Gustave Moynier (* 21. September 1826 in Genf; † 21. August 1910 in Genf) war ein schweizerischer Jurist und insbesondere in verschiedenen karitativen Organisationen und Vereinen seiner Heimatstadt Genf aktiv.
Er war Mitbegründer des 1863 entstandenen Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, das seit 1876 den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz trägt. 1864 übernahm er von Guillaume-Henri Dufour das Amt des Präsidenten des Komitees. Innerhalb des Komitees galt er als Widersacher Henry Dunants. Durch seine langjährige Tätigkeit als Präsident erwarb er sich große Verdienste um die Entwicklung des Komitees in den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung. Darüber hinaus war er auch an der Gründung des Institut de droit international im Jahr 1873 maßgeblich beteiligt.
Die Heirat mit seiner Frau brachte ihm aufgrund von deren Herkunft, noch über seine eigenen familiären Verhältnisse hinaus, Wohlstand, soziale Sicherheit und gesellschaftliche Anerkennung. Sie befreite ihn insbesondere von der Notwendigkeit einer geregelten Tätigkeit zum Lebensunterhalt. Aufgrund seiner calvinistischen Überzeugungen begann er deshalb bald nach seiner Rückkehr nach Genf, sich mit sozialen Problemen und Fragen des Gemeinwohls zu beschäftigen. Ein zweiter Grund war wahrscheinlich, dass er sich selbst wegen seines introvertierten und scheuen Charakters als nicht geeignet für den Beruf des Anwalts sah. 1856 übernahm er den Vorsitz der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft. Er war darüber hinaus in etwa 40 weiteren karitativen Organisationen und Gruppen tätig, deren Spektrum von Verbesserungen der Situation von Gefängnisinsassen bis hin zur Versorgung von Waisenkindern reichte, und nahm an mehreren internationalen Wohltätigkeitskongressen teil. Im Zuge der Unruhen in den Jahren 1856 bis 1857 aufgrund des royalistischen Putsches in Neuchâtel leistete Moynier mehrere Wochen Dienst in der Schweizer Armee als Soldat des Genfer Regimentes.
1862 bekam er von Henry Dunant ein Exemplar von dessen Buch „Eine Erinnerung an Solferino“ zugesandt. Er zeigte großes Interesse an der Realisierung von Dunants Ideen zur Gründung von freiwilligen Hilfsorganisationen für die Versorgung von Kriegsverletzten und brachte das Buch am 9. Februar 1863 in der Mitgliederversammlung der Genfer Gemeinnützigen Gesellschaft zur Diskussion. In der darauf folgenden Debatte überzeugte er die Mitglieder der Gesellschaft nach deren anfänglichen Bedenken von Dunants Vorschlägen. In der Folge entstand zunächst als Komitee der Fünf eine Kommission der Gesellschaft zur Untersuchung der Realisierbarkeit von Dunants Ideen. Mitglieder dieser Kommission waren außer ihm und Dunant die Ärzte Louis Appia und Théodore Maunoir sowie der Armeegeneral Guillaume-Henri Dufour. Bereits acht Tage später benannten die Mitglieder die Kommission in Internationales Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege um, und 1876 erhielt das Komitee seinen noch heute gültigen Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz. Zum Präsidenten des Gremiums wurde nach der Gründung 1863 Dufour gewählt, Moynier wurde zunächst Vizepräsident. An der Ausarbeitung der ersten Genfer Konvention, die ein Jahr später im August 1864 verabschiedet wurde, war er wesentlich mitbeteiligt.
