Beowulf.firstpage.jpeg Beowulf (altengl. für "Bienen-Wolf", poetische Kenning für "Bär") ist ein episches Heldengedicht in angelsächsischem Stabreim. Mit seinen 3182 Versen stellt es das bedeutendste erhaltene Einzelwerk angelsächsischer Sprache dar; gleichzeitig macht es 10% des gesamten Textguts der Sprache aus. Wie im Mittelalter üblich, ist für das Epos kein zeitgenössischer Titel überliefert; seit dem 19. Jahrhundert ist der Name des Helden, Beowulf, gleichzeitig als Name des Gedichts in Gebrauch.
Die Beowulf-Schrift ist Teil einer Sammelhandschrift, des sogenannten Nowell Codex, der zusammen mit dem Southwick Codex den Band Cotton Vitellius A. XV bildet. Der Nowell Codex enthält daneben noch vier weitere altenglische Prosa- und Verstexte, unter anderem das nur fragmentarisch erhaltene Gedicht Judith.
Der Nowell Codex wurde von zwei verschiedenen Schreibern niedergeschrieben; der erste schrieb die drei Prosastücke und den Beowulf bis Zeile 1939. Als Entstehungsdatum des Manuskripts wird aufgrund von paläographischen Indizien die Zeit um 1000 angenommen, das Gedicht selbst dürfte jedoch älter sein.
Der Entstehungszeitpunkt des Gedichts ist in der Forschung umstritten. Altertümliche Wörter im Text lassen eine Entstehung in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts möglich erscheinen; aber auch etwas spätere Daten (bis hin zur Zeitgleichheit mit der Entstehung des Manuskripts) werden diskutiert.
Die Sprache des Gedichts ist West Saxon (Spätwestsächsisch), jedoch mit Spuren von anderen Dialekten des Angelsächsischen. Es gibt Hinweise, dass das Gedicht ursprünglich in einem Dialekt der Angeln, wahrscheinlich in Merzisch, verfasst war.
Das nach heutigen Maßstäben fiktionale Gedicht ist in ein historisches Umfeld im Dänemark und Schweden des 5. und 6. Jahrhundert eingebettet, spielt also selbst nicht in England. Als heroische Dichtung reflektiert das Epos 'Vorzeitkunde' und bezieht sich auf historische Personen (Hygelac, Offa) und Ereignisse (Schlacht von Finnsburg). Nach England gelangte der Sagenstoff vermutlich zusammen mit den Angeln, den Auswanderern vom Kontinent, die seit dem 5. Jahrhundert England besiedelten.
Die Erzählung folgt dem Schicksal des jungen Helden Beowulf vom Volk "Geatas". Die Identität der "Geatas" ist nicht sicher geklärt; es könnte sich um die Gauten, Goten oder auch Jüten handeln. In der Forschung ist aber die Deutung als Gauten als die wahrscheinlichste anerkannt. Er fährt mit 14 Gefährten nach Dänemark, um Hrodgar, dem König der Dänen, beizustehen. Dieser wird von Grendel, einem menschenverschlingenden Ungeheuer (eventuell in der Tradition nordischer Trolle), heimgesucht. In zwei Kämpfen besiegt Beowulf zuerst Grendel, und danach dessen (Grendels) nach Rache strebende Mutter. Hrodgar zeichnet Beowulf durch die Gabe reicher Gastgeschenke aus. Der zweite Teil des Gedichts spielt viele Jahre später. Der zum König der "Geatas" aufgestiegene Beowulf sieht sich einem feuerspeienden Drachen, der seine Lande verwüstet, gegenüber. Wie im ersten Teil versammelt er eine Schar von Gefolgsleuten, und zieht der Gefahr entgegen. Diesmal muss er jedoch seinen Einsatz mit dem Leben bezahlen; von den Gefährten steht ihm nur einer im entscheidenden Moment bei.
Die im Gedicht beschriebene Gesellschaft legt Wert auf Ehre, Mut und Tapferkeit; Kämpfer sind hoch angesehen, und erreichen bedeutende Positionen. Der König, der seine Position als Beschützer des Landes erreicht, erwartet den Kriegsdienst seiner Mannen; selbige werden von ihm für ihren Einsatz mit Waffen, Wertgegenständen und Ländereien belohnt.
Daneben sieht sich der Einzelne unter dem Einfluss eines übermächtigen Schicksals (vgl. Heil); Beowulf etwa geht in die Auseinandersetzungen mit der Einstellung, dass nicht er selbst, sondern das Schicksal letztendlich den Ausgang entscheiden wird - eine in der nordischen Kriegertradition tief verwurzelte Philosophie.
Das Gedicht vermischt nordische mit christlichen Traditionen. Die Personen zeigen alle traditionelle in der germanischen und nordischen Tradition geschätzte Charaktereigenschaften. Moralische Entscheidungen werden jedoch oft durch eine christliche Sichtweise ergänzt. Auch Grendel wird als Nachkomme des Brudermörders Kain in eine christliche Werteordnung gestellt. Es wird spekuliert, dass Beowulf die christianisierte Form eines traditionell nordischen Stoffes darstelle.
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