Hoergeraet analog 050609.jpg Ein Hörgerät dient dazu, Hörverluste bei Schwerhörigen auszugleichen. Es ist ein sehr wichtiges Hilfsmittel zur sozialen Eingliederung von Hörgeschädigten. An Hörgeräte dürfen aber auch nicht zu hohe Erwartungen gestellt werden: einerseits fühlt sich nur ein Mensch, der „von Natur aus“ gut hört, auch in Gruppensituationen wohl; und Hörgeräte können, trotz laufender Verbesserung der Technik, das ursprüngliche Hörvermögen nicht wieder herstellen.
Die Wechselwirkungen zwischen der Hörgerätetechnik und dem Höreindruck sind ein Arbeitsfeld der Audiologie. Die Auswahl, Anpassung und Einstellung von Hörgeräten ist Aufgabe von Hörgeräteakustikern.
Bei starken Hörschäden wird durch den großen Abstand vom Hörgerätemikrofon zum Schallaustritt nahe am Trommelfell eine höhere Verstärkung möglich, da sich dadurch die Rückkopplungsanfälligkeit verringert. Die akustische Rückkopplung führt zu einem lästigen Pfeifen, das bei nicht passendem Ohrpassstück auftritt oder bei schlecht angepassten Geräten auch schon geschehen kann, wenn der Hörgeräteträger mit dem Hörgerät einer Wand zugewendet ist.
Bei leichten Hörschäden besteht die Möglichkeit, den Gehörgang möglichst offen zu halten. Dies wird erreicht, indem die Otoplastik mit einer Belüftungsbohrung (Venting) versehen wird, die einen Druckausgleich möglich macht. Je nach Verstärkungsbedarf können unterschiedliche Durchmesser zur Anwendung kommen, da aufgrund der individuellen Rückkopplungsneigung Zugeständnisse an den Durchmesser der Bohrung eingegangen werden müssen.
Für den Träger entsteht dadurch generell ein angenehmeres Hörgefühl, da bei größeren Durchmessern der selbst erzeugte Körperschall, der sogenannte „osteo-tympanale Knochenschall“, nicht mehr an der dem Trommelfell zugewandten Seite der Otoplastik reflektiert wird. Durch diese Reflexionen entsteht ein unangenehmes dumpfes Hörgefühl, da eben dieser tieffrequente Körperschall nicht über den offenen Gehörgang „abfließen“ kann und somit verstärkt wird. Hierzu zählen der Grundton der eigenen Stimme sowie Kau- und Schluckgeräusche.
In den letzten Jahren ist diese „offene Versorgung“ durch Einführung spezieller Mini-HdO-Geräte mit extrem kleiner Schlauchhalterung groß in Mode gekommen. Diese Spezialgeräte ermöglichen neben der erwähnten Offenheit auch eine besonders unauffällige kosmetische Hörgeräteversorgung. Aufgrund von Schallreflexionen bei besonders gekrümmten Gehörgängen ist jedoch auch hier - trotz digitaler Rückkopplungs-Manager - in manchen Fällen eine rückkopplungsfreie Anpassung nicht möglich, weshalb dann die Anfertigung einer Maßotoplastik mit definierter Zusatzbohrung sinnvoll erscheint.
Im-Ohr-Hörsysteme werden in folgende Unterarten gegliedert:
ITE:„In-The-Ear“ Das Gehäuse des Hörsystems füllt die Ohrmuschel (Concha) vollständig aus. Das System ist deutlich zu sehen. Aus kosmetischen Gründen kann die Oberfläche auch der Hautfarbe angepasst werden und/oder mit feinen Äderchen versehen werden.
ITC: „In-The-Canal“ Das Gehäuse des Hörsystems schließt mit dem vorderen Knubbel (Tragus) am Gehörgang ab. Die Ohrmuschel bleibt frei. Das System ist fast nicht zu sehen.
CIC: „Complete-In-Canal“ Das Gehäuse endet innerhalb des Gehörganges und ist dadurch von außen kaum zu sehen. Diese Geräte haben meist einen Nylonzugfaden um das System wieder aus dem Gehörgang ziehen zu können. Dies ist die kosmetisch unauffälligste Bauart.
