Dürer karl der grosse.jpg Das traditionsreiche Gymnasium Carolinum in Osnabrück gilt als eine der ältesten bis heute bestehenden Schulen in Deutschland. Seine Gründung im Jahre 804 geht der Tradition nach auf Karl den Großen zurück.
Karl der Große wollte die heidnischen Sachsen mittels kriegerischer Mittel bekehren. Nach seinen erfolgreichen Sachsenkriegen 772 begann er mit der konsequenten Missionierung. Er gründete mehrere Bistümer, darunter um 800 das Missionsbistum Osnabrück.
804 soll er für den geistlichen Nachwuchs des jungen Bistums einer zeitgenössischen Urkunde zufolge eine Griechisch- und eine Lateinschule an der Domkirche in Osnabrück eingerichtet haben. Die Echtheit der Urkunde ist seit dem 17. Jahrhundert umstritten. Sie ist vermutlich eine aus echten und hinzugefügten Urkundenteilen bestehende spätere Fälschung durch den Osnabrücker Bischof Benno II. (1068 bis 1088). Gleichwohl geht die Gründung nach heutiger Kenntnis auf eine Initiative Karls zurück. Die Schule trägt somit zurecht den Namen „Carolinum“.
Das Domkapitel vermochte nicht, rechtliche Schritte gegen die Errichtung der Schule zu unternehmen. Seine eigene Lehranstalt führte seit der Einführung der Reformation nur noch ein Schattendasein. Der evangelische Stadtrat verbot den Osnabrücker Bürgern den Besuch der katholischen Domschule. Die Schüler kamen fortan nur noch aus dem Osnabrücker Umland.
Diese erste Osnabrücker „Ratsschule“ bestand vier Jahre. Bestärkt durch die große Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg ging das Osnabrücker Domkapitel in Opposition zum evangelischen Bischof. Nach dem Augsburger Interim (Mai 1548) widerrief Bischof Franz von Waldeck am 12. Mai 1548 förmlich die Einführung der Reformation.
Das Domkapitel ernannte den ehemaligen Leiter der evangelischen Ratsschule im Barfüßerkloster, Christian Schleibing, zum Rektor der Domschule. Dieser wurde von der Verpflichtung zur Teilnahme an den katholischen Gottesdiensten befreit. Er konnte die Schulbücher frei auswählen, musste aber im Unterricht auf die Behandlung kontroverstheologischer Fragen wie Altarsakrament, Auflösbarkeit der Ehe, Rechtfertigungslehre und Zölibatsfragen verzichten. Entsprechend war der Einsatz der Schriften Luthers und anderer Reformatoren im Unterricht verboten.
Nach 1562 wurden nur noch altkirchliche Rektoren bestellt, der Konrektor und Teile des Lehrerkollegiums waren protestantisch . Die Simultanschule erhielt zusehends eine gewisse altkirchliche Tendenz, deren innere Reform freilich mit dem Abschluss des Trienter Konzils 1563 neue Gestalt annahm.
Im 16. Jahrhundert wurde im Durchschnitt etwa alle viereinhalb Jahre das Rektorat neu besetzt. Unter dem häufigen Wechsel der Schulleitung litt der Schulalltag erheblich. Erst unter dem 1582 berufenen Rektor Hermann von Kerssenbrock dem Historiker des Wiedertäuferreichs (1534-1535) erlangte die Schule wieder größeres Ansehen. Trotz seiner klaren katholischen Ausrichtung hielt er sich an die Vereinbarungen zwischen Stadtrat und Domkapitel.
Das Domkapitel klagte vor dem bischöflichen Gericht. Es berief sich auf die Gründung einer „schola Osnabrugensis“ durch Karl den Großen im Jahre 804 und leitete davon ab, einzig berechtigt zu sein, eine höhere Schule in Osnabrück unterhalten zu dürfen. Nach Appellation an das Reichskammergericht verlief der "Osnabrücker Schulprozess" während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) im Sande.
Die Berufung auf den Schulgründer brachte der Domschule in diesen Jahren den Namen „Schola Carolina“, „Gymnasium Carolinum“ bzw. „Karolingisches Gymnasium“ ein, der sich in den nächsten Jahren etablierte.
