Habituation (v. lat.: habituari: "etwas an sich haben" bzw. habitus: "Aussehen, Haltung"; Adjektiv habituell: "zur Gewohnheit geworden") bezeichnet eine einfache (und beim Menschen in der Regel nicht-bewusste) Form des Lernens. Habituation setzt ein, wenn ein Individuum wiederholt einem Reiz ausgesetzt ist, der sich als unbedeutend erweist. Die Reaktion auf diesen Reiz schwächt sich dann allmählich ab und unterbleibt schließlich womöglich völlig. Hält man nach Eintritt der Habituation den Reiz genügend lange fern, nimmt die Reaktionsbereitschaft des Individuums in der Regel wieder zu. Das Gegenteil zu Habituation ist Sensitivierung.
Synonyme:
Habituation bewirkt also, dass ein Individuum lernt, auf bestimmte Reize nicht zu reagieren, so dass ständig vorhandene Reizmuster aus der Wahrnehmung ausgeblendet und dem Individuum "unnütze" Reaktionen erspart bleiben.
Von der Habituation zu unterscheiden ist die Gewohnheit als Ergebnis eines Lernprozesses, an dessen Ende ein spezifisches, automatisiertes Verhaltensmusters steht, das neu aufgebaut wurde. Hervorzuheben ist, dass die Abschwächung der Reaktion auf einen häufig wiederholten Reiz weder auf eine körperliche Ermüdung des Individuums zurückzuführen ist noch auf eine Anpassung von Sinnesorganen (Adaptation) an den Reiz, wie sie sich zum Beispiel im Auge beim Übergang von Dunkelheit zu - anfangs blendender - Helligkeit vollzieht.
Ein bekanntes Beispiel für erlernte Alarmreize sind die Kommandos, die der Halter seinem Hund gibt: "Hasso komm!", "Hasso aus!". Häufig ist jedoch zu beobachten, dass Hundehalter diese Befehle zwar äußern, ohne dass dies aber zu einer erkennbaren Reaktion des Tieres führt. Der Halter lässt dann seinerseits oft keine unmittelbaren Konsequenzen für den Hund folgen, womöglich bettet er seine Befehle stattdessen in einen Schwall von verbalen Beschimpfungen ein. Das Verhalten des Hundes kann so gedeutet werden, dass er sich daran gewöhnt hat, dass den vom Halter geäußerten Rufen keine unvorteilhaften Auswirkungen folgen, weswegen der Hund keine Reaktion mehr auf die zuvor erlernten Befehle zeigt.
Habituation kann aber auch zum Ausbleiben von angeborenen Antwortreaktionen führen. Ein neu in den Haushalt gekommenes Kaninchen, das im Käfig liegend ruht, richtet sich beispielsweise umgehend auf, wenn ein Mensch sich ohne Ansprache des Tieres kurz über den Käfig beugt und danach sofort wieder weggeht. Diese als Vorstufe zur Fluchtbereitschaft zu deutende Reaktion des Tieres schwächt sich allmählich ab und bleibt schließlich ganz aus, wenn die Bewegungen über dem Käfig keine Konsequenzen für das Tier haben.
Die Piepslaute einer aus dem Nest geratenen jungen Hausmaus führen regelmäßig dazu, dass die Mutter das Nest verlässt, sich dem Jungtier annähert und es in Nest zurück trägt. Diese angeborene, als Eintrageverhalten bezeichnete Reaktion wird im Experiment auch dann ausgeführt, wenn die Piepslaute eines Nestlings vom Tonband abgespielt werden. Die Mutter nähert sich dann dem Lautsprecher an, nach wiederholtem Abspielen bleibt diese Annäherung jedoch aus.
Ein weiteres Beispiel für Habituation beim Menschen ist die Gewöhnung an Kleidung, wie sie jedem FKK-Liebhaber bekannt ist: Wer im Urlaub mehrere Wochen lang weder Hose noch Hemd getragen hat, wird bei seiner Rückkehr in die Textilkultur durch das beständige Drücken des Stoffs gegen Haut und Körperhaare anfangs erheblich irritiert sein, sich aber nach kurzer Zeit wieder an diesen Dauerreiz gewöhnt haben. Auch eine neue Brille kann zunächst zu derartigen Irritationen an Ohren und Nase führen, die später durch Habituation wieder verloren gehen.