Die Stromversorgung der Geräte erfolgt über Knopfzellen-Batterien. Eine solche Knopfzelle hält - abhängig von der eingebauten Elektronik und der benötigten Verstärkung - etwa drei Tage bis vier Wochen.
Technische Problemfelder bei Hörgeräten sind vor allem das Richtungshören, das Verstehen von Sprache bei Hintergrund-Geräuschen und das Benutzen von Telefonen in Verbindung mit Hörgeräten.
Das Richtungshören konnte vor allem durch die Kombination mehrerer Richtmikrofone verbessert werden. Dabei fängt mindestens ein Mikrofon Geräusche von vorn auf und mindestens ein weiteres Mikrofon Geräusche von hinten. Die Verstärkerschaltung im Hörgerät kann dadurch erkennen, woher Geräusche kommen und (Umgebungs-)Geräusche von hinten gezielt dämpfen, während Geräusche von vorn verstärkt werden. Die Richtwirkung der Mikrofone wird in besonders hochwertigen digitalen Hörgeräten auf die Richtung des Sprachsignales fixiert, um das Sprachverstehen zusätzlich zu verbessern. Dieser Effekt funktioniert bereits innerhalb der vollen 180 Grad, während frühere, "starre" Richtmikrofone nur den Schall von vorn bevorzugten und den hinteren Bereich dämpften. Diese variablen Richtmikrofone arbeiten hier oft Hand in Hand mit digitalen Störschallunterdrückungs-Algorithmen, die das Verstehen von Sprache zusätzlich verbessern.
Um das Telefonieren zu erleichtern, haben viele Hörgeräte eine Telefonspule eingebaut. Seit 2005 gibt es auch Bluetooth-Adapter für Hörgeräte, wodurch das Telefonieren mit Bluetoothfähigen (Mobil-)Telefonen erleichtert werden kann.
Die digitale Technik benutzt Fourierfilter und besitzt in der einfachsten Variante 80 Frequenzkanäle, bei denen Amplitude und Phase eingestellt werden können. So ist es möglich, den kombinierten Frequenzgang von Hörverlust, Mikrofon, Lautsprecher und Rückkopplung auszumessen und exakt zu kompensieren. 1 Megabyte on chip Flash Speicher ist Stand der Technik und erlaubt mehrere Hörprogramme. Wie bei analogen Geräten kann die Lautstärke manuell verstellt werden, zusätzlich kann dabei der Frequenzgang geändert werden.
Hochoptimierte integrierte Schaltkreise in CMOS Technologie und niedrige Betriebsspannungen erlauben lange Batterie-Laufzeiten.
Einige digitale Hörgeräte sind mit Funktechnologie ausgestattet, mit der bei einer beidohrigen (binauralen) Versorgung beide Hörgeräte miteinander kommunizieren und sich synchron abstimmen. Somit ist dann sichergestellt, dass beide Geräte immer gleich eingestellt sind, wenn z.B. auf einer Seite das Hörprogramm gewechselt oder die Lautstärke variiert wird. Auch die Steuerung sog. adaptiver Parameter, also Algorithmen zur Erkennung von Störgeräuschen oder die Anpassung der Charakteristik von Richtmikrofonen, wird in beiden Hörsystemen synchronisiert und erhöht damit die Lokalisationsfähigkeit.
Die Leistung der Digitaltechnik steigt stetig, und so werden inzwischen sogenannte nichtlineare Techniken angewendet:
Eine Schädigung des Resthörvermögens wird wie folgt verhindert: Bei einer lauten Umgebung wird die Verstärkung automatisch zurückgefahren („AGC-Schaltung“). Verschiedene Schaltungen überwachen den eingehenden und den aus dem Hörgeräteverstärker ausgehenden Pegel und regeln ab einer gewissen (vom Akustiker einstellbaren) Regelschwelle die Verstärkung oder den Ausgangspegel zurück. Dies ist erforderlich, da das hörgeschädigte Innenohr fast immer lautheitsempfindlich ist (sog. Recruitment). Die Rückkopplungs-Kompensation kann sich automatisch einer wechselnden Kopfbedeckung anpassen. Auch wenn ein Hörgerät nie weiß, ob das Signal, welches am Mikrofon ankommt, von einer fremden Schallquelle, oder vom eigenen Lautsprecher, ist es sicher besser anzunehmen, dass ein endlicher Teil vom Lautsprecher stammt.