1623 wurde mit Kardinal Eitel Friedrich von Hohenzollern erstmals seit Jahrzehnten wieder ein Katholik zum Bischof von Osnabrück gewählt. Eitel Friedrich betrieb beim Domkapitel den Vorschlag, das Carolinum den Jesuiten zu übergeben. Am 23. Dezember 1624 stimmte das Domkapitel dem bischöflichen Vorschlag zu. Am 9. April 1625 kamen die ersten Jesuiten nach Osnabrück. Ihnen wurde die Paulskirche am Osnabrücker Dom (heute als „Gymnasialkirche“ bekannt) und zwei angrenzende Häuser überlassen. Am 21. April 1625 nahmen die Jesuiten mit den ersten 40 Schülern den Unterricht auf. FranzWilhelmvonWartenberg.jpg
Für das Carolinum war die Wahl des Wittelsbachers Franz Wilhelm von Wartenberg am 27. Oktober 1625 ein großes Glück. Sein Name ist bis heute mit der mit aller Härte durchgeführten „Gegenreformation“ in Osnabrück verbunden. 1626 verfolgte er zielstrebig den Ausbau der Jesuitenniederlassung in Osnabrück. 1628 übergab er ihnen das verlassene Augustinerkloster am Neumarkt schuf die finanziellen Voraussetzungen für die Errichtung eines Kollegs. Gleichzeitig ließ Wartenberg das Ratsgymnasium schließen.
Es war Wartenbergs hervorragenden Kontakten und seiner großen Wertschätzung an der römischen Kurie zu verdanken, dass der Papst zügig das Jesuitengymnasium zur Universität erhob (22. August 1629). In kurzem Zeitabstand folgte auch die kaiserliche Bestätigung (20. Februar 1630). Im November 1629 begann offiziell der Lehrbetrieb; die Eröffnung der „Academia Carolina Osnabrugensis“ erfolgte am 25. Oktober 1632. Schon ein Jahr später im September 1633 wurde die Jesuitenuniversität geschlossen, weil im Zuge des 30-jährigen Krieges schwedische Truppen Osnabrück besetzten. Die wertvollsten Stücke des Kirchensilbers wurden vergraben; Wartenberg, sein Weihbischof und die Jesuiten flohen aus Osnabrück. Das Domkapitel stellte einen Schulmeister an, der während der schwedischen Besatzung katholischen Unterricht erteilte. Unter dem Schutz der Schweden, die bis 1650 in Osnabrück blieben, konnte schon 1634 das Ratsgymnasium wieder eröffnet werden, das seitdem als evangelische Schule besteht.
Auf Beschluss des Westfälischen Friedensvertrags wechselten sich nach dem Tode von Bischof Wartenberg im 17. und 18. Jahrhundert je ein katholischer und ein protestantischer Bischof ab. Erstaunlicherweise blieb das bis 1773/74 von Jesuiten geleitete Carolinum während der Herrschaft eines evangelischen Bischofs meist unbehelligt von Anfeindungen. Nur wenn ein Katholik Bischof von Osnabrück war, befürchtete der evangelische Stadtrat oft zu Unrecht eine Übervorteilung der Jesuiten und wandte sich mit Protesten und Eingaben an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, deren Haus den protestantischen Bischof von Osnabrück stellte. Bis zur Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Clemens XIV. wirkten die Jesuiten als Lehrer am Gymnasium Carolinum. Das Domkapitel beschloss 1778, den Unterricht am Carolinum dem Franziskanerorden anzuvertrauen, der den Ruf hatte, verstärkt Naturwissenschaften zu lehren.
1930 wurde die Maturitätsprüfung (Abitur) eingeführt. Einer der ersten vier Abiturienten war Ludwig Windthorst, der Gründer und langjährige Vorsitzende der katholischen Zentrumspartei.
Die Schulkommission, deren Vorsitzende zunächst die Weihbischöfe in Osnabrück und seit Neuerrichtung des Bistums Osnabrück von 1858 bis 1885 die Bischöfe von Osnabrück selbst waren, bestellte bis 1884 nur katholische Priester zu Schulleitern, von denen Bernhard Höting (1859-1867 Schulleiter) von 1882 bis 1898 selbst Bischof von Osnabrück war. Das Carolinum war und blieb ein Gymnasium für das katholische Bürgertum der Stadt Osnabrück sowie die katholische Landbevölkerung aus dem unmittelbaren Umland und dem protestantischen Norden.
Bis 1885 bestand die Schulkommission in Osnabrück; sie wurde durch eine Verfügung des Königlichen Unterrichtsministeriums und Provinzial-Schulkollegs in Hannover aufgehoben. Diese einschneidende Verfügung veränderte den katholischen Charakter des Carolinums nicht.
