereins für Berlin-Brandenburg e.V. vorgeworfen, Spendengelder des Hilfebundes Oskar-Helene-Heim veruntreut und diese zur Finanzierung des Buches „Zerbrecht die Krücken“, verwendet zu haben. Vor allem Dr. Hellmut Eckhardt, Geschäftsführer der „Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge“, und der Lehrer Knabe warfen ihm die Veruntreuung von Geldern vor. Würtz' alte Kollegen Eckhardt und Knabe übernahmen dann führende Rollen in der Krüppelfürsorge, noch während Würtz in Untersuchungshaft saß.
Würtz wurde 1933 fristlos und ohne Pension entlassen und floh aufgrund von Warnungen Anfang April in die Tschechoslowakei. Er lebte dort in Prag bei seinem Freund und Kollegen Augustin Bartoš, der Arzt und Direktor des Prager Krüppelheims war. Grave_Wuertz1_Berlin.JPG von Hans Würtz, Waldfriedfhof Dahlem]] Am 12. Mai 1933 kehrte er nach Berlin zurück, um sich gegen die Vorwürfe der Untreue und Verschwendung von Spendengeldern des Oskar-Helene-Heims zu wehren. Kurz nach seiner Ankunft wurde er in „Schutzhaft“ genommen und am 22. Januar 1934 zu einem Jahr Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt. Am Tag der Haftentlassung verließ er Deutschland sofort wieder, nachdem er durch eine Erzieherin des Oskar-Helene-Heims eine Warnung erhalten hatte. Er ging erneut in die Tschechoslowakei und ließ sich zunächst in der sudetischen Stadt Neumark nieder. Von 1935 bis 1938 wechselte er mehrmals den Wohnort, bis er schließlich nach Wien ging.
1946 kam er erneut nach Berlin und stellte einen Antrag auf Straftilgung. Im Jahr 1947 wurde Würtz durch Aufhebung des Urteils von 1934 und der Tilgung seines Strafregisters rehabilitiert und übernahm 1949 den Posten des Kurators im Oskar-Helene-Heim.
Nach seinem Tod 1958 wurde er in einem Berliner Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Dahlem bestattet.
Das Konzept der einseitigen Anpassung bei der Integration von Menschen mit Körperbehinderung bildete beispielsweise, laut Petra Fuchs, bis Ende der 1980er Jahre den Grundstein ihrer Fürsorge und Erziehung.
Nach Fuchs, betrachtete Würtz Menschen mit Körperbehinderung als „Minderwertige“, während er die professionellen „gesunden Krüppelpädagogen“ als „Höherwertige“ wahrnahm. Die Lösung des „Krüppelproblems“ mit dem Ziel der sozialen Eingliederung körperbehinderter Menschen lag nach Ansicht von Würtz in deren „Vermenschlichung“ und Anpassung an die „Kraftwerte der Gesunden“, ein Prozess, der sich seiner Ansicht nach nur unter Anleitung eines ethisch hoch stehenden „Krüppelerziehers“ vollziehen konnte.
Er führte in diesem Zusammenhang aus:
Die von ihm unterstellten charakterlichen Mängel körperbehinderter Menschen beschrieb Würtz als individuell verankerte Merkmale, die in und an den „Typen“ zu bekämpfen wären. Er sagt dazu: Bettler_Bosch.JPG (ca. 1450-1516), Skizze eines verkrüppelten Bettlers]]
Friedrich Malikowski, Mitglied und wichtiger Vertreter des „Selbsthilfebundes Körperbehinderter“ (auch als Perl-Bund bekannt), warf Würtz die Überbetonung einzelner Charakterzüge körperbehinderter Menschen ebenso vor wie sein rein phänomenologisches Vorgehen. Durch die Anwendung dieser Methode wurden die Lebensäußerungen von Menschen mit Körperbehinderung zu besonderer Bedeutung erhoben, während gleichwertige Äußerungen „Gesunder“ von Würtz nicht zu einem Vergleich herangezogen wurden. Malikowski kritisiert weiter, dass Würtz keine Beziehung zwischen der seelischen Entwicklung von körperbehinderten Menschen und den gesellschaftlich gegebenen Bedingungen herstellte, unter denen sie aufwuchsen: „Die Betrachtungsweise die den Krüppel losgelöst von den Beziehungen zur Gemeinschaft nur als Untersuchungsobjekt nimmt, * führt oft zu nicht sehr überzeugungskräftigen, wenig begründeten Urteilen.“ (Malikowski 1922).
Hinweise auf eine „potentiell harmonische Entwicklung behinderter Kinder“ existierten in den zahlreichen Veröffentlichungen und mündlichen Äußerungen von Hans Würtz überhaupt nicht. Malikowski hingegen sah eine Wechselbeziehung zwischen der Existenz körperbehinderter Menschen einerseits und der Gesellschaft andererseits und legte Würtz eine „mehr soziologische Betrachtungsweise“ (Malikowski 1922) nahe.
Würtz war der Meinung, dass der „Krüppel“ für die Gemeinschaft erzogen werden muss und dass seine Arbeitsfähigkeit und -willigkeit die Hauptkriterien für seinen Wert darstellen:
Aus diesem Grund unterscheidet Würtz auch zwischen förderungswürdigen und -unwürdigen Krüppeln, denn die Gelder des Staates werden nur bei den Krüppeln nicht verschwendet, bei denen es möglich ist sie vom „Almosenempfänger zum Steuerzahler“ (Biesalski) zu machen. Die Eingliederungsidee die Würtz verfolgte, muss man deshalb also als assimilative Eingliederungsidee bezeichnen, bei der nur die körperbehinderten Menschen ihren Teil zur Eingliederung in die Gesellschaft beitragen sollten, die „Gesunden“ waren von dieser Eingliederungsarbeit nicht betroffen.