Die Psychoakustik zeigt, dass niederfrequente Töne höherfrequente Töne überlagern und dass das Innenohr eine kontinuierliches Spektrum in ein Linienspektrum mit Linien gewisser Breite zerlegt. Damit funktioniert es ähnlich einem Radio, welches die verschiedenen Frequenzen verschiedenen Sendern zuordnet. Eine Schallquelle die nur eine Frequenz aussendet, klingt wie Piepen (wie Tinnitus). Auch wenn wir hauptsächlich von anderen Schallquellen umgeben sind, funktioniert dieses Prinzip so gut, dass es auch in „voll-digitalen“ Hörgeräten genutzt wird.
Um eine Schallquelle zu orten, braucht man mindestens zwei Mikrofone und ermittelt die relative Phase des Schalls. Da eine breitbandige Funkverbindung durch den Kopf des Trägers zu viel Strom kostet, besitzen einige digitale Hörgeräte zwei Mikrofone pro Gerät. Beim menschlichen Ohr führt die Phase zu Interferenzeffekten in der Ohrmuschel und am Kopf. Das Innenohr misst dann nur noch die Amplituden. Bei Hörgeräten geht die Phase nicht verloren.
Der Hörnerv und fortschrittliche Hörgeräte erkennen Rauschen und Windgeräusche an dem breiten, kontrastarmen Spektrum, und fahren die Verstärkung herunter. Musik, insbesondere klassische Musik, ist quasi das Gegenteil von Rauschen und enthält scharfe Spitzen im Frequenzspektrum, und ein Programm mit einem linearen Frequenzgang, viel Dynamik und omnidirektionalen Empfang wird gewählt. Sprache wird am Dynamik-Umfang im Sekundenbereich erkannt, und ein Hör-Programm mit unterdrückten Bässen, starker Dynamik-Kompression und Ausrichtung auf den Sprecher - oder bei mehreren Sprechern auf den Sprecher vor einem - wird gewählt.
Diese speziell in der unteren Mittelklasse befindlichen Hörgeräte besitzen eine volldigitale Signalverarbeitung. Jedoch erfolgen Frequenz- und Dynamikanpassung nicht über den PC, sondern - wie bei reinen Analog-Geräten - über Trimmer (Potentiometer-Schrauben) im Gerät. Hierdurch ist eine computerunabhängige Einstellung des Hörgerätes an jedem Ort möglich. Bei diesen Geräten sind meist eine passive Tieftonblende und eine Ausgangsbegrenzung als Trimmer vorhanden. (Aufgrund der Gehäusegröße können maximal vier Trimmer angeordnet werden. Vergleichsweise sind bei programmierbaren Digitalgeräten bis zu mehrere hundert Button-Funktionen in der Software enthalten.) Störschallunterdrückungs- oder Musikerkennungs-Algorithmen sind bei diesen digitalen Hörgeräteverstärkern nicht realisiert.
Einige Hörgeräte sind mit einem Funkempfänger für die sogenannte FM-Anlage ausgerüstet. Ein tragbarer Sender mit ansteckbarem Mikrofon kann zum Beispiel dem Lehrer oder dem Gesprächspartner übergeben werden, um auch bei lärmiger Umgebung oder bei schlechter Akustik im Hörsaal/Unterrichtsraum den Worten folgen zu können.
In Deutschland können neben den Krankenkassen auch andere Einrichtungen die Kosten für Hörgeräte ganz (oder teilweise) übernehmen. Für berufstätige Menschen können öffentliche Träger wie Arbeitsamt, Rentenversicherungsanstalt oder Landeswohlfahrtsverbände ein Hörgerät als Arbeitshilfsmittel bzw. zum Erhalt der Arbeitskraft und Teilhabe am Berufsleben finanzieren.