Das Karlsgedächtnis wurde im Rahmen der 1100-Jahr-Feier im Jahre 1904 besonders lebendig. Auf einer Schulfahne, die dem Carolinum von Schülern geschenkt worden war, ist Karl neben Kaiser Wilhelm II. auf der Vorderseite abgebildet worden.
Die Schule verpflichtete sich, die Schüler zur Demokratie zu erziehen. Dieses erschien angesichts der starken nationalen Töne im Nachhinein als ein halbherziges Unterfangen, denn auch am Carolinum konnten viele Lehrer, die ihre Sozialisierung in der Kaiserzeit erfahren hatten, nur wenig mit parlamentarischer Demokratie anfangen. Der Verfassungstag (11. August 1919) wurde immerhin noch 1932 als jenes Tages gedacht, der den Deutschen Freiheit und Gerechtigkeit gebracht habe.
Auch wenn das Carolinum längst eine staatliche Schule war, so hatte es in der Weimarer Republik weiterhin die ideologische Nähe zum örtlich benachbarten Bischof gesucht. Immerhin war das Carolinum ja weiterhin die katholische und das Ratsgymnasium die evangelische Schule vor Ort. In den Schulverhältnissen kristallisierte sich das Nebeneinander der Konfessionen in Osnabrück. Wöchentliche Schulgottesdienste, katholischer Religionsunterricht, Exerzitien für die Abiturklassen u. a. gehörten wie selbstverständlich zum Schulalltag, ohne dass darum großes Aufsehen gemacht worden wäre.
Das Carolinum teilte weitgehend das Schicksal mit anderen Schulen. Der Entkonfessionalisierung folgte die Entchristlichung, was sich an der Entfernung des religiösen Bilderschmucks oder der versuchten Abschaffung des Religionsunterrichts ausdrückte. Der gesamte Lehrstoff wurde den nationalsozialistischen Erziehungszielen untergeordnet. Alle Beteiligten verhielten sich im wesentlichen Systemimmanent: Schulleiter und Lehrer wollten ihre Stellung behalten und Schüler wollten das Klassenziel erreichen und irgendwann Abitur machen.
Dennoch wurde dem „katholischen“ Carolinum unter den Nazis sein von 1927 bis 1932 geführter Titel einer „Lehranstalt von besonderer Bedeutung“ nicht mehr zugebilligt. Andere Osnabrücker Schulen wurden statt dessen in diesen Stand versetzt, womit immerhin auch besondere finanzielle Zuwendungen verbunden waren, die die Nazis dem "katholischen" Carolinum nicht mehr gönnten.
Der Schulunterricht während des Zweiten Weltkriegs bedeutete neue Opfer für die Schule. Lehrer wurden zur Wehrmacht eingezogen und die Abiturienten wurden klassenweise an die Front geschickt und konnten mit einem Notabitur bereits vorzeitig die Schule verlassen, bevor auch sie im Krieg verheizt wurden.
Als die Kriegsschauplätze weit in das innere Deutschlands hineinreichten, die Frontlinien durch Deutschland führten und im Luftkrieg die deutschen Städte Ziel von Bombenangriffen wurden, gab es in Deutschland mit Erlass vom 1. November 1940 für die zum Luftnotstandsgebiet erklärten Regionen die Vorschrift der Kinderlandverschickung. Osnabrück galt seit 1943/44 als gefährdet. Um die Osnabrücker Schüler dennoch möglichst nahe am Heimatort zu lassen, wurde im Dezember 1943 vom Oberbürgermeister verfügt, Melle, Wittlage und Bersenbrück als Aufenthaltsorte der Kinder vorzusehen. Der NSDAP-Gauleiter durchschaute die Absicht des Oberbürgermeisters, die Schüler nicht allzuweit vom Elternhaus zu entfernen. Er verschärfte deswegen die Vorschriften für die Osnabrücker Schulen und drängte auf die Kinderlandverschickung der Schüler des Carolinums nach Holland. Nur so sah der Gauleiter garantiert, die Ausbildung der schulpflichtigen Kinder ganz in die Erziehungsmethoden der NS-Lager zu stellen. Diese bestanden u. a. darin, den Religionsunterricht und Gottesdienstbesuch zu verweigern sowie die Kinder politisch zu indoktrinieren. Nicht ohne erhebliche Spannungen in Kauf zu nehmen, lehnte die Elternversammlung die Anordnung des Gauleiters zur Kinderlandverschickung ab. Als Begründung wurde u.a. auch die in den Lagern fehlende christliche Erziehung angegeben. Von 382 Eltern entschieden sich nur 12 für die Kinderlandverschickung. So gaben die staatlichen Stellen nach und die Kinder wurden – wie ursprünglich vorgesehen – in Melle, Bersenbrück und Kloster Oesede zur Schule geschickt. Schlagwortartig kann festgehalten werden: Am Carolinum gab es während des „Dritten Reiches“ Anpassung, Zurückhaltung, innere Emigration und Widerstand.
