Gustave Guillaume (*1883; †3. Februar 1960) war ein französischer Linguist. Zeit seines Lebens ist Gustave Guillaume weitgehend verkannt geblieben. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass die Sprachwissenschaft, die er entwickelt hat, zu neu für die Epoche war. In der Geschichte aller Wissenschaften kommt es manchmal vor, dass große Neuerer zuerst ungehört bleiben. Was sie an neuen Erkenntnissen bringen, kommt einfach zu früh. Die Zeitgenossen, und allen voran ihre unmittelbaren Fachkollegen, können es noch nicht verstehen - manchmal wollen sie es nicht einmal hören. Heutzutage gibt es weltweit immer mehr Sprachwissenschaftler, die der Meinung sind, dass Guillaume ein solcher Neuerer gewesen ist. Inzwischen haben seit seinem Tod auch elf internationale Kongresse stattgefunden, die sich mit der Psychomechanik der menschlichen Rede - der neuen, von ihm gegründeten Linguistik – beschäftigt haben.
Nach Guillaumes Tod 1960 hat einer seiner Schüler, der Quebecer Roch Valin, alle seine Manuskripte (60.000 Blätter)geerbt. Nach der Rückkehr in seine Heimat wurde er Professor und Leiter des sprachwissenschaftlichen Institutes der Universität Laval (Stadt Québec). Dort gründete er auch den Fonds Gustave Guillaume, eine Stiftung, an der die Manuskripte des Linguisten aufbewahrt werden. Im Lauf seiner Karriere hat Valin jüngere französisch- und englischsprachige Wissenschaftler nach den Methoden der Psychomechanik der menschlichen Rede ausgebildet. Nachdem er ein paar Jahre verstreichen ließ, um die in der offiziellen Sprachwissenschaft herrschende guillaumefeindliche Stimmung abflauen zu lassen, hat er 1964 in Langage et science du langage die schon vergriffenen Aufsätze von Guillaume neu herausgegeben. 1971 hat er auch mit der Veröffentlichung der zwischen 1938 und 1960 in der Ecole Pratique abgehaltenen Kurse begonnen: Bis heute sind in dieser Reihe schon sechzehn Bände erschienen (es werden dreißig Bände vorgesehen). Inzwischen wird unter der Leitung des Nachfolgers von Valin, Herrn Ronald Lowe, seit 2003 eine neue Reihe, „Essais et mémoires de Gustave Guillaume“, herausgegeben. In dieser neuen Reihe sind schon die zwei Bände einer wichtigen Arbeit Guillaumes: Prolégomènes à la linguistique structurale veröffentlicht worden.
Nicht nur Linguisten und Grammatiker haben das Denken Guillaumes gewürdigt. Auch andere Geisteswissenschaftler, wie zum Beispiel der Philosoph Paul Ricoeur, haben früh auf die Psychomechanik aufmerksam gemacht. Und schon in den 1960er-Jahren wies ein anderer Philosoph, Gilles Deleuze, auf die Bedeutung von Guillaumes Werk hin, und rief dazu auf, es zu „entdecken“ (vgl. Différence et Répétition, 1968, S. 265). Heutzutage ist Guillaume eindeutig „im Kommen“ : die Psychomechanik der menschlichen Rede findet immer mehr Resonanz innerhalb wie außerhalb des frankophonen Sprachraumes. Festzustellen ist, dass eine immer größere Zahl von Sprachwissenschaftlern – in so verschiedenen Ländern wie Russland, Belgien, Korea, Spanien, den Vereinigten Staaten, Kanada, Kroatien, usw.- sich für diese neue Strömung innerhalb der modernen Linguistik interessiert. Und die Principes de linguistique théorique de Gustave Guillaume, eine Sammlung von Texten, die von Valin und seinen Mitarbeitern zusammengestellt wurden, um den Einstieg in den Gedankengut des Linguisten zu erleichtern, sind jetzt in viele Kultursprachen übersetzt worden – darunter ins Deutsche unter dem Titel "Grundzüge einer theoretischen Linguistik".
Vier Aufsätze für eine neue Linguistik. Mit Beiträgen von Robert-Léon Wagner, Roch Valin und Denise Sadek-Khalil. Herausgegeben von Pierre Blanchaud. Verlag Dr. Kovac, 2006. ISBN 3-8300-2071-6 Mann | Geboren 1883 | Gestorben 1960 | Franzose | Sprachwissenschaftler
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