Nach seinem Amtsantritt kam es aber auch zu einer Zunahme der Spannungen zwischen dem Pragmatiker Moynier und dem Idealisten Dunant. Diese führten nach dem Bankrott Dunants im Jahr 1867 zu dessen hauptsächlich durch Moynier betriebenen Ausschluss aus dem Internationalen Komitee. Dunant verließ Genf und lebte in den folgenden Jahren unter ärmlichen Verhältnissen in verschiedenen europäischen Ländern. Es gilt als wahrscheinlich, dass Moynier durch seinen Einfluss mehrfach verhinderte, dass Dunant finanzielle Hilfe durch Unterstützer aus verschiedenen Ländern gewährt wurde. Aufgrund der Bestrebungen von Moynier wurde beispielsweise die Goldmedaille der Sciences Morales der Pariser Weltausstellung im Jahr 1867 nicht an Dunant, sondern zu gleichen Teilen an Moynier, Dufour und Dunant verliehen. Das Preisgeld kam somit nicht Dunant zugute, sondern wurde an das Internationale Komitee überwiesen. Ein Angebot des französischen Kaisers Napoléon III., die Hälfte von Dunants Schulden zu begleichen, wenn dessen Freunde die andere Hälfte übernehmen würden, wurde aufgrund von Moyniers Betreiben nie realisiert.
Bereits kurz nach seinem Amtsantritt begann er, neben der Hilfe für Kriegsverwundete als originärer Aufgabe des IKRK auch Möglichkeiten zur Verhinderung von bewaffneten Konflikten zu untersuchen. Ebenso beschäftigte er sich mit der Frage der Zusammenarbeit zwischen dem IKRK und den in den folgenden Jahrzehnten entstehenden nationalen Rotkreuz-Gesellschaften. Seine ursprüngliche Idee, dass jede Gesellschaft ein Mitglied des Komitees entsenden sollte, verwarf er allerdings später insbesondere aufgrund von Befürchtungen, dass dies im Fall von Konflikten zu Spannungen und Beeinträchtigungen der Tätigkeit des Komitees führen könnte. Bereits 1870 war er der Meinung, dass die nationalen Gesellschaften ein Bündnis bilden würden, das vor allem auf der Zusicherung gegenseitiger Unterstützung beruhen würde. In gewisser Weise sah er damit die Gründung der Liga der Rotkreuz-Gesellschaften voraus, die allerdings erst neun Jahre nach seinem Tod erfolgte.
Um seine Vorstellungen zu veröffentlichen und zu verbreiten, nutzte er seinen Einfluss als Herausgeber des 1869 erstmals erschienenen Bulletin international des Sociétés de secours, des offiziellen Organs des IKRK. 1873 veröffentlichte er in der Juli-Ausgabe des Bulletins einen Rückblick auf die ersten zehn Jahre der Rotkreuz-Bewegung. Henry Dunant wurde in diesem Artikel nicht erwähnt. Es ist historisch nicht eindeutig nachvollziehbar, ob Moynier Angst hatte vor negativen Folgen für das Internationale Komitee aufgrund von Dunants aus seiner Sicht zweifelhaftem Ruf, oder ob er bewusst sich selbst als den alleinigen Gründer des Roten Kreuzes darstellen wollte. Im Jahr 1874 formulierte er erstmals vier Grundsätze für die Tätigkeit des IKRK und der nationalen Gesellschaften, nämlich die Existenz einer einzigen Rotkreuz-Gesellschaft in jedem Land (Zentralisierung), die Vorbereitung der Gesellschaften auf den Einsatz im Kriegsfall (Bereitschaft), die unterschiedslose Behandlung der Opfer (Neutralität) und die Zusammenarbeit zwischen den Gesellschaften (Solidarität). In späteren Veröffentlichungen postulierte er Universalität, Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Gleichheit und Nichtdiskriminierung als die Prinzipien, denen jede nationale Gesellschaft verpflichtet sei und deren Einhaltung er als Voraussetzung für eine Anerkennung durch das Internationale Komitee betrachtete. Insbesondere dem Zusammenhalt zwischen den nationalen Gesellschaften maß er bis zu seinem Tod besondere Bedeutung für die Verbreitung und Weiterentwicklung der Rotkreuz-Bewegung bei. 1882 veröffentlichte er unter dem Titel «La Croix-Rouge, son passé et son avenir» - «Das Rote Kreuz, seine Vergangenheit und seine Zukunft» (Sandoz et Thuillier, Paris 1882) - ein Buch zur Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes.
