Hanna-Maria Zippelius (* 19. Mai 1922 in Detmold, † 19. August 1994) war eine deutsche Ethologin, die sich über Jahrzehnte hinweg insbesondere mit den angeborenen Grundlagen der Kommunikationsfähigkeit von Kleinsäugern beschäftigte. In ihrem viel beachteten und leidenschaftlich diskutierten Alterswerk (mit dem bewusst doppeldeutigen Titel „Die vermessene Theorie“) veröffentlichte sie 1992 eine umfassende Beschreibung, Analyse und Kritik der Instinkttheorie von Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen.
Am 24. Mai 1944 promovierte Hanna-Maria Zippelius zur Dr. rer. nat. in München über „Die Paarungsbiologie einiger Orthopteren-Arten“, u. a. am Beispiel der Feldgrille. Danach war sie 1946/47 hauptsächlich als ehrenamtliche wissenschaftliche Hilfskraft am Lippischen Landesmuseum Detmold tätig. Im September 1947 begann sie das Studium der Humanmedizin, zunächst in Marburg und ab 1948 in Bonn, mit dem Ziel, im Grenzgebiet zwischen Biologie und Medizin zu arbeiten.
In den 1950er-Jahren arbeitete sie mit Hilfe von insgesamt vier einjährigen Forschungsstipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in einem Schwerpunktprogramm der Bundesregierung über „Verhaltensforschung und Sinnesphysiologie“, auf Antrag u. a. von Konrad Lorenz. Dies führte zu einer engen Zusammenarbeit mit Wolfgang Schleidt vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie auf dem Gebiet der Ultraschall-Orientierung von diversen Mäusearten sowie beim Gartenschläfer und beim Wiesel.
1958 bestand Hanna-Maria Zippelius das medizinisches Staatsexamen, so dass sie als Ärztin hätte tätig werden können. Ab Oktober 1959 arbeitete sie allerdings als Lehrbeauftragte für die Verhaltensbiologie der Säugetiere am Zoologischen Institut der Universität Gießen. Am 27. Januar 1965 folgte ihre Habilitation an der Universität Gießen mit der Schrift „Verständigungsmittel einheimischer Kleinsäugetiere, ein Beitrag zum Problem der Tier-Sprache“.
Ab dem 1. April 1966 war sie als Lehrbeauftragte für Verhaltensforschung an der Universität Bonn angestellt, wo sie am 20. Dezember 1967 zur Privatdozentin für Zoologie (speziell für Verhaltenskunde) wurde. Am 21. November 1972 wurde sie, ebenfalls in Bonn, zur Professorin berufen.
Am 31. Juli 1987 wurde sie emeritiert. Nach dem frühen Tod von Prof. Klaus Immelmann vertrat sie von Oktober 1987 bis September 1989 den Lehrstuhl für Verhaltensphysiologie an der Universität Bielefeld.
Ihre Tochter ist die Physikerin Annette Zippelius.
Im Sommer 1980 begann H.-M. Zippelius während der Brutperiode mit Freilandbeobachtungen in der Silbermöwen-Kolonie auf der Nordsee-Insel Langeoog. Die wiederholten Studienaufenthalte auf Langeoog sowie anschließende Laborexperimente mit Silbermöwen-Eiern und -Küken ließen rasch ernste Zweifel aufkommen, ob frühere verhaltenskundliche Studien (u. a. von Nikolaas Tinbergen) zum Beispiel die Mechanismen der Eierkennung bei Silbermöwen korrekt interpretiert hatten. So konnte auch nach mehreren hundert Tests keine Bevorzugung “über-normalen” Auslöser (sprich: je größer das Ei, desto intensiver die Reaktion) nachgewiesen werden. Als nicht reproduzierbar erwiesen sich in den Bonner Kontrolluntersuchungen ferner Behauptungen von Tinbergen zur Eltern-Erkennung bei Silbermöwen-Küken. Im Unterschied zu älteren Behauptungen legten die Tests der Arbeitsgruppe Zippelius nahe, dass Silbermöwen kein „angeborenes Schema“ ihrer Eltern besitzen, sondern alle nahen, auffälligen Objekte intensiv bepicken und schließlich lernen, wer ihnen das Futter bringt.
Aus Sicht von Zippelius nicht länger haltbar waren Deutungen zum Verhalten von Stichlingen, die gleichfalls auf Nikolaas Tinbergen zurückgehen. Ihm galt der rote Bauch eines männlichen Stichlings als kampfauslösendes Merkmal, als angeborener Auslösemechanismus. Seine Arbeiten erwiesen sich jedoch als methodisch anfechtbar, experimentelle Überprüfungen deuten auf wesentlich komplexere Ursachen für Revierkämpfe hin. Irenäus Eibl-Eibesfeldt wies im Zuge der Kontroverse jedoch darauf hin, dass die von Zippelius angeführten Experimente aus dem Grund fehlgeschlagen waren, weil sich die Stichlingsmännchen dabei nicht in ihrem gewohnten Territorium, sondern in einem neutral gestalteten Aquarium, also in fremder Umgebung, befunden hatten. „Man kann nicht oft genug wiederholen, wie wichtig es ist, zunächst einmal die Tiere kennenzulernen, bevor man mit ihnen experimentiert“, kommentierte er Zippelius Polemik in „Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung“, München und Zürich 1999, S. 180.
Die Kritik von H.-M. Zippelius an wesentlichen Belegen für die von Tinbergen und Konrad Lorenz entwickelte Instinkttheorie, die 1992 in ihrem 300 Seiten starken Lehrbuch „Die vermessene Theorie“ zusammengefasst wurde, löste 1993/94 eine ungewöhnlich heftige öffentliche Debatte aus. Getragen wurde sie anfangs vor allem von schulunterrichtsnahen Medien wie „Biologie heute“ („Ethologie auf dem Prüfstand“) und Psychologie heute („Theorie ohne Wert?“), bald aber auch von Tageszeitungen, u.a. von der Frankfurter Allgemeinen („Schlüsselreize im Zwielicht“), der Hamburger Morgenpost (“Hat Lorenz die Tiere falsch verstanden?“), der Westdeutschen Allgemeinen, der Frankfurter Rundschau, dem Rheinischen Merkur, dem Berliner Tagesspiegel und den Salzburger Nachrichten.
Die Reaktion der wenigen seinerzeit noch existierenden, klassisch-ethologisch Arbeitsgruppen bestand u. a. darin, dass Zippelius' Arbeitsgruppe ihrerseits vorgeworfen wurde, Daten der kritisierten Ethologen verfälscht zu haben, um sie widerlegen zu können. Wiederholungen der von Zippelius beanstandeten historischen Verhaltensexperimente, die zu einer Klärung der wechselseitigen Vorwürfe hätten beitragen können, wurden jedoch nicht bekannt und offenbar auch nicht unternommen. Der frühe Tod der kenntnisreichen Professorin Hanna-Maria Zippelius bereitete der Debatte schließlich ein jähes Ende: Die jüngeren Verhaltensbiologen arbeiteten zumeist ohnehin schon nicht mehr auf Basis der Instinkttheorie (sondern auf dem Gebiet der Verhaltensökologie, der Soziobiologie oder der Sinnesphysiologie), und den wenigen verbliebenen, deutschsprachigen Anhängern der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung fehlte nun der Widerpart, an dem sie sich reiben konnten. Ein Gesamtmodell zum Verständnis des Verhaltens zu finden ist seither nicht mehr versucht worden.
Frau | Deutscher | Biologe | Zoologe | Verhaltensforscher | Geboren 1922 | Gestorben 1994
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