Dass es sich beim Phänomen der Habituation um keine bloße "Erschöpfung" der an der Wahrnehmung des Reizes beteiligten Sinneszellen handelt kann man leicht an folgendem Beispiel nachvollziehen: Der Mensch gewöhnt sich nach kurzer Zeit zum Beispiel an das nächtliche, gleichmäßige Summen der Fahrzeuge auf einer entfernten Autobahn, bis er dieses Hintergrundgeräusch schließlich nicht mehr als störend wahrnimmt. Sobald das Geräusch aber aussetzt, weil man an einem absolut ruhigen Ort übernachtet, bemerkt man, dass etwas "nicht stimmt".
Ein wesentliches Problem bei der Identifizierung liegt in der Abgrenzung zu Ermüdung bzw. Erlahmung (engl.: fatigue) und der sensorischen Adaption des Organismus. Angenommen, wir betrachten die Reaktion einer Ratte auf ein sehr helles Licht. Anfangs zeigt die Ratte eine sehr starke Reaktion - sie `erschrickt´, zeigt einen startle-Reflex (springt kurz in die Luft). Mit wiederholter Reizdarbietung nimmt diese Reaktion in ihrer Stärke sukzessive ab. Ist diese Abnahme der Reaktion nun ein Beweis für Habituation? Sie könnte ebenso auf Ermüdung der Ratte zurückzuführen sein - sie ist einfach konsitutionell nicht in der Lage, ständig einen starken startle-Reflex auszuführen. Ebenso könnte die Reaktionsabnahme durch sensorische Adaptation verursacht worden sein. Möglicherweise ist die Ratte nach der Darbietung des Lichtes für eine Weile `geblendet´, kann also die weiteren Darbietungen des Reizes nicht angemessen wahrnehmen.
Eine Reihe von bestimmten Eigenschaften, die nur bei Habituation auftreten, helfen, diese von anderen Prozessen zu unterscheiden.
Habituation ist reizspezifisch. Das bedeutet, die Reaktion habituiert nur auf einen bestimmten Reiz (mit wachsender Unähnlichkeit zwischen zwei Reizen wird die Habituation der Reaktion zunehmen aufgehoben). Damit lässt sich Habituation von Ermüdung unterscheiden. Wenn der Organismus konstitutionell erlahmt bzw. ermüdet ist, dann sollten alle seine Reaktionen in verminderter Stärke auftreten. Eine habituierte Reaktion tritt jedoch nur auf einen bestimmten Reiz auf. Bieten wir einen anderen Reiz dar, ist die Reaktion auf ihn unvermindert stark.
Nehmen wir das Beispiel einer Ratte: Wir bieten ihr wiederholt einen sehr lauten, durchdringenden Ton dar. Anfangs zeigt die Ratte einen starken startle-Reflex (springt kurz in die Luft), welcher mit wiederholter Reizdarbietung immer schwächer wird. Nun setzen wir die Ratte einem Elektroschock aus. Wenn die Ratte auf den Elektroschock einen unvermindert starken startle-Reflex zeigt, dann wäre dies ein Beleg dafür, dass die Reaktion auf den Ton habituiert hätte. Wenn die Ratte jedoch auch auf den Schock eine sehr schwache Reaktion zeigt, wäre dies ein Hinweis für generelle Ermüdung/Erlahmung des Tieres.
Habituation ist reaktionspezifisch. Wenn eine Reaktion auf einen Reiz habituiert wurde, muss eine andere Reaktion auf denselben Reiz nicht habituiert sein. Somit lässt sich Habituation von sensorischer Adaptation abgrenzen. Wenn ein Organismus einen bestimmten Reiz nicht angemessen wahrnehmen kann (z. B. durch helles Licht geblendet ist), dann sollten alle Reaktionen auf diesen Reiz vermindert stark auftreten. Ist die Reaktion jedoch habituiert, kann eine andere Reaktion auf den Reiz in unverminderter Stärke auftreten.
Nehmen wir ein Beispiel aus dem Schulalltag: Während einer Klausur macht der Lehrer plötzlich eine Ankündigung. Für einen kurzen Moment halten wir in unserer Arbeit inne und schauen nach vorn. Gleich darauf blicken wir wieder auf unsere Klausur und arbeiten weiter, hören jedoch trotzdem noch der Ankündigung des Lehrers zu. Unsere eine Reaktion auf den Lehrer (das Aufblicken) ist also habituiert, eine andere jedoch (das Achten auf seine Worte) besteht unvermindert stark weiter.
Man unterscheidet hinsichtlich der zetlichen Dauer des Habituationseffektes zwei Arten der Habituation:
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