Man muss die Anpassung bei Erwachsenen von der von Kleinkindern und Kindern unterscheiden. Während Erwachsene Rückmeldungen über ihren Höreindruck geben können, muss bei Kindern auf kleinste Verhaltens- und Bewegungsreaktionen geachtet werden. Durch die Erstellung eines Audiogramms wird die Hörleistung des Patienten ohne Hörgerät und mit Hörgerät (Aufblähkurve bei Kindern, Freifeld-Sprachtest bei Erwachsenen) festgehalten. Eine Skalierung der subjektiven Hörempfindung ist nach heutigem Forschungsergebnissen jedoch die sinnvollste Art, die Anpassung von Hörgeräten zu überprüfen und weiter einzustellen. Hierbei werden dem Kunden verschiedene Klangbilder vorgespielt, die der Kunde bewerten muss. Eine Skalierung ist das Alife-Verfahren das durch die Firma Geers patentiert ist. A-Life ist ein Verfahren zur optimalen Konfiguration und Feineinstellung von Hörsystemen mit Hilfe von natürlichen Klangbeispielen aus dem täglichen Leben.Der Kunde bewertet die ihm vorgespielten Klangbilder nach Lautstärke, Klangfarbe, Sprachverständlichkeit, Rauschen, Verzerrungen und Angenehmheit. So ist auchbei volldigitalen Hörtechniken eine optimale Einstellung möglich. Dies war bis jetzt durch Ton und Sprachaudiogramm nicht möglich. Das Ton und Sprachaudiogramm bildet den Ausgangspunkt für die Auswahl des Hörgerätetyps und die Einstellung des Hörgerätes. Für die Voreinstellung der Hörgeräte lassen sich aus dem Ton- und dem Sprachaudiogramm mittels verschiedener Rechenformeln grobe Richtwerte für frequenzabhängige und pegelabhängige Verstärkung und für den maximalen Ausgangsschalldruckpegel ermitteln (sog. Frequenzanpassung und Dynamikanpassung). Allerdings sind diese Werte nur als Grundeinstellung zu betrachten, da dem subjektiven Hörgefühl des Hörgeräteträgers Vorrang gewährt werden muss. - Als weitere Kontrollinstrumente verfügt der Hörgeräteakustiker noch über eine Messbox (mit verschiedenen Kupplern, die das Gehörgangsvolumen simulieren), die akustische Messungen an Hörgeräten durchführen kann; ferner gibt es eine sog. In-Situ-Messanlage, die mittels eines winzigen Schlauches eine „Vor-Ort“-Pegelmessung im Gehörgang vor dem Trommelfell des Hörgeräteträgers erlaubt. Dies ist aufgrund verschiedener Gehörgangs-Volumina und unterschiedlicher Otoplastiken, die erhebliche frequenzabhängige Pegeländerungen hervorrufen, erforderlich.
Bei Kindern erfolgt die Anpassung im Freifeld mit der sogenannten Spielaudiometrie. Für Kinder bis ca. 14 Jahre sind nur HdO-Geräte geeignet, da ihr Gehörgang noch wächst. Die Kinder brauchen regelmäßig neue Ohrpassstücke, um ein Abdichten des wachsenden Gehörgangs zu gewährleisten. Die Kinder-Otoplastiken werden vorwiegend aus weichen Materialien gefertigt. Ein Herausfallen der Hörgeräte bei raschen Körperbewegungen (z. B. beim Herumtoben) ist mit weichen Materialien unwahrscheinlicher, da weiche Otoplastiken „anschmiegsamer“ sind. Außerdem ist die Verletzungsgefahr (Acryl-Otoplastik kann brechen) erheblich vermindert.
Cochleaimplantat für Gehörlose oder fast Gehörlose - das „Hörgerät“, welches bei abgestorbenen oder nicht vorhandenen Sinneshaaren, aber noch funktionierendem Hörnerv in der Gehörschnecke eingesetzt wird (Innenohr-Implantat). Es erzeugt ein elektrisches Signal, mit dem der Hörnerv gereizt wird.
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