Zu den Feierlichkeiten zum 25jährigen Bestehen der Rotkreuz-Bewegung schlug er am 18. September 1888 das noch heute gültige Motto Inter arma caritas - «Inmitten der Waffen Nächstenliebe» - als gemeinsame Losung aller Rotkreuz-Vereine vor. Im März 1889 verschickte er an alle nationalen Gesellschaften eine Publikation mit dem Titel «But et Organisation générale de la Croix Rouge», in der er wichtige allgemeine Prinzipien und Regeln für deren Tätigkeit zusammenfasste. Diese Broschüre wurde in den nächsten Jahrzehnten mehrfach erweitert und neu aufgelegt, ab 1930 erschien sie als «Handbuch des Internationalen Roten Kreuzes» (heute «Handbuch der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung»). Im Oktober 1898 bat er das Internationale Komitee aufgrund gesundheitlicher Probleme, ihn von der Position des Präsidenten zu entbinden. Die anderen Mitglieder überzeugten ihn jedoch davon, sein Rücktrittgesuch zurückzunehmen und stattdessen einige seiner bisherigen Aufgaben abzugeben, so beispielsweise die Position des Herausgebers des Bulletins. Auch weitere Versuche in den Jahren 1904 und 1907, sich vom Amt zurückzuziehen, führten lediglich zur Befreiung von weiteren Verpflichtungen, so dass er weiterhin zumindest offiziell als Präsident fungierte.
Er unterstützte die Initiative des russischen Zaren Nikolaus II. zur Einberufung der ersten Internationalen Friedenskonferenz in Den Haag im Jahr 1899. Aufgrund seiner Gesundheitsprobleme konnte er selbst an dieser Konferenz nicht teilnehmen. Das IKRK war deshalb nur durch Édouard Odier, Mitglied der Schweizer Delegation, vertreten. Moynier begrüsste die im Rahmen dieser Konferenz erfolgte Annahme eines Abkommens zur Anwendung der Regeln der Genfer Konvention von 1864 auf den Seekrieg. Eine Überarbeitung der Konvention selbst sah er jedoch als Aufgabe des IKRK im Rahmen einer Konferenz in Genf an und widersetzte sich deshalb entsprechenden Bestrebungen im Vorfeld der Konferenz in Den Haag. Er hatte zwischen 1864 und 1885 mehrere Vorschläge zur Erweiterung der Konvention veröffentlicht und damit großen Anteil an der neuen Fassung, die im Juli 1906 beschlossen wurde. Eine der wichtigsten Neuerungen war dabei die explizite Anerkennung freiwilliger Hilfsgesellschaften zur Versorgung der Kriegsverletzten.
Ein Jahr später, am 8. September 1873, gründete Moynier mit zehn anderen Juristen aus verschiedenen Ländern im belgischen Gent das Institut de droit international (Institut für Völkerrecht). Dieses Institut sollte als unabhängige Einrichtung zur Weiterentwicklung des Völkerrechts und dessen Implementierung beizutragen. Moynier hatte neben Gustave Rolin-Jaequemyns den größten Anteil an der Idee zur Gründung. Am 9. September 1880 wurde das von ihm verfasste Manuel des lois de la guerre sur terre von der sechsten Sitzung des Instituts in Oxford einstimmig angenommen. Dieses auch als Oxford-Manual bezeichnete Handbuch war vor allem als Grundlage für die nationale Gesetzgebung zum Kriegsrecht in den damaligen Staaten gedacht. Im Jahr 1892 leitete er die in Genf stattfindende 13. Sitzung des Instituts, zwei Jahre später wurde er als zweites Mitglied nach Rolin-Jaequemyns zum Ehrenpräsidenten ernannt.
Moynier wurde in den Jahren 1901, 1902, 1903 und 1905 von Richard Kleen, einem Mitglied des Institut de droit international, für den Friedensnobelpreis nominiert. Im Gegensatz zu Dunant, der 1901 zusammen mit Frédéric Passy bei der erstmaligen Verleihung des Preises ausgezeichnet wurde, erhielt er diesen jedoch nicht. Dem IKRK wurde in den Jahren 1917, 1944 und 1963 als bisher einzigem Preisträger dreimal der Friedensnobelpreis verliehen. Auch die Arbeit des Instituts de droit international wurde im Jahr 1904 mit dem Preis gewürdigt, ebenso wie dessen Gründungsmitglied Tobias Asser 1911. Obwohl Moynier selbst diese Anerkennung nie zuteil wurde, ist es somit seine wesentliche Lebensleistung, an der Gründung und Entwicklung von zwei mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Institutionen maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.