Würtz vertrat zum Beispiel die Meinung:
Das Wort Tod in diesem Ausspruch wird von einigen bekannten Sonderpädagogen (u. a. Hans Stadler) als das Gegenteil von Tat ausgelegt. Stadler schreibt in diesem Zusammenhang: „Tod bezeichnet nicht, wie von Sierck und Kunert missverstanden, den biologischen, physischen Tod, sondern das Gegenteil zur Tat, nämlich ein kraftloses, willenloses Dasein, einen passiv-resignierenden Zustand.“ Wichtiges Gegenargument ist jedoch die ungeheure Anzahl von Veröffentlichungen von Würtz. Warum sollte Würtz gerade diese wichtige Aussage so unerklärt lassen? Es ist also festzustellen, dass Würtz vermutlich damit rechnete, dass seine Aussage verschiedenartig ausgelegt werden kann. Außerdem war Würtz Hauptanliegen nicht der Schutz von Randgruppen, wozu die Siechen die er im Zitat erwähnte in der damaligen Zeit gehörten, denn der persönliche Wert des Krüppels bemaß sich für Würtz und die anderen Krüppelpädagogen am Grad seiner Nützlichkeit bzw. Brauchbarkeit für die Gesellschaft, deshalb wollte er den Krüppel auch von den Randgruppen getrennt wissen.
Um auf die Einstellung Würtz zur Eugenik einzugehen, ist dieses Zitat zu nennen:
Da dieses Zitat aus dem Jahr 1914 stammt, kann man schlussfolgern, dass Würtz nicht durch Angst vor den Nationalsozialisten eine bestimmte Richtung in Hinblick auf sein Menschenbild einschlug, sondern er ihnen vielmehr Wegbereiter war.
Zum einen gibt es eine Vielzahl von Wortmeldungen von Seiten des Perl-Bundes, vor allem von Friedrich Malikowski, Otto Perl, Irma Dresdner, Maria Gruhl und Hans Förster, die Widerspruch gegen Würtz Theorien über die Krüppelseelenkunde, Krüppelpädagogik und Krüppelpsychologie einlegten. Vor allem das Menschenbild, welches Würtz, aber auch die anderen wichtigen Vertreter der Krüppelfürsorge vertraten, lehnten die Vertreter des Perl-Bundes ab. Oskar2_Helene_Heim_Berlin.JPG Des Weiteren war sich Würtz seiner Stellung und Macht bewusst, denn er arbeitete auf sie ja auch zielstrebig zu und er verfasste in der Zeit von 1911-1933 eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Die Frage die sich daraus ergibt ist, ob es nicht möglich sein kann, dass Würtz seine Äußerungen oft nicht hundertprozentig auf den Punkt brachte, um sich nach allen „Seiten“ abzusichern?
Bei der Beurteilung von Würtz muss natürlich auch seine Flucht vor dem NS-Regime mitbedacht werden. Würtz Theorien waren, wie bereits erwähnt, von der Reformpädagogik mitgeprägt. Diese pädagogische Bewegung endete mit dem Beginn des Nationalsozialismus, da ein Großteil der Reformpädagogen, nun die Arbeit als NS-Pädagogen aufnahm. Die Pädagogik im Nationalsozialismus und die Reformpädagogik überschnitten sich in einer Vielzahl von Zielen, beide waren beispielsweise tatorientiert, was man auch bei Würtz Theorien feststellen kann. In Anbetracht der Tatsache, dass Würtz keine dem Nationalsozialismus entgegengesetzte Weltanschauung vertrat und ein aus heutiger Sicht ebenso menschenverachtendes Menschenbild, wie die Nationalsozialisten, muss eine Frage aufgeworfen werden:
War Würtz politisch Verfolgter, der um sein Leben bangen musste, oder ein verurteilter Verbrecher, der seiner Haftstrafe entkommen wollte?
Da dieser Zusammenhang anhand der historischen Quellen nicht eindeutig zu klären ist, bleibt weiterhin offen, wie man die Flucht von Würtz aus Deutschland interpretieren soll.
Letzten Endes bleibt festzustellen, dass einige von Hans Würtz Theorien und Ansichen in der Sonderpädagogik des neuen Jahrtausends weiterhin fortbestehen, beispielsweise kann man, nach Fuchs, eine Abwendung vom Sonderbeschulungskonzept, nur unzureichend erkennen. Auch für die sich wieder neu formierte Reformpädagogik ist Würtz aufgrund seiner Pionierarbeit in einigen schulpraktischen Bereichen von großer Bedeutung. Hans Stadler führt dazu aus:
Die Arbeit mit den Theorien von Hans Würtz und mit der Sekundärliteratur, die in der heutigen Zeit über dieses Thema entsteht, muss von einer kritischen Grundhaltung geprägt sein, gerade weil sich die verschiedenen Autoren teilweise gegenseitig widersprechen. Die Bedeutung, die Würtz für den noch sehr jungen Teilbereich der Pädagogik, die Sonderpädagogik hat, kann jedoch von niemandem geleugnet werden. Aus diesem Grund ist und bleibt Hans Würtz ein Klassiker der Sonderpädagogik, den es vor dem historischen Hintergrund, aber auch ohne diesen Hintergrund zu erfassen gilt, um sich ein Bild über die Sonderpädagogik heute machen zu können.
Mann | Deutscher | Pädagoge | Geboren 1875 | Gestorben 1958
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