Der moralische Wiederaufbau gelang mit einem Rückgriff auf die Tradition, an die zu erinnern im „Dritten Reich“ verpönt war. Karls des Großen Ansehen wurde von den Nazis propagandistisch geschickt auf den „Sachsenschlächter“ reduziert und gegen den Germanen Widukind ausgespielt. Die konfessionellen Wurzeln des Carolinums im „Dritten Reich“ überzubetonen wollte man auch nicht. Mit der Wiederentdeckung und Nutzbarmachung beider Traditionselemente vermochte die Schule erfolgreich zu werben. Sie verhalfen dem Carolinum in der Nachkriegszeit schnell zu einem neuen Ansehen. Schon am 12. März 1947 erhielt das Carolinum seinen Titel einer besonderen Lehranstalt zurück, der durch Erlass des niedersächsischen Kultusministers mit Wirkung vom 1. April 1950 bestätigt wurde.
Die Betonung von Tradition und Werten sowie der Wiederaufbau schufen ein singuläres „Wir-Gefühl“ unter den Schülern und Identifikationsmöglichkeiten mit der Schule, die auch dem Carolingerbund zu Gute kam. Damit wurde zugleich der schon 1949 herausgestellte „Carolingergeist“ beschworen, der der „Einheit von Kirche und Schule“ entstamme und „ein Programm *, das den inneren Geist dieser Schule dokumentiert“. Getragen von diesem „Geist“ konzentrierte sich die Schulleitung auf die Vorbereitung der 1150-Jahr-Feier des Carolinums, die im Jahre 1954 begangen wurde. Erfolgreich knüpfte man an die Karlstradition an und verband – in Anlehnung an die 1949 entwickelte Vorstellung einer „christlichen humanitas“ – die Vermittlung von christlichen Werten mit dem humanistischen Bildungsideal. Der Verweis auf die Traditionen des Carolinums war zugleich mit der bildungspolitischen Forderung verbunden, über den Bildungswert der alten Sprachen Latein und Griechisch neu nachzudenken, zumal beide Sprachen in der so genannten Gründungsurkunde von 804 erwähnt worden waren.
Das Carolinum entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem stetig modernisierten Gymnasium mit naturwissenschaftlich-mathematischen, neusprachlichen und altsprachlichen Zweigen.
Gleichzeitig mit den Reformen stand die Frage einer Kooperation mit den benachbarten Schulen Ursulaschule und Domschulzentrum an oder aber die Übernahme des Carolinums in eine bischöfliche Trägerschaft, die im Herbst 1973 von Schulleitung, Kollegium und Elternschaft abgelehnt wurde und in den Kooperationsvertrag zwischen Stadt und Bistum Osnabrück von 1975 (1983 erneuert) mündete. Darin wurde die traditionelle Nähe des Carolinums zu Kirche und Bistum betont.
Die Gründung des Carolingerbundes war die Antwort einiger führender Carolinger, wie Gründungsmitglied Ludwig Schirmeyer, auf die Herausforderungen der Zeit. Bei aller Verdrossenheit und Unzufriedenheit über die gesamtpolitische Lage angesichts des verlorenen Ersten Weltkrieges, der hohen Reparationsforderungen der Alliierten oder gar der ungeliebten Weimarer Verfassung von 1919 bot der restaurativ gesinnte Carolingerbund Lehrern und ehemaligen Schülern des Carolinums Zugehörigkeitsgefühl und geistige Heimat.
Der Carolingerbund, der für seine geselligen Veranstaltungen Elemente der Studentenverbindungen des vorhergegangenen 19. Jahrhunderts adaptierte und sich immer wieder in den Dienst der Traditionspflege des Carolinums stellte, wurde und ist bis heute das Bindeglied der ehemaligen Schüler zu ihrer Schule.
Dem Stiftungsrat gehören an: der Carolingerbund, vertreten durch seinen Vorsitzenden, die Stifter (mit insgesamt drei Mitgliedern) und das Curatorium Carolini mit einem Mitglied.
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