Im Jahr 1902 stiftete er 20.000 Schweizer Franken, um aus den Erträgen dieses Kapitals die Finanzierung einer Bibliothek in Genf zu ermöglichen, die sich der Sammlung von Veröffentlichungen zum Völkerrecht und zu humanitären Themen widmen sollte. Diese Bibliothek wurde am 15. Januar 1905 eröffnet. Sie ist heute als Salle Moynier Teil der Stadt- und Universitätsbibliothek Genf und umfasst etwa 1.200 Titel. Darüber hinaus richtete er in den letzten Jahren seines Lebens einen Raum seines Hauses als kleines Museum ein, in dem er seine zahlreichen Auszeichnungen und gesammelten Werke der Öffentlichkeit präsentierte.
Es ist angesichts von Moyniers Aktivitäten nicht angemessen, ihn hinsichtlich seiner historischen Bedeutung nur als den Widersacher von Henry Dunant zu betrachten. Durch sein langjähriges Wirken als Präsident des IKRK gelang es ihm, die entstehende Rotkreuz-Bewegung zu konsolidieren und damit wesentlich zur Verbreitung der Idee des Roten Kreuzes beizutragen. Sowohl mit seiner Arbeit im Internationalen Komitee vom Roten Kreuz als auch mit der Gründung und Tätigkeit des Institut de droit international hatte er darüber hinaus entscheidenden Anteil an der Entstehung und Fortentwicklung des Humanitären Völkerrechts. Durch seinen Einsatz für das Humanitäre Völkerrecht trug er auch dazu bei, der Rotkreuz-Bewegung eine säkulare, auf juristischen Prinzipien beruhende normative Grundlage zu geben. Trotz seiner eigenen calvinistischen Überzeugungen gab er somit bewusst einer universell akzeptablen Basis den Vorzug vor den ursprünglich christlichen Idealen, die zur Gründung des Internationalen Komitees geführt hatten. Er verstand dabei die im Humanitären Völkerrecht formulierten Regeln als «la philosophie naturelle», also als natürliches Recht, das unabhängig von religiösen Glaubensgrundsätzen gilt.
Im Gegensatz zu Dunants charismatischem Idealismus beruhte die Tätigkeit - und der Erfolg - von Moynier auf pragmatischer Geduld, Diplomatie und Beharrlichkeit. Er galt als charakterfest und unerschütterlich hinsichtlich seiner moralischen und religiösen Prinzipien. Gleichwohl wird seine Persönlichkeit als scheu, humorlos und selbstzweifelnd beschrieben, gekennzeichnet von einem religiös begründetem ängstlichen Streben nach Erfolg und Anerkennung sowie einem ausgeprägten Mangel an Selbstbewusstsein. Sein Umgang mit Dunant beruhte zum einen auf der Angst davor, dass dessen aus Moyniers Sicht übertriebener Eifer und Idealismus die Idee des Roten Kreuzes scheitern lassen würde. Ein weiterer Grund vor allem in seinen späteren Lebensjahren war Neid auf das, was Dunant mit seinem Buch innerhalb kurzer Zeit erreicht hatte, und auf die nach Moyniers Meinung ungerechtfertigte Bewertung von Dunants Leistung im Vergleich zu seinem eigenen jahrzehntelangem Wirken.
Der Parc Moynier und die rue Gustave-Moynier in Genf sind nach ihm benannt worden. Die Villa Moynier am Genfer See, das frühere Familienanwesen und zwischenzeitlich Sitz des IKRK, wird heute von der Universität Genf und vom Europäischen Kulturzentrum Genf genutzt.
Mann | Schweizer | Rotes Kreuz | Geboren 1826 | Gestorben 1910
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